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Spiel mir das Lied vom Biedermann

von Michael Stadler

München, 27. November 2014. Welche Geschwindigkeit das Leben (und das Theater) auch hat, irgendwie ist es nie ganz recht. Absoluter Stillstand ist nicht erwünscht, weil dann Langeweile droht. Zu viel Speed verträgt man auch nicht, sondern wünscht sich – schöner Modebegriff – Entschleunigung, ein Herunterfahren des Tempos, ein besseres Haushalten mit der Energie. Das Theater von Susanne Kennedy, so, wie man es besonders seit Fegefeuer in Ingolstadt kennt, geht physisch hinein in den Stillstand, handelt von ihm, übt sich in Entschleunigung, lässt Zeit vergehen. Was für manche Zuschauer schwer zu ertragen ist. Dann wird man unruhig, dann ruft man "Aufhören!" und "Buh". Vielleicht auch, weil einem die hochgradige Artifizialität, der Formwille Kennedys auf die Nerven geht.

Aber ums Ertragen geht es ja gerade. Einer wie Herr R., von dem ihr neuer Theaterabend handelt, hält mit stoischer Ruhe viel aus: den öden Job als technischer Zeichner in einem Büro, den Alltag mit attraktiver Gattin und kleinem Sohn, die Betriebsfeiern mit viel zu nüchternem Chef, die Treffen mit den Schwiegereltern, der Elternabend mit der Lehrerin, die tolle Tipps hat, wie man mit der Leseschwäche des Sohns umgeht und so weiter und so weiter. Die Frage "Warum läuft Herr R. Amok?", die Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler im Titel ihres Films von 1970 stellen, lässt sich also durchaus beantworten und hängt doch in der Schwebe, weil alle Momente gleichberechtigt nebeneinander stehen und Hauptdarsteller Kurt Raab als Herr R. wenig zeigt, was sich im Innern des Kleinbürgers unter Druck bewegt. Er verzieht selten eine Miene, reißt sich zusammen.

Suchbild mit Fehlern

Das Maskenspiel bietet sich also hervorragend an für Kennedys Theateradaption, und sie dreht nicht nur damit die Schraube nach dem "Fegefeuer" ein kräftiges Stück weiter: Dieses Mal wurde das Playback, dem die Darsteller sklavisch und beeindruckend lippensynchron folgen, nicht von ihnen selbst eingesprochen, sondern von einem Cast von Sprechern, denen der transkribierte Text aus dem Fassbinder/Fengler-Film vorgelegt wurde. Nun ließen die Regisseure von einst – wobei Fassbinder selten am Set war und sich bei Sichtung des Films von diesem distanzierte – ihre Schauspieler entlang einer losen Drehbuchvorlage improvisieren, so dass es von Unreinheiten und Versprechern, von Dahin-Gesagtem und bairisch Eingefärbtem nur so wimmelt.WarumlaeuftHerrR1 560 JUOstkreuz uDie unheimliche Welt des Kleinbürgers: Edmund Telgenkämper, ÇigdemTeke,
Anna Maria Sturm, Christian Löber. © JU/Ostkreuz

Auf absurde Weise kommt bei Kennedy nun das Spontane, der schnöde Alltagsjargon zu vollen Theaterehren: langsam eingesprochen, klar artikuliert und deutlich vernehmbar, was mitunter urkomisch ist. Jedes "Äh" darf hier strahlen, genauso wie jedes Bühnendetail seinen Auftritt bekommt, genauso wie jede Geste der Schauspieler, auch maskenbedingt, das Auge einfängt. Völligen Leerlauf gibt es in Kennedys Inszenierung nicht: Man sitzt vielmehr vor sich ständig leicht verändernden Suchbildern, ähnlich, wie man es vielleicht von alten TV-Zeitschriften kennt: Links das Originalbild, rechts das gleiche Bild, nur mit "Fehlern".

Verschachtelungen, Verschiebungen, Realitäten

Alles wirkt bedeutsam, alles könnte eine Spur sein. Oder Nichts. Auch darin liegt eine Qual. Ein höllisches Szenario, ein neues Fegefeuer. Nicht umsonst sieht das holzgetäfelte Bühnenbild von Lena Newton wie eine Sauna oder der Empfangsbereich einer Sauna aus. Regenbogenfarben leuchtet Licht aus zwei hohen Fensterschlitzen, verändert sich unmerklich. Getaktet werden die einzelnen Szenen durch das Absinken und Hochgehen einer Projektionsfläche, auf der Videos laufen: Der holzgetäfelte Raum ist da im Bild, nur die Zimmerpflanze steht auf der anderen Seite und ist auch gar nicht genau dieselbe. Oder man sieht Menschen, nicht die Schauspieler, sondern Laiendarsteller: wie sie unter anderem Requisiten hereinbringen, eine Engelstatue putzen, in den Raum filmen, die Kamera aufs Publikum gerichtet. Die Welt, in der Herr R. lebt, wurde halt auch irgendwann mal eingerichtet. Das selbstentfremdete Subjekt, das mit fremder Stimme spricht, denkt darüber gar nicht mehr nach.

Im sterilen Bürger-Biotop, in dem Dinge und Menschen nach dem Belieben einer unsichtbaren (Regie-)Hand auftauchen und verschwinden, hängt zudem ein Bildschirm, auf dem der Raum selbst oder ein Parkplatz zu sehen ist. Verschachtelungen, ständige Verschiebungen, lauter Realitäten. Und dann eben, bei aller Form, eine lose Folge von Stationen, wobei Kennedy besonderen Wert auf eine Szene im Plattenladen legt, die im Film eher nebensächlich vorbeigeht: Herr R. will eine Schallplatte kaufen, erinnert sich aber nicht mehr an den Songtitel. Kennedy zerlegt die Szene, verteilt die Splitter: Herr R. macht immer wieder Versuche, sich an die Melodie zu erinnern. Wenn er es dann schafft und die Verkäuferinnen sein Lied spielen, gehen die sonst eng am Körper anliegenden Arme auseinander, bekommen Luft, vogelgleich.

Happy End mit Adlertanz?

Die Sehnsucht des Herrn R. verbirgt sich in dieser einen Melodie. Einzigartigkeit, auch das wohl ein Wunsch des braven Biedermanns, der mit dem Gefühl der Austauschbarkeit leben muss. Auch daraus macht Kennedy ein Prinzip: Ihre standfesten, die Tragikomik des bürgerlichen Trauermienenspiels hervorragend herausarbeitenden Darsteller tauschen die Rollen, nutzen die Pausen, die sich beim Zeigen der Videos ergeben, um sich blitzschnell umzuziehen. Mal steckt Edmund Telgenkämper, mal Christian Löber, mal Walter Hess in der schwarzen Lederjacke und den Blue Jeans von Herrn R., wobei die jeweils eigene Körpersprache doch auffällt: Während Edmund Telgenkämper ruhig in seinem Schwerpunkt steht, jede Bewegung klar orchestriert, gestikuliert der jüngere Christian Löber stärker. Und auch die unheimlich comic-komische Çiğdem Teke wechselt sich mit Anna Maria Sturm ab. Wer gerade Frau R. spielt, das verraten allein schon die mehr oder minder kräftigen Waden.

Ein Suchspiel also, ein beklemmendes Puzzle, das in einen brutal ruhigen Amoklauf mündet. Opfer: die geschwätzige Nachbarin, die Ehefrau, der Sohn. Mordinstrument: die Engelstatue. Sie wurde ja auch frisch geputzt. Die Polizeiuntersuchung danach im Büro, wo Herr R. sich auf der Toilette (im Film) selbst richtet, inszeniert Kennedy mit jenen Laien, die man in den Videos gesehen hat. Womit Kennedy eine weitere Dimension aufmacht: Dachte man mitunter an die Augsburger Puppenkiste – nur ohne Fäden und zappelige Bewegungen – oder an die Statik der Untoten in japanischen Horrorfilmen, so hat der Steh-Reigen auch etwas von einem Spiel, an dem sich Menschen versuchen, die nicht Lebensprofi genug sind, um ihre Rollen perfekt zu gestalten. Kein Wunder, dass die Masken sich immer etwas verwundert umschauen, hineingeworfen in Situationen, aus denen sie nicht fliehen können. Eine Befreiung liegt in der Musik, die abheben lässt: Hatte Herr R. mit seinem Sohn noch im Schulbuch von einem Adler im Käfig gelesen, so sieht man am Ende eine Dame allein im Raum zu seinem einen Song frei tanzen. Die Arme ausbreitend. Ein Adlertanz. So wenig professionell, so mutig und beschwingt, dass es zum Abschluss dieses grandiosen Abends wie ein Happy End wirkt.

 

Warum läuft Herr R. Amok?
nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler
Regie: Susanne Kennedy, Bühne: Lena Newton, Kostüme: Lotte Goos, Sounddesign: Richard Janssen, Licht: Jürgen Kolb, Dramaturgie: Koen Tachelet.
Mit: Willy Brummer, Kristin Elsen, Walter Hess, Renate Lewin, Christian Löber, Sybille Sailer, Anna Maria Sturm, Çiğdem Teke, Edmund Telgenkämper, Herbert Volz, Erika Waltemath.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (29.11.2014) schreibt Christine Dössel: "Ein idealer Stoff für eine Regisseurin, deren Stärke das stark formalisierte Spiel mit Identität, Verfremdung, Playback ist." Auf sehr installative Art ("Richtung Bildende Kunst") ziehe die Regisseurin mehrere Ebenen der Verfremdung ein. "Der Blick auf den Menschen ist in diesem Forschungslabor gnadenlos. Alles ist übergroß, jede Geste, jede Pause, jeder Blick. Die Zeit wird gedehnt, jedes Geräusch verstärkt." Die Reizbarkeit, die dabei entstehe und durch die zähe Monotonie der Szenenabfolge auch mal in Langeweile umschlage, sei Teil des Experiments. "Es ist gelungen."

In der Frankfurter Rundschau (29.11.2014) schreibt K. Erik Franzen, die Regisseurin schraube ihre Ästhetik im Vergleich zu Fegefeuer in Ingolstadt noch eine Umdrehung weiter. Kennedy dekonstruiere ohne Erbarmen und schaurig-komisch die Stationen des völlig falschen Lebens im Falschen. "Man ist Opfer und Täter zugleich. Das gelingt gerade wegen der maximalen Verfremdung, die den Arbeiten von Susanne Kennedy innewohnt. Es ist, als ob erst aus der größtmöglichen Distanz heraus die Zuschauer sich selbst erkennen können." Und: "Ist das noch Theater oder schon Performance?"

"Was als Brechung von Sehgewohnheiten und Ausbremsung von Erwartungen zunächst funktionieren mag, endet rasch in zäher Belanglosigkeit", findet Michael Schleicher im Münchner Merkur (29.11.2014). Dass Kennedy mit derselben Methode  arbeite wie bei "Fegefeuer in Ingolstadt", möge bequem sein, "doch ist es (zu) wenig, das eigene Regiekonzept (erweitert um Masken) einfach nochmal auszumotten". Das sei hier besonders ärgerlich: "Denn ihr Ansatz stellt arrogant die Figuren aus. So gibt Susanne Kennedy gnadenlos dem Gelächter des Premierenpublikums preis, was die Menschen im Stück ihr Leben nennen – und manchmal vielleicht genauso mögen, wie es ist. Das ist zynisch, überheblich."