Leicht und doch psychologisch klug – das wär's!

von Alexander Schnackenburg 

Bremen, 12. April 2007. Die beste Szene, den stärksten Moment erlebt die Aufführung, lange bevor das Gemetzel beginnt. Es ist jener zaghafte Versuch Macbeths, sich selbst, vor allem aber seine Frau von den wilden Meuchelmord-Plänen abzubringen. Da spricht Macbeth (Erik Roßbander) mit (zunächst) fester Stimme zu seiner Frau: "Wir unternehmen in der Sache nichts mehr." (Übersetzung: Rainer Iwersen) – und verkriecht sich sodann im Auditorium zwischen den Zuschauern, als wünsche er, dass das Stück an dieser Stelle zu Ende sein möge. Die zarte Lady Macbeth muss ihren Mann in ihrer wilden Entschlossenheit (Janina Zamani) förmlich wieder auf die Bühne ziehen, damit es weiter gehen kann.

Die Szene ist vor allem deswegen so gut, weil sie einen Einblick in die Psychologie der Protagonisten ermöglicht und zugleich, ohne albern zu wirken, ein bisschen von jener Leichtigkeit vermittelt, an der der bremer shakespeare company grundsätzlich doch so sehr gelegen ist – die aber gerade mit "Macbeth" so ungemein schwer in Einklang zu bringen ist. Und genau darin liegt zumindest ein Teil des Problems: Wer die bremer shakespeare company kennt, kann sich im Laufe der Vorstellung kaum des Eindrucks erwehren, dass weder dem Regisseur noch dem Ensemble dieses Stück liegt. Immer wieder scheinen sich die Schauspieler zügeln zu müssen, was zwar vor dem Hintergrund der spezifischen clownesken Company-Spielweise einleuchtend erscheint, dem Fluss der Aufführung aber nicht gut tut. Und wenn die Freude am Ausschmücken und am volkstümlichen Ironisieren einer Szene dann doch einmal durchbricht, so wirkt das sofort deplatziert. 

"Ohne Ehrgeiz nicht; doch fehlt die Bosheit"

Unverständlich etwa, weswegen Regisseur Jörg Steinberg, ansonsten sichtlich um das Straffen der Handlung bemüht, dem Pförtner (Sandro Constantini) so viel Raum verschafft hat. Da schwadroniert die kleinste aller Randfiguren in einer ohnehin nicht gerade kurzen Aufführung über die Auswüchse des Kapitalismus und Joseph Ackermann! Statt solcher Einlassungen hätte der Aufführung ein bisschen mehr von der eingangs in Aussicht gestellten psychologischen Herangehensweise des Regisseurs gut getan. Das Faszinierende an der (von Schauspieler Erik Roßbander auch so angelegten) Figur des Macbeth liegt ja gerade in jenem Hin–und-Her-Gerissen-Sein zwischen bedingungsloser Machtgier und latent vorhandenen Gewissensbissen. Im Unterschied zur eiskalten Lady Macbeth ist Macbeth eben noch "zu voll von Milch der Menschenliebe", "ohne Ehrgeiz nicht; doch fehlt die Bosheit."

Und so nutzt sich die in den ersten beiden Akten noch viel versprechende Inszenierung nach und nach ab. Steinberg tappt mit beiden Füßen in die große Falle dieses vielleicht blutrünstigsten Stücks der Theaterliteratur überhaupt: Je mehr Morde sich ereignen, desto größer die Abnutzungserscheinungen der Inszenierung. Für die bremer shakespeare company ist das umso bedauerlicher, als sich das Ensemble schon länger nicht mit den Schwergewichten seines Hausautors befasst hat. Die letzte wirklich überzeugende Inszenierung der company liegt   bereits ein ganzes Jahr zurück: "Ein Königreich für einen Ball", eine Stückentwicklung des Ensembles – in der Regie von Jörg Steinberg. Vielleicht sollte ihm das Ensemble einmal eine der großen Komödien Shakespeares anvertrauen.

 

Macbeth
von William Shakespeare
Deutsch von Rainer Iwersen
Inszenierung: Jörg Steinberg, Ausstattung: Heike Neugebauer. Musik und Dramaturgie: Holger Kuhla
Mit: Erik Roßbander, Sandro Constantini, Janina Zamani, Frank Auerbach, Christian Bergmann, Gunnar Haberland, Michael Meyer.

www.shakespeare-company.com

 
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