Die Kunde der Verehrer

16. Januar 2015. Gleich zu den Kritikern, erst einmal zu Claus Peymann. Wem sonst. Regisseur und Intendant Claus Peymann vom Berliner Ensemble hat immer noch seine glühenden Verehrer. So um die 180.000 pro Saison, Gäste der meistbesuchten Bühne Berlins. Ob alle von ihnen wirklich vor Verehrung glühen oder nur einen hochroten Kopf ob manch verheerendem Spiel am BE haben, lässt sich schwer sagen. Statistiken zur Zuschauerliebe liegen nicht vor.

Mitunter spricht sich aber Liebe nicht nur in Zahlen, sondern auch in Texten aus. So heute im Wiesbadener Kurier. Dort winkt Jens Frederiksen dem verdienten Theatermann aus der Ferne zu: Peymann sei "in den vergangenen 15 Jahren beherzt auf einige der besten Brecht-Werke zugegangen und hat sie durchweg in mustergültigen Inszenierungen herausgebracht." Mit solch einem mustergültig pointierten Urteil schreitet der Kritiker allerdings nun nicht eben Seit an Seit mit seiner Kollegenschar, schon gar nicht mit der Berliner Kritik. Die hat den Mustergültigen eigentlich länger schon ausgemustert. Inzwischen wird er Jahr um Jahr ausgesessen, bis Nachfolger Oliver Reese 2017 das Ruder am BE übernimmt.

Nebel 280 BerndKasperPixelio.de uGleich sieht der ansonsten umnebelte Berliner Kritiker rot: Peymann-Premiere!
© Bernd Kasper/Pixelio.de
Verdrießlich das alles, wo doch nichts schlimmer ist, als wenn einem die Liebe mies und madig gemacht wird. Deshalb schlägt im Kurier die glühend mustergültige Verehrung notwendig in mustergültig glühende Verachtung um, also gegen die Berliner Schreiberlinge: "Unpolitisch, possierlich, unmodern, lauten die Vorwürfe der ortsansässigen Schreiberzunft. (...) Wahrscheinlich ist Peymanns ureigene, bei aller Süffisanz und Gelassenheit doch dem guten alten Erzähltheater verpflichtete Regiehandschrift zu wenig grell und experimentell." Als besonders übles, wiewohl von Berliner Kritikern vulgo "Besserwissern" geschätztes Beispiel für grelles Gegentheater zur mustergültigen Peymann-Klassik gilt Frederiksen übrigens der "Baal" von Stefan Pucher am Deutschen Theater (den nachtkritik.de allerdings, puh, auch verrissen hat; wir können nicht nur Peymann...).

Das alles wäre bloß eine Randnotiz zur immergrünen Posse "Peymann und die Kritik", hätte nicht unlängst in der Süddeutschen Zeitung Christine Dössel ins gleiche Horn geblasen, wenn auch von anderer Seite her. Auch der SZ-Kritikerin erscheint der Berliner Kritiker (weibliche Kolleginnen mit eingeschlossen) als "eher freudloser Geselle". Allerdings geht es ihr ganz im Gegenteil um – genau – das Deutsche Theater. Auf dieses habe sich die Berliner Kritik "mit besonderer Übellaunigkeit" eingeschossen. Gründe dafür hat die Kritikerin auch: "Der Output" sei halt groß in Berlin und der lokale Kritiker entsprechend übersättigt: "Schon wieder in eine Premiere zu müssen, empfindet er tendenziell als Zumutung." Dass Frau Dössel damit haargenau die Argumentationslinie des Deutschen Theaters – wie jüngst etwa im Tagesspiegel-Interview zu lesen – nachbuchstabiert, ist eigentlich auch schon wieder mustergültig. Mustergültig im Andienen an die Sichtweise eines offenbar glühend verehrten Hauses und seiner Hausregisseure, namentlich Stephan Kimmig und Andreas Kriegenburg.

Für den Berliner Kritiker aber darf es einstweilen Entwarnung geben. Wenn er von links wie rechts beschossen wird, wenn er weder für Peymann am BE noch für Kriegenburg und Kimmig am DT passend scheint, dann ist er vermutlich genau richtig. Zwischen allen Stühlen ist immer noch der beste Platz des Kritikers.

(Christian Rakow)

 
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