Er ist nicht Charlie

von Andreas Klaeui

Zürich, 15. Januar 2015. Ist da was? Nein, nichts. Aus diesem Gefängnis bricht keiner aus, unsere Arbeit ist sinnlos. Am Anfang von "Roberto Zucco" steht der komische Dialog zweier Aufseher. Sie nehmen nichts wahr, während hinter ihnen der Mörder übers Dach wegspaziert. In Karin Henkels Zürcher "Zucco" sitzen die Aufseher im Parkett, es sind sämtliche Darsteller, und aus dem Schwarz im Bühnenportal blitzt nur kurz die Figur von Roberto Zucco auf. "Blödsinnig, dass wir hier sind, unsere Arbeit ist sinnlos" – da ist auch die Arbeit auf der Bühne und im Zuschauerraum gemeint. So direkt auf die bürgerliche Theatersituation bezogen, klingen die Worte bitter.

Die Moral der Schönheit
Karin Henkel versucht es trotzdem. Aber sie lebt in einem anderen Jahrhundert als Bernard-Marie Koltès. Roberto Zucco – oder Succo, wie er original hieß – ist ein Mörder ohne Motiv. Ein im skandalösen Doppelsinn reiner Rollenspieler des Bösen, insofern als ästhetische Figur fassbar. Für Bernard-Marie Koltès, der an die "Moral der Schönheit" glaubte, und einzig an sie, muss er kurz vor seinem Aids-Tod wie die radikale Quintessenz einer ethischen Bindungslosigkeit und antideterministischen Auflehnung erschienen sein: "Roberto Succo tötete ohne jeglichen Grund", schrieb er: "Darum ist er für mich ein Held. Er entspricht völlig dem Menschen unseres Jahrhunderts. Er ist ein Modell für alle Mörder, die ohne Grund töten. Und in der Form, in der er seine Mordtaten begeht, finden wir die großen Mythen wieder."

Die Faszination durch den "acte gratuit" ist natürlich auch ein französischer literarischer Topos, Zucco erinnert an Rimbaud und an Gide, den Lafcadio aus den "Verliesen des Vatikans", an Lautréamonts Maldoror, Camus, Thomas de Quincey, der den Mord schon als "schöne Kunst" betrachtete. Koltès hat diesem betörenden Todesengel, das eigene Sterben vor Augen, eine rauschhafte Hymne geschrieben, einen Text, der in einem aktuellen Diskurs enigermaßen exotisch anmutet, um nicht zu sagen frivol, derart getränkt ist er von kühnen Bildern und trunken von wütender Poesie.

"Herr, erbarme dich!"
Nein, er ist nicht Charlie. Roberto Zucco ist eine zutiefst gesellschaftliche Figur: der "Mörder ohne Grund", der seine Grundierung allerdings womöglich genau in der gesellschaftlichen Obsession mit dem Schrecken findet, in jener unruhigen Erwartungshaltung, die das Böse permanent herbeisehnt und lüstern begafft. Roberto Zucco, bei Koltès, ist kein noch so grässlicher Einzelfall; er ist eine gesellschaftliche Setzung. Es ist dies, was Karin Henkel an ihm herausstreicht. Sie blendet die verknallten Mystifikationen weg und leuchtet statt dessen die immanente gesellschaftliche Gewalt aus in Zuccos Umfeld, die Machthierarchien, die Leere, die Entfremdung; "wo das Übel herkommt", wie es der Polizeiinspektor im Text sagt (in der Übersetzung von Simon Werle).

RobertoZucco2 560 MatthiasHorn uDer Mörder ist unter uns: Fritz Fenne, Friederike Wagner, Jirka Zett (als Roberto Zucco),
Alexander Maria Schmidt (verdeckt), Lisa-Katrina Mayer, Jean Chaize © Matthias Horn

Und wie der Inspektor bei seiner Analyse die Tathergänge vorwärts und rückwärts durchgeht, und am Ende dennoch nicht klüger ist und immer noch nicht weiß, wo das Übel herkommt, spielt Karin Henkel im Schauspielhaus die 15 Stationen des Dramas zweimal durch, einmal vorwärts, einmal zurück. Roberto Zucco bleibt unfassbar. Er ist ein gesellschaftliches Phantasma – zunächst auch gar nicht sichtbar auf der Bühne, nur eine Stimme aus dem Off. Scharf schneidet Karin Henkel die Szenen aus der schwarzen Bühnentiefe heraus, hart ziseliert, die ganze mörderische Serie: Vater, Mutter, das Mädchen, der Inspektor, die Dame, das Kind. Die Szenen überblenden sich, gehen auf der Drehbühne ineinander über, und sind kontrapunktiert von archaisch anmutenden Grablegungsszenen mit verschleierten Klageweibern und immer wieder dem verzweifelten Eingangschor aus Bachs h-Moll-Messe: "Kyrie eleison", Herr, erbarme dich.

Kein Terrorist
Pathetisch ist das nicht, dazu ist es zu abstrakt, und zu präzis. Es sind überhaupt die allereindringlichsten Momente an diesem insgesamt enorm dichten, klugen Abend. Im Rücklauf sind die Szenen konkreter ausgespielt, nun in einem verwahrlosten Fabrikraum mit Fahndungsbildern an den Wänden und Plakaten für "Das große Fressen" (Stéphane Laimé). Die Gewalt wird explizit; schlagartig bricht sie herein. Die Figuren bekommen Geschichten: der traurige Inspektor von Fritz Fenne; das überrumpelte Mädchen bei Lisa-Katrina Mayer, namentlich Lena Schwarz, ist ganz groß als tragische Mutter, lebenshungrige Nutte, verstörte Dame. Die farbige Anschaulichkeit schwächt die Szenen allerdings auch gegenüber dem schwarzweißen ersten Teil.

Auch Zucco ist nun auf der Bühne. Er steht mitten unter den andern, unbeteiligt und für sie unsichtbar. Jirka Zett, der dem steckbrieflich beschriebenen Engelsgesicht mit sehr hellen Augen und blassem Teint rein äußerlich recht nahekommt, zeigt einen sanften, schüchternen Zucco, bis auf kalte Ausbrüche völlig unauffällig. Das ist nicht der Terrorist, der vom Gefängnisdach herunter noch auf die Welt spuckt, bevor er sich selbst hinrichtet. Da liegt für Karin Henkel nicht der Punkt. Den Sonnengesang am Stückschluss lässt sie aus. Ihr Zucco ist kein wie auch immer bewerteter heroischer Mythos; er ist die Nachtseite unserer Gesellschaft.

Roberto Zucco
von Bernard-Marie Koltès
Aus dem Französischen von Simon Werle
Regie: Karin Henkel, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Klaus Bruns, musikalische Leitung: Tomek Kolczynski, Licht: Frank Bittermann, Dramaturgie: Malte Ubenauf.
Mit: Jirka Zett, Lena Schwarz, Lisa-Katrina Mayer, Friederike Wagner, Alexander Maria Schmidt, Fritz Fenne, Jean Chaizé.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

In der Inszenierung von Karin Henkel werde Zuccos Reise zurückgespult: "Die Sonnenvision ersäuft am Ende in Schwärze. Man könnte sagen: Von diesem Zarathustra bleibt bloss das klägliche Zucken eines Nachtfalters, der sich die Flügel verbrannt hat", schreibt Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (17.1.2015). "Und man muss ­sagen: Gut so." Jirka Zetts Zucco würge es für alle heraus: "Ich will nicht sterben, ich werde sterben." "Das ist sein Mantra, das Mantra jedes Menschen", so Kedves. "Und für diesen grossen Schrecken in den kleinen Leben scheint sich Henkel zum Glück mehr zu interessieren als für die Schönheit der motiv­losen Tat oder das Faszinosum des Bösen." Im zweiten Teil werde der Abend körperlicher, bunter – und büsse an Magie ein. "Es wirkt teils pflichtschuldig, wenn die starken Momente fest in der Plotmaschinerie verankert werden." Am Schluss jedoch verkeile sich diese. "Und wir sehen nichts im Dunkel – ausser richtiges Theater."

Die Regie von Karin Henkel kühle Koltès' Pathos und Poesie spielerisch ziemlich runter, findet Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (17.1.2015). "Ein grosser Teil der mythischen Überhöhung wird bei ihr gleich gestrichen." Die Dopplung des Stationendramas findet Schlienger "so verwirrend wie erhellend". Erst im zweiten (Rückwärts-) Durchgang könnten sich "die Figuren in ihrer Spielkraft" voll entfalten. Der Schlüssel zum ganzen Abend liegt für den Rezensenten in der ersten Szene, deren Quintessenz sei: "Wir sehen nicht, was wir sehen. Wir sehen, was wir uns vorstellen zu sehen." Roberto Zucco sei eine grosse Projektionsfläche. "Es ist immer gut, dahinterzuschauen."

Koltès' "Zucco" sei seit seiner Uraufführung "immer wieder mit Terrorchic ausstaffiert, in Pulp-Fiction-Grotesken verjuxt, als Goldjunge oder Popstar wider Willen verzuckert worden", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen (19.1.2015). Heute aber sehe man "die Apotheose eines testosterongeschwängerten heiligen Monsters aus den Banlieues nur noch mit Unbehagen." Karin Henkel stutze daher "dem gefallenen Engel von vornherein die Flügel und macht aus ihm den blinden Fleck einer Gesellschaft, die sich sehend und nicht sehend am Bösen aufgeilt." Es gebe zwar "einiges zu sehen: düstere, morbide Bilder, präzise Schnitte, kluge Konzepte", aber es gebe "keine Verbrecherromantik, keine psychologischen und sozialen Erklärungsversuche, keine Ästhetik des Bösen". Henkel habe "kein Mitleid. Ihr Roberto Zucco ist weder Gott noch Teufel. Er ist nur ein steckbrieflich gesuchter Mann, der namenlos und durchsichtig bis zur Unsichtbarkeit werden will."

 

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