Vier Fäuste! Halleluja!

von Tobias Prüwer

Dresden, 29. November 2014. Im deutschsprachigen Raum ist Linus Tunström ein weitgehend Unbekannter. Nach seiner "Faust"-Premiere im Dresdner Staatsschauspiel wird sich das gewiss ändern. Der schwedische Regisseur und Uppsalas Stadttheater-Direktor, der lediglich in Bern einmal 2007 inszenierte, hat das deutscheste aller Dramen ins Zentrum der Ermüdungsgesellschaft verlagert. Unbefangen im Zugriff, verabreicht er einen unkonventionellen "Faust" jenseits von Hausrezept und Aktualisierungsplacebo – und bleibt dabei erstaunlich texttreu.

faust2 560 matthias horn uGerettet? Gerichtet? Im OP-Saal: Torsten Ranft (Faust), Max Rothbart (Patient), Hannelore Koch (Faust), Peter Pagel (Faust), Tom Quaas (Faust), Rosa Enskat (Mephisto)  © Matthias Horn

Die Handlung verlegt Tunström kurzerhand in ein Krankenhaus. "Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein"? Nein, hier muss der Mensch sein. Der Eiserne hebt sich und eine realistisch nachgebaute Kliniketage wird sichtbar. Links im Vordergrund hängt ein Medikamentenschrank, daran schließt sich ein OP-Saal mit gläserner Schiebetür, Röntgenaufnahmen am Lichtkasten und anderen medizinischen Apparaten an. Ein verglaster Raucherraum mit Gummibaum und ein Flur gehen dann rechts in einen Wartebereich mit Kaffeeautomat über. Das komplette Personal ist bereits anwesend. Eine Ärztin operiert, zwei Pfleger wuseln herum, Patienten sind im Raum verteilt, eine Reinigungsfrau geht ihrem Job nach, und ein Besucher ringt mit seiner Verzweiflung. Niemand spricht, nur der Herzschlag-Monitor ist zu hören. Der verwandelt sich zum Dauerpiepton, der Besucher schreit seine Totenklage heraus, die Ärztin tritt resigniert aus dem OP-Saal. "Habe nun, ach!": Das Spiel beginnt.

Ungewöhnliche Rollenverteilung

Gleich vier Schauspieler - Hannelore Koch, Peter Pagel, Tom Quaas und Torsten Ranft– sprechen als Ärztin, Besucher und zwei Kranke abwechselnd die berühmten Worte und geben über die ganzen zwei Stunden den Faust als Kollektiv. Die beiden Pfleger treten als Mephisto auf. Ansonsten sind Gretchen als Reinigungsfrau, ihr Kind und ein namenloser Patient mit von der Partie; alle anderen Figuren sind gestrichen.

So ungewöhnlich diese Rollenverteilung auch klingt, überzeugt sie doch vom ersten Moment an. Goethes Text, gekürzt und teilweise umsortiert, aber bis auf ein paar eingestreute Scherze original, gewinnt an frischer Kraft. Der abwechselnd, manchmal auch chorisch gesprochene Faust erscheint so als ein Jedermann, eine Montage aus Alltagsmenschen, der zwar als Getriebener verblasst, durch die Vervierfachung aber wiederum an Präsenz gewinnt.

Zwischen Die Braut aus "Kill Bill", Straps-Diva und burschikoser Conférencière changierend, kostet Rosa Enskat mit größter rhetorischer Bandbreite ihren Mephisto-Part begeisternd aus. Den Sprachwitz der maliziösen Worte hebt sie auch im Dialog mit ihrem selbst als nackte Botticelli-Venus auf dem Krankenbett bestechenden Teufelspartner Jan Maak hübsch hervor.

faust4 560 matthias horn u Auseinanderstrebende Geister mit Kind: Tom Quaas (Faust), Marysol Wandslebe (Gretchens Kind), Jan Maak (Mephisto), Christine Hoppe (Gretchen), Torsten Ranft (Faust)  © Matthias Horn

Nur die Dosis macht das Gift

Im Gegensatz zur sterilen Kulisse gestaltet sich die Szenenfolge sehr lebendig. Unterm wie im Horror-Film flackernden Neonlicht tönt der Erdgeist seine Absage aus dem Off. Der "Prolog im Himmel" wird ebenso zwischendurch behandelt wie das "Vorspiel auf dem Theater", bei dem sich der verjüngte Faust als Unterhalter vor Publikum beweisen muss. Und nach einem Goethe-Witz den "Osterspaziergang" wie ein Schulkind vor der Klasse rezitiert. Teufelspakt und "Auerbachs Keller" werden zur Blutspende eingedampft, an der sich Mephisto gütlich tut und besoffen den besonderen Saft lobt. Als Liverockband legt das Personal das Walpurgis-Intermezzo hin und verpackt den Text im Sprechgesang zum wuchtigen Crossover-Song.

Das klingt, in solcher Aufzählung präsentiert, hochalbern. Und unter Einfallswut und Pop hätte der Regieansatz auch vom schnellen Exitus hingerafft werden können. Doch die Dosis macht auch hier das Gift. Konzentriertes Spiel, das Gespür für Effekt und Wirkung sowie den richtigen Zeitpunkt lassen die Inszenierung nie zur Schmiere werden. Auch ernste und leise Momente kommen zum Tragen, werden nicht überspielt. Berührend etwa beweint Gretchen, gespielt von der in zarter Zurückhaltung agierenden Christine Hoppe, den Tod ihres Kindes.

Ort der Erschöpfungsgesellschaft

Den "Faust" ins Krankenhaus zu transportieren, ist pfiffige Idee wie gute Entscheidung. Die Krankenstation ist der Ort der Krise, die Transitstation für die Rückkehr ins Leben oder die Abkehr in den Tod. Hier wird der Schmerzensmensch der Gegenwart wieder fit gemacht für den Arbeitsalltag, werden Linderung und Heilung parat gehalten für den Leidenden der Erschöpfungsgesellschaft. Für diese stehen die Klinikkräfte synonym. Ausgelaugt in dieser Arbeitswelt, bedienen sich die Figuren immer wieder am Kaffeeautomaten und zünden sich eine Zigarette an, während der namenlose Patient ungezählte Tode stirbt. Die Alltagsunzufriedenheit der vielen stellt dieser "Faust" fabelhaft zur Schau. Wie eine Momentaufnahme flackert das Drama auf, um dann wieder im sprachlosen Klinikalltag und schließlich verlöschenden Licht zu verschwinden.

 

Faust 1
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Linus Tunström, Bühne und Kostüm: Esther Bialas, Musik: Knut Jensen,
Dramaturgie: Armin Kerber, Felicitas Zürcher, Licht: Michael Gööck.
Mit: Hannelore Koch, Peter Pagel, Tom Quaas, Torsten Ranft, Rosa Enskat, Jan Maak, Christine Hoppe, Eva Lotta Taggesell / Marysol Wandslebe, Max Rothbart.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Einen "dichten, respektvollen und sozialkritischen" Faust hat Bistra Klunker erlebt, wie sie in den Dresdner Neusten Nachrichten (1.12.2014) schreibt. Das Besondere an dieser Kurz-Version im Krankenhaus sei: "Die Geschichte wird trotzdem erzählt – und beeindruckt." Einen nicht unerheblichen Beitrag dafür leisteten die Faust-Darsteller, "die sich wie Mosaiksteinchen zu einem Gesellschaftsbild aus kränkelnden Individualisten zusammenfügen".

"So sehr diese Deutung grundsätzlich einleuchtet, so prägnant sie auf die Bühne kommt: Das starre Gefüge bremst Handlung und Spiel aus", befindet Rafael Barth in der Sächsischen Zeitung (1.12.2014). "Die Schauspieler scheinen sich nicht ganz wohl zu fühlen mit dieser Ein-Raum-Lösung und dem multiplizierten Faust. Wer nur das viertel eine Person darstellt, der kann keine Figur entwickeln die beim Zuschauer Gefühle weckt."

"Bei allem Reichtum an Ideen und Assoziationen bleibt diese Konzeption immer leicht, und dabei nicht unverbindlich", meint Detlev Baur in seiner Online-Kritik für Die deutsche Bühne (30.11.2014). Die Schauspieler entwickelten auch in ihren kurzen Szenen Format. "Am Ende ist es kein Wunder, dass sich Gretchen – deren Monologe zur Tochter gesprochen eine große Kraft entfalteten – vor den Viertel-Fausts ängstigt. Die sitzen und stehen am Ende genau so da, als wie zuvor." Sein Fazit: "Vom Regisseur Linus Tunström dürfte das nicht die letzte Arbeit an einem großen deutschen Schauspielhaus gewesen sein."

 
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