nachtkritik-Theatertreffen 2015: Das Ergebnis

29. Januar 2015. Sie haben gewählt! Aus 45 Inszenierungen des letzten Jahres, die von den nachtkritik-AutorInnen nominiert wurden. Eine Woche lang waren die Wahlurnen geöffnet. Bis zu zehn Stimmen konnte jeder Wähler abgegeben. Für die zehn wichtigsten Inszenierungen des vergangenen Jahres. Nun sind die Stimmen gezählt.

– 4768 Wähler gaben insgesamt

– 9338 Stimmen ab, also jeder Wähler durchschnittlich

– 1,96 Stimmen

Zum virtuellen nachtkritik-Theatertreffen 2015 sind eingeladen (in der Reihenfolge der Stimmenanzahl):

 

 

Wir gratulieren den Gewinnern und bedanken uns bei allen, die mitgemacht haben! Mit den Erstplatzierten vom Prinzip Gonzo werden wir nun in Kontakt treten, um das nachtkritik-Theatertreffen-Kritikergespräch 2015 zu planen, in dem Theatermacher und Nachtkritiker gemeinsam mit dem Publikum über die Arbeit diskutieren werden.

 

Und was besagt das Ergebnis?

Jedes Jahr aufs Neue fragen wir an dieser Stelle: Was wurde hier eigentlich gewählt? Die zehn besten Inszenierungen auf deutschsprachigen Bühnen? Die naheliegenden Einwände dagegen sind in den vergangenen Jahren schon vielfach vorgebracht worden: Nicht alle Aufführungen standen zur Wahl, und selbst die Nachtkritiker*innen, die für die Vorauswahl verantwortlich sind, werden in der Summe nicht alles, was vielleicht nominierungswürdig gewesen wäre, gesehen haben. Und ohnehin hat wohl kein*e einzige*r der Wähler*innen die Möglichkeit gehabt, die nominierten Aufführungen tatsächlich untereinander zu vergleichen – wonach sollen die Wähler*innen also die Qualität der Produktionen bemessen? Ein weiterer Einwand gilt der Repräsentativität: Für wen stehen die 4.768 Wähler*innen, welche Gruppe bilden sie ab?

Solche Nachfragen sind im Grunde bei allen Wahlen angebracht. Selbst eine Bundestagswahl kann nicht beanspruchen, den Willen der Bevölkerung repräsentativ abzubilden, denn die Gruppe der Nichtwähler*innen, deren Eigenschaften von der Gruppe der Wähler*innen ganz verschieden sein können, wird prinzipiell nicht repräsentiert. Und wer hat schon wirklich die Wahlprogramme aller Parteien genau studiert, um begründet seine Stimme abgeben zu können?

Es ist also bei der Wahl zum virtuellen nachtkritik-Theatertreffen wie bei allen Wahlen: Es geht um Mobilisierung, und es geht um einen gewissen Identifikationsgrad (z.B. mit Inhalten, Arbeitsweisen und Stilen), der dazu motiviert, das Kreuz an einer bestimmten Stelle zu machen. Wie diese Identifikation zustande kommt, das kann verschiedenste Ursachen haben: Neugier auf eine prominente Produktion, von der man Gutes gehört hat, kann eine Rolle spielen – man kann mutmaßen, dass etwa "Faust" und "Peer Gynt" vom Residenztheater München und "Common Ground" vom Gorki Theater in Berlin ihre Präsenz in der Endauswahl solchen Faktoren zu danken haben. Aber auch die Überzeugung, eine ästhetisch interessante oder eine für eine Region relevante Arbeit zu unterstützen, wird die Wahlentscheidungen beeinflusst haben.

Nicht zuletzt ist bei einer Wahl im Netz die Vertrautheit eines Theaters oder Produktionsteams mit dem Medium Internet als solchen und mit den sozialen Medien von großer Bedeutung. Der Sieg von Prinzip Gonzo, der sich schon früh abzeichnete, kommt so nicht von ungefähr: Eine Produktion, die sich auf der Schnittstelle von Theater und Games bewegt, ist der spielerischen Herausforderung, die eine solche Wahl im Netz auch darstellt, auf besondere Weise gewachsen – über die sozialen Netzwerke wird offenbar eine ganze Szene aktiviert. Was aber nicht heißt, dass eine solche Netzgemeinde jedesmal beliebig verfügbar wäre – es gibt Fälle (wie z.B. das Theater Dortmund), bei denen diesmal die Mobilisierung bei weitem nicht in dem Maße gelang wie in vergangenen Jahren. Das Identifikationspotential scheint eben nicht bei jeder Produktion gleich zu sein.

Wie auch immer: Die Auswahl, wie sie sich letztendlich darstellt, überrascht (zumindest uns) durch ihre erstaunliche Breite. Die Big Player sind ebenso vertreten wie die Provinz, die Freie Szene ist dabei, auch und gerade durch Koproduktionen mit den großen Häusern, es gibt Projekthaftes, Performatives, Stückentwicklungen, Inszenierungen klassischer Texte und eine Romanbearbeitung. Man möchte fast sagen: Irgendwie ist diese Auswahl für das derzeitige deutschsprachige Theater dann doch – repräsentativ.

(wb)

 

Hier geht es zu einer Würdigung des Siegers Spiel des Lebens von Prinzip Gonzo in einem Blogbeitrag von Matthias Weigel.

Zu den Gewinnern der letzten Jahre: Ergebnis 2014, Ergebnis 2013, Ergebnis 2012, Ergebnis 2011, Ergebnis 2010 und Ergebnis 2009. Und hier die Nominierungen, aus denen in diesem Jahr gewählt werden konnte.

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