Jenseits der Tortenschräge

von Dirk Pilz

Hamburg, 12. Dezember 2014. Das hatten wir noch nicht: Martin Wuttke als Dirigent. Macht er schön. Baut sich im feinen Schwarzen plus hübscher Fliege auf, fingert in der Luft herum, wedelt mit den Armen und schaut gebührend ernst.

Und wer es ordentlich kompliziert will, bitteschön: Statt eines Orchesters dirigiert er uns Zuschauern zu, die wir auf der Leinwand vor Wuttke zu sehen sind, aber nicht spielen, sondern nur schauen. Die Kamera blickt einem Mann ins Gesicht, der ohne Musiker versucht, Dirigent zu sein, was ihn zu einer Figur macht, die das handgreiflich Reale und die mediale Wirklichkeit aufs trefflichste verwechselt. Die Zuschauer wiederum sind Leinwanddarsteller wider Willen, die von ihrem Dirigenten nicht erreicht werden, aber dennoch zu Mit-Machern in dieser Verwechslungsetüde werden.

roccodarsow 560 thomasaurin uTorte, Treppe, Theorie & Totenkopf: Janina Audicks Bühne für Polleschs jüngste
postdramatische Etüde.  © Thomas Aurin

Für Freunde von Theorielockenwickelei, für Besucher theaterwissenschaftlicher Proseminare und Liebhaber philosophischer Jonglierkünste bietet der Abend reichlich Kost. René Pollesch, der Urheber dieser gut einstündigen Post-Theater-Facharbeit im Malersaal des Schauspielhauses Hamburg, weiß seine Jünger gewiss zu befrieden und mit Arbeit zu versehen: Es gibt wieder allerlei hintergründige Bezüge zu enträtseln, Zitate und Anspielungen zu enthüllen, ohne dass je das Pollesch-Puzzle gänzlich aufzulösen wäre, was den Spaßfaktor dieser Veranstaltung deutlich erhöht.

Die Wahrheit denken

Es finden sich zudem genügend Gelegenheiten, der eigenen Daseinszersplitterung und dauernden Identitätsüberforderung versichert zu werden. Pollesch weiß immer die Theater-Uralttechnik zu bedienen, mit der dem Zuschauer über die Umwege des Herbeizitierens und Drübertheoretisierens die roten Teppiche des Wiedererkennens eigener Nöte und Freuden ausgerollt werden. Eigentlich.

Seit einiger Zeit nämlich wird im Pollesch-Werk ein selbstzweiflerischer Zug vernehmbar, deutlich zuletzt bei House for Sale im vergangenen September an der Berliner Volksbühne. In Hamburg ist es jetzt gar, als traue sich dieses Theater selbst nicht mehr über den Weg, als wolle es weg vom ewigen Bespiegeln vorgeblicher Kompliziertheiten, suche es, was es sich lange verboten hat überhaupt zu denken: Wahrheit.

"Rocco Darsow" heißt dieser Wahrheitsannäherungsversuch. Außen herum geht es um ein Tonstudio in einem Betonkomplex, in dem eine japanische Schlagersängerin auftaucht, die ins Studio ihr Bühnenbild mitbringt, also um das hübsche Paradox, dass sie dort etwas zeigen will, wo es nur ums Hören geht. Ein Kitsch-Song spielt hier eine Rolle ("Sweet Memories"), der natürlich von Sachiko Hara auch gesungen wird, ein Totenkopf, der sich in der Mitte einer Geburtstags- oder Hochzeitstorte als schwarzer Riesenkoloss auf der Bühne dreht und das Tonstudio ist. Innen herum aber erzählt dieser Abend von der Liebe. Ja, der Liebe. "Das ist wirklich das, was einen vom Hocker haut."

Der No-Way-Bühnensatz

Also springt Martin Wuttke die Tortenschräge hinauf und ruft: "Das kannst du doch nicht machen, du kannst mir doch nicht einfach so deine Liebe gestehen." Denn dann ist ja da "diese Realität, der man sich nicht entziehen kann", und die Liebessache wird zum Alien: "Das kriecht in mich hinein, und plötzlich ist der Körper ganz besessen", was für Martin Wuttke bedeutet, so zu sprechen, als werde jede Silbe von einer Horde scharfer Hunde gehetzt, immer kurz davor, dass sie die Silbenfersen zu erwischen bekommen. Und Bettina Stucky schaut ihn verschmitzt an, als wären es ihre eigenen Sätze, was wiederum Christoph Luser Anlass ist, zu verlautbaren, was hier alle denken: "Die Tatsache, geliebt zu werden, ist nun mal eine zutiefst traumatische Erfahrung." Sie sagen sehr oft diesen No-Way-Bühnensatz "Ich liebe dich", fallen übereinander her, tun entgeistert, küssen sich und schlügen sich am liebsten.

So ist das jetzt also bei Pollesch: Man hockt beisammen, redet, raucht, küsst, lässt sich filmen dabei, rennt aus dem Totenkopf auf die Live-Bühnen-Welt hinaus und ins Ton-Film-Studio zurück, immer getrieben von den Angriffen der Liebe, die Attacken auf die heiligen Bezirke der Selbstbestimmung und Freiheit sind.

Es werden dabei Gedanken versucht, die dem Kirchenvater Augustinus gefallen hätten: dass wir durch etwas gegründet werden, das wir uns nicht selbst schenken können zum Beispiel. Dass die Liebe ein Einbruch ist, die Wahrheit eine Zumutung. Ja, es werden Begriffe ins Pollesch-Reich eingelassen und keineswegs lediglich ironisch eingeseift, sondern offenkundig ganz und gar als ernste Sehnsüchte hingestellt, die es bislang allenfalls als Problemanzeiger gab: Liebe, Wahrheit, auch Unsterblichkeit. Selbst von Substanz ist die Rede, kurz davor, dass sie von Wesen und Seele sprechen.

Doch dann: die furchtbare Realität

Was sonst im Zentrum dieses Theaters hockt, ist diesmal Girlande: die theaterselbstbespiegelnden Schleifen, die kalauernden Wortvertauschungen, die Theorie-und-Welt-Verwechslungen. Und ja, sie beklagen wirklich: "Man kann das Einfachste nicht sagen." Fast könnte man meinen, diese Figuren litten unter wirklichen Verzweiflungen, spürten wahre Nöte.

Es ist also, als probiere dieser suchende, unsichere Abend etwas, das für den Pollesch-Kosmos eine Unerhörtheit ist: einfache Wahrheiten zu sagen. Die einfache Wahrheit zum Beispiel, dass Liebe umstürzlerische Kraft hat. Als ob die Furcht vor einfachen Sätzen Eingeständnissen an die Sehnsucht nach Liebe, Wahrheit, Substanz gewichen sei, einem Verlangen nach Realität, dem man sich nicht entziehen kann. "Ich weiß auch nicht wieso" redet Wuttke in die Kamera: "Oh, doch, ich weiß es ... Es ist das zweite Gesetz der Thermodynamik: Früher oder später wird alles zu Scheiße."

Dass eine Inszenierung mit derlei Einsichten, die Bekenntnissen gleichkommen, ständig über die eigenen Beine stolpert, weder rund noch eingängig ist, dass die Szenen klappern und die Schauspieler selbst davon überrascht sind, was sie da allen Ernstes reden und spielen – wen wundert's.

 

Rocco Darsow
von René Pollesch
Uraufführung
Regie: René Pollesch, Bühne und Kostüm: Janina Audick, Video: Ute Schall, Dramaturgie: Sybille Meier.
Mit: Sachiko Hara, Christoph Luser, Bettina Stucky, Martin Wuttke.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Stefan Grund schreibt in der Tageszeitung Die Welt (13.12.2014) eine "Liebeserklärung" an das "bezaubernde Avantgardestück": "Schöner, umfassender, verwirrender und verworrener, verzweifelter und verzwickter ist die Erklärung des menschlichen und allzumenschlichen Urknalls namens Liebe seit Shakespeare selten auf die Bühne geworfen worden und gegenwärtig kaum denkbar." Es pfeife in den Ohren und vor den Augen, so virtuos orgele Pollesch auf "seinen inszenatorischen Mitteln herum". Der Abend sei "irrsinnig komisch", Wuttkes "geniales Spiel" fände sein Pendant im "souveränen Vortrag von Stucky", im "hart akzentuierten Deutsch der darstellerisch absolut schmerzfreien" Hara und im "nervösen Zucken" von Luser.

Heinrich Oehmsen schreibt auf der Website des Hamburger Abendblattes (15.12.2014): Schon mit den ersten Sätzen seien die Zuschauer "mitten drin in René Polleschs absurder Welt". Weite Teile des Stücks spielten im Inneren des "Terminator-Kopfes", der das Bühnenbild dominiere. Dialoge und Großaufnahmen der unsichtbaren Schauspieler würden auf eine Leinwand übertragen. Die Schauspieler kämen vom Hundertsten ins Tausendste und lieferten bei ihren "philosophischen Gedankenspielen" manch komische Pointe. Es mache "sehr viel Spaß, den Schauspielern zuzusehen und zuzuhören".

"Alles sehr spaßig, kurzweilig und unrasiert", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (16.12.2014). "Aber auch so austauschbar, dass man, sähe man dieselbe Sache in einem anderen Bühnenbild, vermutlich genauso schmunzelnd abschaltet, bevor nach einer Stunde nicht etwa zur Pause, sondern zum Applaus gebeten wird."

"Dieser Abend hat wie so viele Pollesch-Abende das Zeug zum Kult", schreibt Frauke Hartmann in der Frankfurter Rundschau (16.12.2014). Wie so häufig in seinen jüngeren Werken gehe es René Pollesch um die Liebe, unter anderem. "Aber nicht um die enttäuschte, fehlgeleitete oder beendete (…), sondern um das, was der Satz 'Ich liebe dich' beim Angesprochenen auslöst." Und wie jedes Pollesch-Stück sei auch dieses wieder ein Experiment mit der Belastbarkeit von Schauspielern, die noch am Premierenabend neuen Text bekommen hätten. Am Ende bleibe Pollesch, "was er immer war: ein sich selbst befragender Romantiker".

 

 
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