Der Mittelweg bringt den Theatertod

von Robin Detje

15. Januar 2014. Über Gegenwartsdramatik soll ich schreiben, und das ist ja schon mal sehr schwierig – Gegenwart. Ich sitze in einem Dorf in Umbrien, in einem dreißig Jahre alten Haus im Tal mit Blick auf den Turm der mittelalterlichen Kirche auf dem Hügel. Vergangenheit und Gegenwart, da tut sich sofort eine ziemliche Schere auf.

Und ich bin jetzt auf Twitter. Ich sitze im umbrischen Tal und twittere die Veröffentlichung des CIA-Folterberichts live auf dem Smartphone mit. Wobei die Mitteilung "Ich bin jetzt auf Twitter" zwei Reaktionen zeitigt, die mich beide aus meiner unmittelbaren Gegenwart rauskanten wollen. Die eine: Du hast Twitter entdeckt? Jetzt? Ende 2014? Das ist ja unfassbar opahaft, zum Schießen, ich schmeiß mich weg. Die andere: Twitter? Was ist das? Muss das sein? Verblödung der Jugend, Ende des Abendlandes, endgültiger Kulturverfall, etc. pp.

Da tut sich sofort eine ziemliche Schere auf, viel weiter gespannt als die zwischen dem Haus vom Ende des vergangenen Jahrhunderts und der mittelalterlichen Kirche, die ja wenigstens beide aus Stein sind. Auf welche Gegenwart wollen wir uns einigen? Oder anders gefragt: Wer ist die Zielgruppe für unser Produkt, die Gegenwartsdramatik? (Für ein Produkt, das viele Zwecke verfolgt – neben dem der Aufklärung und Erleuchtung des Publikums zum Beispiel auch den, das Überleben der Institution Theater zu sichern. Das ist ganz schön viel Auftrag.)

Was den Wasserkessel Theater einmal zum Pfeifen gebracht hat

Vergangenheitsdramatik war so: Sprachlich auf Erhabenheit gebürsteter Text wird eingefüllt in eine kirchenartige Struktur und Menschen zur Darbringung auf einem Bühnenaltar eingebläut, vor dem sich zur kollektiven Erbauung ganz selbstverständlich eine Gemeinde versammelt. Der Blick ist nach oben gerichtet, durch die Körper der Schauspieler auf deren Gott, den Regisseur (immer männlich!), durch ihn hindurch auf den Textgott, mit dem er ringt; halb über, halb neben allen thront Gottvater, der Intendant, der von seinem Fürstenmäzen in dem Maße belohnt wird, wie er dessen Macht spiegelt und stärkt. Diese Vergangenheit ist nicht lange her. Noch vor dreißig, vierzig Jahren gab es bei uns eine Generation, die sich unter anderem auch über gemeinsame, in solchen Hierarchien entstandene Theatererfahrungen definiert hat.

eislaufen 560 sergej23-pixelio.de uDas wäre was – wenn das Theater auf Textflächen Eislaufen ginge.
© Sergej23 / pixelio.de

Und heute? "Im Theater kann man zur Zeit Theaterstilen und Repräsentationsformen sozusagen auf offener Bühne beim Vermodern zusehen", sagte kürzlich die Nachtkritikerin Esther Slevogt in einem sehr klugen Vortrag. Wobei mir "Vermodern" noch zu romantisch klingt. Ich sehe sie eher sich selber in Aktenordner ablegen. Denn die Verordnung der Obrigkeit über den bürokratischen Akt des Theatervollzugs ist ja noch gültig. Obwohl uns so ungefähr alles abhanden gekommen ist, was den Wasserkessel Theater einmal zum Pfeifen gebracht hat – der Blick nach oben, die Selbstverständlichkeit des Zusammenkommens als Gemeinde, die Bereitschaft, uns Identität stiften zu lassen von kirchenartigen Institutionen. Und nun macht mal, ihr Gegenwartsdramatiker! Holt das Stöckchen!

Bitte einmal zur Diskurs-Schluckimpfung

Neulich: Autorentheatertage, Deutsches Theater Berlin. Es kam zum Vortrag eines Theatertextes, der auf poetische Weise eine Sehnsucht nach der geschlossenen Form artikulierte. Ein studierte Gegenwartsdramaturgin beugte sich zu mir: "Das macht man heute nicht mehr so. Heute macht man Textflächen." Akademischer Betrieb lehrt autoritäres Durchsetzen von Gegenwartsmoden? Fröstel! Vielleicht erklärt der normative Furor mir mein Gähnen vor mancher Textfläche: Das macht man heute so. Kein geniekultmäßiges "Ich musste das schreiben!" oder "Es hat sich aus mir herausgeschrieben!", sondern: Das macht man heute so, gemäß postdramatischer Textflächendirektive vom 3. März 1998 nebst beiliegenden Durchführungsbestimmungen.

Dabei hat die offene Form längst ihre eigene Geschlossenheit produziert. Die Postdramatik schnarcht nächteweise auch schon ganz schön laut und ein schlechtes "Projekt" ist nicht besser als ein schlechtes Stück. (Wobei die Diskursprojekte der freien Szene, zu denen sich Künstler und Publikum egalitär versammeln, um ganz ohne Schwellenangst tagesaktuelle Themen durchzunehmen, auf rührende Weise an die staatliche Fürsorge erinnern, die uns im Neoliberalismus abhanden gekommen ist: Diskurs-Schluckimpfung auf dem Gesundheitsamt, Geruch nach Bohnerwachs. Wiedergänger. Aber das wissen sie nicht, die Projekte, sie sind sich selbst im Grunde fremd.)

Die Ästhetik der Schwäche

Wenn nichts mehr geht, geht eigentlich alles. Fallhöhe ist da, wo es misslingen muss, wo das "richtig Machen" nicht funktioniert, weil die rettende Verunsicherung zu groß ist. Theatergenuss ist da, wo man sehen kann, wie es auf kunstschöne Weise nicht gut gehen kann. Auf dem Theater würde ich deshalb heute vielleicht gerne Gegenwartsschauspieler sehen, Textflächenbewohner, die geschlossene Form probieren, Shakespeare, Kleist, Noël Coward in tiefem Kirchgängerernst, und es auf schöne Weise nicht können. Oder Vergangenheitsschauspieler, die mit ihrer gesammelten Geschlossenheitssehnsucht aus dem inneren Theatermuseum ins Offene kommen, auf die Textfläche, und zum ersten Mal twittern.

Der Mittelweg bringt den Theatertod. Die Parole: Das muss jetzt einfach weiter durchgezogen werden, als gäb's kein Heute. Die Anbiederung in den mittelguten Texten: Guckt mal, ich kann sogar Jugendsprache! Guckt mal, ich kann auch Internet, bei mir gibt es die Themen von heute! Die Ästhetik der Schwäche. Die Angst vor dem Kürzungsmesser der Kulturpolitik, der Rechtfertigungsquotendruck. Generell das Geduckte, die hässliche Ratlosigkeit. Statt der schönen Ratlosigkeit, dem Stolz darauf, dem Genuss an der Verwirrung.

Bis dieser Genuss spürbar wird, wäre "Die Dramatik sitzt schweigend auf der Bühne und wartet auf die Gegenwart" vielleicht nicht das schlechteste Stück. Oder: "Das Theater geht auf Textflächen Eislaufen." Wobei man auch einbrechen kann. Und genau dieser Moment könnte der Einbruch der Schönheit sein.

 

robin-detje 140 privatRobin Detje, Jahrgang 1964, lebt als Autor, Übersetzer und Performancekünstler in Berlin. Er ist Träger des Übersetzerpreises der Leipziger Buchmesse 2014 und Teil der Künstlergruppe bösediva.
Der Autor auf Twitter: @robindetje.

 

Dieser Text entstand für das Magazin des Deutschen Theaters Berlin und wurde dort in der am 15. Januar 2015 erscheinenden Ausgabe erstveröffentlicht.

 
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