Nous sommes meinungsfreudig

Dezember 2015. Auch wenn es sich in diesem Jahr 2015 (Wort des Jahres: "Flüchtling") zeitweise so angefühlt hat, als wäre die Zeit des Diskutierens vorbei oder zumindest unterbrochen und als zähle nur noch das aktivistische Zeichen – unsere Kommentarrückschau beweist, dass es beileibe nicht so war/ist: Von der Urheberrechtsdebatte um Frank Castorfs "Baal" über den Berlin Theaterstreit anlässlich der Entthronung von Frank Castorf und der Inthronisierung von Chris Dercon als Herrscher der Volksbühne und die Entlassung und Wiedereinstellung von Sewan Latchinian als Intendant des Volkstheaters Rostock bis zur Doppelmoral des politischen Theaters am Beispiel der Eröffnung der Münchner Kammerspiele unter Matthias Lilienthal mit ShabbyShabby Apartments und der Entzweiung des Thalia Theaters Hamburg und des Regisseurs Alvis Hermanis am Umgang mit den Themen Flucht und Asyl: Die Kommentator*innen haben sich auf nachtkritik.de auch  2015 wieder die Finger wundgetippt – wir ordnen die Highlights des Jahres nach Monaten:

 

Januar

Es beginnt mit den Pariser Anschlägen, unter anderem auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" am 7. Januar 2015. "Je suis Charlie" schreiben in den Tagen danach viele Theater an ihre Fassaden. "Der Preis, den die Kunst für ihre Freiheit entrichtet, besteht darin, nicht ernst genommen zu werden", wird diese Massenaktion daraufhin von Frank-Patrick Steckel hochpolemisch kommentiert: "Wollt ihr die totale Entkoppelung von Kunst und Ernst? Wollt ihr sie, wenn nötig, totaler und radikaler als ihr sie euch überhaupt vorstellen könnt? 'Je suis Charlie' kommt, so betrachtet, der Bitte an den Attentäter gleich, ernst genommen zu werden."

Die Freiheit der Kunst wird dann bald auch anderweitig verhandelt: Frank Castorf und Brechts Baal, das klang erst mal nach Theaterbusiness as usual. "Kein schlimmer Abend, aber leider entfaltet dies auch längst nicht mehr die politische Wucht früherer Castorf Abende, und die schauspielerische Energie, das Kraftfeld, das das sonst so spannend macht, funktioniert diesmal irgendwie auch nicht. wenn einem Regisseur nicht mehr viel einfällt, dann sollte er halt abtreten", schreibt denn auch Kommentator "Klaus Mary" nach der Premiere am 14. Januar im Münchner Residenztheater.

Aber weit gefehlt. Kaum zwei Wochen später teilt der Suhrkamp-Verlag als Vertreter der Brechterben dem Residenztheater mit, dass er eine einstweilige Verfügung vor Gericht beantragen werde, um die Absetzung der zukünftigen Baal-Aufführungen zu erwirken. Bums. "Früher war es das Zentralkomitee, oder das Gebietsparteikommitee, das Kunst verhinderte, heute erfüllt der Suhrkamp-Verlag diese Funktion. Je suis Frank!" empört sich Kommentator "Emil".

"Böser, böser Frank, hast unserem Vorzeigepunk fremde Drogen in die Tasche gesteckt... schäm dich was! Das hat schliesslich nichts mit Theater zu tun, sondern mit deutschem Urheberrecht. Das bringen wir dir schon noch bei, was wichtiger ist!“ addiert "schiller" seinen Kommentatorensenf der Causa hinzu.

"Damit dürfte die erste der zehn Theatertreffen-Einladungen am Montag feststehen", orakelt "einer schlief". Und so kommt es auch: Baal wird zum Theatertreffen eingeladen: "eine Theatertreffeneinladung als Botschaft an die Brecht-Erben? Das ist doch eine kümmerliche Begründung. aber was solls, das Theatertreffen ist sowieso ein Geschiebe der immerselben Namen", mosert "nein, danke".

Dabei ist vorläufig noch nicht einmal sicher, ob die Inszenierung beim Theatertreffen überhaupt gezeigt werden kann. Das nämlich muss am 18. Februar 2015 erst beim Münchner Landgericht verhandelt werden. Für nachtkritik.de berichtet der junge Bayreuther Juraprofessor Rupprecht Podszun von der denkwürdigen Veranstaltung. Posdzuns Text wird im Oktober 2015 den Michael Althen-Preis der FAZ erhalten.

Baal2 560 ThomasAurin uUrheberrechts-Aufreger des Jahres: "Baal" von Frank Castorf © Thomas Aurin

Posdzun beschreibt, wie sich der Suhrkamp-Verlag als Vertreter der Brecht-Erben und das Residenztheater am 18. Februar 2015 nach einer über sechsstündigen Marathonsitzung vor dem Landgericht München I einigen: Die Baal-Inszenierung von Frank Castorf darf noch einmal in München und einmal beim Theatertreffen in Berlin gezeigt werden.

"Das ist so bescheuert, ich bestell ein Portrait bei Arnulf Rainer und beschwere mich anschließend über die Übermalung. Und entweder verboten oder erlauben, dazwischen gibt's nur ein wenig schwanger...", moniert "Castorfbehälter" verärgert.

"Es gibt eben bestimmte Rechte und Pflichten, wenn man bestimmte Autoren aufführen will. Und bei Bertolt Brecht sind eben die Erben sehr streng, das ist auch kein Geheimnis. Und wer Castorf kennt, der weiß, dass er nicht vom Blatt inszeniert, sondern eben ergänzt," kommentiert "Zuschauer" salomonisch.

In den Kommentarschlachten über das Urheberrecht (und was einzelne so alles dafür halten) fliegen unter der Meldung über den Vergleich und den Prozessbericht ansonsten die Fetzen. "Und so stricken wir weiter an unseren Mythen, beten die immer gleichen Phrasen runter und navigieren das Theaterschiff immer weiter hinaus auf den Ozean der Belanglosigkeit“, seufzt "Felix" an anderer Stelle zum gleichen Thema.


Februar

Am 7. Februar 2015 hat in der Berliner Schaubühne Thomas Ostermeiers Inszenierung von Shakespeares Richard III. Premiere. Mit Lars Eidinger in der Rolle des berühmten Theaterbösewichts: "wie kann es dann sein, daß ein "normal"wüchsiger Schauspieler diskriminierend, diffamierend und rassistisch einen physisch Andersbegabten mittel Stereotypen (spastischer Gang, Klumpfuß, Buckel etc) unbeanstandet chargieren darf?" fragt "Tatjana" nach. "Sowas heißt, sich über Gebrechen lustig zu machen."

"Mir geht diese political correctness langsam wirklich auf die Nerven! Wozu macht man den überhaupt noch Theater, wenn sich Schauspieler nicht mehr schminken und verkleiden dürfen?", entgegnet daraufhin "coppelius"."Das ist doch gerade das besondere an der Schauspielkunst: sich verstellen, dem Publikum etwas vorspielen, am besten so gut, dass man es ihm/ihr auch abnimmt. Das Theater ist auch ein Ort der Illusion – davon geht seine Magie aus. Das Theater muss kein gesellschaftspolitischer Naturschutzpark sein." 

richardiii2 560 arno declair uLars Eidinger als Richard III. © Arno Declair

Darauf wiederum "Tatjana": "Ihre Frage, warum man noch Theater macht, wenn sich Schauspieler nicht mehr einen Phantasieraum bauen dürfen, ist genau das Argument, das damals seitens vieler ratloser Theaterleute gegen den militanten "Rassissmus"-Vorwurf ins Feld geführt wurde: Theater sei schließlich ein Freiraum des Nicht-Wirklichen, in dem Möglichkeiten der Welt erprobt werden können. Dieser Ansicht wurde allerdings heftigst widersprochen: Kein künstlerischer Freiraum rechtfertige Rassismus, Kunst stehe nicht über dem GG; das Theater-Argument sei rein rassistisch. Man sprach vom "strukturellen Rassismus im Kulturbetrieb" und vor allem in der deutschen Gesellschaft, wenn ein schwarzgeschminkter weißer Schauspieler auftritt. Wo ist der Unterschied zur diffamierenden Darstellung einer handicapped person mittels umgeschnalltem Buckel und Klumpfuß?“

Und "Holla" gibt schließlich zu Protokoll: "Ach, war doch ein super Abend, gibt es nur alle paar Jahre in meiner Sehbiografie."

"Es hat ja überhaupt keinen Sinn, in die Provinz zu gehen und Leuten die Hoffnung zu geben, sie könnten zum Theatertreffen eingeladen werden, wenn einfach die ganzen Voraussetzungen nicht da sind", sagt Theatertreffenjuror Till Briegleb am 7. Februar in einem Radiointerview, das hier in einer Presseschau zusammengefasst wird. "Dieses elitäre Getue zeigt doch nur, dass die Juroren ihrem eigenen Urteil nicht trauen", zürnt "Trau Dir". "Die Entdeckungen müssen die großen Häuser in der Provinz machen und dann den Juroren auf dem Silbertablett servieren ... Die Juroren brauchen das Siegel eines großen Hauses um sicher zu sein, dass das jetzt Qualität hat. Ohne so ein Siegel können Sie Qualität offenbar nicht erkennen." Kommentator "Stilblüte" feixt: "Jetzt tippen sich die Angestellten der Provinztheater natürlich die Finger wund und empören sich." Und Inga fragt ausnahmsweise einmal zurecht: "Warum machen hier bloß alle Theatermacher ihr Selbstwertgefühl abhängig von einer Einladung zum Theatertreffen?" Narzisse schlägt schließlich vor: "Vielleicht kann man im Theater ja wie im Fußball die 1. Bundes-Liga, die 2. Bundes-Liga, die 3. Liga usw. einführen und die Ligen durchlässig machen, sprich Auf- und Abstieg ermöglichen. (...) Oder vielleicht könnte man dem Berliner TT ein selbstbewusstes 'Abseits der großen Zentren'- TT entgegensetzen."


März

Das Volkstheater Rostock gehört zu den bestimmenden Kommentar-Themen des Jahres, vor allem im März und April. Noch im Februar wird bekannt, dass das Theater ein "funktionelles Vierspartenhaus" werden soll. Heißt: zwei Sparten fallen weg. In den Kommentaren zum Blogeintrag von Georg Kasch, der sich klar Pro Volkstheater positioniert, geht es hoch und deutlich her: "Lieber im Sport-und Kultur-Sektor sparen, als bei Bildung, Gesundheit oder bei beim Verkehrsnetz" gehört noch zu den freundlicheren Stimmen, die offenbar aus Rostock stammen und andeuten, dass das Theater dort keine Lobby mehr hat. "dabeigewesen" hingegen rechnet vor: "Von 16 Bundesländern ist MVP bei der Auslastung: bei Oper 14. Platz, Tanz 15., Operette 15., Musical 15. Schauspiel letzter Platz, Kinder/Jugendtheater 15., Konzert 14., Figurentheater letzter Platz. Bei den Karten ist es so, daß in MVP (zusammen mit Sachsen-Anhalt) nach Berlin die wenigsten Abonnements verkauft sind, und insgesamt die höchste Quote an verbilligten Karten verkauft werden." Da kann man ja getrost das Licht ausmachen.

volkstheater rostock 280Das Volkstheater Rostock

In gewisser Weise passiert das auch: Ende März droht Intendant Latchinian wegen eines missratenen Vergleichs die Abberufung, was in den Kommentaren ziemlich viel Häme hervorruft, die "lk" so bewertet: "Ich bin schockiert, dass der Kulturkahlschlag, den die Landes- und Stadtpolitik in Mecklenburg-Vorpommern und Rostock in den letzten Jahren und insbesondere in den letzten Monaten betreibt offensichtlich bei einigen Kommentatoren weniger Empörung entlockt, als ein drastischer Vergleich, der aus der Verzweiflung spricht, gegen Kulturlosigkeit und Ignoranz der Verantwortlichen Politiker mit Vernunft nicht mehr anzukommen." Wenige Tage später wird Latchinian fristlos entlassen, wieder prallen Befürworter und Gegner unerbittlich aufeinander: "Natürlich war der Vergleich von Latchinian im Kern zutreffend: Der IS zerstört aufgrund einer Ideologie die Kulturgüter, die nicht in seine Weltanschauung passen; die Ideologie des Neoliberalismus zerstört die Kultur der öffentlichen Räume, da sie nicht in das Primat des Privateigentums passen", trifft auf: "Jedenfalls bin ich froh, dass die Politik das Theater entpolitisiert hat und hoffe, dass das so bleibt."

Dieser Graben in den Sichtweisen bleibt auch in den Kommentaren zum Kommentar auf Latchinians Rauswurf und zur Presseschau bestehen, beim Interview mit dem geschassten Intendanten ebenso wie nach seiner Wiedereinsetzung. Was bleibt? Ziemlich viel zerschlagenes Geschirr – und der Eindruck einer Stadt und einer Region, in der Theatermachen eine echte Herausforderung ist.

Auch das gehört zur Causa Rostock: Dirk Pilz kürt in seiner Kolumne den deutschen Bühnenverein zum "Experten des Monats", weil der sich nicht zu den beschossenen Spartenschließungen äußerte – das Volkstheater war zuvor aus dem Lobbyverband ausgetreten. Den Bühnenverein verteidigen unter anderen Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin und Vorsitzender der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein, der seine Protestbriefe in der Sache öffentlich macht, sowie Heidelbergs Intendant Holger Schultze, Vorsitzender des Ausschusses für Künstlerische Fragen des Deutschen Bühnenvereins. "MS" kontert: "Die Frage ist, hat der Bühnenverein alles, was in seiner Macht steht, getan, um dem Volkstheater zu helfen? Pilz fragt zu Recht: hat er? Durch Briefe, die halböffentlich sind?? Dieser Kritik muss sich der Bühnenverein schon gefallen lassen wenn er glaubhaft für das Theater kämpfen will." Bald aber wird auch dieser Thread von den Latchinian-Befürwortern und -Gegnern geentert.

Und was war im März sonst noch los? Das Berliner Grips Theater kündigt an, die Zusammenarbeit mit seinem künstlerischen Leiter Stefan Fischer-Fels vorzeitig zu beenden. In den Kommentaren ist man sich schnell einig, dass Grips-Gründer Volker Ludwig nicht loslassen könne und einer Erneuerung im Wege stehe. "Stefan Fischer-Fels hat keinen schlechten Job gemacht beim Versuch, das Grips behutsam zu erneuern. Volker Ludwig hat große Verdienste, doch nun benimmt er sich wie ein starrer Firmenpatriarch, der nicht loslassen kann, aus Angst sein Lebenswerk würde verhunzt“, schreibt der Redakteur der Berliner Stadtzeitung zitty Friedhelm Teicke und spricht damit den meisten Kommentaor*innen aus der Seele.


April

Nachdem am 26. März 2015 vom Berliner Tagesspiegel Chris Dercon als neuer Nachfolger von Frank Castorf in der Intendanz der Berliner Volksbühne geleaked wurde, steht der April ganz im Zeichen des Berliner Theaterstreits und der Debatte um den Theater-Quereinsteiger Dercon (aktuell Kurator der Tate Modern in London). Die Wartezeit bis zur Ernennung Dercons wird mit Angriffen der Altvorderen, allen voran Claus Peymann, gegen den Kulturstaatssekretär Tim Renner (ebenfalls ein Quereinsteiger, einer aus dem Musikbusiness) gefüllt. Viel Applaus erhält Peymann für seinen Ausruf im Offenen Brief, Renner sei "die größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts". Spötter wie "Muppets“ halten dagegen: "Die Vision, die Flimm und Peymann für Berlin haben, würde mich aber schon noch interessieren! Vielleicht Manfred Karge an die Volksbühne?"

 


Die Volksbühne erwartet das Zeitalter des Dercon.
Vine aus dem Saisonrückblick 2014/2015.

Am 24. April 2015 wird Chris Dercon vom Regierenden Bürgermeister Berlins offiziell als Volksbühnen-Intendant am 2017 vorgestellt. Die großen Streitpunkte, wie weit er einen Ensemble- und Repertoirebetrieb (mithin die Kernelemente des deutschen Stadttheatersystems) aufrecht zu erhalten gedenkt, umschifft Dercon auf der Pressekonferenz. Im Forum bilden sich schnell die zwei Lager, die sich im weiteren Verlauf des Jahres noch in diversen anderen Diskussionen zur Volksbühne wiederfinden werden: "Diese 'Schuster bleib bei deinen Leisten"-Politik ist von unfassbarerem kleinmütigem Konservatismus", sagt "kleingeisterei" gleichsam stellvertretend für alle, die Dercon als fachfremden Inspirateur und Innovateur begrüßen. "Niemand würde einen fachfremden Heilpraktiker ohne passendes Studium und ohne praktische Erfahrung als Chef einer chirurgischen Operationsmaßnahme in einer Spezialklinik einstellen. Man würde sagen, der Mann ist ein selbsternannter Hochstapler", hält "timo" für all jene entgegen, die die Dercon-Agenda für theaterfern und volksbühnenfremd und eigentlich auch etwas altbacken halten.

Außerhalb Berlins dreht sich die Welt natürlich weiter. Nur die Drehscheibe in Leipzig darf sich nicht drehen. Weil auf ihr minutenlang, wortlos ein totes Schwein zerteilt werden soll. So sieht es der Abend "Welcome to Germany" vor, den die Gruppe Monster Truck als Artists in Residence am Schauspiel Leipzig entwickelt hat. Intendant Enrico Lübbe zieht nach der Hauptprobe die Notbremse. Kein Schwein am Schauspiel (in dem unlängst erst – noch unter Intendant Sebastian Hartmann – der Aktionskünstler Hermann Nitsch Tierkadaver bearbeitete). Die Empörung der Kommentator*innen lässt nicht auf sich warten "Es ist schon erschütternd, wie offensichtlich da wieder den Stadträten die Kunst zurecht gereicht werden soll", meint "Publikum" und erinnert an eine Lübbe-Inszenierung von Elfriede Jelineks "Rechnitz“, in der der Regisseur seine Schauspieler "20 Minuten lang eklige Hühnergebeine hat essen lassen". Lübbes Unterstützer wie "Beteiligter" plaudern Interna aus: "Ich war auch dabei gewesen. Und dankbar, dass mal ein Intendant Eier gezeigt hat und sich eine Probe an seinem Haus ansieht und unterbricht."


Mai

Das Theatertreffen eröffnet mit Nicolas Stemanns Schutzbefohlenen-Inszenierung, großes Bohei wie immer, aber einer verlässt nach 45 Minuten den Saal: Wagner Carvalho nämlich, wie kolja gleich im ersten Kommentar dokumentiert. Dieser vorzeitige Abgang macht andere wütend, Olaf schreibt: "Man muss einen Abend aushalten, zuschauen, erst am Ende kann man ein Urteil abgeben." Denn natürlich bringt es nichts, türenknallend das Theater verlassen. "Und um weiß oder schwarz geht es wohl auch nicht. Wer das Ballhaus Naunynstraße leitet, gehört wohl auch ein Stück zu den privilegierten Männer-Intendanten." Carvalho führt an anderer Stelle aus, dass er das in der Inszenierung praktizierte Blackfacing als rassistisch empfindet. In der Diskussion prallen zwei Welten aufeinander, auf der einen Seite die, die von der Inszenierung berührt sind, auf der anderen sind die, die Rassismus gesehen haben. Man müht sich um Vermittlung, allerdings vergeblich. Anja schreibt: "Ich verstehe nicht, warum man beim Thema Blackfacing und Rassismus am Theater immer wieder von vorn anfangen muss." Fest steht: man muss. Und Samuel Schwarz erinnert daran, dass alle Welt Marlene Streeruwitz noch als humorlose Extremistin diffamierte, als sie sich darüber klagte, dass Stemann die in "Ulrike Maria Stuart" einst als sprechende Vagina darstellte.

DieSchutzbefohlenen 560 KrafftAngerer u"Die Schutzbefohlenen" von Nicolas Stemann © Krafft Angerer

Das Theatertreffen endet dann mit einer Inszenierung, von der man noch seinen Enkeln erzählen kann, dass man, wenn man denn, dabei war: Frank Castorfs vom Urheberstreit gebeutelter "Baal". Doch nicht die Beigabe von Fremdtexten erhitzt die Gemüter, sondern der Sexismus auf der Bühne. nachtkritik-Redakteurin Sophie Diesselhorst legt in ihrer Kritik vor: "Kommen Castorfs Schauspielerinnen schon nackt zur Probe und werden je nach Fundusbestand mit Glitzer- oder Spitzenschlüpfer eingekleidet. Oder kommen sie angezogen und strippen dann, um das Team in Stimmung zu bringen?" Eine Steilvorlage für die Kommentator*innen, Sascha fragt, was es bedeutet, wenn die Frauen spärlich bekleidet auf der Bühne erscheinen, was, wenn die Männer halbnackt auf die Bühne kommen. Die Frage, was die Apocalypse-Erben eigentlich dazu sagen, ist nur noch ein Witz des Threads, wenn auch ein guter.

Raus, wieder rein: Der alte Intendant ist der neue Intendant. Der abberufene Rostocker Theaterleiter Sewan Latchinian wird wieder eingesetzt. Eine fortgesetzte Lokalposse? Nein, "wir befinden uns in einem Kulturkampf, in dem das Volkstheater Rostock einen Präzedenzfall darstellt", schreibt Rostockerin. Und genauso diskutieren es die Kommentatoren dann auch, mit allem Hin und Her, Zahlenspielen, Pro und Contras, die der Realität vermutlich ziemlich nahe kommen. Unsicher bleibt die Situation sowieso, Stefan bringt es auf den Punkt: "Die Zielvereinbarung sieht vor, dass es kein Vier-Sparten-Haus mehr geben wird. Die Bürgerschaft beauftragt die Geschäftsführung des Volkstheaters mit der Umsetzung der Neuausrichtung. Kommt es zu keiner Neuausrichtung, platzt die Vereinbarung."


Juni 

Was ist los in Darmstadt? "Schauspieldirektor Jonas Zipf wird das Staatstheater Darmstadt zum Ende dieser Spielzeit verlassen", meldet Mitte Juni das Theater und teilt auch mit, dass über die Gründe Stillschweigen vereinbart sei. Das liest sich nicht, als sei Zipf freiwillig gegangen. "Ein sehr peinlicher Vorgang" heißt es gleich im ersten Kommentar. Und: "Hat ein aus öffentlicher Hand finanzierter Betrieb nicht Auskunftspflicht?" Ist das nun ein Vorgang ohne Gleichen oder war die Spielzeit in künstlerischer Hinsicht tatsächlich eine einzige Enttäuschung? Auf Georg Kaschs Einschätzung der Ereignisse antworten am Tag darauf Intendant Karsten Wiegand und Schauspieldirektor Jonas Zipf in einem offenen Brief, dass sie sehr wohl konstruktiv zusammengearbeitet hätten. Schauspieler und Kulturschaffende melden sich zu Wort, dass sie vom Weggang Zipfs enttäuscht sind. Die Kommentatoren finden, dass Georg Kaschs Kommentar an Rufmord grenze und eine vollmundige Bewertung eines Sachverhalts sei. Der Journalist gesteht ein, dass er sich in seinem Urteil über Vorgänger Martin Apelt auf Gespräches mit Kolleg*innen und Theatermacher*innen verlassen hat, "daraus ein Pauschalurteil abzuleiten, ist ein journalistischer Fehler, den ich bedaure". Was wiederum den Respekt von Martin Apelt weckt: "Sie haben Mut und auch Größe bewiesen! Das ist nicht selbstverständlich."

In Rostock geht der Krimi ums Volkstheater in die nächste Runde. Denn die Bürgerschaft, die Sewan Latchinian, zurückgeholt hat, beschließt eine Zielvereinbarung, zu der der Intendant einst gesagt hat, dass sie mit ihm nicht zu haben sei. Während die einen noch diskutieren, warum Latchinian bei der Abstimmung nicht dabei war, kommt bei anderen der "unangenehme Verdacht auf, hier wird jemand benutzt, um ganz andere Interessen durchzusetzen". Oder zeugt es doch von Desinteresse, nicht bei der Rats-Abstimmung dabei zu sein? Oder handelt es sich um vorenthaltene moralische Unterstützung, wie Stefan mutmaßt? Und Rostocker hat das Gefühl, dass es "Herr Latchinian keinem Recht machen kann - zum Glück will er das auch nicht".

Im zweiten Teil der Kunstaktion Die Toten kommen des Zentrum für politische Schönheit wird der (angeblich) exhumierte Leichnam einer geflüchteten Syrerin symbolisch vor dem Reichstag bestattet. "Eine Aktion rundherum um zentrale, wichtige Leerstellen, die von den Künstlern nicht aufgefüllt, sinnhaft vermittelt wurden", beschreibt Martin Baucks die Aktion und hat in dem Thread auch sonst ziemlich Kluges zu sagen: "Das Ganze ist in sich nicht schlüssig und auch nicht schön. Es ist nicht einmal klar, ob diese Frau ursprünglich nach Berlin wollte, lebend natürlich. Ob sie überhaupt eine solche Beerdigung wollte. Und wieso eine Mutter mit Kind? Ist dies ein christliches Bild? Vielleicht sogar ein Kitschiges?" Dass allein am Rasen 10 000 Euro Schaden entstanden sind, "zeugt von kindlichem Egoismus, der Politik und das Schicksal toter Menschen nur benutzt", schreibt oh weh.

ZPS Toten GrabReichstag 560 sle"Die Toten kommen" vor den Reichstag © Esther Slevogt

So mancher im Thread zerbricht sich den Kopf über die Aktion, digitalirritiert schreibt, "dass es wenig Sinn macht, die Aktion(en) von ihrer medialen Rezeption zu trennen." Einfach eine unnötige Aktion, die uns falsch beschäftigt, bilanziert Martin Baucks, denn "das Produzieren von willkürlichen Leerstellen ist keine Kunst. Zudem können das Politiker viel besser und sind deshalb noch lange nicht Künstler." Und schützt sich auch gegen den Vorwurf, dass er sich aufregen würde: "Nein, es geht lediglich darum herauszuarbeiten, dass sich hinter dem Denken einer solchen Aktion ein bigotter Trugschluss verbirgt. Plötzlich verfallen die Macher einer Egozentrik, dass alle Reaktionen auf sie zurückzuführen seien. Dass sie alles folgerichtig erfassen. Und es kein von ihrer Aktion entkoppeltes Urteil mehr gäbe. So eine totalitäre Denstruktur, die alles auf sich beziehen will, ist jedoch nur gering wahrheitsfähig." Zwischen Baucks und Inga entspinnt sich eine lesenswerte Diskussion darüber, dass Kunst keine toten Körper verwendet und ob Ruch hier nicht eindeutig eine Grenze überschreite.

Bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin sorgt die Uraufführung von Nolte Decars Der neue Himmel für einige Verwirrung. "Hab das Stück nicht gelesen, aber grade noch mal versucht zu verstehen, warum man den Text ausgewählt hat. Und da heißt es im Programmheftchen von Ulrich Khuon, dass dieser Text nur in der 'engeren Wahl' war", fragt Peter R. Ein Kommentator, der das Stück gelesen hat, würde gern richtig stellen, "dass alle platten Witze und sexuellen Anspielungen auf die Kappe des Regisseurs gehen. Sebastian Kreyer hat den Text einfach nicht ernst genommen, sondern sich darüber gestellt und ihn total entzerrt." Ist das nun ein klassischer Fall, ein Text samt Inszenierung, bei dem Witz und Tragik perdu durch die Regie gehen? Oder liegts doch am Text? Inga will das letzte Wort behalten: "Wenn der Theatertext nämlich interessant wäre, würde man das doch wohl merken!"


Juli

Im Juli heiratet nachtkritik.de-Redakteur Georg Kasch in Brasilien und berichtet darüber in seiner Kolumne "Queer Royal". Das ist Anlass für den Kommentator "zur Güte", zum Rundumschlag gegen die nachtkritik.de-Kolumnen auszuholen: "Vielleicht ist nicht nur dieses für Sie sicher begrüßenswerte Ereignis, sondern auch dieser schrecklich belanglose Text ein guter Anlass, diese Kolumne zu beenden. Und wenn man dann schon dabei ist, auch gleich die der Kollegen dazu. In regelmäßigen Abständen sowohl sprachlich als auch inhaltlich interessante Beobachtungen in einem kurzen Text zu formulieren, der amüsant oder bereichernd ist – diese Gabe hat offensichtlich keiner der nk-Redakteure (W. Behrens ist hier der Schlimmste!)"

Neumann Raum 560 VolksbuhneBert Neumanns letzte Arbeit: ein "Einheitsbühnenraum" für die Volksbühne
© Volksbühne via Twitter

Am 30. Juli stirbt völlig überraschend Bert Neumann, der Mann, der die Optik von Frank Castorfs Volksbühne erfand. Es herrschen Trauer und Wut. Und Martin Baucks denkt an einen Moment aus Castorfs "Weber"-Inszenierung: "Und wenn ich mich richtig erinnere, war die Bühne plötzlich menschenleer. Und es stand da nur ein Webstuhl vor einem Hintergrund von Leuchten. Und er arbeitete. Ganz ohne uns. Wir waren abwesend. Menschen wurden nicht mehr gebraucht. Und das ging gefühlt minutenlang. Das war reine Kunst. Das Theater konnte man sich wegdenken. Castorf konnte man sich wegdenken. Die Dramaturgie war abwesend. Es war nur Raum. Niemals zuvor und niemals danach hat jemand einen Gedanken so konsequent eingelöst, außer eventuell Beuys mit der 'Honigpumpe'. Ich verbeuge mich tief vor diesem Moment."


August

Ein eher unspektakuläres Ereignis im August: Die Statistik des Bühnenvereins erscheint. Der neue und im Übrigen tief in Tariffragen steckende Dauerkommentator "A. Cotard" aber kennt die wahre Bedeutung dieses Dokuments: "Die wenigsten wissen, was für ein wichtiges Medium diese Statistik ist – zur Analyse der Situation der deutschen Theater und Orchester und zugleich auch für die Argumentation im kulturpolitischen Raum. Ich würde Sie bitten diese Statistik mit einem Bericht über die Situation der Theater in Deutschland zu kombinieren, der uns allen hilft, Jahr für Jahr Ihre Einschätzung der Sicht auf die Krisen und Diskussionen, auf die Themen und Potentiale zu verstehen. Im Moment fehlt eine klare kulturpolitische Position des Bühnenvereins (...). Ein Jahresbericht würde diese Lücke schließen, zumindest aber ein Kommentar zur Statistik. Vielen Dank!"

Die jährliche Kritikerumfrage von Theater heute wird Ende August veröffentlicht. Der eben bereits erwähnte "A. Cotard" schlägt vor, die Kategorie "bestes Provinztheater" einzuführen. Darauf antwortet "Beckmesser" trocken: "Dann bitte ich mal um Handzeichen: Welches Theater und welche zugehörige Stadt möchte freiwillig als 'Provinz' diffamiert werden?"

Barbara Brecht-Schall stirbt am 31. August. Und Frank-Patrick Steckel erinnert sich aufs Allerherrlichste: "Ich hörte, wie die Inhaberin der Bühnenrechte für DER GUTE MENSCH VON SEZUAN in die Tiefe des Zimmers an der Chausseestrasse sagte: 'Ekke, hier ist der Steckel und sagt, er hat eine SEZUAN-Fassung ohne Wasserverkäufer.' Ich hörte aus der Tiefe des Zimmers die Stimme Schalls, und die Stimme sagte: 'Gott sei Dank.' Frau Barbara fragte mich: 'Haben Sie das gehört?' Ich antwortete wahrheitsgemäß: 'Jawohl.' 'Na dann', sagte Frau Barbara und legte auf. Eine große Frau."


September

Anfang September fordert die Dramaturgin Sabine Reich das Theater in einem Beitrag zur Stadttheaterdebatte dazu auf, seinen gymnasialen Habitus abzulegen – und stößt bei den Kommentator*innen erst einmal auf Gegenwind.

"Bei allem idealistischen Aufbruchswillen, der aus diesem Text spricht, und bei aller scharfsinnigen Analyse der Probleme in der derzeitigen Situation des (Stadt)theaters - es scheint doch, dass dieser Text, wie so viele andere zum Thema, reichlich hilflos um eine Leerstelle kreist, die doch das Wesentliche wäre: Wie soll denn ästhetisch, inhaltlich, dieses NEUE THEATER aussehen, das nicht mehr bloß Aufbereiter der Tradition ist, sondern Impulse zu setzen vermag, die unserer Zeit entsprechen?", schreibt zum Beispiel Kommentator Christoph.

Doch schnell treten auch Reich-Verteidiger auf den Plan: Kazumpe schreibt: "Wer im Stadttheater arbeitet, weiß, wie sehr Sabine Reich die Realtität trifft. Und die ist nicht selbstkritisch, nicht innovativ, nicht strukturverändernd etc."

Im folgenden (der Thread hat insgesamt 75 Kommentare!) wird darüber spekuliert, warum das Mitbestimmungsmodell sich nicht durchgesetzt hat, und es werden eigene Varianten eines partizipativen Theaters entworfen. A. Cotard schreibt:  "Mich interessiert darin vor allem eine fest verankerte Vetomöglichkeit des Ensembles gegen Entscheidungen des Intendanten, die das Ensemble berühren, Stärke und Zusammensetzung des Ensembles selbst, Gagen und Budgets, Spielplanpositionen und Regisseure. Aus einem mittelalterlichen Modell der Allmacht eines Intendanten entsteht ein neues demokratisches Modell der Partizipation. Neuralgisch wird es dann, wenn das Gagengefüge offen gelegt werden muß, auch das des Intendanten und seines Vorzimmers."

Parallel dazu gründen A. Cotard und Stritter im Thread unter Sascha Westphals Kommentar zur Demontage des Wuppertaler Schauspiels einen neuen Bühnenverein:

Stritter: "Man kann es durch mehrere Threads verfolgen und zusammenfassend resümieren: der Bühnenverein vertritt ganz offensichtlich - seit wann ist sekundär - nicht die Interessen der Bühnen. Punkt. Auflösen."

Und nochmal Stritter: "Es kann sich ja etwas neu gründen, das das Theater ideell und seine Mitarbeiter erwerbssichernd besser vertritt gegenüber der Gesellschaft und in ihren geltenden Gesetzen."

A. Cotard: "Gut, dann sollten wir in den nächsten Tagen überlegen, wie eine solche bessere Vertretung aller Theater und Theaterschaffenden aussehen könnte. Der Bühnenverein bleibt Arbeitgeberverband, aber der neue Verband ist die Vertretung des Theaters in der Gesellschaft."

Wie in der Thüringer Theaterstruktur-Debatte "paktiert, protestiert, relativiert und zurückgerudert" wird, schreibt Frauke Adrians am 24. September auf – und erntet Zuspruch von den Kommentator*innen für ihren "sachlichen, gut recherchierten und ausgewogenen Artikel" (Theresa Heinewald). Die Kommentator*innen führen die Debatte weiter und fragen sich u.a., ob es in Thüringen überhaupt Sparmaßnahmen bräuchte und ob Minister Hoffs Sparpläne auf Erfurts Eifersucht auf Weimars heimlichen Kulturhauptstadtstatus basieren.

Am 30. September deckt Esther Slevogt in einem Blog-Eintrag die Kleidungsempfehlungen einer deutschen Schauspielschule an ihre Bewerberinnen um ein Schauspielstudium auf – nämlich beim Vorsprechen in nicht zu langem Rock und hohen Schuhen zu erscheinen. Und wirft damit ein Schlaglicht auf die hochaktuelle Front zwischen politisch korrekten "Gutmenschen" und den Vertreter*innen des "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen".

"Haben wir keine wirklichen Probleme?" zeigt sich gleich der zweite Kommentator Mannweib verächtlich, ihm antwortet Stuart OMat mit den Worten: "Ich muss zugeben, daß mir die Formulierung 'Haben wir keine wirklichen Probleme?' zunehmend auf den ... geht. Das ist ein Totschlagargument, das immer wieder gerne gebracht wird, wenn irgendjemand keine Differenzierungen machen möchte. (...) Punkte, an denen leicht etwas zum Besseren, nämlich zum politisch Korrekten zu ändern wäre (bzw. nicht zum politisch Korrekten, sondern schlicht zum Richtigen), werden aus dem Blick genommen, weil ja die Weltkrise doch eine Größere ist. Dabei wird aber die Weltkrise mit Dingen in Bezug gesetzt, die gar nichts mit ihr zu tun haben."  Die Kleiderempfehlung wird schließlich aus den Vorsprechbedingungen der Schauspielschule gestrichen.


Oktober

Anfang Oktober erscheint mitten in der "Flüchtlingskrise" einer der notorisch kulturpessimistischen Essays des Dichters Botho Strauß. Er entfaltet unter dem provokativen Titel Der letzte Deutsche ein Untergansszenario der deutschen Kultur, die von " grundsätzlich amusischen Andersgearteten, Islamisten, Mediasten, Netzwerkern, Begeisterten des Selbst" applaniert werde. Es gibt auch allerlei Fluten-Massen-Horden-Vokabular, das rechts blinkt und tiefsinnig tönt. Der schönste Satz aber lautet: "Eher wird ein Syrer sich im Deutschen so gut bilden, um eines Tages Achim von Arnims 'Die Kronenwächter' für sich zu entdecken, als dass ein gebildeter Deutscher noch wüsste, wer Ephraim der Syrer war." nachtkritik.de fasst den Essay in einer Press'schau zusammen, leider kann auch in der  sich anschließende Diskussion nicht abschließend geklärt werden wer nun dieser Ephraim war, genauso wenig ob Strauß ein großer und tiefer Denker ist oder einfach "von allen guten Geistern" der Uckermark verlassen. Jedenfalls bleibt festzuhalten, dass der Präsident der FU Berlin Strauß als Kandidaten für den Nobelpreis möchte. Pikanterweise ist der Mann einer jener "Netzwerker" und "Begeisterten des Selbst", denen Strauß' deutsche TiefKultur ihren nah bevorstehenden Untergang zu verdanken haben wird.

Ende September, Anfang Oktober steigt die Zahl der nach Deutschland Flüchtenden immer weiter an. In der Kritik an der Zuwanderung und am Umgang der Verwaltung mit den konkreten Herausforderungen mischen sich die wohlbekannten rassistischen Untertöne. Die kommen nicht nur von den üblichen Verdächtigen, der Rassismus reiche vielmehr bis weit in die Mitte der Gesellschaft, schreibt die Theatermacherin Simone Dede Ayivi auf Zeit Online, nachtkritik.de fasst den Text in einer Presseschau zusammen.

Im August hatte Dirk Pilz in seiner Kolumne geschrieben, man möge sich nicht gegen Einwanderung verwahren, sondern man solle von den Geflüchteten lernen: Was gibt es denn von denen lernen? fragt sogleich ein Kommentator im Strang zum Alltagsrassismus in der Mitte der Gesellschaft. "Von den patriarchalischen, hierarchischen Clan- und Sippenstrukturen in arabischen Ländern" wolle er gewiss nichts lernen. Müssten nicht vielmehr die Zugewanderten lernen: "Als polemisches Beispiel: Wenn zehntausend kannibalistische Kopfjäger aus Papua-Neuguinea hier Asyl erhielten, würde man doch wohl darauf bestehen, daß sie ihre kulturspezifischen Tischmanieren und Eßgewohnheiten hier ablegten - oder nicht?" Natürlich wehrt sich die Mehrzahl der Diskutanten gegen krude Szenarien dieser Art. Doch die Frage, wie weit Alltagsrassismus auch unter Wohlmeinenden verbreitet ist, tritt angesichts der Demonstration seiner Inhalte in den Hintergrund.

Für höchste Aufregung sorgt Mitte Oktober ein kritischer Beitrag des Bayerischen Rundfunks zu der Eröffnung von Matthias Lilienthals Münchner Kammerspielen mit der Stadtraum-Installation "ShabbyShabby Apartments". Die hatte im September stattgefunden und war von den die Kommentator*innen schon heiß diskutiert worden. In dem Radiobeitrag von Antonia Goldhammer geht es um die Arbeitsbedingungen für die Studierenden, die die Shabby Apartments entwarfen und aufbauten.

Kommentator Michel schreibt: "Ich wage zu behaupten, dass die Vermischungen von 'freier Szene' und institutionellem Theater, so wie sie in den letzten Jahren mit beinahe naiver Euphorie praktiziert wird, oft nicht funktioniert, nicht auf Qualität und Tiefe beruht, sondern auf einem oberflächlichen und manchmal lächerlichen Aktionismus. Der verkauft sich als politische Aktion, während gleichfalls die kleine politische Einheit der Theatermacher zerfällt. Und dafür ist diese Shabby-Aktion paradigmatisch."

ShabbyShabby 560 SteffenBecker uSelbstporträt des nachtkritik.de-Korrespondenten im ShabbyShabby Apartment © Steffen Becker

Nachdem das Theater zu den Vorwürfen Stellung genommen hat, werden sie nicht leiser, aber schließlich schreibt Klaus M.: "Bleiben wir fair. Die Kammerspiele sind jetzt aufgeflogen, aber ich bin mir sicher, dass fast jedes Festival und eine große Zahl der Theater ähnliche Beschäftigungsverhältnisse anbieten. Da hilft nur eins: Hinschauen, Benennen und die einen Rechtfertigung der Verantwortlichen verlangen."

Und GrandHotelAbgrund stimmt ihm zu: "Lilienthal steht nach wie vor in der Bring- und Zahlschuld, aber es wäre lächerlich, ihn angesichts der herrschenden Verhältnisse als Einzigen in die Mangel zu nehmen."

Am 20. Oktober schreibt Esther Slevogt anlässlich der Dankesrede von Navid Kermani für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels in ihrer Kolumne über das Eindringen des Religiösen in die Öffentlichkeit und über die prinzipielle Bedeutungslosigkeit eines privaten Meinens angesichts des allgemeinen, immerwährenden Meinungstsunamis.

Das finden die Kommentatorinnen ganz wunderbar und meinen über 50 Kommentare lang Meinungen zu Fragen wie der, ob Navid Kermani ein Kriegshetzer ist, ein Feind des Westens oder das Gegenteil davon. Ob der IS die Türkei angreift oder die USA für das Morden im Nahen Osten verantwortlich ist und ob dieses Meinen ein Meinungstsunami ist oder nicht. Man könnte irre werden an dem frei schwebenden Herum-Gemeine auf nachtkritk.de, das sich allerdings von anderer Meinerei auf anderen Seiten wenig unterscheidet.

An den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, klären sich auch die politischen Verhältnisse. Die Partei AfD, die zuerst weniger Europa und gar keinen Euro mehr wollte, agitiert jetzt gegen Zuwanderer, insbesondere solche muslimischen Glaubens. Falk Richters Fear, uraufgeführt an der Berliner Schaubühne am 25. Oktober agitiert gegen Pegida, AfD und ihre führenden Frauen.

Als der Wagen einer AfD-Europa-Abgeordneten nachts in Flammen aufgeht, zeigen die Formaldemokraten unter den Kommentatorinnen auf Richter als den "geistigen Brandstifter". Mit großer Hartnäckigkeit versucht der Kommentator Ernst Reinhardt, die angebliche geistige Brandstiftung und angebliche Mordaufrufe in "Fear" gegen die Hetze der AfD / Pegida und ihre Folgen, nämlich "die morde an buergern und schutzsuchenden in unserem land von rechts (bisher über 100)" auszuspielen, wobei er durchaus Unterstützer findet. Martin Baucks analysiert die Strategie, wie rechte Täter sich als Opfer stilisieren: man beschuldigt die Gegner eben jenes Verhaltens, dessen man selber bezichtigt wird. "Der nächste Schritt besteht darin, sich selber als Opfer des linksliberalen Feindes darzustellen und zu inszenieren.... Nun muss man eigentlich nur noch fleißig an seinem Opferstatus arbeiten. Denn nichts kann wirkungsvoller in Szene gesetzt werden als Opfertum. Ihm muss Wiedergutmachung widerfahren. Und so hat man scheinbar ganz unmerklich die Seiten vom Täter zum Opfer gewechselt."


November

Am geschichtsträchtigen 9. November meldet nachtkritik.de, dass die Schaubühne sich zu Wehr setze gegen die Behauptung, Fear rufe zur Gewalt auf. Zu diesem Zeitpunkt ist der Vorwurf aus den Kommentarspalten von nachtkritik.de bereits in die Boulevardpresse geschwappt. Falk Richter sei verantwortlich für Brandanschläge auf Autos.In Wirklichkeit geht die AfD massiv gegen die Schaubühne vor. Der Pressesprecher der Partei versucht in einer Aufführung Beweismaterial mit der Videokamera zu sichern. Ein Schauspieler droht ihm mit Rausschmiss. In der Schaubühne gehen anonyme Drohbriefe ein.

Fear1 560 Arno Declair u"Fear" von Falk Richter an der Schaubühne Berlin © Arno Declair

In der Kommentardiskussion setzt sich das Aufrechnen fort. Der Kommentator Reinhardt beklagt weiterhin, dass Schaubühne und Falk Richter jeglichen Zusammenhang zwischen der Inszenierung von "Fear" und den Brandanschlägen auf die Autos bestreite, selbstverständlich aber ein Zusammenhang zwischen der Propaganda von Pegida, AfD und Co mit der Gewalt gegen Einwanderer hergestellt werde. Am Ende entpuppt sich Reinhardt zur Überraschung aller als Gegner der AfD, er könne ja auch gar kein Gefolgsmann sein, weil er die reationäre Familienpolitik der Partei ablehne, schließlich habe er selbst in seiner Familie drei Schwule.

Am 14. November lebt der Burgtheaterskandal noch einmal kurz auf – denn die Ex-Finanzchefin Silvia Stantejsky legt vor der Wirtschafts-und Korruptionsstaatsanwaltschaft das Geständnis ab, sie habe Geld von Matthias Hartmann und David Bösch zur Verwahrung bekommen und für Einzahlungen auf die Kasse bzw. Konten des Burgtheaters sowie für private Ausgaben verwendet.

Auf Kommentator Curtius macht das "immer noch den Eindruck eines Minimalgeständnisses". Böschs und Hartmanns Forderungen an Stantejsky seien die einzigen, die öffentlich im Raum stehen. "Was mit den bis zu 50 anderen Privatdepots ist, deren Existenz Georg Springer enthüllt hatte ('doloses System'), wird dadurch nicht beantwortet", so Curtius. "Ich erinnere in dem Zusammenhang an die posthumen Bareinzahlungen von Christoph Schlingensief. Aufklärung tut weiter Not." Es entspinnt sich desweiteren eine Diskussion über die fragwürdige Praxis der Barauszahlung und seit wann das am Burgtheater so üblich war – ohne dass diese Frage abschließend geklärt werden kann.

Das Ensemble-Netzwerk, ein Bündnis junger Bühnenangehöriger, das für gerechte Arbeitsbedingungen am Theater kämpft, fordert in einer Online-Petition den Deutschen Bühnenverein zur besseren Bezahlung künstlerischer Bühnenangehöriger auf – auf unsere Meldung vom 19. November gibt es sowohl nüchterne als auch enthusiastische Reaktionen bei den Kommentator*innen.

Das Staatstheater Mainz bekommt eine Anzeige von der Polizei, weil Ensemblemitglieder eine AfD-Kundgebung vor dem Theater mit Beethovens "Ode an die Freude" gestört haben – unsere Meldung vom 24. November beschert den Mainzern viel Jubel und Solidaritätsbekundungen, aber schließlich auch Kritik: "In einem demokratischen Rechtsstaat muss man unliebsame Meinungen aushalten und darf diese nicht widerrechtlich verhindern. Und diese Spielregeln gelten ausnahmslos für alle, sonst funktioniert ein Rechtsstaat nicht", gießt Andre Galla Wasser in den Wein – und löst damit eine Suada von Ernst Reinhardt aus, auf die nachtkritik.de-Stammkommentator martin baucks ungewohnt kurz und kühl antwortet: "Wer genau nachdenkt, weiß, dass das Absingen einer Hymne weder die Demokratie, noch das Grundgesetz gefährden kann. Es ist vielleicht eine Ordnungswidrigkeit, eine Störung, aber man hat wegen einer solchen Aktion kein großes Problem mit der Demokratie und ihrer Verfassung an sich. Man hat dann ein Problem mit der Polizei. Mehr nicht."


Dezember

Am 4. Dezember gibt das Thalia Theater Hamburg bekannt, dass der Regisseur Alvis Hermanis um Auflösung seines Vertrags gebeten habe, weil er nicht mit dem politischen Engagement des Theaters für Flüchtlinge verbunden werden möchte. Denn nicht alle Flüchtlinge seien Terroristen, aber alle Terroristen seien Flüchtlinge. Das Stimmungsbarometer schlägt zunächst heftig pro Thalia und contra Hermanis aus; doch spätestens nachdem Hermanis in einer eigenen Stellungnahme dem Thalia-Intendanten Joachim Lux vorgeworfen hat, die Absage-Begründung aus privaten Emails zusammengestoppelt zu haben, melden sich auch andere Stimmen zu Wort, zum Beispiel a.m.:  "Sorry aber warum fallt Ihr alle über den Mann her. Das ist seine Meinung. Ich finde es unerträglich, dass man in diesem Land nicht einmal mehr in der Flüchtlingsfrage anderer Meinung sein kann als alle diese wunderbaren Gutmenschen. Wenn jemand Zweifel an der derzeitigen Flüchtlingspolitik äussert, ist er automatisch ein Faschist oder Nazi. Das finde ich allerdings auch bedenklich. Nicht nur die Pfeifen von Pegida usw."

Desweiteren wird ausgiebig darüber diskutiert, was Meinungsfreiheit bedeutet; inhaltlich bewegen sich die Kommentator*innen von Hermanis' politischem Statement weg – mit wenigen Ausnahmen, zum Beispiel dieser: "Dear Mr Hermanis, refugees are fleeing from the terror in Syria like you are fleeing from your fears. (…) The refugees are not the terrorists, they are the victims of them. Maybe you just talk to the people, to the refugees from Syria in Hamburg, and not see your prejudices as facts. How dare you make a reversal of perpetrator and victim ? And please, don't forget, you are allowed to travel and work in the whole of Europe, you came to Paris 1990 as a kind of economic and political refugee yourself. You wanted to find work, happiness and peace. Refugees are glad to have at least the last of those three."

"Es ist Mode geworden, Aufgaben zu übernehmen, für die andere Institutionen zuständig sind. Wenn neue Intendanten ihr Programm vorstellen, habe ich häufig den Eindruck, dass Amnesty International, die Obdachlosenhilfe und das Flüchtlingshilfswerk einen gemeinsamen Zukunftsort kreiert haben", sagt Michael Thalheimer in einem Interview mit dem Wiesbadener Kurier (unsere Presseschau) und distanziert sich also auch – wenn auch lange nicht so krass wie Hermanis – von der #RefugeesWelcome-Bewegung in der Theaterszene. "Bravo, endlich spricht das mal einer aus!" ruft gleich die erste Kommentatori*n

Im Folgenden geht es einigermaßen kontrovers darum, ob Thalheimer als "Neuerer" zu werten ist oder nicht (oder als ehemaliger Neuerer). Schließlich weist Kommentator Berliner auf die Langversion des Interviews im Freitag hin – aus der hervorgeht, dass Thalheimer Mitglied der neuen künstlerischen Leitung des Berliner Ensemble unter der Intendanz von Oliver Reese werden wird. Unsere Meldung dazu wiederum hat bis dato 158 Facebook-Likes eingeheimst.

 

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