"Hallo, mein Käferchen!"

von Falk Schreiber

Hamburg, 10. Januar 2015. "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren (sic) Ungeziefer verwandelt", so lautet der berühmte erste Satz in Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung". Aber wo lebt solch ein Ungeziefer?

ungeziefer1 560 thomasaurin uHier lebt das Ungeziefer.... © Thomas Aurin

In der Kanalisation, im U-Bahn-Tunnel. Voilà, das Bühnenbild für Viktor Bodós Kafka-Dramatisierung "Ich, das Ungeziefer" am Hamburger Schauspielhaus: ein rostiger, feuchter Schacht, der sich in den Publikumsraum des Malersaals hinein verlängert und den ohnehin beengten Platz noch mehr einschränkt. Juli Balázs' Bühne wird so zur mit den Darstellern gleichberechtigten Akteurin, die dem Zuschauer gehörig auf die Pelle rückt, stärker noch als die teils extrem physisch agierenden Schauspieler. Mit anderen Worten: Die Ausstattung geht schonmal als berührend durch.

Kafkas Bilderverbot

Der ungarische Regisseur Bodó hat sich (gemeinsam mit dem Dramatiker Péter Kárpáti) zum Theaterspezialisten für den Prosaschriftsteller Kafka entwickelt. Er inszenierte schon (teilweise mit dem gleichen Team, zu dem neben Autor Kárpáti und Ausstatterin Balázs auch der Komponist Klaus von Heydenaber und die Dramaturgin Anna Veress gehören) "Das Schloss", Amerika und "Der Prozess". All diese Vorlagen lassen sich verhältnismäßig leicht in eine Bühnenform bringen. "Die Verwandlung" aber schreit kaum nach dem Theater. Ein Handelsreisender wird zum Ungeziefer, seine Familie reagiert zunächst mit Ekel, dann ignoriert sie ihn. Schließlich entscheidet sie, dass der unproduktive Kostgänger weg muss. Fertig. Dazu kommt Kafkas Bitte, bei einer Illustration der Erzählung den verwandelten Protagonisten nicht zu zeigen – "Die Verwandlung" soll keine Monstergeschichte sein.

Bodó immerhin verzichtet auf die naheliegende Idee, Kafkas Wunsch zu ignorieren: Gregor Samsa (Carlo Ljubek) wird nicht verwandelt. Vielfüßig ist das Ungeziefer aber dennoch: Ljubek sitzt im Publikum und gibt von dort aus Knarzlaute von sich. Aber wenn der Verwandelte angesprochen wird, wird immer das Publikum als Ganzes angesprochen – und einmal auch vom Tierarzt (Andreas Grötzinger) untersucht. Was eine kluge Lösung für Kafkas Bilderverbot ist, die Inszenierung aber gleichzeitig weit in Richtung Spaßtheater verschiebt:

ungeziefer3 560 thomasaurin uZu Hilfe, das Kind ist plötzlich ein Käfer!   © Thomas Aurin

Immer wieder wird das Publikum angespielt, wird durch die engen Sitzreihen geklettert, werden Zuschauer aufgefordert, die Hose zu öffnen ... Und so ist es schon ein Innehalten dieses hochtourigen Theaters, wenn die Figuren sich mal zurückziehen in ihren Ungeziefertunnel, wenn sich die Inszenierung auffächert in kurze Kabinettstückchen. Groteske, Boulevard, Revue, derb sexualisiertes Schattentheater gibt es zu sehen – was dann zwar mehr an Daniil Charms erinnert als an Kafka, aber warum nicht? Der Abend funktioniert ja, als so lautes wie lustiges Bildertheater, das inhaltliche Unstimmigkeiten einfach wegbügelt: Ja, es gibt Furzwitze, ja, es wird Scheiße gefressen und Shit geraucht, ja, es fliegt eine Klopapierrolle ins Publikum (und trifft den Kollegen Hellmuth Karasek am Kopf, was hammwa jelacht).

Erfolgreiche Entwesung

Das passt alles, auch die Idee, Kafka konsequent als Komödie zu lesen, ist zunächst einmal originell (wenn auch laut Kárpáti für Osteuropäer typisch). Nur: Einen echten Zugang zur "Verwandlung" bietet die Inszenierung nicht. Am ehesten wiederholt der (mit vielen Fremdtexten angereicherte) Abend die psychoanalytische Interpretation, Kafka habe hier einen Vaterkomplex dargestellt. Wogegen nichts zu sagen wäre. Doch kann man sich bei fortschreitender Spieldauer nicht des Eindrucks erwehren, dass Bodó hier einen unglaublichen szenischen Aufwand betreibt, um zu einem Ergebnis zu kommen, das bei Licht betrachtet recht trivial ist.

Nur einmal blitzt eine eigene Position zur Vorlage auf: "Hallo, mein Käferchen!" haucht Samsas Geliebte (Karoline Bär) in einer (nicht ohne Klischee gespielten) Ungeziefer-Mensch-Sodomie-Szene. "Bist du jetzt zufrieden?" Das wäre die Frage: Ist Samsa womöglich zufrieden als Ungeziefer? Zufriedener, im Vergleich zu seinem Dasein als Angestellter, eingesperrt zwischen entfremdeter Arbeitswelt (Gabor Biedermann gibt einen hübsch aasigen Prokuristen) und liebloser Familie (Samuel Weiss, Ute Hannig und Gala Winter mit Lust an der Charge)? Eine spannende Frage, eigentlich. Aber Bodó dreht lieber noch mal richtig auf, häuft Gag auf Gag, und dann kommt auch schon der Kammerjäger (Aljoscha Stadelmann), mit Empfehlungsschreiben Lars von Triers, der sich für erfolgreiche "Entwesung" bedankt, und räuchert das Ungeziefer aus. Nur zur Erinnerung: Das Ungeziefer, das sind wir.

 

Ich, das Ungeziefer
nach Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung"
von Péter Kárpáti, Deutsch von Sandra Rétháti
Regie: Viktor Bodó, Ausstattung: Juli Balázs, Musik: Klaus von Heydenaber, Licht: Andreas Juchheim, Sounddesign: Gabor Keresztes, Dramaturgie: Sybille Meier, Anna Veress.
Mit: Karoline Bär, Gábor Biedermann, Andreas Grötzinger, Ute Hannig, Carlo Ljubek, Aljoscha Stadelmann, Samuel Weiss, Gala Winter.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 


Kritikenrundschau

Bodó gelinge "ein rasanter, bitterböser Abend, der manchmal wirkt, wie Kafka auf Speed", sagt Katja Weise im NDR (11.1.2015). Das Stück biete "eine bitterböse Gesellschaftssatire, eine vielschichtige Parabel, an deren Ende das Ungeziefer ausgelöscht wird. Anders als bei Kafka. Doch Bodós Kafka-Trip besticht durch die enorme Spielfreude der Schauspieler, wahrlich kafkaesk und überaus erlebenswert."

"Wahnsinn!", ruft Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt (12.1.2015) am Schluss ihres Textes begeistert aus. Denn Bodó sei "spektakulärer, bildmächtiger, komischer, durch und durch von kafkaesken Assoziationen gestalteter Abend" gelungen. Die Kritikerin schwärmt von einer Inszenierung mit "großem szenischen Aufwand, mit Slapstickeinlagen, surrealistischen Bildern, Anleihen bei Freud, dem Expressionismus, Lars von Trier und Motiven aus Kafkas Welt." Kurzum: "So eine anregende, erfrischende und wirklich 'andere' Aufführung hat man lange nicht mehr im Theater gesehen."

 

 
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