Heiland im blassrosa Unterrock

von Charles Linsmayer

Zürich, 10. Januar 2015.1935 entstanden, aber erst 1957 in Krakau uraufgeführt, war Witold Gombrowicz' "Yvonne, Prinzessin von Burgund" in der Hochblüte des absurden Theaters eine vielgespielte Entdeckung und leuchtete mit seiner Darstellung einer innerlich ausgehöhlten Gesellschaft auch den Verfechtern einer politisch engagierten Literatur ein. Gombrowicz selbst forderte, es sollten "alle Elemente von Groteske und Humor besonders herausgehoben werden, die den traurigen Stoff des Stücks" neutralisierten, verlangte aber dennoch "Nüchternheit und Natürlichkeit in der Psychologie der handelnden Personen".

Zwei Sorten Protagonisten

Barbara Frey, die das nur noch selten gespielte Stück in der Schiffbauhalle des Schauspielhauses Zürich inszeniert hat, meistert diesen Spagat, indem sie die Figuren in zwei Sorten teilt: in Marionetten und in die Exponenten einer absurden Liebesverstrickung. Wobei sie der Versuchung, Spektakuläres zu produzieren,  zumindest in der Besetzung nachgab: sämtliche Personen, auch Yvonne, die Königin, die Hofdame Isa und Yvonnes Tante werden von Männern gespielt, was der Aufführung allein schon etwas Stilisiertes, Distanziertes vermittelt.

"Für jeden gibt es eine Person, die ihn wahnsinnig macht. Und Sie sind die meine! Sie werden die meine", lautet die entscheidende Anrede von Prinz Philipp an die hässliche junge Frau, die ihm da vor Augen geführt wird und die er zum Entsetzen seiner Umgebung heiraten will. Als Spielstätte dient eine halbrunde Arena, die in ihrer Schäbigkeit an die Bauten Anna Viebrocks erinnert, aber von Bettina Meyer stammt. Den Prinz spielt Michael Maertens nach der Art eines heutigen Jungmanagers, den die kuriose Braut dann aber doch so wahnsinnig machen kann, dass sich seine Stimme überschlägt. Dabei hat diese Yvonne, gespielt von Gottfried Breitfuss, bis auf ihr verstocktes Schweigen eigentlich wenig, was einen in Rage bringen könnte.

yvonne1 560 matthias horn uRätselhaftes Begehren à la Some Like It Hot: Prinz Philipp (Michael Maertens) wirbt um
Prinzessin Yvonne (Gottfried Breitfuss) © Matthias Horn

Sie hält den Kopf ständig leicht schräg, schaut todtraurig in die Welt, und wenn sie in ihrem blassrosa Unterrock erstmals vor dem Publikum steht, erinnert sie weit mehr an einen leidenden Heiland denn an eine Verrückte oder eine Querulantin. Eine Dimension, die nicht zuletzt durch die Musik unterstrichen wird, die zwar nicht die "Johannespassion", aber immerhin Edgar Elgars "Ave verum" und Leoš Janáček "Frydecker Muttergottes" ins Spiel bringt.

Wie eine Tragödie

Obwohl diese Yvonne nur zwei, drei Worte sagt, ereignet sich zwischen ihr und dem Prinzen aber doch so etwas wie eine Tragödie, die sie aus dem übrigen Personal heraushebt und die auch dann noch virulent ist, wenn er ihr zuruft, sie habe keinen Sex Appeal. Mal als Chor, mal als rhythmisch marschierende Paradegruppe tritt der marionettenhafte Hofstaat auf, darunter Rainer Bock als ebenso schwächlicher wie unbeherrschter König und Markus Scheurmann als zickig-exzentrische Königin.

Es gibt immer wieder wunderbare Slapsticks in der im zweiten Drittel in die Länge gezogenen, sonst aber mit ihrer Mischung aus operettenhaften und dramatischen Momenten sehr vital wirkenden Aufführung. So vor allem auch am Schluss, wenn Yvonne, mit Blick zum Publikum und argwöhnisch beobachtet vom Hofstaat, unter sichtlichem Behagen den fatalen Fisch verzehrt, mit dem man sie "von oben" beseitigen will. Wie beim Slapstick üblich, provoziert es Gelächter und nicht Konsternation, als Yvonne an einer Gräte schliesslich elend erstickt. Eine absurde Geschichte, die Gombrowicz nicht weiter gedeutet haben will, auf die aber gerade in einer Zeit wie der unsrigen jeder seinen Reim machen kann.

Yvonne, die Burgunderprinzessin
von Witold Gombrowicz, Deutsch von Heinrich Kunstmann
Regie: Barbara Frey, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Esther Geremus, Musikalische Leitung: Iñigo Giner Miranda.
Mit: Rainer Bock, Julian Boine, Gottfried Breitfuss, Hans Kremer, Claudius Körber, Steffen Link, Michael Maertens, Iñigo Giner Miranda, Markus Scheumann, Siggi Schwientek, André Willmund.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Gombrowicz habe seine Groteske als "tragikomisch" bezeichnet, bei Barbara Frey komme sie indes "mehr komisch als tragisch daher", meint Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (12.1.2015). Das "bitterböse Märchen" schnurre unter Freys Regie "pointensicher wie ein Comicstrip ab, perfekt getimt, witzig choreografiert und musikalisch veredelt (…). Doch die existenzielle Beklemmung, die dem allen innewohnen könnte und müsste; die grauenvolle Leere des Hofrituals; seine Bedrohung durch Yvonne, diese rätselhafte Verkörperung des schlechten Gewissens einer herzlosen und vergnügungssüchtigen Gesellschaft – wo sind sie?"

Gottfried Breitfuss sei "ein souveränes Monument der absoluten Undurchschaubarkeit, also die würdevollste Verkörperung der Yvonne, die sich vorstellen lässt: die zu käsigem Fleisch gewordene Verweigerung aller denkbaren Ansprüche", schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen (12.1.2015). Je länger der Abend währe, "desto dichter wird die Atmosphäre. Die Schauspieler sind glänzend aufgelegt, die Gefahr, dass die Travestie ins Lächerliche abgleitet, bleibt weitgehend gebannt, neben urkomische treten beklemmende Momente und bezwingende Bilder."

Barbara Frey habe "das Gift von 'Yvonne' nicht verwässert. Nein, sie hat die Form neu aufgeraut fürs 21. Jahrhundert", befindet Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger (12.1.2015). Klirrender könne man "das Ding kaum ins Künstliche heben", Freys "Yvonne" sei "wie eine Spieluhr, die regelmässig vom bedrohlichen Schweigen der Titelheldin ausgebremst wird." Jeder projiziere "seine eigenen Dunkelheiten hinein in das schwarze Loch. Und wir dürfen unsere Abgründe grad mitprojizieren." Allerdings ziehe sich das "Spiel übers verspielte Leben im falschen (…) im echten in die Länge, trotz perfekt durchchoreografierter Komik und intellektuell aufgerüstetem Konzert."

 

 
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