Im Trümmerfeld

von Michael Laages

Osnabrück, 31. Januar 2015. Der Dichter schaut auf seine Stadt. Tag für Tag und vieldutzendfach – quasi an jeder bedeutenderen Straßenecke in Osnabrück erinnert derzeit das Profil des Schriftstellers Erich Maria Remarque an die bedeutendste literarische Stimme, die von hier aus die Welt eroberte; und wie im Jahr des Gedenkens an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren zahlreiche Bühnen Remarques berühmten Roman "Im Westen nichts Neues" neu erarbeiten, so verschrieb sich die Heimatstadt des Autors einem "Stadtprojekt Remarque". In unterschiedlichsten Variationen wird darin vor allem vom Theater seit Beginn der Spielzeit versucht, das Werk des Dichters neu zu erkunden – so mit einem Tanzabend auf der Basis von Remarques berühmten Liebesbriefen an Marlene Dietrich und jetzt mit der Bühnenfassung von Remarques 1956 erschienenem Roman "Der schwarze Obelisk".

Die Mühe an sich ist aller Ehren wert, zumal sich die Stadt naturgemäß sehr lange sehr schwer tat mit ihrem pazifistischen Helden; und die deutsche Provinz, die im Roman unter dem Alias-Namen "Werdenbrück" deutlich die Züge von Remarques Geburtsstadt trägt, ist ja auch ohne nennenswerte Sympathie gezeichnet. Die aktuelle Uraufführung allerdings ist nichts mehr und nichts weniger als eine krachende Katastrophe. Warum?

der schwarze obelisk1 560 marelkruszewski uDa steht er, der Obelisk, mit Stefan Haschke (Narr) und Anne Hoffmann (Närrin); darüber flackern als Projektion Stephanie Schadeweg (Isabelle) und Patrick Berg (Ludwig Bodmer) © Marek Kruszewski

Zum einen, weil Štormans Team Remarques Geschichte aus der Zwischenkriegszeit, der Zeit also von Hyper-Inflation und neu erstarkendem Nationalismus, der (wie Remarque 1956 weiß) bis zum Faschismus führen wird, nicht wirklich kenntlich werden lässt. Selbst für die angestrebte "Versuchsanordnung über den Faschismus" wäre das nötig. Wer sich vor Beginn der Vorstellung nicht halbwegs ernsthaft im Programmheftchen informiert über Fabel und Personal des ja nicht wirklich weltberühmten Romans, der wird bestenfalls in Bruchstücken begreifen, wovon Remarque erzählen will: von zwei Kriegsheimkehrern nach 1918, die einen halbwegs einträglichen Grabsteinhandel aufziehen und der kleinen Stadt ganz im Geist der Restauration sogar ein Kriegerdenkmal spendieren wollen. Einen der beiden, Georg Kroll, hat die Kriegserinnerung imprägniert gegen den neuen Volkswahn der Kriegsgewinnler; er trägt darum immer die Kriegermontur. Der andere, Ludwig Bodmer, wollte ganz schnell Zivilist sein und ist damit in vielerlei Hinsicht verführbar geworden für die neue und schon wieder kriegsschwangere Zeit.

Kein Zusammenhang, nirgends

Auf diesen kleinen Plot haben Regie und Dramaturgie nun mit dem ganz großen, ganz schweren Hammer modischer Dekonstruktion eingedroschen; und übrig geblieben sind naturgemäß nichts als Splitter und Brocken einer Geschichte. Kein Zusammenhang, nirgends; obendrein (besser: deswegen!) muss ja immer mal wieder szenisch erklärt werden, wohin die Reise eigentlich gehen soll – etwa gleich zu Beginn, wenn Kriegsheimkehrer Bodmer ziemlich viel Zeit damit verbringt, die Kriegs-Camouflage ab- und modische Bürgerkleidung anzulegen. Das hat das Publikum nach einer halben Minute verstanden, der theatralische Vorgang dauert aber gefühlte fünf; und immer wieder, 90 Minuten lang, ist "Der schwarze Obelisk" auf ähnliche Weise schlicht und schlimm, das heißt: zum Gähnen langweilig.

Zum anderen aber wollen Štorman und die Seinen in diesem dramaturgischen Nachkriegstrümmerfeld ja auch noch Parallelen zeigen zur Gegenwart – Worte wie "Lügenpresse" und "Volksverräter" fallen in Remarques kalter Schilderung des neu erwachenden Nationalwahns, damals noch in Kaiserreichs Fahnenfarben Schwarz, Weiß und Rot; jetzt, ins Schwarz-Rot-Gold der neuen Einheit gehüllt, lässt sich ähnlich explosives Potenzial auf den Straßen etwa von Dresden und Leipzig ausmachen. So jedenfalls legt es die Inszenierung nahe, mit Film-Schnipseln und Text-Zutaten. "Wir sind nicht das Weltsozialamt!" und "Wer Deutschland nicht liebt, der fliegt!" – so ließ Remarques das nationale Gift-Gebräu damals brodeln, im nachgeborenen Wissen darum, dass es bald darauf braune Hemden tragen und einen Postkartenmaler aus Braunau am Inn zum neuen Führer erwählen würde. Wie aber brodelt es heute – wirklich genau so?

Spekulatives Gewurschtel

Die Analogie, die die Inszenierung angestrengt beschwört, ist natürlich vollkommen fahrlässig – und albern ist sie auch: mit schwarzweißrote Fähnchen schwenkendem Publikum und dem kurz vor Schluss ganz und gar peinlichen Bemühen, eine "Sorgen-und-Ängste"-Demo der Premierenkundschaft in Gang zu bringen. Nicht eine Spur historischen Materials unterfüttert die Parallelen. Und wer darüber nur ein wenig ins Grübeln kommt, entdeckt auch sofort, dass die unhistorische Parallele die anti-islamischen und wohlstandsverwahrlosten Paranoiker von heute sogar unverdient adelt – tatsächliches Nachkriegselend trieb doch zu Beginn der Weimarer Republik die Krüppel und die Blinden auf die Straßen, und echte Kriegsgewinnler profitierten demgegenüber noch von den knallharten Strafmaßnahmen im Versailler Vertrag. Wer mit Remarque tatsächlich vom Aufruhr jener zutiefst zerrissenen Zeit erzählen wollte, hätte allemal genug zu tun; auch ohne Pegida-Parallelen.

Wahrscheinlich ist schon klar geworden, dass in diesem spekulativen Gewurschtel schauspielerisch für niemanden ein Blumentopf zu gewinnen war; nicht für Dennis Pörtner und Patrick Berg, die mit- und gegeneinander kämpfenden Freunde mit dem Grabsteingeschäft, nicht für Anne Hoffmann und Stefan Haschke, die alle Abziehbild-Figuren des neu-nationalen Irrsinns spielen; nicht für Stefanie Schadewig als Bodmers Isabelle, Traum-Vision einer Liebe, die sich nie frei ausleben kann. Als "Schatten" schließlich bewegt sich Stephan Ullrich durch Dominik Steinmanns fahrige Szenerie – er trägt Remarques Outfit.

Darüber hinaus aber wurde der Dichter vermisst gemeldet an diesem Abend und in dieser Inszenierung. Eindruck gemacht hat nur die Leidensfähigkeit des Osnabrücker Publikums – erstaunlich, was zu ertragen ist, wenn's nur um eine lokale Lichtgestalt geht.

Der schwarze Obelisk
nach Erich Maria Remarque
Fassung: Carsten Golbek, Bühnenfassung: Marco Štorman und Peter Helling
Regie: Marco Štorman, Bühne und Kostüme: Dominik Steinmann, Musik/Sound-Design: Gordian Gleiß, Dramaturgie: Peter Helling.
Mit: Patrick Berg, Stefan Haschke, Anne Hoffmann, Dennis Pörtner, Stephanie Schadewig und Stephan Ullrich.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-osnabrueck.de

 
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