Papa, du guckst die ganze Zeit auf das Ding

von Jürgen Reuß

Freiburg, 3. Dezember 2014. Im Theater Freiburg brummt's zur Zeit. "Carmen", "Tschick", "Homo Faber", "Bremer Stadtmusikanten" – alles restlos ausverkauft. Und das zurückliegende Festival Politik im freien Theater hat gezeigt, dass selbst solche Themen das Haus füllen können, die es sonst im Spielplan eher schwer haben. In diese Kategorie fällt auch die Premiere von "Nachts sind das doch Tiere", eine Collage aus (vorwiegend) Texten der Schriftstellerin und Netztheoretikerin Juli Zeh zu, na sagen wir mal, irgendwas mit Internet.

Theorietheaterecke

Die Aufführung ist Teil einer Inszenierungsserie, die, statt wie in den vorangegangenen Spielzeiten den Kapitalismus in Vorträgen prominenter Denker zu reflektieren, sich in theatraler Form mit dem Kapitalismus im digitalen Zeitalter befassen soll. Die Veranstalter waren gespannt, ob so ein Theorietheater den Schwung des Hauses mitnehmen und wenigstens die mit Vorhängen abgetrennte Diskoecke der schnieke renovierten "Passage 46" unterm Theater füllen kann.

nachtssinddastiere1 560 mauricekorbel uUnsere Zukunft, der Computer? Stefanie Mrachacz und Martin Clausen beim
Lectureperformen in "Nachts sind das Tiere" © Maurice Korbel

Da es eine Pay-after-Veranstaltung war, gab es keinen Vorverkauf, der Anhaltspunkte hätte liefern können. Die Antwort, mit der das Theater ganz gut leben kann, lautet 42. Ok, diese Zuschauerzahl ist geschätzt, aber nicht weiter hergeholt als die Anspielung auf Douglas Adams. Auch die Textcollage drehte sich vor allem um die Frage, warum intelligente Lebewesen so viel Energie in Supercomputer stecken und sich mit mobilen Geräten ständig damit vernetzen. Oder wie Regisseur und Mitspieler Martin Clausen die Frage zuspitzt: "Selbst meine Tochter sagt, Papa, du guckst die ganze Zeit auf das Ding."

Wie beim Skypen

Bevor er sich mit Stefanie Mrachacz und Iris Melamed den Antworten widmet und auch zwischendrin laufen die drei immer wieder unbeholfene Choreographien auf der karg rednerpult- bis talkrundenmäßig ausgestatteten Bühne ab. Friedrich Greiling alias Mittekill sorgt für die musikalische Untermalung. Anfangs wirken die Bewegungseinlagen eher ermüdend, besonders wenn mal Zeitlupe eingelegt oder die Schwerkraft erhöht wird, aber parallel zum Text steigert sich das Ganze zu einer recht pfiffigen und auch teilweise lustigen Performance.

Höhepunkt ist ein Zwiegespräch über das Verhältnis von Wirklich und Virtuell, bei dem sich die Spielenden die Antworten leicht versetzt soufflieren, die Rollen durchwechseln, die Stimme ins Off wandert, zu der nur gelegentlich die Lippen bewegt werden, von Computerstimmen übernommen werden und wieder zurück. Auf der Bühne wirkt das absurd, aber inzwischen kapiert man: beim Skypen mit schwankendem Netz ist das akzeptierter Alltag. Eine schöne Volte. Auch die Witze werden philosophischer: Wenn Cybersex nicht funktioniert, Pornobilder aber sehr gut, warten dann auf einen getöteten Gotteskrieger auch dann 98 Jungfrauen, wenn er "von so einer Blechkiste abgeknallt" wird?

Wir sind das Netz

Was lehrt das übers Internet? "Bei uns gehen die Menschen nicht ins Netz. Sie sind das Netz. Sie sind Frankfurt zum Arbeiten, New York zum Einkaufen und Thailand für den Urlaub. Das Netz wird Euch Auto sein, ICE, Flugzeug und Raumschiff." Dieser modernen Variante des Animismus, dass wir via Internet der ganze Planet sind, gesellt das Stück zum Schluss die passende Perspektive der Götter bei, die von irgendwo da draußen auf uns runterblicken. Heute sind das Astronauten wie Alexander Gerst auf der ISS, der uns mit Blick auf diese "unglaubliche schöne" Erdkugel verkündet, dass Kriege "unverständlich und grotesk" sind. Aber der neue Gott gibt keine Gebote. Er will den Leuten nicht sagen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Für ihn ist wichtig, seine Perspektive zu teilen – mit 200.000 Followern bei Twitter.

Und was bedeutet das alles nun? Mittekill zieht das finale Fazit mit Bob Marley: Die Sonne scheint, lass uns tanzen und uns gegenseitig ein Regenbogen sein. Eins ist damit klar: Diese Form von Theorietheater kommt zu ganz anderen Schlüssen als die Vorgängerreihe der Expertenvorträge zu "Capitalism now". Man muss ja nicht immer denken, man kann Antworten auch mal tanzen.

 

Nachts sind das Tiere. Capitalism now – uploaded #2
von Juli Zeh
Regie: Martin Clausen, Musik: Friedrich Greiling / Mittekill, Dramaturgie: Veit Merkle.
Mit: Iris Melamed, Stefanie Mrachacz, Martin Clausen, Live-Musik: Friedrich Greiling / Mittekill.
Dauer: 50 Minuten, keine Pause

www.theater.freiburg.de

 

Zuletzt besprach nachtkritik.de am Theater Freiburg die Jelinek-Inszenierung Die Schutzbefohlenen von Michael Simon – ein Abend, der den Nachtkritiker in Selbstzweifel verwickelte.

Die netzpolitisch engagierte Schrifstellerin Juli Zeh fand im September 2013 breite Unterstützung für ihre Petition an Bundeskanzlerin Angela Merkel gegen die digitalen Überwachungspraktiken der Geheimdienste.

 
Kommentar schreiben