Wenn ja, wie viele?

von Isabel Winklbauer

München, 20. November 2014. Der Mensch besteht aus Erinnerung, und diese Erinnerungen stecken thematisch gebündelt in blauen Müllsäcken, die am Bühnenhimmel fest verknotet alle nebeneinander hängen. Sandra Hüller, Tom Schneider und Alice Gartenschläger inszenieren den Menschen als komplexes Puzzle aus Erlebnisfetzen, Klängen, Bildern und Einfällen. Schon die Anordnung des Experiments nimmt gefangen: An einer durchbrochenen weißen Wand klettern die Darstellerinnen herum oder hängen sich mit Knien wie an ein Reck. Ein Stuhl spielt mit, und eine kleine Bühne für Cellistin Philine Lembeck. "À corps perdu" ist eine surrealistische Momentaufnahme des Daseins, voller Humor und auf nette Art unheimlich.

In Schneeanzüge gekleidet, mit Kindermasken vor dem Gesicht erklimmen die drei Damen die Szenerie: drei wandelnde, früheste Erinnerungen. Kaum aus dem Anzug geschält, sieht man Sandra Hüller wie von Amnesie getroffen. Sie erkennt den Zweck ihrer Pumps nicht, untersucht erst ihre Bekleidung, geht dann dazu über den Raum zu analysieren, während Philine Lembeck ihr Cello von Zeit zu Zeit ein bisschen anstreicht. Eigentlich ganz normale Arbeit im Alltag eines Gehirns. Nur dass man hier zuhören kann! Hüllers Selbstgespräche sind köstlich, wie eine Karussellfahrt durch ihren präfrontalen Kortex. "Hier sind zwei Löcher. Mm. Da hinten so eine Haut... aber das halt ich nicht in der Hand. Das gehört an die Füße. Da kann man rein... Mensch, das sind Schuhe!"

Immer nur ein Stück Ich
Von der körperlichen Wahrnehmung geht es schon bald zu den biografischen Erinnerungen, wobei eine Tanzsequenz von Hüller und Alice Gartenschläger als Brücke dient. Zunächst staunt der Zuschauer, wie unterschiedlich die Tänzerin Gartenschläger und die Schauspielerin Hüller sich bewegen. Während die eine mit Luft und Boden verschmilzt, dabei ihre Energie direkt aus dem Äther zu ziehen scheint, bleibt die andere in sich geschlossen, gefangen vom ständigen inneren Dialog mit den Dingen. Aber dieser Effekt hat nichts mit Tanzkunst zu tun!

acorpsperdu 560 julianbaumann hIch-Masken © Julian Baumann

Nach einem Sturz auf schwarzer Bühne wiederholt Hüller die Sequenz alleine und lässt dabei, wie zu Beginn, mithören was das Gehirn so spricht: "Die Ohrringe", wenn sie sich an den Läppchen zupft. "Bist du dreckig heute", wenn sie sich über den Mund wischt. "Omas Mantel", wenn sie das zentrale Motiv der Choreografie, zwei ausholende Bewegungen mit den Armen, vollführt. Sie hat wieder nur ein Stück ihres Ichs getanzt. Das evoziert die Frage, ob Tanz nicht immer nur Erinnerung ist, auch wenn er sich noch so sehr dem spontanen Ausdruck verschreibt.

"Ich habe heute gar keine Situation"
Überhaupt, was heißt schon spontan? Runde Geschichten gibt es ja sowieso nicht im Menschen, nur einzelne Lieder, Bilder, Dialoge. Alles in "À corps perdu" ist deshalb durch Blackouts getrennt. Das Tschiepen eines mechanischen Vögelchens, das auf dem Boden steht, blitzt plötzlich auf, oder, länger, Katja Ebsteins Schlager "Dir will ich vertrauen". Hüller singt ihn mit ihrer kräftigen, warmen Stimme an Cellistin Lembeck geklammert, herum geschoben von Alice Gartenschläger. Auch als plötzliche Vision kommt die Erinnerung: "Ein Mädchen auf einer Wiese, mit einem Meerschweinchen auf einem Kissen. Es freut sich. Aber das bin ich nicht! Das bin ich nicht!"

Das Ich, das sich täglich nach dem Aufwachen neu formiert, ist das Kernthema der Traumrevue. Hüller fasst es im Plauderton zusammen: "Also Entschuldigung, ich habe heute gar keine Situation und keinen Zustand. Ich bin auch ganz anders als gestern." Philine Lembeck stellt schließlich die höchste Stufe vor, nämlich das selbstreflektierende Ich. "Irgendetwas in mir ist doch extrem erfolgreich", sagt sie langsam und deutlich zum Publikum, "könnten sie mir das nicht einfach bestätigen?" Gerne doch! Der "À corps perdu"-Mix aus Dadaismus und Neurologie ist zwar etwas beunruhigend, besonders wenn zum Schluss die Erinnerungssäcke vom Himmel fallen. Doch er ist von großer szenischer und sprachlicher Schönheit, und auf keinen Fall langweilig.

À corps perdu

von Sandra Hüller, Alice Gartenschläger und Tom Schneider
Regie: Tom Schneider
, Bühne und Kostüme: Franziska Jacobsen, 
Musik: Philine Lembeck
, Licht: Christian Schweig
, Dramaturgie: Matthias Günther
.
Mit: Sandra Hüller, Alice Gartenschläger, Philine Lembeck.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause


www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Das Tänzerische findet Sabine Leucht in der Süddeutschen Zeitung (22.11.2014) "leider ebenso enttäuschend wie die Gesamtwirkung dieser lediglich putzigen Impressionen aus dem Reich der Kopf- und Orientierungslosigkeit". Hier komme man der Frage nicht näher, was von uns bleibt, wenn wir auf uns selbst zurückgeworfen werden. "Wenn dies denn die Frage war? Der kurze, von etlichen Blacks in Einzelbilder zersplitterte Abend bietet eine so breite Assoziationsfläche und will so vehement berühren, dass er einen vielleicht gerade deshalb ziemlich kalt lässt."

Bei aller Begeisterung für Sandra Hüller und die Bühne kritisiert auch Malve Gradinger im Münchner Merkur (25.11.2014) die "sehr luftigen Textfetzchen und die choreografische Substanz": "Eine Licht-aus-Licht-an-Dramaturgie, ein bisschen Befindlichkeitsgestammel und Durchschnittsvokabeln aus dem zeitgenössischen Bewegungs-Repertoire – wobei sich Hüller in dem längeren Duett erstaunlich gut geschlagen hat –, das genügt bei der heute hochentwickelten Performance- und freien Tanzkunst nicht mehr."

"Es geht nicht um Perfektion an diesem Abend, nicht um Virtuosität", schreibt Anne Fritsch auf dem Onlineauftritt der Deutschen Bühne (24.11.2014). "Es geht um das Gefühl fürs große Ganze – und darin sind sie virtuos." Der Abend sei eine Reminiszenz an die verlorenen Körper, Zeiten, Eindrücke, Gefühle.

 

 

 
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