Lost in Jelinek

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. Januar 2015. Fünf Frauen recken sich, fünf Frauen in weißen schulterfreien Kleidern mit zarten Hochsteckfrisuren und niedlichen Löckchen: beschützenswerte Wesen im Biedermeierstil (Kostüme: Silja Landsberg). Kindlich – auch weil das Piano auf Stelzen übergroß daherkommt – greifen fünf Hände in die Tasten. Spielen stockend ein paar Takte und sprechen dann im Chor.

Als Frauenchor beginnt Anne Lenks Inszenierung von Elfriede Jelineks "Winterreise" im Thalia in der Gaußstraße, als gemeinsames Sprechen und Fragen. In der Vereinzelung endet sie. Fünf Frauen, dargestellt von Alicia Aumüller, Britta Hammelstein, Karin Neuhäuser, Oda Thormeyer und Patrycia Ziolkowska, suchen und erklären ihre Gedanken zur Zeitlichkeit, zur Wirklichkeit, zum Vorbei, zur Vergänglichkeit der Zeit. Darin steckt ein ehrlich naives Fragen, ein schmunzelndes Unverständnis und eine kindliche Neugier. Wie fünf erschöpfte Schwäne sacken sie nach diesem Prolog in sich zusammen, ein wolkiger Haufen Fragezeichen.

Hymne in rot-weiß-rot

Im Anschluss folgen meist Einzelauftritte vor dem tiefroten, bühnenbreiten Vorhang. Schwer und samten sieht er aus, Goldsaum und Troddeln inklusive (Bühne: Judith Oswald). Da stolpert Britta Hammelstein als abgehalfterter Bühnenstar durch den Scheinwerferspot. Wirft sich dem Publikum mit breitem Julia-Roberts-Lachen entgegen, monologisiert von süßen Kindheitserinnerungen und dem verrinnenden Leben, denkt später – gemeinsam mit Oda Thormeyer – über die Gegenwart, das Vorbeisein und das Vorübergehen nach, um anschließend im breitesten Österreichisch über echte Schmerzen und falsche Opfer zu tönen.Winterreise1 560 KrafftAngerer hFrauenchor in rot-weiß-rot © Krafft Angerer

Später hält Alicia Aumüller eine Hymne auf ihre rot-weiß-rote Heimat (auch die Kostüme sind mittlerweile fahnentreu), noch später verliert sich Karin Neuhäuser in einer Abhandlung über das globale Netz und die Liebe darin. Dass sie dabei ein Einkaufsnetz voll roter Luftballons schlenkert, wirkt erstaunlicherweise weniger plump, als es sich anhört.

So folgt Monolog an Monolog, Haltung an Haltung, bis alle Darstellerinnen einmal ausführlich zu Wort gekommen sind. Und doch, obwohl die Regisseurin die Perspektiven, die möglichen Erzähler mit aller Deutlichkeit voneinander abzugrenzen sucht, dominiert über allem Jelineks Text. Klar, es ist ein starker Text. Veröffentlicht und uraufgeführt 2011 (Regie: Johann Simons, Münchner Kammerspiele), wurde er im selben Jahr mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet. Von Theater heute ebenfalls 2011 zum "deutschsprachigen Stück des Jahres" gewählt, zählt es mittlerweile zu den meist gespielten Gegenwartsstücken (etwa 2011 am Deutschen Theater in Berlin, Regie: Andreas Kriegenburg, 2012 am Schauspiel Stuttgart, Regie: Nora Schlocker, 2012 am Wiener Burgtheater, Regie: Stefan Bachmann).

In den Windungen der deutschen Sprache

Jelinek schafft darin eine assoziative Wanderschaft – bei der Schuberts "Winterreise" als Inspirationsquelle diente – durch ihre eigene Biografie. Sie streift Kindheitserinnerungen, die neurotische Beziehung zu ihrer Mutter – und die Demenzerkrankung ihres Vaters. Es ist aber auch – wie kann es anders sein? – ein wilder Galopp durch alle nur denkbaren Windungen und Biegungen der deutschen Sprache. Schnell und assoziativ. Atemlos und anstrengend, schön, anrührend, repetitiv, klug, schmerzhaft und zwischendurch auch ganz banal. Eine schier undurchdringliche Textfläche, ein Konvolut, ein massiver Wortwasserfall, ein (mit)reißender Sprachstrom.

In Anne Lenks als Stationenstück angelegter Inszenierung wird man leider das Gefühl nicht los, dass die Regisseurin mit aller Kraft gegen die Strömung rudert, dass sie für ihre unterschiedlichen Schauspieler klare Haltungen sucht, und diese von Jelineks Wortwucht immer wieder weggespült werden. Als wäre da ein ständiges Ringen, ein ungleicher Kampf zwischen dem (stark gekürzten) Text und der Regie.

"Das wäre was gewesen!"

Wie eingesperrte Tiere tigern die Darsteller meist am Bühnenrand auf und ab. Ständig in Bewegung, ständig am Ruder. Es sind Verlorene in der Welt, und sie wirken dabei oftmals wie Verlorene im Jelinek-Text. Da erzählt Patrycia Ziolkowska stockend und suchend aus der Ich-Perspektive des kranken Vaters, da begibt sich Oda Thormeyer in einen Zwischenzustand aus Body-Workout und Wahnsinn. Die Szenen berühren kurz und eilen vorbei: Die Sprache treibt sie weiter, sie macht die Reise in ihrem eigenen Tempo.

Am Ende intonieren die Darstellerinnen Schuberts "Leiermann". Lange Pausen zwischen den einzelnen Strophen machen das Lied fragil, immer wieder droht es abzuebben. Ein schöner, wackeliger Moment, der doch alle zusammenhält. "Das wäre was gewesen. Ja, das wäre natürlich was anderes gewesen!" kommentiert Oda Thormeyer danach zufrieden: Jetzt, am Ende der (Lebens)Reise, im Rückblick auf das Vorangegangene, am Schluss der Inszenierung haben sie einen passenden Ton gefunden.

 

Winterreise
von Elfriede Jelinek
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Silja Landsberg, Musik: Frieder Hepting, Dramaturgie: Natalie Lazar.
Mit: Alicia Aumüller, Britta Hammelstein, Karin Neuhäuser, Oda Thormeyer, Patrycia Ziolkowska.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Erst im Chor, dann im zeitlich versetzten Kanon und zuletzt in formal eindrucksvollen Soloauftritten legt jede der furiosen Darstellerinnen ihr eigenes Leiden an der Welt dar", schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (20.1.2015). Und es ist die reinste Freude, ihrer lustvollen Übertreibung zuzuschauen. Es liege etwas Befreiendes darin, diesen Gefühlsausbrüchen zwischen fragil und ätzend nachzuspüren. "Darin liegt der Reiz dieser Inszenierung, die ganz offen auf einen Bruch zwischen Form und Inhalt setzt. Fazit: "Sehenswerter Abend über Vergebliches, Versäumtes und Vergeigtes."

 

 
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