Jeder Stadt einen Operndolmuş

von Elena Philipp

Berlin, 25. November 2014. Es kurvt ein Operndolmuş durch Berlin. An Bord des Kleintransporters Sänger und Musiker, die in Minimalbesetzung Ausschnitte aus dem Opernrepertoire in die Stadt bringen. In Kiezcafés, deutsch-türkische Begegnungsstätten, Altenheime. Zu denjenigen, denen die Kunstform und Institution Oper bislang eher fern lag. Mit ihrem Interkultur-Projekt "Selam Opera!" streckt die Komische Oper Berlin derart die Fühler aus in den urbanen Umgebungsraum und wirbt seit 2011 um neue Beziehungen: Vielheit ist die neue Normalität, und ihr müssen sich die Institutionen anpassen, so das Credo der Öffnung.

Von Fährnissen und Erfolgen ihres Interkultur-Ansatzes berichtet die Komische Oper nun in dem Tagungsband "Selam Opera! Interkultur im Kulturbetrieb", der aus Anlass eines zweitägigen Symposiums im Frühjahr 2014 entstand. Offen und öffentlichkeitswirksam justiert die Komische Oper darin als lernende Institution ihr Koordinatensystem neu.

Perspektiven-Wandel

So divers wie die mit "Selam Opera!" angestrebte "Kultur im Zwischen" sind auch die Buchbeiträge. Emine Başaran schildert als Quartiersmanagerin, wie ihr Team mit anhaltender persönlicher Ansprache die türkischen Bewohner des Berliner Wrangelkiezes einlädt, sich an der Gestaltung des Stadtteils zu beteiligen.

cover selamopera 140Barbara Kisseler, seit 2011 Kultursenatorin in Hamburg, schildert, wie sie mit ihrer Verwaltung den Weg zur interkulturellen Stadt beschreitet. Der Ethnomusikologe Ralf Martin Jäger entwirft einen Abriss der türkischen Musikgeschichte, seine Fachkollegin Hande Sağlam reflektiert über Bi-Musikalität und das Verstehen unterschiedlicher Musikkulturen. Armand Farsi wiederum, der in Betriebswirtschaftslehre über das Thema "Migranten auf dem Weg zur Elite?" promovierte, denkt über "Interkultur: Ein Thema für das Personalmanagement" nach. Und die Geschäftsführende Direktorin der Komischen Oper, Susanne Weber, berichtet von der Zusammenarbeit mit Sponsoren und Förderern.

Manche Texte pflegen unverhohlen einen (Ethno-)Marketingsprech, andere reflektieren offenherzig eigene Fehler und teilen sie in "best practice"-Manier mit potenziellen Nachahmern. Das Praxisbeispiel "Hoşgeldiniz! Marketing und Kommunikation einer neuen Willkommenskultur" schildert, wie sich der Projekttitel wandelte: "Türkisch. Oper kann das!" war anfangs aus der Perspektive der Macher gedacht und kam bei den erwünschten Zielgruppen nicht an. "Selam Opera!" hingegen, türkisch für "Hallo Oper", funktioniert als die gedachte Willkommensgeste. Der Wandel der Perspektive ist geglückt, so scheint's.

Repräsentation im Hochkulturbetrieb

Gesellschaftspolitische Fundierung für die Unternehmung liefert der Beitrag von Mark Terkessidis, auf dessen Interkultur-Konzept das Projekt "Selam Opera!" basiert. Terkessidis beschreibt ein "Design der Einrichtung" Oper, das unter anderem "zu einem Mangel an Passung zwischen dem Personal und dem Publikum" geführt habe: Unterrepräsentiert seien Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland ja nicht in Sozialprojekten oder in der Kommerzkultur, sondern "in den hoch subventionierten Einrichtungen der Hochkultur". Paradoxe Aufgabe eines ernst gemeinten "Programms Interkultur" sei es daher, "die Herkunft auf der einen Seite zu berücksichtigen und auf der anderen gleichgültig werden zu lassen", so der Publizist und Migrationsforscher.

Praktisch belegt das der Text von Mustafa Akça, "Ein Türke allein macht noch keinen Sommer": Als Projektleiter von "Selam Opera!" ist er (oder war zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung im September) der einzige nicht-künstlerische Mitarbeiter mit Migrationshintergrund an der Komischen Oper Berlin.

Deutsche Erweckungserlebnisse

Das alles liest sich als angenehm buntes Sammelsurium zum Thema Interkultur. Den atmosphärischen Höhepunkte des Bandes bilden aber die beiden einleitenden Beiträge. Die Nachdrucke älterer Texte künden von zwei exemplarischen Bildungswegen: Prinz Asfa-Wossen Asserate, der die deutsche Schule in Addis Abeba besuchte und 1968 zum Studieren nach Tübingen ging, erzählt in einem herrlich antiquiert anmutenden, bildungsbürgerlichen Deutsch von seiner Liebe zur hiesigen Kultur – "nun wollte ich endlich deutsche Luft atmen". Sein Deutschlandbild ist ein romantisches, literaturgesättigtes, aber er ist nicht nur Absolvent einer Bildungs-Grand-Tour, sondern Wahldeutscher auf Gedeih und Verderb: Während seines Studienaufenthalts wurde das äthiopische Kaiserhaus gestürzt, sein Vater erschossen, die Familie inhaftiert und seine Rückkehr unmöglich.

Feridun Zaimoglus literarisches Alter-Ego wirkt weit weniger distinguiert, aber mindestens ebenso belesen. Auch verfügt es über eine ungemein farbreiche, expressive Sprache, in der es mit viel Witz und Hintersinn von der Hochkulturerweckung eines Arbeiterkindes erzählt. Ein Musterbeispiel künstlerischer Integration, so die angenehm ironische Botschaft. Und eine Lesefreude.

In Bewegung

Insgesamt charmant wirkt die Komische Oper Berlin in dem Sammelband "Selam Opera! Interkultur im Kulturbetrieb". Mehr Bericht über ein Modellprojekt und internen Umbau denn stolze Selbstbespiegelung, eine Vielfalt an Perspektiven – so überträgt sich die Begeisterung der Pioniere: Hier ist etwas in Bewegung. Man möchte anderen Kulturinstitutionen die gleiche Aufgeschlossenheit wünschen. Und jeder Stadt einen Opern- und Theaterdolmuş.

 

Selam Opera! Interkultur im Kulturbetrieb
Mit Beiträgen u.a. von Prinz Asfa-Wossen Asserate, Barbara Kisseler, Mark Terkessidis, Feridun Zaimoglu. Henschel Verlag, 2014. 180 Seiten, 16,95 Euro.
www.komische-oper-berlin.de

 

 
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