Salafistenhass im Plattenbau

von Tobias Prüwer

Dresden, 13. Dezember 2014. Wenn in Dresden montäglich "gegen die Islamisierung des Abendlandes" (PEGIDA) demonstriert und im nahen Großröhrsdorf ein Überfall durch Migranten erfunden wird, erübrigt sich die Frage, was Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher" auf dem Spielplan des Dresdner Staatsschauspiels zu suchen hat. Das undramatische Drama ist eine schnelle Aneinanderreihung von sozialem Elend und Kleinkonflikten: Marie arbeitet in Laden und drückt Geld an ihren kleinkriminellen Stecher Erich ab. Der träumt vom großen Deal, den er zusammen mit Paul landen will, der gerade dabei scheitert, seine schwangere Freundin zu verlassen. Geld für Sex nimmt Rosy, während sie von einer Fernsehkarriere träumt. Peter liegt Kleinunternehmerin Elisabeth auf der Tasche, die ihn drangsaliert, ist aber wie alle anderen mit der Gesamtsituation unzufrieden, ohne etwas ändern zu wollen. Gewalt und Seitensprünge gehören zum Alltag, der ansonsten vor allem durch Nichts geprägt ist.

katzelmacher 560 matthiashorn uBewegter Stillstand vorm Geländer © Matthias HornAls der griechische Arbeitsmigrant Jorgos bei Elisabeth einzieht, ist die Ordnung gestört, fast alle haben ihn auf dem Kieker. Nur Marie hängt sich verliebt an ihn, der sie mit ans Mittelmeer nehmen will – dass er dort Frau und Kinder hat, will ihren romantischen Traum nicht stören. Eine erfundene Vergewaltigung, verletzte männliche Eitelkeiten und eine Prügelei später, liegt Jorgos kurz am Boden. Um sich dann wieder irgendwie in die feste Gemeinschaft einzufügen, deren sieches Leben weiter dahinzieht.

Übergroß im Zoom

Robert Lehniger holt die Geschichte vom Sechziger-Jahre-München ins Dresden der Gegenwart. Durchweg Laien geben das Schaulaufen der zerrütteten Existenzen in wenigen knappen Spielszenen und oft kürzesten Dialog-Sequenzen, in denen nicht viele Worte fallen. "Wie geht's". "S'läuft." "Mir geht's auch gut." Dabei treten sie beständig von der Bühne auf wie ab und positionieren sich permanent neu im leeren Raum (Choreografie: Emmanuel Obeya), durch den sich einzig ein Geländer zieht – eine Verneigung vor der Verfilmung, die ein Jahr nach der Uraufführung 1968 zu Fassbinders Durchbruch wurde.

Hinter dieser Absperrung hängt eine Leinwand, auf die Dresdner Örtlichkeiten projiziert sind und so verschiedene Handlungsorte erscheinen lässt: Parkbank, Tischtennisplatte, Kneipe, Büdchen, Graffiti-Wände. Und immer wieder erscheint ein Plattenbau als gemeinsame Wohnstatt, in dessen Fenster wechselnde Protagonisten zu sehen sind. Hier werden auch private Einblicke gewährt. Als Voyeur sieht man beim Zubettgehen und Kuhhandel, häuslicher Gewalt und dem gegenseitigen Anöden beim Abendbrot mit Spreewaldgürkchen zu. Die Bilder und Szenen gewinnen dadurch Wucht, dass die Protagonisten übergroß im Zoom erscheinen, der Zuschauer hautnah dabei ist bei intimen Situationen – Pickel inklusive.

Hoffnungslosigkeit und seelische Verödung

Die Projektionen geben das Tempo vor, denn dort treten auch die Figuren in Spielszenen auf und führen mitunter Dialoge mit einem Spieler auf der Bühne. Dieses Wechselspiel funktioniert, weil das Timing stimmt und dem genauen Spiel augenscheinlich ein längerer Probenprozess zugrunde liegt. Kein Hänger nirgends, nicht ein Wackler: ein uneingeschränktes Lob an die Darsteller! In Fassbinders bleischweres Stück huscht so Bewegung hinein, ohne ihm die drückende Atmosphäre zu nehmen.

Durch diesen ständigen Wechsel, wird die Lähmung der Figuren nicht aufgehoben, sondern verstärkt. Hoffnungslosigkeit und seelische Verödung sprechen aus den blutleeren Gesichtern aller Darsteller. Fassbinders Kunstbayrisch, in das sich hier manchmal eine Spur Sächsisch hineinmogelt, wird angenehm gebrochen durch das Laienspiel. Den gestelzten Dialogungetümen mit ihrer doppelten Verneinung und komischen Melodie stellt das handwerklich nicht eingeschliffene Agieren ein Komplementär hinzu. Die Schauspieler verfallen weder in den häufigen Laienfehler, besonders gut artikuliert und mit überzogener Mimik aufzutreten, noch sollen sie hier als Ausweis von irgendetwas Authentischem dienen, indem sie sich selbst spielen.

katzelmacher 560a matthiashorn uRené Kost (Erich), Sandra Ramm (Elisabeth), Guido Droth (Peter), Maria Helen Körner (Rosy) – Tristesse vor und hinter der Plattenbaufassade © Matthias Horn

Aktualisierungen braucht es vor dieser Folie nicht. Auch auf das Wort "Salafisten" hätte man verzichten können, zumal diese einzige Sprachneuerung nicht zum Störfaktor wird. Allerdings ist das Meckern auf hohem Niveau. Lehnigers behutsamer und doch eigenständiger Zugriff überzeugt – und verlängert so die Erfolgsspur, die Dresden zuletzt mit Faust und mein deutsches deutsches Land beschritten hat.

 

Katzelmacher
von Rainer Werner Fassbinder, erzählt von jungen Dresdnerinnen und Dresdnern
Regie, Video und Raum: Robert Lehniger, Kostüm: Irene Ip, Choreografie: Emmanuel Obeya, Licht: Andreas Rösler, Dramaturgie: Janine Ortiz.
Mit: René Kost, Milena Müller, Alexey Poznyakovskiy, Hannah Breitenstein, Guido Droth, Sandra Ramm, Marvin Neidhardt, Maria Helen Körner, Teresa Lippold, Mario Pannach, Gastauftritt Video: Philipp Lux, Yohanna Schwertfeger.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

 

Kritikenrundschau

Tomas Petzold schreibt in den Dresdner Neuesten Nachrichten (15.12.2014), die "Kulissen" entstünden fast ausschließlich "per Video", ein Straßengeländer im Realraum ergänze das Bild und diene als Schiene für Live-Kamerafahrten. So verkoppele Lehniger die oftmals "sehr getreu" adaptierten Filmszenen mit den sparsamen, "spröden" Spielszenen. Die LaienschauspielerInnen hätten es auf der Szene zunächst schwer, sich gegen die "Sinnlichkeit und Intensität" ihrer Abbilder spielerisch zu behaupten. Das gelinge mit der Zeit jedoch immer besser, die wenigen Aktualisierungen wirkten "kurios". Wenn es darum gehe, "die im Menschen wirkenden Urängste und instinktiven Reflexe zu zivilisieren", könne diese "insgesamt gar nicht amateur- oder laienhafte Aufführung ein wertvoller Beitrag sein".

Rafael Barth schreibt in der Sächsischen Zeitung (15.12.2014): Fassbinders Volksstück entlarve eine "hohle Gemeinschaft", in der jeder auf "den eigenen Vorteil bedacht" sei. "Ein Befund, der nicht verjährt." Es sei keineswegs leicht die "handlungsarme Geschichte" und die "sperrigen Sätze" auf der Bühne "mit Leben zu füllen". Die Verdopplung des Spiels durch Filmbilder verursache ein "starkes Befremden", weil junge Menschen von heute sich in eine "abstoßende Versuchsanordnung der Vergangenheit" einfühlten. Das Stück ließe sich zwar "stärker in Richtung Fremdenfeindlichkeit aktualisieren", so aber betone die "gelungene Inszenierung" die "Zeitlosigkeit charakterlicher Abgründe".

In der taz (15.12.2014) schreibt Michael Bartsch, das Vorhaben der Bürgerbühne, "Katzelmacher" auszugraben, gehe weiter zurück als die islamophoben "Pegida"-Demonstrationen, dürfe aber getrost in diesen Zusammenhang gestellt werden. Doch wer bei "Katzelmacher" einen "aktuellen Mehrwert" erwartet habe, sei "herb enttäuscht" worden. Darsteller und Regisseur hielten sich ganz eng an das filmische Vorbild. Ein Remake auf dem Theater ohne "sonderliche Inspiration". Viel mehr als einen "Erinnerungseffekt" an den Film löse diese Inszenierung nicht aus. Die Laienschauspieler könnten die "hinterhältige Spannung, die latente Gehässigkeit hinter der zur Schau gestellten spießigen Fassade" nicht aufbauen. Die Kunst bestünde doch darin, (von den 60er Jahren bis heute) Gültiges neu zu formulieren. "Ein bisschen schade um das Engagement dieser jungen Bürgerbühnengruppe."

 

 
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