Dieses düstre Industriezeitalter

von Steffen Becker

Stuttgart, 15. November 2014. Ein Intendant ist ein armes Schwein: Für alles verantwortlich (gemacht) – für die Inszenierungen seines Hauses, den Etat, das Interieur, die Ausstattung der Bar... Dass er auch noch für Schauspieler in die Bresche springen muss, gehört dagegen nicht unbedingt zum Anforderungsprofil. Doch in Stuttgart zwingt ein Bühnenunfall (Anm. d. Red.: von Wolfgang Michalek; am 21. November gibt das Staatsschauspiel Stuttgart bekannt, dass Michalek auf "für eine längere und momentan noch nicht absehbare Zeit" nicht spielen können wird) am Tag vor der Premiere Armin Petras auf die Bühne seiner Inszenierung von Wilhelm Raabes Roman "Pfisters Mühle". Über Nacht war kein Ersatz zu bekommen. Da steht er nun – ohne Schauspielausbildung, eine Premiere für ihn im doppelten Sinne. Und sie gelingt.

Der Regisseur als Regisseur

Der Intendant steht sichtlich unter Anspannung. Das mag in erster Linie an seinem unverhofften und ungeübten Erscheinen auf der Bühne liegen. Es passt jedoch hervorragend zur Rolle, die er in seiner Adaption von Wilhelm Raabes Erzählung "Pfisters Mühle" spielt. 1884 zuerst erschienen, gilt sie als erstes Werk der deutschen Literatur, das die Zerstörung der Umwelt thematisiert. Petras spielt den altgewordenen Eberhard Pfister, der noch einmal zurück an die Sehnsuchtsstätte seiner Jugend reist: auf der Suche nach dem verklärten Bild einer Dorfwirtschaft, die umweht vom Duft frischen Heus an einem klaren Bach gelegen ist, der eine angeschlossene Mühle antreibt. Und deren Besitzer einst sein Vater war.

pfisters muehle2 560 ju ostkreuz uDie düstere Industriegesellschaft ist aus den Fugen geraten.  © JU Ostkreuz

Zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits verkauft, eine Fabrik wird dort entstehen. Der alte Eberhard arbeitet die meiste Zeit über an seinem Manuskript und will schreibend die Vergangenheit konservieren. Während seine Geschichte auf der Bühne abläuft, umschweift er also tastend seine Protagonisten, nutzt den Federkiel als Taktstock. Der Intendant spielt in seiner Inszenierung quasi einen Regisseur – wenn auch einen unfreiwilligen –, der im Geschehen höchstens noch Nuancen der Geschichte beeinflussen kann. Dazu passt die kontrollierte, vorsichtige Art von Armin Petras perfekt. Seine Figur wirkt sogar noch wie abwesend, wenn seine gelb gefiederte, junge und auf ihre körperlichen Reize und deren gewinnbringenden Einsatz bedachte Frau ihn zur Vertreibung ihrer Langeweile animieren will. Svenja Liesau spielt sie so herzergreifend aufdringlich, dass sich die Unbeteiligtkeit ihres Mannes nur so erklären lässt, dass er sich aus der Zeit gefallen fühlt. Mit Wohlstand gesegnet blickt er dennoch mit großer Melancholie auf die Geschichte zurück, der er diesen Wohlstand vedankt.

Schicksalsegeben auf den Tod warten

Diese Geschichte beginnt mit dem Auftritt seines leutseligen Vaters (Peter Kurth), der beim Anpreisen der Speisekarte und im Mittelpunkt der Dorfgesellschaft ganz in seinem Element ist. Doch ein ekelhafter Gestank weht die Existenz von Vater Pfister davon, verursacht durch eine Fabrik am Oberlauf des Mühlenbachs. Gift kann darin nachgewiesen werden, ein Prozess wird gewonnen. Doch die anfangs kraftstrotzende Gestalt sitzt nur noch schicksalsergeben auf einem Schemel und erwartet den Tod.

pfisters muehle1 560 ju ostkreuz xDer alte Pfister: Peter Kurth. © JU Ostkreuz

In Petras Inszenierung dieser frühen und weitsichtigen Ökoapokalypse spielen zwei Figuren eine herausragende Rolle. Der alte Lippold und der Chemiker Adam A. Asche, der seine Nachforschung am Mühlenbach nutzen wird, um später mit einer eigenen Fabrik die Flüsse "nach Kräften" zu verunreinigen. Er ist als Freak gezeichnet und Holger Stockhaus bewältigt die physisch fordernde Aufgabe, in dem er einen Moonwalk-tanzenden Mix aus Turbokapitalist und irrem Wissenschaftler zeigt, mit grandiosem und viel Beifall bedachtem Slapstick. Die höchst individuelle Performance lenkt jedoch den Blick weg von dem Bild einer allgemein aus den Fugen geratenen Gesellschaft, das Wilhelm Raabe in seiner Geschichte  entwirft. Der mitleidlose Abschluss mit der schönen Vergangenheit ist aus der Perspektive der aufstrebenden Jungen logisch, denn Zerstörung verspricht Gewinn. Die Beschleunigung der Lebensverhältnisse überfordert allerdings alle. Raabe führt das am Vater des Dichter Lippoldes vor, der zweiten Zentralfigur der Inszenierung: Ein alter Herr, der in elenden Verhältnissen lebt und vor der nahen dunklen Stunde warnt, in der die alte Welt zusammenbricht.

Zappeln, Sterben, großes Geschrei

Petras' Inszenierung karikiert diese Rolle, in dem er sie mit Michael Klammer, einem jungen, muskelbepackten Mann besetzt. Als Zeichen des lächerlich Überholten trägt er eine Art Tierpelz. Auf einer Metaebene darf sich der Schauspieler wortreich und witzig über seine stereotype Besetzung auslassen. Immerhin verabschiedet Petras ihn sehr originell mit einem Sommerhit, der die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeiten zwischen Elektro-Beats verpackt: You are from the 70s, but I'm a 90s Bitch von Icona Pop. Zappeln, sterben, großes Geschrei – das sind die Konstanten, zumindest der Binnenhandlung von Petras Inszenierung.

Dieser Hang zur Theatralik findet seine perfekte Entsprechung im Bühnenbild von Martin Eder. Für seine erste Theaterarbeit hat der Maler eine Betonwand mit schwarzem Loch und großem Propeller entworfen – Chiffre für das düstere Industriezeitalter. Mit Fisch-Kostümen und allerlei frühindustriellen Apparaturen spart dieser Part des Abends nicht mit visuellem Overkill. Am Ende steht jedoch ein besonders kraftvolles Bild. Eine Art Laube aus Lumpen, die vor Nässe tropfen, schwebt durch den Raum. Vor dem Müllberg stehen dann die Sieger der Geschichte: schick, leer und innerlich tot. Ein Bild der Gegenwart. Und eine Mahnung: Schlimmer geht immer.


Pfisters Mühle. Ein Sommerferienheft
nach Wilhelm Raabe
Regie: Armin Petras, Bühne und Musik: Martin Eder, Kostüme: Dinah Ehm, Dramaturgie: Bernd Isele.
Mit: Armin Petras, Peter Kurth, Michael Klammer, Holger Stockhaus, Wolfgang Michalek, Sebastian Wendelin, Julischka Eichel, Svenja Liesau, Maja Beckmann, Manolo Bertling.
Dauer: 2 Stunden, 45 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de


Kritikenrundschau

"Zu Unrecht" sei Raabes-Umweltroman in Vergessenheit gerate, schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (17.11.2014). Petras kürze "manch schwerfällig Erzähltes, erfindet hinzu" und erlaube sich weniger Zeitsprünge als Raabe. Besonders überzeugend findet die Kritikerin das Bühnenbild, das "grandios auf allen Zeitebenen" funktioniere: Das "Turbinenbild" sei "Chiffre für das industrielle Zeitalter, welches das agrarische ablöst", lasse aber auch "Assoziationen an postindustrielle Erlebnislandschaften" entstehen. "Wie Raabe verurteilt Petras nicht, erlaubt sich aber auch keine Öko-Romantik."

Der Abend "polarisierte wieder einmal das Stuttgarter Publikum", berichtet Thomas Rothschild in der Stuttgarter Zeitung (17.11.2014). "Auf eine platte Verlegung in die Gegenwart, die sich bei dem Thema anböte, hat Petras verzichtet." Seine "Inszenierung nähert sie der Karikatur an", denn Petras sei "kein Verfechter einer Identifikationsästhetik". Der Kritiker würdigt die entsprechenden virtuosen schauspielerischen Darbietungen etwa von Holger Stockhaus und Michael Klammer. Nach der Pause werde die Inszenierung "Pop". Bühnenbildner Martin Eder habe "eine Installation entworfen, die sich auch auf jeder Ausstellung gut machte, eine Endzeitvision: ein Autowrack, umhüllt von viel Kunstnebel (...), Mit der Öffnung des Theaters für den Zwischenbereich der Installation (...) und diversen Einlagen nähert sich Armin Petras einmal mehr dem Varieté, der Nummernrevue."

Auch Christian Marquart von der Cannstatter Zeitung (17.11.2014) berichtet über die aktuellen Stuttgarter Grabenkämpfe: "Petras gelingt es in seinen Inszenierungen das erhoffte und tatsächlich stetig sichtbarer werdende junge Publikum zu begeistern. Aber Teile des (älteren) Publikumsstamms fremdeln mit diesem Inszenierungsstil und murren hörbar: zu viel Pop, zu wenig Psychologie, und die ironischen Brechungen nicht selten zu nah am Abgrund des Klamauks." Dabei schlägt sich der Kritiker auf die Seite der Neuerungsbestrebungen, im Dienste der Publikumsgewinnung für den "auch künftig unverzichtbaren Tiefsinn in einer Version 2.0". Petras' Adaption von "Pfisters Mühle" sei im Übrigen eine "lässige Collage", die die "komödiantischen Talente" der Schauspieler hervorkehre und mit einem starken Schlussbild aufwarte.

"Dass Petras sich in der Ausgestaltung einzelner Szenen nicht direkt verliert, aber doch den großen Zug der Geschichte vertändelt, vertändeln möchte, wirkt erst im Rückblick nachteilig“, schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (18.11.2014). "Viel zu leicht und willig folgt man ihm zuvor von Moment zu Moment." Nach einer langen Pause komme dann "ein aufwendiges Ende" mit der "Verwandlung der Bühne in eine apokalyptische triefende Müllhaldenwelt". Auf dieses Bühnenbild "starrt man fasziniert (und hat nur noch ein paar Minuten Zeit dafür), fragt sich jedoch, weshalb Petras sich Raabes historisch und gesellschaftlich interessiertem Blick derart verschließt zugunsten des einfach bloß gigantomanischen Schreckens."

Armin Petras sei so etwas wie die Quadratur des Kreises gelungen, findet Rainer Zerbst auf Deutschlandradio Kultur (15.11.2014): Ein Erzählkunstwerk in ein Schauspiel zu verwandeln, gelinge schließlich nur in den seltensten Fällen. Allerdings werde dann wiederum minutenlang ausgespielt, "was schon nach wenigen Sekunden deutlich geworden ist. Jeder Regieeinfall wird in dieser Inszenierung zu einem eigenen kleinen Stück im Stück". Das werde von den Schauspielern "faszinierend komödiantisch gespielt - doch mit dem ernsten Thema der gesellschaftlichen Veränderung und Umweltzerstörung hat vieles davon nur am Rande zu tun".

"Petras kann mit Raabes wehmütigem Abgesang auf die Mühlenromantik wenig anfangen", so Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.11.2014): "lärmender Slapstick statt stiller Melancholie, Berliner Luftverpestung statt schwäbischer Reinlichkeit, Lumpen, Alteisen und Pop statt poetischer Realismus". Petras könne auch lustig, aber nicht unbedingt Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung jenseits von Klamauk und Disco-Gezappel. In Pfisters Wirtshaus gebe es "Spätzle und Filderkraut, die Stammgäste berlinern und schwäbeln, der Turbokapitalismus rockt, die toten Gummifische zucken. Und so geht Wilhelm Raabe den Bach runter".

Eine "widerborstige, verrückte Inszenierung eines hinterhältig unromantischen Textes" hat Bernd Noack für Spiegel online (17.11.2014) gesehen. Mitten in einem "donnernden Zusammenbruch von Werten und Gewissheiten" gebe es in Stuttgart mit einem wunderbaren Ensemble doch auch immer wieder Momente von so unsentimentaler Wehmut, in denen der Verlust der Vergangenheit und der Schmerz darüber ganz intensiv spürbar würden.

In einer bewegten Bilderfolge zeige Petras Momentaufnahmen eines unumkehrbaren Auflösungsprozesses und bringe so den fernen Raabe zu gegenwärtiger Kenntlichkeit, meint Cornelie Ueding im Deutschlandfunk (16.11.2014). "Petras nutzt im wahrsten Sinne des Wortes den Spielraum der Romanvorlage, schreibt die Geschichte bilderreich bis in die Gegenwart fort - und genau darin liegt die Stärke seiner Interpretation."

Offenbar habe das Flussgift die Nerven aller Beteiligten zerrüttet, "denn dieser theatralischen Unternehmung ist das Aufmerksamkeitsdefizit in jede Faser gefahren", urteilt Peter Kümmel in der Zeit (27.11.2014). "Wenn Petras eine Figur 'entwickelt', heißt das nichts anderes, als dass er sich einen Kalauer und eine Macke zu ihr ausdenkt." Im Ensemble herrsche "eine ungeheure Bereitschaft, sich wegzuschmeißen vor Lachen. Und im blöden Übermut das ganze Stück gleich hinterherzuschmeißen."

 
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