Dem Groschengrab DDR entstiegen

von Hartmut Krug

Gera, 15. Februar 2008. Der blitzende und blinkende Traktor auf dem Theatervorplatz ist fabrikneu, das Fahrzeug auf der Bühne dagegen rostet vor sich hin und verschwindet halb im Sandboden. In Bewegung geraten beide nicht. Dabei soll es vorwärts gehen, vom Einst zum Jetzt, vom Arbeiter- und Bauernstaat zur europäischen Wirtschaftsgemeinde, in Volker Lüdeckes "Bauernstaat", dem 1999 entstandenen dritten Teil seiner "Europa-Trilogie".

 "Die DDR ist nicht mehr, Deutschland soll nicht mehr und Europa ist noch nicht", sagt der Geschäftemacher Bernhard Nitsch. Da kann man versuchen, seinen Schnitt zu machen. Wie einst im Sozialismus steht Nitsch auch in der neuen Zeit auf der richtigen Seite und kennt die richtigen Leute. Mit der Devise "Gerechtigkeit ist Stalinismus" ist er zu Geld gekommen. Ernst Böckwitz dagegen war und ist noch immer Großküchenkoch. Dass seine mittlerweile 85jährige Mutter Lisa ihren maroden ehemaligen Thüringer Bauernhof zurückerstattet bekommen hat, begeistert ihn wenig. Der 55jährige, die eigene Rente im Kopf, will nicht Bauer werden, seine Frau träumt von einer Weltreise und seine Töchter wollen eher den Hof anzünden als aufs Land ziehen.

Komödie des Jammerns?
Wunderbar die erste Szene, als Bild und Metapher, komisch, grotesk, sinnlich. Da jubelt die alte Frau, energisch schwankend auf dem morschen Dach des Hofes, auf dem "Gras über die Geschichte wächst": "Dem Groschengrab der DDR entstiegen, werden wir 'gen Himmel fliegen". Ihr Sohn Ernst soll Bauer werden wie seine Vorfahren, und er versucht es.

Volker Lüdecke hat eine Typenkomödie geschrieben, die er eine "Komödie des Jammerns" nennt. Doch gejammert wird hier wenig, umso mehr dagegen wird gesucht, gesehnt, geirrt und gescheitert. Vor allem aber werden Sprüche gemacht, das heißt, der Autor bläst sein Volksstück zu tieferer Bedeutung auf. Die Umbrüche in der Gesellschaft führen zu radikalen Veränderungen im privaten (Beziehungs-)Leben, wobei das Bauernmilieu in diesem Denkstück mehr Behauptung denn sinnliche Basis ist.

Müller-Sound im Kabarett
Volker Lüdeckes Stück ist durchzogen vom Sprach-Sound des Heiner Müller: jeder Satz eine Pointe, jeder Absatz eine tiefere Bedeutung. Das klingt so gecovert wie lakonisch und wirkt zugleich geschwätzig. Die Figuren werden nicht entwickelt, sondern beredet, die gesellschaftliche Entwicklung nicht versinnlicht, sondern erklärt. Immerhin sind die unter Fototapeten gestellten wechselnden Räume von Bühnenbildner Wolfgang Reuter, der die Drehbühne häufig in Bewegung setzt, von realistischer wie kunstvoller Klarheit.

Regisseur Uwe Dag Berlin bläst Lüdeckes Stück zum großen Bilderbogen und kräftig-derben Kabarettspektakel auf. Die Böckwitzschen Töchter werden zu wilden, durchgeknallten Partykrachern, die mal chorisch und immer aggressiv den dicklich verklemmten Sohn von Nitsch peinigen, der Computer- und Waffenfreak ist. Wenn Ernst Böckwitz (Andreas Unglaub gibt ihn so intensiv wie überzeugend als kräftig proletarischen Typen) die Familie Nitsch zum Grillen in den Garten einlädt, um mit Bernhard ins (Geldgeber-)Geschäft zu kommen, dann wird das beim Regisseur eine überdrehte, grelle Szene zwischen Satire und überdeutlicher Bedeutung.

Karin Kundt-Petters stattet die schrille alte Lisa sehr schön mit groteskem Witz, aber auch mit etwas Überdruck aus, während die Ehefrauen vor allem für Haltungen stehen müssen. Die biedere Frau Nitsch tobt sich auf einem Trip zu bewusster Ernährung aus, während die Ehefrau von Ernst Böckwitz sich in eine Affäre mit Bernhard Nitsch wirft (dem Frank Lienert-Mondanelli, der kurz vor der Premiere die Rolle übernehmen musste, zugleich Biederkeit wie zielgerichtete Energie mitgibt).

Wessis in Gera
Die Kaufinteressenten für den Hof werden vom Regisseur zu albernen Karikaturen von fiesen Wessies gemacht. Erst versucht es ein klampfender, (schrecklich ungeschickt) schwyzernder Rechter, der auf dem Fahrrad und mit dicklichem Hund daherkommt, und dann ein Naturfreak auf Selbstverwirklichungstrip, der mit zwei albernen, kurzberockten Frauen befreiten Sex sucht und vorführt.

Die Aufführung zieht sich, indem die kabarettistische Schrillheit der Inszenierung den lakonisch kompakten Bedeutungston des Autors erstickt, enorm dahin, der anfängliche Spannungsbogen bricht bald ab.

Wenn Ernst Böckwitz schließlich mit allem gescheitert ist, auch mit der Schweinemast mit europäischen Geldern, wenn die alte Lisa gestorben ist (was Autor und Regisseur zum Anlaß für aufdringlich überdrehte komische Szenen nehmen) und Ernst Böckwitz von seiner Frau verlassen ist, strandet er mit der (auf der Drehbühne hereinrollenden) Taxe auf dem Weg zum Flughafen. Was ihm bleibt, ist noch nicht einmal die geplante Sexreise nach Asien, sondern nur die aufgeblasene Sexpuppe im Koffer. Was wie ein Sinnbild für die Aufführung wirkt.

 

 

Bauernstaat
von Volker Lüdecke. Uraufführung.
Regie: Uwe-Dag Berlin, Bühne: Wolfgang Reuter. Mit: Karin Kundt-Petters, Andreas Unglaub, Mechthild Scrobanita, Carola Sigg, Florence Matousek, Peter Prautsch, Anna Röder, Benedikt Balthasar, Frank Lienert-Mondanelli, Ulrich Milde, Martin Andreas Greif, Moritz Tittel.

Theater und Philharmonie Thüringen/ Bühnen der Stadt Gera

 

Kritikenrundschau

In der Thüringischen Landeszeitung (18.2.2008) befindet Frank Quilitzsch Volker Lüdeckes Volksstück "Bauernstaat" sei "trotz der Fülle von Kraftausdrücken ... ein eher schwacher Text". Lüdecke führe einen ironischen Rundumschlag und ergehe sich in drastischen Zustandsbeschreibungen. In der Regie von Uwe Dag Berlin verkörpere das Ensemble darüber hinaus "Typen, die man bald vergessen hat". "Mit Leander Haußmannscher Fröhlichkeit" lasse Berlin "die Ossis feiern und gegen Wessis feuern", vergesse dabei aber: "Bühnenkabarett macht noch kein Theater." Doch inmitten all des "Schweinskrams" gibt es auch einen Lichtblick: "Im Gedächtnis bleibt die vernachlässigte und verlorene Landjugend von heute. Mit welcher Kälte Carola Sigg und Florence Matousek die von allen Wertesystemen abgekoppelten Mädchen spielen, schneidet unter die Haut."

Unschönes berichtet Ulrike Merkel in der Ostthüringer Zeitung (18.2.2008): "Nach zweieinhalb Stunden ... ist die Hälfte der Zuschauer nicht mehr bereit, Uwe-Dag Berlins Inszenierung zu beklatschen. Fluchtartig verlassen diese Gäste den Saal." Volker Lüdeckes Stück sei sperrig, unaktuell und voll von "abgenutzten Ossi-Wessi-Witzen". Und so stelle sich die Frage, "warum Theater und Philharmonie Thüringen das Stück des gebürtigen Hannoveraners Lüdecke überhaupt in den Spielplan aufgenommen haben ... Wollte die Bühne Ossitheater für Ossis bieten?" Die Regie Uwe Dag Berlins straft Ulrike Merkel, indem sie ihr keinerlei Charakteristik angedeihen lässt. Immerhin aber hätte das Bühnenbild Wolfgang Reuters, das einen schief in den Boden eingelassenen Traktor zeigt, "von allen Gästen Applaus verdient".

 

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