Nichts ergibt Sinn, schon gar nicht das Leben

von Grete Götze

Mainz, 29. Januar 2015. Kurt Vonnegut, so wagt die Kritikerin in steiler These zu behaupten, kennt heute kein Mensch mehr. Zumindest keiner unter 30. Aber für die, die heute so um die 50 sind, war der amerikanische Autor eine echte Hausnummer. Sein bekanntester Roman, "Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug", in den seine Erfahrungen als amerikanischer Kriegsgefangener während der Luftangriffe auf Dresden einflossen, wurde zum Kultbuch der Vietnamkriegsgegner. Doch Herr Vonnegut ließ sich nicht vereinnahmen. Er schrieb Satirisches, Phantastisches, Eigensinniges, immer vor dem prägenden Hintergrund von Kriegserfahrung.

Am Staatstheater Mainz haben sich jetzt drei um die 50jährige ans Werk von Vonnegut gemacht, mit der Uraufführung seines Romans "Die Sirenen des Titan". Das schrieb er 1959, zehn Jahre vor seinem "Schlachthof"-Welthit und wurde dadurch seinerzeit zum Helden der US-Jugend. Hausregisseur Niklaus Helbling führt Regie, seine Frau Brigitte Helbling hat (wie schon bei seiner letzten Mainzer Premiere "Der schwarze Komet") die Textfassung erarbeitet und Markus Schönholzer die Musik dazu komponiert.

diesirenendestitan2 560 bettina mueller xSpaß unterm Sternenhimmel: Antonia Labs, Denis Larisch, Katharina Alf,
Klaus Köhler und Henner Momann © Bettina Müller

In der Mars-Armee

Die Handlung mutet einigermaßen haarsträubend an: Malachi Constant, das ehemals reichste Kind auf Erden, doch nach exzessiver Party total pleite, wird für die Mars-Armee rekrutiert. Auf seinem Trip zum Mars und dort höchstselbst tut er furchtbare Dinge, an die er sich aber bald nicht mehr erinnern kann, weil ihm immer wieder das Gedächtnis gereinigt wird, wogegen er sich sträubt. Er zeugt auch ein Kind. Die Marsbewohner erklären den Erdbewohnern den Krieg und verlieren ihn. Als Held auf Erden etabliert, wird Malachi schließlich genötigt, auf den Titan zu gehen, wohin er mit seiner Familie aufbricht und dort auch noch allerlei wundersamen Wesen begegnet.

Zu dem Science-Fiction-Figurenwust haben die Helblings noch eine neue Figur hinzuerfunden, nämlich Kurt, Alter Ego des Autors. Der Kriegsveteran lebt mit seiner Frau Violet in einem Trailerpark und träumt so schlecht, dass sie ihm ein Ultimatum stellt: Entweder er redet über das, was ihn nachts aufheulen lässt, oder sie verlässt ihn. Er entscheidet sich fürs Reden, und die Geschichte in der Geschichte kann beginnen. Ein Bühnenbild im Bühnenbild gibt es auch. Gerahmt wird die Bühne von Umrissen eines Wohnwagens, in ihrer Tiefe steht wiederum ein Wohnwagen, der später auch mal zum Raumschiff wird. Dazu ein Sternenhimmel und galaktische Geräusche.

Rubbel die Katz

Zweieinhalb Stunden lang veranstaltet das Ensemble in diesem Rahmen ein Spektakel zum Augenreiben. Unterbrochen von Musikeinlagen, in wechselnden, schrillen Kostümen, switchen die sechs Schauspieler durch ihre 19 Rollen. Dazu kommen noch fünf Statisten. So viel versteht man: Da gibt es einen, nämlich Winston Rumford alias Kurt, der in die Zukunft sehen kann und das ganze Geschehen lenkt. Mal lässt er den Priester menschliches Miteinander predigen, mal menschliches Gegeneinander. Rumford lenkt auch zwei dubiose Figuren, die Playboy Malachi für die Marsarmee rekrutieren.

Die ist wirklich skurril. Uniformiert bis an die Helme rufen die Soldaten stampfend im Chor: "Rubbel die Katz, die Katz, die Katz", eine wunderbar absurde Szene. Ebenso wie jene in der "Schliemann-Atemschule", in der die Soldaten durch den Verzehr von Dumpfkugeln gemeinsam tanzend lernen, nicht mehr zu atmen. Zu diesem Zeitpunkt haben sie alle gerade Antennen in den Kopf eingepflanzt bekommen, die sie steuern und eigenes Denken verhindern. Was auf der Bühne so lustig daherkommt, markiert eigentlich furchtbare Indoktrinierung. Das zielt durchaus aufs Heute – in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen durch falsch verstandene Religionszugehörigkeit oder Nationalgefühl indoktrinieren lassen.

Lustig, aber hallo

Die politische Vereinnahmung der "Sirenen des Titan" scheut aber sowohl der Autor als auch Helblings Inszenierung. Dafür müssen sie in Kauf nehmen, dass es in der Pause an der Bar heißt: "Lustig, aber ich versteh nicht, was das alles soll". Das Schicksal, heißt es an einer Stelle, sei "eine unselige Verkettung von Umständen". Und die Botschaft, welche die Maschine Salo – Antonia Labs ist mit roten Haaren, Ganzkörperanzug und graziler Bewegung fast so betörend wie einst Milla Jovovich in "Das fünfte Element" – von einem Ende des Universums zum anderen tragen soll und die den Abend beschließt, ist schlicht "hallo".

So könnte man den Abend als großen, sinnlosen Partyspaß begreifen, als unterhaltsame Inszenierung mit viel Musik und einem durchweg engagierten Ensemble (Denis Larisch holt aus jeder Nebenrolle das Galaktisch-Mögliche heraus, ob als Butler oder als Barkeeper). Man kann ihn aber auch als Veranschaulichung dafür sehen, wie Menschen durch Religion und Krieg manipuliert werden. Oder als atheistische Anspielung darauf, dass letztlich ohnehin nichts einen Sinn ergibt, schon gar nicht das Leben – aber dass es trotzdem ganz schön sein kann. Und das ist als Ausbeute ja gar nicht wenig, auch nicht für jene unter 50.

 

Die Sirenen des Titan
Schauspiel mit Musik von Brigitte Helbling und Markus Schönholzer nach dem Roman von Kurt Vonnegut
Uraufführung
Regie: Niklaus Helbling, Musikalische Leitung: Lukas Ruschitzka, Bühne: Alain Rappaport, Kostüm: Kathrin Krumbein, Video: Elke Auer, Choreografie: Teresa Vittucci. Licht: Sebastian Ahrens, Dramaturgie: Jörg Vorhaben.
Mit: Klaus Köhler, Henner Momann, Katharina Alf, Denis Larisch, Antonia Labs, Rüdiger Hauffe, Statisten und Band (Lukas Ruschitzka, Peter Crighton, Dominik Fürstberger).
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-mainz.com

 

Kritikenrundschau

Das Projekt sei "noch dramatischer gescheitert, als es die Rahmenbedingungen sowieso schon hatten befürchten lassen", ist Jens Frederiksen im Wiesbadener Kurier entsetzt. Es gebe "viel zu rätseln, aber wenig zu bestaunen": Immer, wenn’s interessant werde, falle der Vorhang, und das ausgesparte Geschehen werde im Folgedialog umständlich nachgereicht. "Kein Pfiff, kein Witz, kein Geist, keine Frechheiten", so Frederiksen: "Und gespielt wird auch nicht gut."

Stefan Benz schreibt auf Echo-Online, der Webpräsenz des Darmstädter Echos (2.2.2015), keine Spur sei an diesem Abend zu entdecken von Vonneguts Erfahrungen von "Krieg und Gefangenschaft, der Bombardierung Dresdens, auch vom großen Crash 1929" oder den "amerikanischen Träume und Pop-Kultur-Blasen der späten Fünfziger". Viel näher sei Helbling "dem Bahnhofsbuchladen mit Groschenheften". Das Stück erschiene als "Pulp Fiction zwischen psychedelischer Raumpatrouille und militaristischem Perry Rhodan". Aus Vonneguts Trailerpark gehe es hinein ins "Universum des Unterbewusstseins und Unsinns". Dabei werde getanzt wie "bei Gottlieb Wendehals oder dem MDR-Fernsehballett". "Ist das noch Theater oder schon Karneval?" Das Premierenpublikum jedenfalls sei hingerissen gewesen. "Fassungslos" der Kritiker.

 
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