O ewiges Schlachten!

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 5. Dezember 2014. Irgendwie passt er nie so recht in die Zeit, Brechts aus vielerlei Quellen und Vorlagen zusammengeklaubter "dreizehnter Versuch", der zum Stück in elf Bildern reifen sollte. Außer natürlich in seine Entstehungszeit der Weltwirtschaftskrise, aber da traute sich niemand, diese Parabel um Klassenkampf, Ausbeutung und entfesselten Kapitalismus zu spielen. Bis auf einen, das war Gustaf Gründgens, dem Brecht 1949 schrieb: "Sie fragten mich 1932 um die Erlaubnis 'Die heilige Johanna der Schlachthöfe' aufführen zu dürfen. Meine Antwort ist ja."

Bis es soweit war, sollte es weitere zehn Jahre, bis nach Brechts Tod dauern. Im schönsten Wirtschaftswunderland wirkte das Stück um die Heilsarmee-Aktivistin Johanna Dark und deren Verklärung in die politische Irrelevanz wie ein Fremdkörper. Bedenklich unterhaltsam, fanden es die einen, charmant arbeiterromantisch die anderen, überholt oder nicht zeitgemäß wohl aber die meisten.

Wie im Berliner Ensemble der 1990er Jahre

Und hier nähert sich die Vorrede nun Holger Schultzes Inszenierung im großen Marguerre-Saal: Die Probleme sind die gleichen geblieben, zumindest wenn man den Abend so angeht, wie es der Heidelberger Intendant tut. Empfand man seinen Remmidemmi-Verzicht bei Brechts "Trommeln in der Nacht" noch als wohltuend unaufgeregt und erfrischend solide, so wirkt diese "Johanna" nun doch etwas staubig, oder zumindest mit einer merkwürdigen BE-Patina der 1990er Jahre überzogen. Die fahrenden Rost-Podeste, schwarzen Fleischhändleranzüge, Metzgerkittel und Stewardessen-Kostüme der Schwarzen-Strohut-Heilsarmistinnen (Bühne und Kostüm: Martin Fischer) machen zwar ordentlich etwas her, tragen aber nicht wesentlich zu etwas anderem bei als zur textadäquaten Koloritverstärkung.

heiligejohanna2 560 annemone taake uEin Brecht mit Patina: Das Heidelberg Ensemble inmitten von rostigen Podesten.
© Annemone Taake

Blasse Gesichtsfarbe und blutige Nasen vom ekligen Geschäft mit dem Fressen, dass auch hier vor der Moral kommt, hat man den siebzehn Mitwirkenden ins Gesicht geschminkt, ein großer Ensembleabend also, mit sonst wenig gestrichenen Figuren und etwas mehr gestrichenem Text. Schwer kommt der knapp zweieinhalbstündige Abend in die Gänge, doch das Warten lohnt sich durchaus.

Der ewige Bund von Ochse, Schwein und Christ

Hans Fleischmann als Strippenzieher und Fleischkönig Pierpont Mauler wandelt eine behäbige Tapsigkeit in eine perfide Masche des ewig schuldlosen Gewinners. Köstlich sind seine Rechenkünste, wenn er aus zwei Fehlschlägen jovial und launige einen neuen Gewinn kalkuliert, um hernach gerührt zu sein vom Schlachtvieh, nie aber vom Menschen. Die Börse, der Markt, die Nachfrage und "der ewige Bund zwischen Ochse, Schwein und Christ" wollen es so. Sollen Flocken in die Börse, muss das Fleisch in die Dose. Wenn Mauler seinen Kollegen vom Fleischring (Stefan Reck, Olaf Weißenberg, Hendrik Richter, Marco Albrecht) ein donnerndes "Ihr Kaufleute!" entgegenschleudert, ist es wahrlich als Schimpfwort zu verstehen.

Sein Makler Slift (Steffen Gangloff) ist ihm bei seinen Ränken und Volten mehr als nur Erfüllungsgehilfe, was dem Wirtschaftsmotor Mauler neben satten Gewinnmargen auch noch ein reines Gewissen beschert. Dass auch die Heilsarmee rechnen muss, führt uns Nicole Averkamp als kess-pragmatische Majorin mit durchaus dehnbaren Prinzipien vor, während die arbeitende Klasse trotz starker Darstellertruppe (Roland Bayer, Dominik Lindhorst, Bertram Maxim Gärtner und Cristina Rubruck) bei Schultze schlicht zu kurz kommt.

Solides Handwerk

Das mag daran liegen, dass der Teller Suppe und das Blechnapfkolorit des Schwarzen Freitags 1929 anno 2014 dann doch stark überholt wirken. Und, "o ewiges Schlachten", eine Spur hätte man die Konserven blutiger Wurst-, pardon, Wortspielerei auch mit Wirtschaftsgütern neueren Datums füllen dürfen. Doch Holger Schultze verzichtet – erneut als solider Handwerker – darauf, auch nur die zartesten Beziehungen zu heutige Arbeitswelten und Wirtschaftssottisen anzudeuten, so sehr scheint er von der Lesbarkeit und Allgemeingültigkeit der Vorlage überzeugt zu sein.

Langweilig ist das Ergebnis nicht, aber fast ebenso rührend wie der Werdegang von Johanna Dark (Nanette Waidmann), die ihre anfängliche Helfersyndrom-Stärke mit zunehmender Verzweiflung über das eigene Versagen nahezu genüsslich in Gewaltbereitschaft münden lässt. Doch das will keiner mehr hören, als Denkmal wird sie gebraucht und als Opfer. Ihr Abgang mit schlagender Tür geht beim Abschminken und Ausstieg aus dem Spiel (also doch noch ein wenig Brecht) schon fast im Schlusschoral unter: "Schenke dem Reichen Erbarmen, Hosianna!" Wer wollte ihnen da widersprechen?


Die heilige Johanna der Schlachthöfe
von Bertolt Brecht
Regie: Holger Schultze, Bühne und Kostüm: Martin Fischer, Musikalische Leitung: Willi Haselbek, Licht: Ralf Kabrhel, Dramaturgie: Lene Grösch.
Mit: Nanette Waidmann, Christina Rubruck, Nicole Averkamp, Bettina Storm, Marilena Weichert, Julia Friede, Roland Bayer, Hans Fleischmann, Stefan Reck, Olaf Weißenberg, Hendrik Richter, Marco Albrecht, Steffen Gangloff, Dominik Lindhorst, Bertram Maxim Gärtner, Willi Haselbek, Erwin Ditzner.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theaterheidelberg.de

Kritikenrundschau

Wer diesen Stoff anpacke, laufe "Gefahr, in die Pathos-Falle zu tappen und sich vom Sprachglanz blenden zu lassen", meint Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (8.12.2014). Benno Besson etwa habe das vor rund 20 Jahren zu vermeiden gewusst und auf "doppelbödigen Klamauk" gesetzt. "Holger Schultze tut das genaue Gegenteil. Er poliert die Sprachschönheit des Textes auf Hochglanz. Seine Schauspieler zelebrieren ihre Sätze. Hinter viele setzen sie gestisch ein Ausrufezeichen, indem sie momentweise zu Tableaux erstarren." Optisch habe "diese Inszenierung viel zu bieten. Darstellerisch auch. Trotz der bewusst eingesetzten Momente der Erstarrung." Fazit: "Holger Schultzes Interpretation, die so sehr die Stärken der Sprache betont, mag zwar in Zeiten der auf schnelle Ablenkungen ausgerichteten Youtube-Ästhetik gestrig erscheinen, aber geistvoll ist sie allemal."

Auf Echo Online (11.12.2014) schreibt Johannes Breckner, Schultze lenke den Blick auf den Wirtschafts- und Sozialkrimi, aber besitze auch Gespür für "die emotionale Verunsicherung dieses Paares, das einige Augenblicke der Wahrhaftigkeit erkennt, bevor es von den Gesetzen des Marktes wieder zerrissen wird." Die "wuchtige" Inszenierung sei über knapp zweieinhalb Stunden eine spannende Angelegenheit, "zumal die Stellvertreter der widerstreitenden Parteien stark besetzt sind".

 
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