Das Hirn im Computer

von Michael Laages

Dresden, 5. Dezember 2014. Beim nächsten Kuss ist alles anders. Denn er ist nicht mehr, was gerade noch war; genauer: in der Nacht zuvor. Da war der junge Mann zwar ein bisschen zu besoffen, um mehr zu erreichen bei der jungen Kollegin aus dem Büro – aber wie die küsste, das weiß er noch gut. Jedenfalls nicht so wie jetzt! So fliegt der Schwindel auf.

Nachts kam ein gangsterhaftes Wissenschaftler-Trio ins Haus, entführte den Helden (im Text kurz "Er" genannt) und seine nächtliche Affäre ("Sie") und baute erst ihn zur Maschine um, steuerbar durch das Hirn, das ihm entnommen wurde. Dann wurde sie zur Test-Partnerin umgemodelt. Weil die Männer von der Firma Frankenstein ihn aber zu früh zum Einsatz brachten, auf Druck machtvoller Sponsoren, die Test-Ergebnisse sehen wollten, geht spätestens vom Kuss an alles schief.

Wissenschaft siegt

Der junge Dramatiker Konstantin Küspert hat das eigene Schreibhandwerk bereits im Heidelberger "Stückemarkt" 2013 präsentieren können. Er arbeitet als Dramaturg am Badischen Staatstheater in Karlsruhe und hat dort, in der Gerichte-Stadt, auch schon einen Theater-Beitrag zum deutschen Drama des NSU-Desasters geliefert. Mit "mensch maschine" bastelt er an einem der (seit Homunkulus im zweiten "Faust" und bis hin zur zeitgenössischen "Matrix") ältesten und populärsten intellektuellen Mythen herum – er lässt Wissenschaftler den Menschen neu erfinden. Dabei nutzt er ziemlich akkurat das Modell der legendären Science-fiction-Verfilmung "Welt am Draht" von Rainer Werner Fassbinder, bei der eine virtuelle Welt behauptet wurde, in die die Erfinder selbst hinein steigen konnten; für Korrekturen bei Irrläufern.

mensch maschine3 560 dorit guenter xBlick in die Schaltzentrale: "mensch maschine" in Dresden © Dorit Günter

Als jetzt, in Küsperts "mensch maschine", vom Kuss an alles aus dem Ruder läuft, gelangt die Freundin des Probanden zu größerer Bedeutung. Denn sie kann sich befreien und macht sich mit dem Hackebeilchen in der Hand auf Wissenschaftler-Jagd. Aber ab hier verliert das Stück (oder die Inszenierung von Roscha A. Säidow im kleinen "Studio" vom "Theater der jungen Generation" in Dresden) ein wenig den Mut und will viel zu schnell zum Ende kommen. Und das heißt: Wissenschaft siegt. Und mit ihr der Kommerz: die Sponsoren, die für die neuen Maschinen das Paradies auf Erden versprechen, weil sie (wie – sagen wir mal - Google) alle Wünsche des Menschen schon im Voraus kennen und erfüllen.

Spielzeug-Zaubereien

Eine etwas kryptische kleine Stunde voller Spiel und Phantasie ist im Dresdner Theater zu sehen. Die Ganzkörper-Operation des Probanden ist ein ruppiges Schattenspiel, der Computer mit seinem Hirn drin ein blinkendes Monstrum, und die virtuelle Welt (Hund und Kaffeetasse, Dusche und Zahnbürste und was der Alltagsdinge mehr sind) fächern Puppenspieler ganz in schwarz vor dem Probanden auf, mit klettbandgeklebten oder magnetischen Bauteilen und skurrilen Objekten. Highlights: ein schnauzbärtiger Barkeeper, eine komplette Dresdner Straßenbahn und natürlich die Freundin, der kollegiale One-Night-Stand von gestern Abend.

Das ist sehr witzig, gerade weil die Zauberei mit all dem zweidimensionalen Spielzeug so prima durschaubar ist. Und weil das Ensemble (Julian Trostorf und Ulrich Wenzke aus der Schauspiel-, Annemie Twardawa, Patrick Borck und Manuel de la Peza aus der Puppenspiel-Abteilung des Hauses) so animiert umgeht mit der schrägen Phantasie.

Bald im neuen Haus

Natürlich ist nicht alles logisch, besonders am Schluss wird alles holterdipolter in die letzte dramaturgische Kurve gezwängt. Und natürlich wächst bald die Sehnsucht nach einem bis ins Detail entwickelten Wissenschaftsalptraum, wie "Welt am Draht" es war. Doch sehr vorzeigbar ist auch diese "mensch maschine" allemal; das kleine Stück wird sicher auch mit umziehen an den neuen Spielort des traditionsreichen Hauses. Vor 65 Jahren gegründet, ist es bis heute eine der wenigen Bühnen im Land, die programmatisch Puppenspiel und Schauspiel vermischen. Das "Theater jungen Generation" bekommt im nächsten Jahr nun ein neues Haus im Zentrum der Stadt. Und damit, so hofft das Team, auch deutlicher im Zentrum vom Bewusstsein und Öffentlichkeit der Dresdner Theaterszene.

mensch maschine
von Konstantin Küspert
Regie: Roscha A. Säidow, Bühne, Kostüme und Objekte: Jana Barthel, Musik und Sounddesign: Bernhard Range, Dramaturgie: Kathi Loch.
Mit: Patrick Borck, Manuel de la Peza, Julian Trostorf, Annemie Twardawa, Ulrich Wenzke.

www.tjg-dresden.de

 

Mehr zu Konstantin Küsperts Stück: mensch maschine wurde im September 2013 in Regensburg uraufgeführt. Und Christian Rakow stelle das Stück auf dem nachtkritik-Festivalportal des Heidelberger Stückemarkts 2013 vor.


Kritikenrundschau

Einen "Beifallssturm" hätte der Abend "auf weiten Strecken" verdient, findet Sebastian Thiele von der Sächsischen Zeitung (8.12.2014). Von Anfang an stehe "der Jux im Vordergrund" und von "Schauspielern zelebrierte Retro-Fantasien treffen auf witziges Objekttheater“. Von leuchtenden Regieideen und Bühneneinfällen rund um die Computersimulation des neuen Bewusstseins ist die Rede.

Andreas Herrmann von den Dresdner Neuesten Nachrichten (8.12.2014) lobt den Abend in Roscha Säidows "sehr dynamischer Regie", erkennt philosophische Diskussionen im Anschluss an den "Konstruktivismus-Turn" darin, und auch "Descartes und seinen Skeptizismusjüngern“ dürften einige der Ideen "gefallen", so der Kritiker. In Fragen, wie denn der Körper nun genau ferngesteuert werde, wünscht er Küsperts Werk "mehr fiktionale Finesse".

 
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