Ein Vorstadt-Endspiel

von Sascha Westphal

Münster, 14. November 2014. Mit einmal gibt es kein Halten mehr. Die Worte sprudeln nur so aus Sharon heraus. So etwas hatte sie bisher noch nie erlebt. Ihre neuen Nachbarn, das ein paar Jahre ältere Ehepaar Mary und Ben, haben sie und ihren Freund Kenny zu sich in den Garten eingeladen. Eine Grillparty, wie sie doch einst so charakteristisch für das Leben der US-amerikanischen Mittelschicht war.

Das eine verweist immer auch auf das andere

Aber diese wahrhaft goldenen Zeiten hat Sharon schon nicht mehr kennengelernt. Also gesteht sie ihren Gastgebern freimütig, dass sie bisher überall ignoriert wurde. Aber auch sie selbst hat ihre Nachbarn meist erst gar nicht beachtet. Ihre allgemeinen Beobachtungen zum Leben in den Vorstädten und ihre Erinnerungen werden dabei mehr und mehr zu einer Tirade über die Vereinsamung der Menschen und die allgemeine Unfähigkeit, sich mit anderen einfach nur mal zu unterhalten. Schließlich steigert sie sich so sehr in ihre Rührung und ihr Selbstmitleid hinein, dass Tränen fließen. Und mit ihnen brechen tatsächlich alle Dämme, die diese beiden Paare zunächst noch getrennt haben.

detroit 560 oliver berg uSeelenstrip beim Barbecue : Carola von Seckendorff, Julia Stefanie Möller, Christoph Rinke
© Oliver Berg

Sharons großer Ausbruch ist ein Schlüsselmoment in Lisa D'Amours 2010 uraufgeführtem Stück. Private Nöte und gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich in dieser kleinen Szene gegenseitig. Das eine verweist immer auch auf das andere. Nach eben diesem Prinzip funktioniert das gesamte Stück. Dazu passt dann auch sein Titel.

Fortwährendes Doppel-Spiel

"Detroit" könnte natürlich auch in Detroit spielen, diesem Inbegriff für den Niedergang der Industrie wie der Mittelschicht, meint aber eigentlich doch jede amerikanische Stadt. Alles ist ganz konkret, wie die extrem detaillierten Hintergrundgeschichten, die Lisa D'Amour ihren Figuren in der Buchausgabe mitgibt, und zugleich irgendwie metaphorisch. Eine in diesem Fall eher bizarr anmutende Strategie. Das Stück wirkt seltsam unentschlossen und vorsichtig. Es ist, als ob sich keiner ausgeschlossen, aber auch niemand wirklich angesprochen fühlen soll.

Caro Thum lässt sich in ihrer deutschsprachigen Erstaufführungsinszenierung dieses 2011 für den Pulitzer-Preis nominierten Stücks erst gar nicht auf dieses fortwährende Doppel-Spiel ein. Sie abstrahiert von Anfang an und setzt damit deutlich auf die metaphorische und symbolische Ebene des Textes, den sie zudem geschickt gekürzt und damit deutlich fokussiert hat. Bei ihr sind die beiden Paare und Frank (Thomas Meinhardt), der ältere Mann, der im Text erst ganz am Ende in Erscheinung tritt, bei Thum aber schon vorher einen vielsagenden stummen Auftritt hat, nahezu allegorische Figuren.

Herrliche Leichtigkeit des Spiels vom Untergang

Lisa D'Amours mit Anspielungen auf die Krisen der vergangenen Jahre gespicktes Zeitstück, das ein nachbarschaftliches Treffen an das nächste reiht und dabei den großen Mythen Amerikas frönt, wird zu einem universellen Endspiel. Davon zeugt schon Lilith-Marie Cremers berückend simples Bühnenarrangement. Das Haus von Mary und Ben ist ein weißer Kubus mit Wänden aus Papier. An einer Seite des Hauses gibt es noch eine kleine Terrasse mit weißen Gartenmöbeln. Das ganze Konstrukt steht auf Rollen, so dass es gedreht werden kann. Und schon wird aus Marys und Bens Heim das heruntergekommene Nachbarhaus, in dem das gerade aus einer Entzugsklinik entlassene Paar Sharon und Kenny untergeschlüpft sind.

detroit2 560 oliver berg uWenn nichts mehr hilft: Aurel Bereuter, Julia Stefanie Möller © Oliver Berg

Auch in Caro Thums Inszenierung ist Sharons von Tränen gekrönter Ausbruch ein zentraler Moment, nur auf eine andere Weise als bei Lisa D'Amour. In ihm offenbart sich die herrliche Leichtigkeit dieses Spiels vom Untergang der Vorstädte. Julia Stefanie Möller unterspielt Sharons Ausbruch ganz leicht, ohne ihn dabei herunterzuspielen. Die Hysterie der ehemaligen Drogensüchtigen und die Ergriffenheit der ewigen Außenseiterin halten sich perfekt die Waage. Natürlich beklagt Sharon einen sehr realen Verlust. Aber Möller treibt der Situation jedes Pathos aus.

Nicht nur Möller, auch die anderen vier nehmen ihre Figuren unerhört leicht und doch ernst. So erweist sich Christoph Rinkes Ex-Junkie Kenny mit seinen Tattoos, dem weißen Unterhemd und dem derangierten Irokesenschnitt als charmanter Prolet und Provokateur, ein Mephisto des White Trash. Kein Wunder, dass Mary und Ben, die Carola von Seckendorff und Aurel Bereuter sehenden Auges ins wirtschaftliche Verderben schreiten lassen, ihm erliegen. Schließlich ist ihr bisheriges Leben ihnen eine einzige Last. Wie sich die beiden von eben dieser in einem selbstvergessenen Rausch der Zerstörung befreien, das hat bei Carola von Seckendorff und Aurel Bereuter etwas wunderbar Linkisches. Sie sind die perfekten Komplizen in diesem entwaffnend heiteren Totentanz einer Schicht, die in ihrem Niedergang vielleicht tatsächlich so etwas wie Erlösung findet.

 

Detroit (DEA)
von Lisa D'Amour
Regie: Caro Thum, Bühne & Kostüme: Lilith-Marie Cremer, Dramaturgie: Kathrin Mädler.
Mit: Aurel Bereuter, Carola von Seckendorff, Christoph Rinke, Julia Stefanie Möller, Thomas Meinhardt.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-muenster.com

 

Kritikenrundschau

Regisseurin Caro Thum spitze das Stück auf den Kontrast der Paare zu, schreibt Harald Suerland in der Westfälischen Allgemeinen (15.11.2014). Vor dem drehbaren Papierhäuschen seien besonders die Frauen ein großartiges Gespann. Carola von Seckendorff lasse als Mary "in all ihrer Doris-Dayhaftigkeit beim hysterischen Kirchern die überdeckte Skepsis durchblicken", Julia Stefanie Möller porträtiere Sharon brillant als kleine Schwester von Courtney Love, die aus ihrer Lebens-Überforderung keinen Hehl macht. Dass am Ende über den  Verfall der heilen Welt in der Fertighaussiedlung räsoniert werde, sei zwar eine schlichte Symbolik, "die aber für eineinhalb Stunden pralles Theater sorgt".

 

 
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