Gorkis Spitzen stechen noch

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 16. Februar 2008. In seinem Stück "Sommergäste" schickt Maxim Gorki Paare und Passanten in die Sommerfrische, wo sie sich ihre Finger am Leben verbrennen. Bei der Uraufführung in Petersburg im Jahr 1904 bedachten die Zuschauer Gorki nach dem ersten Akt zwar noch mit Ovationen, äußerten aber nach dem dritten ihren Unmut über die Bloßstellung der kleinbürgerlichen Intelligenzija. Dem Regisseur Martin Nimz ergeht es ganz ähnlich: Das Wohlwollen des Publikums schwindet von Akt zu Akt, und beim Schlussapplaus sind auch einige Buhs zu vernehmen.

Eine Aufführungsdauer von 2 Stunden und vierzig Minuten ohne Pause ist ohnehin nicht gerade zuschauerfreundlich, weswegen die Saaltüren schon während des Stücks so einige Male quietschen. Der vierte Akt gerät Nimz gar zur Luftnummer, in der sich die Schauspieler überwiegend brüllend artikulieren.

Zweifelhafte Vergnügen

Aber der Reihe nach: Olaf Altmann hat dem Ensemble einen fabelhaft schrecklichen Kerker aus Birkenholz auf die Bühne gestellt. Lange Seile baumeln herab, an deren Enden sich Schaukeln befinden, die reglos am Boden liegen. Es ist ein auswegloser Raum, ohne Türen und Fenster. Ein Gefängnis. Alle Darsteller sind immerzu anwesend. Allen voran Warwara (Julia Penner), die ihrem satten Leben entfliehen möchte wie einem bösen Traum. Die meiste Zeit steht sie sehr aufrecht und sehr streng im Raum und fahndet nach ihrem Leben wie nach einem Schuldigen.

Ihr Ehemann Sergej (Aljoscha Stadelmann) ist das ganze Gegenteil von ihr: ein Luftikus, leichtsinnig und vergnügungssüchtig lässt er im Sommerhaus die Sau raus. Die Ehe der beiden besteht längst nur noch auf dem Papier. Dasselbe gilt für Suslow und seine schmetterlingshafte Frau Julija, gespielt von Sabine Waibel, die mit kehliger Hysterie agiert und zudem den schönen Satz "Verheiratet zu sein, ist auch ein zweifelhaftes Vergnügen" sagen darf. Ein programmierter Lacher, wie sich überhaupt die Spitzen und Pointen Gorkis als immer noch treffsicher erweisen.

Das dritte Ehepaar bilden Kirill und Olga, die sich zwischen Kindern, Küche und Karriere zwar abhanden kommen, aber doch wieder eine gemeinsame (Körper)Sprache finden. Flankiert werden die drei Paare von so einigen unglücklich Liebenden, wie Warwaras Bruder, der Nervtöter Wlas (Oliver Kraushaar), der sich in die gestandene Frau Marja verliebt oder Rjumin (Rainer Frank), der für Warwara sterben würde und es auch tut, während Warwara sich wiederum vom Dichter Schalimow Rettung erhofft. Das stetige Aneinandervorbeilieben ist dabei nur eine Facette ihrer Endzeitstimmungsschwankung, der die Frage nach dem richtigen Leben vorausgeht.

Luxussorgen und Verzweiflung 

Wie soll man leben? Warwara attestiert sich und den anderen, ein ganz und gar unaufrichtiges, unschönes und langweiliges Dasein zu führen. Es ist eine Wohlstandsgesellschaft, die hier ihre luxuriösen Sorgen wälzt und die Geschäftigkeit des Nichtstun zelebriert. Die unterschiedlichen Figuren repräsentieren unterschiedliche Haltungen dem Leben gegenüber. Samyslow lebt nur für sich, Kalerija für die Kunst, und Suslow möchte ohnehin nur endlich seine wohlverdiente Ruhe genießen. Sie alle stecken im Hamsterrad ihrer eigenen Befindlichkeit fest.

Dabei gelingt es Nimz, die Komik von Gorkis Text voll auszuspielen und auch der Verzweiflung stillen Raum zu geben. Die ersten zwei Akte lang geschieht das auf ziemlich prägnante Weise, insbesondere zum Ende hin aber, wenn sich alles verdichten müsste, verfranst sich der Abend. Dabei bietet der vierte Akt das stärkste Bild in dieser an starken Bildern reichen Inszenierung. Der Kerker öffnet sich, und die Darsteller entschweben auf ihren Schaukeln in luftige Höhen. Dort sitzen sie und rauchen Kette, was sich auf Erden ja längst nicht mehr schickt. Von dort oben brüllen sie auch ihr Elend noch einmal heraus.

Wie bei Gorki hat Wlas am Ende seinen großen Auftritt. Worte reichen ihm freilich nicht mehr aus, also turnt er nackt auf der Schaukel, macht Faxen und zieht seine Arschbacken auseinander. Kein schöner Anblick, aber wohl in etwa so düpierend wie vor hundert Jahren seine Worte.

 

Sommergäste
Szenen von Maxim Gorki
Deutsch von Georg Schwarz
Regie: Martin Nimz, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Cornelia Brückner, Musik: Matthias Engelke.
Mit: Roland Bayer, Daniel Christensen, Rainer Frank, Özgür Karadeniz, Oliver Kraushaar, Ruth Marie Kröger, Jochen Langner, Julia Penner, Oda Pretzschner, Matthias Redlhammer, Bettina Riebesel, Aljoscha Stadelmann, Sabine Waibel.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

In Maxim Gorkis "Sommergästen" seien alle Personen "zum Weinen lächerlich und zum Totlachen tragisch", befindet Dieter Bartetzko von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.2.2008). Nur die lächerliche Seite findet er allerdings in der Inszenierung von Martin Nimz wieder, wo gelacht werde, "wie im Komödienstadl". Um zu zeigen, "dass hinter schönen oder hohlen Worten nur der stumpfe Trieb lauert", wähle der Regisseur "die naheliegendste und ödeste Lösung: Die Männer lassen unentwegt die Hosen fallen und Genitalien baumeln, die Frauen spreizen müde oder hysterisch die Beine". Sowohl Regisseur als auch Schauspieler hassten die Figuren offenkundig, da sie sie "hingebungsvoll und entrüstet" denunzierten, "bis aus erbarmenswerten Gestalten erbärmliche geworden sind". Nur als Wegbereiter der Revolution werde Gorki ernst genommen: " ... ist von den Werktätigen die Rede, weht oft ein grundehrlich empörter Ton durch den hallend leeren Riesenkasten" von Olaf Altmann. Auch das wunderschöne Schlussbild mit Schauspielern auf Trapezen werde zunichte gemacht, wenn Oliver Kraushaar sein nacktes Hinterteil ins Publikum reckt. Schließlich warte doch der "Einzige, der das verdient hätte" eigentlich hinter der Bühne, "um sich als Verantwortlicher dieser Hinrichtung des Denkens zu verbeugen".

Für Peter Iden, der zunächst über mögliche Aktualitätsbezüge räsonniert, funktioniert selbst dieses potenziell reizvolle Bild dramaturgisch nicht, da es unter den Spielern "wieder nur ein Einerlei herstellt". Das wirft er der Inszenierung, die sich mit der "Genauigkeit in der Schilderung der Figuren sehr, sehr schwer" tue, in der Frankfurter Rundschau (18.2.2008) überhaupt vor. Sie leide "unter einer nahezu durchgängigen, forcierten Über-Zeichnung der Konturen des Personals. Der Regisseur Martin Nimz und sein Ensemble haben einfach keinen Sinn für Facetten, Nuancen, Zwischentöne, kein Empfinden dafür, dass die Seelenpein zwar den allgemeinen Zustand der Paare und der Einzelnen bestimmt, sich aber dennoch je individuell herleitet." Der "mangelnden Begabung von Regie und Darstellern" schreibt er zu, dass "schließlich nur noch exaltierte Brüllmenschen" ausgestellt würden, die "auf penetrante Weise uninteressant" seien.

Auch Elisabeth Schmidtke-Börner hörte die Figuren vornehmlich schreien und betrunken lallen. Sie glaubt in der Frankfurter Neuen Presse (18.2.2008) durchaus, dass Nimz, der "dicht am Originaltext" bleibe, "aber sonst kaum ein Tabu" auslasse, im Ganzen "sicher Atmosphäre und Seelenlage in Ferien-Ghettos auch heutiger beautiful people" treffe. Obwohl es "eindringliche Szenen und gute Darsteller" gebe, sei jedoch die "monotone Wiederholung ähnlicher Szenen" "oft nur schwer erträglich".

 
Kommentar schreiben