Fremdeln mit den Göttern

von Dirk Pilz

Braunschweig, 16. Februar 2008. Neunzig Minuten lang blieb der Saal hell erleuchtet, und dann, kurz vor Schluss: flusch!, große, tiefe Dunkelheit.

Na so was.

Da wurde anderthalb Stunden die Tragödie so ordentlich wie geschäftsmäßig verhandelt, hielten die Schlipsknoten und Frisuren, durfte die streng gescheitelte Botin zwar immerhin rauchen, aber nicht auf den Boden aschen, wurde Oedipus, er vor allem, auch schon mal laut, aber nie so, dass es unangenehm gewesen wäre, wurde also mitunter auch deftig geschrieen und hektisch über die leere Bühne gehastet, aber immer hübsch im Rahmen des Erträglichen und Nachvollziehbaren, nie maßlos, harsch, unbegreiflich.

Eine Stunde wurde hier griechische Tragödie gespielt, als sei sie ins Ibsen-Reich geraten, als ließe sich bei Oedipus und Konsorten psychologisch was holen, als wäre das Götter- und Orakel-Walten nichts als Kopfspinnerei.

Und dann: Licht aus, Oedipus schreit. Ach was, er brüllt. Röhrt. Ächzt. Steht splitterfasernackt und blutbesudelt im Dämmerschein hinten in der Glasschiebetür wie der Inbegriff der gottgeplagten Kreatur. Sein Gang der reine Leidensausdruck, seine Stimme ein einziges Jammern. Großer Gott!, wenn das kein Wehklagen ist. So mitleidenswürdig und erbarmungswert und fremd zugleich. Es verschlägt einem die Sprache.

Alles sagend, nichts meinend 

Verkürzt, arg vergröbert, am Ende womöglich einfach falsch wäre es, wollte man Regisseur Nicolai Sykosch unterstellen, er habe seine Inszenierung von Sophokles’ "König Oedipus" einzig wegen dieses einen Moments inszeniert. Aber er donnert hier so unvermutet und ansatzlos auf einen nieder, dass man glauben möchte, alles andere sei lediglich schales Vorspiel.

Denn vorher ist an diesem sauber hingestellten Abend alles auf das gute alte (oder eben doch schlechte, weil billige) Identifizieren, Verstehen, fast Einfühlen abgezirkelt. Wenn Oedipus, der bei Götz van Ooyen viel Schnauben, Augenblitzen und gern auch den spitzen Zeigefinger des Machtmenschen verpasst bekommt, sein Unheil ahnt, fasst er sich erschrocken an den Mund, setzt sich in den Bürodrehstuhl, um hurtig wieder aufzuspringen: zwei Schritte nach vorn, zwei nach hinten. Wie man sich das Erschrecken eben so vorstellt. Wie das mit der sowieso immer unschönen Selbsterkenntnis halt so ist.

Und dass der Chor hier bei einem zappeligen Herren mit Hut (Sven Walser, manchmal akustisch schlicht nicht zu verstehen), Iokaste bei einer hochherzigen Lady (seltsam aufgesetzt: Ulrike Requadt) und Kreon (fachmännisch distanziert: Steffen Gräbner) bei einem betont arglosen Mittelklassemachtmenschen aufgehoben ist, dass also alle Figuren ihren je eigenen Touch haben, dabei aber immer reibungsfrei mit einer Wirklichkeit abzugleichen sind, die man tagsüber im Büro oder am Küchentisch vorfindet, das alles lässt die Tragödie als ein so allgemeingültiges wie folgenloses Spiel über Mensch und Macht an und für sich erscheinen. So alles sagend wie nichts Konkretes meinend.

Harvey Keitel und die Gespenster 

Entsprechend die neutralisierenden Kostüme: Anzüge in schwarz, Iokaste später im roten Abendkleid. Entsprechend auch die Bühne: ein grauer Raum, Loft und Bunker zugleich. Dazu die illustrierenden Schubber-, Krawall- und Gruschelgeräusche des Schlagzeugers, der als Einziger immer auf der Bühne hockt. Warum eigentlich?

Neunzig Minuten könnte folglich dieser "König Oedipus" in der konzisen, zupackenden Übersetzung von Peter Krumme eine respektable Lebenslügeaufdeckgeschichte abgeben, die gekonnt mit der Spannung spielt und sich den Vorwurf der Biederkeit nicht gefallen lassen muss. Bis eben Oedipus mit Blutlatz und Großleidenschreien im Glastürenrahmen hängt. Das sprengt alle Muster. Ein echter Wirkungstreffer.

Allein, ein griechisch’ Tragödienspiel? Wenn sie hier von Apoll und Zeus fabulieren, wenn sie von Orakelsprüchen und Flüchen künden, der Chor-Mann mit Mikro an der Rampe thront und Teiresias (mit Sonnenbrille schaut er wie Harvey Keitel aus: Johannes Walther) seine Seher-Botschaft überbringt, dann ist’s ein einziges Fremdeln mit diesen Göttern, Orakeln und Sehergaben. Als ob sie mit Gespenstern, nicht Göttern zu schaffen hätten. Zumindest neunzig Minuten lang. Oh Jammer, welch Irrtum.

 

Oedipus
von Sophokles. Deutsch von Peter Krumme
Regie: Nicolai Sykosch, Bühne und Kostüme: Alissa Kolbusch, Musik: Philipp Bernhardt, Dramaturgie: Charlott Orti von Havranek. Mit: Götz van Ooyen, Sven Walser, Steffen Gräbner, Johannes Walther, Ulrike Requadt, Werner Galas, Andreas Bruno Beeke, Christina Athenstädt.

www.staatstheater-braunschweig.de

 

Kritikenrundschau 

Martin Jasper schreibt in der Braunschweiger Zeitung (18.2.2008): "Nein, die Fremdheit des Stoffes wird in dieser spannungsvollen" Inszenierung "nicht aufgehoben – dies merkwürdige Rattenrennen an den Fäden der Götter ins eigene Verderben." Dennoch aber "schaudert es uns doch ob der unmenschlichen Konsequenz, mit der hier ein stolzer Kerl sich auf der Suche nach sich selbst zum wimmernden Wurm macht". Dieser stolze Kerl, Oedipus, sei "sachlich", das Pathos nicht seine Sache: "Er will handeln. Aufklären. Brutalstmöglich." Sykoschs Inszenierung beginne entsprechend als "rationales Polit-Drama" und entwickle sich zur "Exekution eines Untergangs". Es sei "beklemmend", wie Götz van Ooyen die "Souveränität des smarten Staatschefs ins Wanken" geraten lasse. Am Ende sei dann die "zivilisatorische Schutzschicht weggeätzt", es bleibe ein "archaisches, nacktes, blutüberströmtes Klagewesen".

Sykoschs Oedipus ist für Stefan Arndt von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (20.2.2008) "ein ganz normaler Mensch" und bei Götz van Ooyen "ein Macher, der weiß, was richtig und gerecht ist". Indem er den Protagonisten zunächst mitten im Zuschauerraum platziere, bringe der Regisseur das Publikum "auf Tuchfühlung mit den antiken Helden". Erst langsam schleiche sich, während Schlagzeuger Phillip Bernhard "raffiniert unauffällig zusätzliche Spannung erzeugt", die Tragödie "wieder ein in eine scheinbar bekannte Welt", in der "die ganze kühle Büroausstattung über der Schiebetür im Hintergrund" laste "wie die Steinquader auf dem Löwentor vor Mykenae". Dass am Ende kurz vor der Auflösung weder Schuss noch Schrei zu hören sind, heißt für Arndt: "Das absolute Grauen ist stumm."

 
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