Tut mehr Unnützes!

von Wolfgang Behrens

20. November 2014. Einmal, gegen Ende des vierten und letzten Gesprächs, sagt es Peter Handke selbst: "Es drängt mich, unmittelbar zu sein (...)." Es ist diese Nähe zu einem Jargon der Eigentlichkeit, die einem in Handkes Werken zu schaffen machen kann. So faszinierend und soghaft das Umkreisen des Unmittelbaren und Eigentlichen auch sein mag – das Benennen der einfachen Dinge und das Herbeisehnen des authentischen Erlebens –, so politisch naiv geriert es sich zuweilen – wohin dies bei Handke geführt hat, ist eine Geschichte für sich (die in dem zu verhandelnden Band auf konsequente Weise nicht thematisiert wird – schade eigentlich!).

cover handke-oberender 140Ganz so simpel geht es dann aber doch nicht zu mit Handkes Drang zur Eigentlichkeit. Dass die Sprache die ersehnte Unmittelbarkeit gerade nicht einzufangen vermag, weiß Handke natürlich, und deshalb heißt es im eben nur unvollständig wiedergegebenen Zitat weiter: "Es drängt mich unmittelbar zu sein, und indem ich anfange, das zu realisieren, sehe ich, daß ich Umwege machen muß, also noch und noch Umwege. Über Künstlichkeit, über Machen, über Tradition, über Formen, die schon da sind, und so weiter. Und zwischendurch, oder am Ende, manchmal sogar zwischendurch, gibt es diese unmittelbaren Momente, aber erst dank der Künstlichkeit." Es scheint wie beim Wettrennen von Achilles und der Schildkröte zu sein: Die Sprache (Achilles) versucht das Unmittelbare (die Schildkröte) einzufangen, doch immer wenn sie dort ankommt, wo das Unmittelbare eben noch war, ist diese schon wieder ein Stück weiter.

Die Sprache ins Spielen bringen

In dem Gesprächsbuch "Nebeneingang oder Haupteingang?", den Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele und vormals Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele, gemeinsam mit Peter Handke erarbeitet hat, zeitigt der Drang zur Unmittelbarkeit jedenfalls recht eigentümliche Folgen. Die Interviews, die Oberender vorzugsweise in Gärten sitzend mit Handke geführt hat – was dem "eigentlichen" Sprechen bestimmt zuträglich ist! –, diese Interviews also treten uns nämlich in einer mutmaßlich nur wenig nachbearbeiteten Schriftform entgegen. Oberender schreibt im Vorwort, dass er "das Tasten und Befühlen der Worte und Sätze, Peter Handkes Verstummen und seine Neuansätze, die Abirrungen und Variationen der Aussagen zu erhalten" versucht habe. Diese Entscheidung birgt freilich auch einige (unfreiwillige?) Komik, wenn durch den Text beispielsweise in den unpassendsten Augenblicken plötzlich Einwürfe wie "Da badet ein Vogel!" oder "... ein Eichhörnchen, da hinten! ..." wehen.

Diese merkwürdige Form des tastenden An- und Hin-Denkens und jähen Wieder-Wegspringens vermittelt aber doch ein überraschend präzises Gefühl für den Kosmos, in dem sich das dramatische Schaffen Handkes bewegt – beginnend mit der "Publikumsbeschimpfung" von 1966 und vorerst haltmachend bei den letzten Stücken Immer noch Sturm und Die schönen Tage von Aranjuez. Die Art und Weise, wie seine Stücke (meist handlungslose) Bühnenvorgänge behaupten, wie sie die Sprache ins Spiel, oder besser: ins Spielen bringen, wie sie das Vage aufsuchen, um Momente der Durchlässigkeit (auch so ein Jargon-der-Eigentlichkeit-Wort!) zu schaffen, und wie sie sich aufeinander beziehen bzw. auseinander hervorgegangen sind – das alles fördern Oberender und Handke in mal scharfsinnigen, mal regelrecht somnambulen Schleifen zutage.

"Ich mag die Leute nicht, die ins Theater gehen"

Man liest den Band durchaus mit Gewinn, zumal die Gespräche immer wieder auch grundsätzliche poetologische Fragen aufwerfen, die an die Möglichkeit des Schreibens für Theater überhaupt rühren. Und was die Politik betrifft, die ja sonst ausgespart bleibt, stößt man sogar auf ein Bekenntnis, das vermutlich koketter klingt, als es gemeint ist: "Das wäre ein politisches Programm von heute, ein weltpolitisches: Daß viel mehr unnütze Tätigkeiten gemacht werden. All diese nützlichen Tätigkeiten machen die Welt kaputt. Das glaube ich, das ist mein Credo."

Am schönsten aber wird es, wenn in all dem Schwadronieren Handke plötzlich ganz konkret wird oder gar ins Lästern kommt. Dann hört man etwa von Kritikern, die "vortäuschen, daß sie etwas gelesen haben", oder man erfährt, dass Handke auch noch fast ein halbes Jahrhundert nach der "Publikumsbeschimpfung" den Theaterzuschauern misstraut ("Ich mag die Leute nicht, die ins Theater gehen. [...] Wenn ich die schon sehe, wie die auf den Straßen zum Theater gehen – das gefällt mir nicht!"). Am allertollsten freilich ist eine Erkenntnis über Claus Peymann, zu der man im vollsten Einverständnis zu nicken geneigt ist: "Er könnte halbwegs auch ein Fußballtrainer sein, nicht gerade für die Stars von Real Madrid oder FC Barcelona, aber doch für Arminia Bielefeld, vielleicht." Nur kurz nachgefragt: In welcher Liga spielt Arminia Bielefeld noch gleich?

 

Peter Handke, Thomas Oberender:
Nebeneingang oder Haupteingang? Gespräche über 50 Jahre Schreiben fürs Theater
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 199 Seiten, 20 Euro

 

Mehr Buchkritiken hier. Von Peter Handke besprachen wir in dieser Rubrik zuletzt den 2012 erschienenen Versuch über den Stillen Ort.

Für sein Stück Immer noch Sturm, uraufgeführt von Dimiter Gotscheff bei den Salzburger Festspielen, erhielt Peter Handke den Mülheimer Dramatikerpreis 2012.

Weitere Nachtkritiken zu Inszenierungen von Peter-Handke-Stücken, aus jüngerer Zeit: Die Unvernünftigen sterben aus (Bochum, September 2014), Wunschloses Unglück (Wien, Februar 2014), Die schönen Tage von Aranjuez (UA, Wien, Mai 2012).

 
Kommentar schreiben