Ein Gespenst geht um

von Matthias Schmidt

Berlin, 16. Januar 2015. Am Anfang ist die Stasi. Sebastian Baumgarten beginnt den Abend mit einem Müller-Text aus dem Jahr 1993. Gerade sind einige Karteikarten aufgetaucht, Indizien dafür, dass Heiner Müller zehn Jahre lang als IM "Heiner" tätig gewesen sein könnte. Der Vorwurf selbst bleibt unausgesprochen, als sei er irrelevant. Man muss ihn erahnen. Die Reaktion aber hat es in sich. Sie ist eine dieser typischen Müller-Lakonien, die Persönliches derartig mit Weltwissen verdichten, dass man Stunden auf die Analyse verwenden könnte. Sie ist ebenso Eingeständnis wie Gegenangriff, und die Volte, die Müller dabei schlägt, sorgt für etliche Lacher im Saal: Auch die Geschichte der Bundesrepublik sei noch nicht geschrieben, sagt der Bühnen-Müller alias Thomas Wodianka und hebt dabei drohend den Zeigefinger.

Das Neue kommt, aber das Alte bleibt

Es ist dies eine von nur wenigen Anreicherungen, die Baumgarten seiner Inszenierung von Heiner Müllers "Zement" beimischt, und so, wie man in einem gelungenen Garten den Aushub des Teiches nicht als plumpen Haufen daneben liegen sieht, passen sie sich unauffällig, aber prägend in die Handlung ein. In diese Geschichte aus dem Jahr 1921, in dem der Bürgerkriegskämpfer Tschumalow aus dem Krieg heimkehrt und – statt wie ein Held gefeiert zu werden – Stillstand und Bürokratie und Gewalt vorfindet. Die Zementfabrik verfällt, sein Kind ist im Heim und seine Dascha nicht mehr Ehefrau, sondern Parteisoldatin. Die Revolution ist bankrott, ökonomisch und ideologisch auf dem Zahnfleisch unterwegs. Tschumalow rennt dagegen an und scheitert.

zement1 560 ute langkafel uGelber Stern und blutgefärbte Hände: Aleksandar Radenkovic  © Ute Langkafel
Wie schon Müller auf Gladkows Roman legt Baumgarten eine weitere Schicht über den Text. Er sucht das Archetypische nicht allein in den mythologischen Ebenen, die Müller einzog, sondern fügt neue hinzu. Kleine Texte, Zeitgeschichte und Theatertheorie, einen Soundtrack, Geräusche und vor allem – Bilder. Er legt dadurch nichts frei, im Gegenteil. Er übermalt "Zement", so wie Arnulf Rainer oder Gerhard Richter ihre Bilder übermalten.

Bereits bei den Kostümen fangen diese Übermalungen an: Teile der Bekleidung sind auf die nackten Oberkörper der Schauspieler aufgemalt. Bodypainting, ebenso austausch- wie abwaschbar. Im "neuen (Sowjet-)Mensch" steckt halt immer der alte. Auch im Bühnenbild und in den Videoprojektionen wird mit Malerrolle und Grafiktablett immer wieder übermalt, was vorher war: Gemälde, Abbildungen, Propagandafilme und -losungen. Aus russischem Realismus wird Expressives und Abstraktes. Man sieht, wie sich Stile überlagern, Zeiten ändern, Aussagen in ihr Gegenteil verkehren. Das Neue kommt, aber das Alte bleibt. Geschichte wird gemacht, Schicht für Schicht.

Befreiung der Toten

So auch im Stück: Aus dem Paar werden Genossen, aus Revolutionären werden Denunzianten, aus Freunden Feinde, aus Kämpfern für das Allgemeinwohl selbstverliebte Zigarilloraucher und gollumartige Schizophrene. Dem zuzuschauen ist Vergnügen und Schreck in einem, eine furiose Auferstehung und kongeniale Ergänzung von Müllers Pointen.

Zugleich legt Baumgarten damit auch die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts frei, den Untergang einer gesellschaftlichen Alternative, die, so Müllers Dialektik, auch den Kapitalismus am Leben hielt. Weil er sie brauchte, um sich abzugrenzen. Und nun?

zement3 560 ute langkafel uPostrevolutionäres Szenario: Peter Jordan, Sesede Terziyan, Cynthia Micas, Mateja Meded,
Thomas Wodianka   © Ute Langkafel

Jetzt könnte man Baumgartens Gesamtkunstwerk sezieren. Interpretieren. Verstehen wollen. Besser ist: wirken lassen! Als großen Abend eines geschlossenen Ensembles mit komischen Spitzenleistungen Thomas Wodiankas als Badjin und einer beängstigend glaubhaft vom Leben durchgerüttelten Sesede Terziyan als Dascha. Als überbordendes Spiel mit Zeichen und Symbolen vom Staatslogo der Sowjetunion bis hin zur Freiwilligen Feuerwehr. Als Klangcollage, die zusätzliche Assoziationen weckt, vom Luftangriff bis zum Hubschraubereinsatz. Als fulminantes Heiner-Müller-Update und erschütternde Bestattung des vergangenen Jahrhunderts. Wobei das so nicht ganz stimmt. Eben lief noch die Internationale, da zaubert die Regie aus Müllers letztem Teil, der Befreiung der Toten, ein offenes Ende herbei. Während die komplette übrige Personage zum Geräusch einer Klospülung nach unten verschwindet, bespukt der revolutionäre Geist wie ein Dementor aus der Harry-Potter-Welt die Hinterbühnenwand. Ein Gespenst geht um, und fasziniert geht man hinaus in die Berliner Mitte.

 

Zement
nach Fjodor Gladkow von Heiner Müller
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne: Hartmut Meyer, Kostüme und Video: Jana Findeklee, Joki Tewes. Musik: Andrew Pekler, Licht: Jens Krüger, Dramaturgie: Ludwig Haugk.
Mit: Peter Jordan, Sesede Terziyan, Thomas Wodianka, Aleksandar Radenkovic, Cynthia Micas, Falilou Seck, Aram Tafreshian, Matea Meded.
Länge: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

Kritikenrundschau

"Man könnte viel Gutes über diese Inszenierung sagen", beginnt Karin Fischer im Deutschlandfunk (17.1.2014) und zählt das auch auf, um dann einzuwenden: "Nun stellt sich aber die Frage, was Sebastian Baumgarten mit all dem will. Macht es Spaß, Heiner Müllers 'Zement' als Revolutionskitsch zu diffamieren, indem man die Zumutungen des Textes als grelle Show inszeniert?" Die Zumutungen der Geschichte würden comichaft überzeichnet, die Zumutungen der Gegenwart ausgeblendet.

"Innerhalb des Comicrahmens, der zuverlässig als Anti-Pathos-Mittel funktioniert, zeichnen Baumgarten und das Gorki-Ensemble höchst ambivalente Typen", findet Christine Wahl im Tagesspiegel (18.1.2014). "Tschumalow, Badjin und Co. werden nicht denunziert, sondern versuchen als Kippfiguren auf einer Lächerlichkeitsgrenze zu balancieren, die den Ernst des Sujets quasi zur Kenntlichkeit entstellt." Natürlich könne auch Baumgarten dem sozialistischen Aufbaudrama keine global heutige Perspektive abringen. "Was er allerdings schafft, sind punktuelle Gedanken- und Assoziationsanlagerungen."

"Je hohler und aussichtsloser die Ideologie desto bunter und symbolträchtiger wird's auf der Bühne", schriebt Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost (18.1.2014). Bald fühle man sich in einem von der sozialistisch-realistischen Plakatkunst animierten Daumenkino. "Die im Text verankerten Abschweifungen ins Mythologische rutschen da ebenso geschmeidig mit rein wie weitere einmontierte Heiner-Müller-Passagen, etwa der Satz, dass auch die Geschichte der Bundesrepublik noch nicht fertig geschrieben sei. Weil, das macht Sebastian Baumgartens ebenso leichter wie kluger historischer Exkurs deutlich, in der Geschichte eh alles nur so lange Bestand hat, bis der Nächste neue Farben und Pinsel bringt."

Die Inszenierung ist aus Sicht von Katrin Bettina Müller von der taz (19.1.2015) zu sehr mit Illustrationen des Textes vollgestellt - "als ob der Regisseur, dem es eigentlich mehr auf das Nachdenken denn auf das Nacherzählen ankommt, diesmal zu vorsichtig gewesen ist". Die Dialoge, oft bleischwer und papiern, sind aus Müllers Sicht "wie eine ständige Einübung in die Rechtfertigung von Kompromissen, die notwendig scheinen, um etwas, das gerechter sein könnte, möglich zu machen". Aber es scheine unmöglich, "solches Verlautbarungsdeutsch anders denn als Karikatur zu spielen". Deshalb komme man den Figuren kaum nahe und "fremdelt, wo sie ihr Leid ausbreiten." Auch die Art des Kasperletheaters, auf der jede Figur exemplarisch für eine ganze Klasse steht, verlieren sie aus Sicht der Kritikerin nie.

Die Inszenierung sei "ein Schaustück über Geschichte, die der Gegenwart schwer im Magen liegt", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (18.1.2015). "Am Ende stehen die Spieler wieder im Grab. Sie sagen: 'Leben heißt vergessen, was der Gedanke nicht aushält.' Ist das Verzweiflung? Ist es Zynismus? Es ist der Doppelpunkt hinter eine anstrengende, fordernde Inszenierung, die wie wenige sonst keine Rücksichten nimmt auf die Schönschreiber des Gestern und Heute."

Verglichen mit Sebastian Baumgartens anderen Arbeiten ist "Zement" eine Bearbeitung von erstaunlicher, leicht bösartiger Stringenz, so Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (22.1.2015). Der Regisseur führe die Bolschewisten als Revolutionskasper in langen, weißen, großzügig schlabbernden Unterhosen vor, "die Gesten vor dem Rund der halbhohen, silbern schimmernden Rückwand sind oft überzogen bis zur Lächerlichkeit. Der Tonfall ist der von Jahrmarktsausrufern". Geschichte sei hier bestenfalls Dekoration. Filmeinspielungen zitieren den Pop der Sowjetpropaganda. Und dass man dieser Revolutionstravestie mit großem Vergnügen folge, liege auch an der Spielfreude des Gorki-Ensembles.

 

 
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