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Nous sommes meinungsfreudig

Dezember 2015. Auch wenn es sich in diesem Jahr 2015 (Wort des Jahres: "Flüchtling") zeitweise so angefühlt hat, als wäre die Zeit des Diskutierens vorbei oder zumindest unterbrochen und als zähle nur noch das aktivistische Zeichen – unsere Kommentarrückschau beweist, dass es beileibe nicht so war/ist: Von der Urheberrechtsdebatte um Frank Castorfs "Baal" über den Berlin Theaterstreit anlässlich der Entthronung von Frank Castorf und der Inthronisierung von Chris Dercon als Herrscher der Volksbühne und die Entlassung und Wiedereinstellung von Sewan Latchinian als Intendant des Volkstheaters Rostock bis zur Doppelmoral des politischen Theaters am Beispiel der Eröffnung der Münchner Kammerspiele unter Matthias Lilienthal mit ShabbyShabby Apartments und der Entzweiung des Thalia Theaters Hamburg und des Regisseurs Alvis Hermanis am Umgang mit den Themen Flucht und Asyl: Die Kommentator*innen haben sich auf nachtkritik.de auch  2015 wieder die Finger wundgetippt – wir ordnen die Highlights des Jahres nach Monaten:

 

Januar

Es beginnt mit den Pariser Anschlägen, unter anderem auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" am 7. Januar 2015. "Je suis Charlie" schreiben in den Tagen danach viele Theater an ihre Fassaden. "Der Preis, den die Kunst für ihre Freiheit entrichtet, besteht darin, nicht ernst genommen zu werden", wird diese Massenaktion daraufhin von Frank-Patrick Steckel hochpolemisch kommentiert: "Wollt ihr die totale Entkoppelung von Kunst und Ernst? Wollt ihr sie, wenn nötig, totaler und radikaler als ihr sie euch überhaupt vorstellen könnt? 'Je suis Charlie' kommt, so betrachtet, der Bitte an den Attentäter gleich, ernst genommen zu werden."

Die Freiheit der Kunst wird dann bald auch anderweitig verhandelt: Frank Castorf und Brechts Baal, das klang erst mal nach Theaterbusiness as usual. "Kein schlimmer Abend, aber leider entfaltet dies auch längst nicht mehr die politische Wucht früherer Castorf Abende, und die schauspielerische Energie, das Kraftfeld, das das sonst so spannend macht, funktioniert diesmal irgendwie auch nicht. wenn einem Regisseur nicht mehr viel einfällt, dann sollte er halt abtreten", schreibt denn auch Kommentator "Klaus Mary" nach der Premiere am 14. Januar im Münchner Residenztheater.

Aber weit gefehlt. Kaum zwei Wochen später teilt der Suhrkamp-Verlag als Vertreter der Brechterben dem Residenztheater mit, dass er eine einstweilige Verfügung vor Gericht beantragen werde, um die Absetzung der zukünftigen Baal-Aufführungen zu erwirken. Bums. "Früher war es das Zentralkomitee, oder das Gebietsparteikommitee, das Kunst verhinderte, heute erfüllt der Suhrkamp-Verlag diese Funktion. Je suis Frank!" empört sich Kommentator "Emil".

"Böser, böser Frank, hast unserem Vorzeigepunk fremde Drogen in die Tasche gesteckt... schäm dich was! Das hat schliesslich nichts mit Theater zu tun, sondern mit deutschem Urheberrecht. Das bringen wir dir schon noch bei, was wichtiger ist!“ addiert "schiller" seinen Kommentatorensenf der Causa hinzu.

"Damit dürfte die erste der zehn Theatertreffen-Einladungen am Montag feststehen", orakelt "einer schlief". Und so kommt es auch: Baal wird zum Theatertreffen eingeladen: "eine Theatertreffeneinladung als Botschaft an die Brecht-Erben? Das ist doch eine kümmerliche Begründung. aber was solls, das Theatertreffen ist sowieso ein Geschiebe der immerselben Namen", mosert "nein, danke".

Dabei ist vorläufig noch nicht einmal sicher, ob die Inszenierung beim Theatertreffen überhaupt gezeigt werden kann. Das nämlich muss am 18. Februar 2015 erst beim Münchner Landgericht verhandelt werden. Für nachtkritik.de berichtet der junge Bayreuther Juraprofessor Rupprecht Podszun von der denkwürdigen Veranstaltung. Posdzuns Text wird im Oktober 2015 den Michael Althen-Preis der FAZ erhalten.

Baal2 560 ThomasAurin uUrheberrechts-Aufreger des Jahres: "Baal" von Frank Castorf © Thomas Aurin

Posdzun beschreibt, wie sich der Suhrkamp-Verlag als Vertreter der Brecht-Erben und das Residenztheater am 18. Februar 2015 nach einer über sechsstündigen Marathonsitzung vor dem Landgericht München I einigen: Die Baal-Inszenierung von Frank Castorf darf noch einmal in München und einmal beim Theatertreffen in Berlin gezeigt werden.

"Das ist so bescheuert, ich bestell ein Portrait bei Arnulf Rainer und beschwere mich anschließend über die Übermalung. Und entweder verboten oder erlauben, dazwischen gibt's nur ein wenig schwanger...", moniert "Castorfbehälter" verärgert.

"Es gibt eben bestimmte Rechte und Pflichten, wenn man bestimmte Autoren aufführen will. Und bei Bertolt Brecht sind eben die Erben sehr streng, das ist auch kein Geheimnis. Und wer Castorf kennt, der weiß, dass er nicht vom Blatt inszeniert, sondern eben ergänzt," kommentiert "Zuschauer" salomonisch.

In den Kommentarschlachten über das Urheberrecht (und was einzelne so alles dafür halten) fliegen unter der Meldung über den Vergleich und den Prozessbericht ansonsten die Fetzen. "Und so stricken wir weiter an unseren Mythen, beten die immer gleichen Phrasen runter und navigieren das Theaterschiff immer weiter hinaus auf den Ozean der Belanglosigkeit“, seufzt "Felix" an anderer Stelle zum gleichen Thema.

 
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