Sehnsucht nach unverpixelten Gesichtern

24. Januar 2015. Im Tagesspiegel schreibt Peter Laudenbach über Theater und Netz. Dabei geht er auf Tim Renners Aufruf an die Theater ein, ihre Vorstellungen zu streamen und berichtet von der Diskussion Schauspiel im Livestream - Fluch oder Segen? in der Böll-Stiftung. Schnell macht er klar, dass er davon nichts hält – sein Text ist eine Art Rundumschlag. "Als sich René Pollesch ein solches Internet-Theatervideo eines befreundeten Regisseurs ansah, war seine Reaktion eindeutig. 'Ich dachte, hoffentlich sieht das niemand. Wenn die Leute denken, das sei Theater, haben sie wirklich keinen Grund mehr, ins Theater zu gehen‘, sagt Pollesch.“ Und der ZDF-Theaterkanal habe seine Tätigkeit "bestimmt nicht wegen überschäumenden Zuschauerinteresses vor vier Jahren eingestellt".

Der Erfolg der Digital Concert Hall, mit dem die Berliner Philharmoniker im Netz präsent sind, lasse sich nicht aufs Theater übertragen, so Laudenbach. "Nicht jede mediale Verwertung und Internetnutzung ist für jeden Content-Anbieter sinnvoll oder auch nur möglich." Und warum auch? Die Digitalisierung schaffe seine Sehnsucht "nach Face-to-Face-Kommunikation, nach Begegnungen mit echten Menschen und unverpixelten Gesichtern wird mit wachsender Mediennutzung": "Dass Theater und Opern die digitale Neuvermessung der Welt bisher besser überstanden haben als zum Beispiel die Printmedien, liegt außer an den Subventionen auch daran, dass sie etwas Altmodisches und ziemlich Kostbares zu bieten haben: Aura. Und Aura ist, laut Walter Benjamin, nicht beliebig technisch reproduzierbar."

Laudenbach plädiert auch gegen Experimente wie Twittern aus dem Zuschauerraum. "Je fragmentierter die Aufmerksamkeitsspannen im Tagesgeschäft, desto kostbarer die Chance der Konzentration im Zuschauerraum. (…) Theater, die es vor lauter Angst, den Anschluss an die Digital Natives zu verpassen, normal oder sogar wünschenswert finden, dass die Zuschauer aus laufenden Vorstellungen twittern, gehen offenbar davon aus, dass ihre Inszenierungen keine größere Aufmerksamkeit verdienen."

Mehr experimentierfreudige Theater-Medien-Kunst

Auch die Kommentare auf nachtkritik.de bekommen ihr Fett weg, als er den Wutausbruch von Schaubühnenintendant Thomas Ostermeier über die Netz-Anonymität berichtet. Aus Ostermeier sprächen "keine kulturkonservativen Ressentiments gegen eine Netzöffentlichkeit wie die von www.nachtkritik.de, sondern der Wunsch, dass im Netz ähnliche Mindeststandards gelten wie in der Qualitätspresse".

So ganz gegen die Verknüpfung von Theater und Netz ist Laudenbach aber nicht. "Statt die Theater aufzufordern, einfach ihre Premieren abzufilmen, sollte die Kulturpolitik experimentierfreudige Theater-Medien-Kunst großzügiger ermöglichen." Als Positiv-Beispiele nennt er Jo Fabians "schön skurrile Internetfilme" seiner Polka Dot Show, die Clips des Berliner Prime Time Theaters, die Trailer der Schauspielerin und Autorin Cristin König für ihre Theater-Netz-Soap Klinik im Zentrum und natürlich Herbert Fritschs Hamlet-X-Endlos-Projekt.
(geka)

 
Kommentar schreiben