Warum Romane auf der Bühne so attraktiv sind

9. Januar 2015. Auf der Website des Börsenblatts des Deutschen Buchhandels (8.1.2015) schreibt Nils Kahlefendt über Romanadaptionen auf den Bühnen. Laut Suhrkamp-Theaterverleger Frank Kroll gebe es sowohl inhaltliche als auch ökonomische Ursachen für den anhaltenden Prosa-Verbühnisierungs-Trend. Wenn Prosawerke des Kanons aufgeführt würden, so Kroll, werde das Publikum "gewissermaßen bei den eigenen Lese-Erfahrungen abgeholt." Adaptionen, "die wie Uraufführungen vermarktet werden können, das Groß-Feuilleton anziehen oder gar als Oberstufen-Lehrstoff durchgehen, sind verlockende Angebote für große Bühnen mit 200 bis über 1 000 Plätzen – und entsprechend hohem Auslastungsrisiko", schreibt Kahlefendt. Hinzukomme, dass die "Dämme um die klassische Dramenstruktur (...) längst gebrochen" seien, sich Regie-Zugriffe und Spielweisen enorm ausdifferenziert hätten. Kroll sehe diese erfreuliche Theaterformen-Erweiterung aber "vor dem Hintergrund einer strukturellen Entwicklung, die man 'auch als Krise beschreiben' könnte".

John von Düffel, Autor, Dramaturg und einer der prominentesten Dramatisierer, stellt gegenüber Kahlefendt klar, dass ein Roman auf der Bühne "keine Readers-Digest-Version in Bildern" sei. Eine Theatralisierung bedeute "den Sprung in eine andere Kunstwirklichkeit", ihr Zweck könne nicht sein, "das Lese-Erlebnis zu ersetzen". Stattdessen lautet für von Düffel bei jedem aufgeführten Theaterstück die Frage: "Was geht es uns jetzt an?" Potsdams Intendant Tobias Wellemeyer findet inhaltliche Kraft und zeitgenössische Relevanz bisweilen gar öfter im "Tatort" als auf dem Theater. Allerdings seien junge Autoren hierzulande in den letzten 20 Jahren auch nicht gerade er-mutigt worden, sich an originär szenischer Literatur zu versuchen. "Sie haben entlang neuer Theaterformen 'Textflächen' oder 'lyrische Fragmente' produziert, statt sich mit der Entwicklung von Stoffen, Figuren, Situationen zu befassen." Auch wenn die Anzahl neuer Stücke gestiegen wäre, würden diese nur selten nachgespielt. "Die Folge: Viele Talente seien, weniger aus Geldgründen als der größeren Akzeptanz wegen, zum Film abgewandert."

Der Dramatiker Moritz Rinke schimpft: "Wenn ein Fußballverein bei der Auswahl seiner Spieler so vorgehen würde wie manche Theater, dann würde er fünf Handballer, drei Biathleten und noch ein paar Ruderer und Gewichtheber verpflichten – und am Ende absteigen." Diese Polemik verkenne, so Kahlefendt, "dass das Theater schon immer ein Anverwandlungsort" gewesen sei. Entscheide sich allerdings ein Theater für eine Dramatisierung, sei die Fassung "auf Werktreue hin zu überprüfen" und das Ganze "mit den Urheberberechtigten" abzustimmen. "In 90 Prozent der Fälle läuft das unproblematisch", wird Kroll zitiert, "man lässt den Theaterleuten freie Hand." Auch die Romanautoren stünden dem Ganzen meist positiv gegenüber, der Werbeeffekt für das Buch sei nicht zu unterschätzen. Lutz Seiler jedenfalls, dessen Roman "Kruso" in der nächsten Saison mehrfach aufgeführt werden soll, sagte zu Kroll: "Wenn aus einer Dramatisierung auch noch Kunst entsteht, schadet es nicht."

(ape)

 
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