Handynummer ins Jenseits

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 20. Dezember 2014."Ich habe gesehen, habe gehört, wie die Stimme des Vogels untergeht." So Friederike Mayröcker bald nach dem Tod jenes Menschen, der für sie fast ein halbes Jahrhundert lang Lebensmensch war. Das "Requiem für Ernst Jandl" ist der Totengesang auf den Gefährten. "Wenn deine Seele blutet … wie solltest du da nicht Worte finden …"

Und was für Worte hat sich die Mayröcker damals abgerungen! Jeder Satz eigentlich Musik, auch wenn sie selbst liest, mit ihrer wienerisch gefärbten, im Timbre vielleicht monotonen, aber eben in der Artikulation präzisen und darob so ganz und gar nicht eintönigen Stimme. Diese Stimme ist auf der Bühne. Nicht die Mayröcker. Sie hat den Text aufgenommen, Teile daraus werden eingespielt, während ein Musikergrüppchen um den Pianisten und Komponisten Lesch Schmidt für eine jazzige Soundkulisse sorgt.

Bilder eines Lebens

Mit von der Partie: Dagmar Manzel. Die Berlinerin bringt eine ganz andere Farbe ein in einen Abend, den Hermann Beil vielleicht etwas zu optimistisch "Ein Szenisches Melodram" untertitelt hat. Von Szene ist nicht viel zu bemerken. Die Sache firmiert als Uraufführung (der im Akademietheater unmittelbar keine Wiederholungen folgen) – und natürlich als Geburtstagsfest für Friederike Mayröcker. Die Doyenne österreichischer Lyrik wurde am Samstag (20.12.) neunzig Jahre alt.

Wie also sieht die Szene aus? Das Wesentliche ist die große Leinwand, auf der immer wiederkehrend vier Fotos des Lyriker-Paares projiziert werden. Bilder aus verschiedenen Lebensphasen. Klein kommen sie daher, man zoomt hinein, oft auf Jandl mit seinen immer schon anachronistisch anmutenden Hornbrillen, gelegentlich auch auf Mayröcker. Es geht in dem Text ja auch wesenhaft um sie selbst, um ihre Er-Lösung. "Daß man weiter mit diesem Herz- und Liebesgefährten sprechen kann … und vermutlich die Antworten erwarten darf…", sagt sie einmal. Wie vehement musste sie sich mit seinem Sterben auf sich selbst zurückgeworfen fühlen! "Auf welcher Handynummer wirst Du dann erreichbar sein, wenn es so weit ist?"

Kammermusikalisch interpretiert

Besonders prägt sich jenes Foto ein, in dem die beiden nebeneinander sitzen, unverwandt in die Kamera blicken und die Hände wie Vorzugsschüler nebeneinander auf die Oberschenkel gelegt haben. Ahnt man da die Vertrautheit, das Aufeinander-bezogen-Sein des Lyriker-Paares? Bei aller Nähe haben sie nie eine gemeinsame literarische Arbeit in Angriff genommen, wahrscheinlich nicht mal entfernt angedacht.

RequiemJandl1 560 ReinhardWerner uEin Paar von fünfzig Jahren: "Requiem für Ernst Jandl" in Wien © Reinhard Werner

Wie viel stärker wirkt jedenfalls ein solches Bild im Gegensatz zur Musik, einer Auftragskomposition von Lesch Schmidt. Oft grummelt, nein, wabert dieser kammermusikalische Jazz, unter Mayröckers Stimme gelegt, dahin. Das hilft dem Text keineswegs weiter, erschwert nur die Wahrnehmung der Zwischentöne. Da sehnt man immer wieder den Knopf auf der Fernbedienung herbei, mit dem man das musikalische Drumherum leiser drehen könnte. Wenn Schmidt abwinkt, empfindet man das jedenfalls als wohltuend und kann sich endlich aufs Gelesene konzentrieren.

Andante crescendo

Die Musik schiebt dem Text allzu Unverbindliches unter. Da erinnert sich die Mayröcker des "Rauschens der Stille" (kann das wirklich Anlass für ein Crescendo sein?), an ein gemeinsames Sitzen am Ufer mit Jandl, "mäandernd und händehaltend", "zuweilen reißend, hinreißend". Ja eben: nicht plätschernd. Die jazzigen Vokabel und Klangfarben sacken gegenüber Mayröckers Wort-Dichte ab. Vielleicht ist der Jazz als von formelhaften Wendungen ausgehender Musikstil per se grundfalsch, um mit Mayröckers Dichtkunst in Dialog zu treten.

Anders sieht es aus, wenn die Musik für kurze Zeit für sich alleine steht – da wird man doch einiger Originalitäten gewahr, vor allem in der Instrumentation, wenn der Bassist kurz mal zur Tuba wechselt oder der Saxophonist zur Flöte greift und mit dem Geiger lebefrisch dialogisiert. Immer etwas unbelichtet: der hinter Plexiglaswänden akustisch gedimmte Schlagzeuger.

Gewöhnungsbedürftig

Und noch einmal anders ist es, wenn in diese Kammermusik Dagmar Manzel einbezogen wird: Einige Male nimmt sie summend quasi eine weitere Instrumentalfärbung wahr, in einigen interpolierten Musik-Szenen wird aber Mayröcker-Text direkt aufgegriffen. Die Singstimme bleibt bei ihrem Rhythmus, wird nicht in Melodie-Perioden gezwungen. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber endlich text-adäquat sperrig (weil die Musik ja sonst meist flusig weichzeichnet). Dagmar Manzel setzt das präzis und kernig um, als spannenden Kontrast zum manchmal doch leicht klagenden Lese-Tonfall der Mayröcker. Am eindrucksvollsten wirkt es, wenn gleiche Passagen aus dem "Requiem für Ernst Jandl" quasi aus unterschiedlicher Perspektive beleuchtet werden. Schade, dass das immer nur Episode bleibt.

Durchaus verhaltener Beifall für die Musiker, aber natürlich Standing Ovations für die neunzigjährige Literatin. Die Umwandlung ihres "Requiems für Ernst Jandl" zum "Szenischen Melodram" hat sie zu dem Anlass wirklich nicht verdient.
 

Requiem für Ernst Jandl
von Friederike Mayröcker
Komposition: Lesch Schmidt, Einrichtung: Hermann Beil
Mit: Dagmar Manzel. Musiker: Dirko Juchem, Alexander Rindberger, Lesch Schmidt, Nikolai Turkowitsch, Manni von Bohr.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.burgtheater.at

 


Kritikenrundschau

Ausgiebig berichtet Martin Lohtzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.12.2014) vom "Beifallssturm für die große alte Dame der österreichischen Literatur" Friederike Mayröcker nach Aufführungsende. Über die Inszenierung hat er weniger Herzerwärmendes zu vermelden. "Der beschwingte Vortrag von Dagmar Manzel trug dazu bei, dass der Abend nicht allzu sehr im Pathos versinken wollte. Ein bisschen kokettiert die Jubilarin ja stets mit solchen überhöhten Gefühlen einerseits und depressiven Verstimmungen andererseits. Man könnte meinen, bei einer Aufführungsdauer von weniger als siebzig Minuten bliebe dafür gar kein Platz. Und dennoch schwebte diese Gefahr beständig über dem Auditorium."

"In der Akademietheater-Produktion ist jeder Teil – Musik, Wort – für sich genommen recht perfekt, aber weder stellt sich die Aura sonstiger Begegnungen mit Mayröckers tiefer, rauer Märchenerzählerstimmer ein, noch kann sich die suggestive Intimität des Textes richtig entfalten", so schreibt Barbara Petsch in der Presse (22.12.2014).

Die Kompositionen dieses Abends seien ein "höflicher Kompromiss" zwischen Jandl und Mayröcker dar, schreibt Hans Haider in der Wiener Zeitung (22.12.2014). "Der Jazzenthusiast Jandl hätte mit dem fünfköpfigen Ensemble, der Tonsetzer dirigierend am Klavier, seine helle Vorfreude gehabt. Aber er gierte nach radikaler Schärfe und Lautstärke – während seine Muse, man muss sie ja nur lesen hören, alles Laute hasst." Regisseur Hermann Beil "braute" diesen "Medienmix" in der Koproduktion des Burgtheaters mit dem Berliner Ensemble "mit feinem Händchen".

 

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