Wille zur Wellness

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 1. Februar 2015. Zuerst ist da diese Stimme, ein hinreißend hoher Jammerton, ebenso cool wie sehnsüchtig. Er entfährt dem isländischen Sänger und Songwriter Helgi Hrafn Jónsson. Gemeinsam mit Valgeir Sigurðsson entwirft er schönsten Pop mit Störgeräuschen für Großstädter. Das klingt wie Radiohead und ist auch so gemeint.

"Du musst dein Leben ändern"
Es ist der perfekte Soundtrack zum liberalen Lebensüberdruss, den Falk Richter in seinem neuesten Stück, einem Werkauftrag für die Frankfurter Positionen, beleuchtet. Dort begegnen uns Menschen, die nicht wissen, wie sie weiterleben sollen, weil sie gar nicht ahnen, wohin das führen möchte. Sie leben ihre Leben nicht mehr, sondern werden gelebt. Zwischen den Optionen "weniger schlafen" und "mehr schlafen" erschöpfen sie sich ausgiebig selbst, wobei Rilke ihnen immerzu in den Ohren liegt: "Du musst dein Leben ändern".

zweiuhrnachts 560 birgithupfeld uLisa Stiegler, Jorijn Vriesendorp, Johanna Lemke © Birgit Hupfeld

"Zwei Uhr nachts" versammelt fantastisch realistische Nachtgestalten, Lebensmüde, Somnambule, die sich selbst beruhigen müssen, um überhaupt Schlaf zu finden. Dabei können sie eher sagen, was sie alles nicht sind, als zu erkennen, wer sie sind. Falk Richter beäugt die schillernde Persönlichkeitsstruktur dieser Wesen. Zu Anfang storcht die Schauspielerin Constanze Becker als Business-Superwoman über die Bühne und spricht am Telefon mit einem/ihrem Mann, den sie überwacht wie Feindesland. Seine Googletreffer offenbaren ihr sein Selbst. Mit gerader Hysterie schraubt sich Becker dabei in eine Erregung hinein, die in einem alarmistischen "Weinst Du?" gipfelt.

Die Qualen des Wählens
Vorne rechts sitzt derweil der Schauspieler Marc Oliver Schulze auf einem Ledersofa und stiert ins Ungefähre. Später erzählt er von einem Mann, der sich selbst verloren hat und nicht weiß, wieso. Es ist das Lebensgefühl ab- und aufgeklärter Großstädter, das hier beschaut werden darf. Sie haben Arbeit, sie haben Geld, sie sehen gut aus und doch fehlt immer irgend etwas, im Zweifel Liebe. Sie haben zu viele Möglichkeiten, quälen sich mit dem ständigen Wählen und haben für alles keine Zeit.

zweiuhrnachts2 560 birgithupfeld uConstanze Becker, Denis »Kooné« Kuhnert, Marc Oliver Schulze © Birgit Hupfeld

Prototypen unserer Gegenwart sind es, die Falk Richter hier ausstellt. In kleinen Szenen, mal gespielt, mal getanzt, skizziert er ihr Arbeits- und Liebesleben, ihre Einsamkeit, Verzweiflung und Zerstörungswut. Auf große und kleinere Leinwände projizierte Videos strotzen vor Urbanität und Kälte, aber nicht unbedingt vor originellen Bildideen: Leere Hotelzimmer und U-Bahnhöfe illustrieren Unbehaustheit, während die Musik den Seelenuntergrund absucht. Nicht selten passiert alles auf einmal, links wird getanzt, rechts gesungen, im Hintergrund laufen Bilder und irgendwo spricht irgendwer. Die Überforderung der Figuren findet in dieser Gleichzeitigkeit ihre Entsprechung. Die Bühne von Katrin Hoffmann frönt allen Elementen, spielt mit Feuer, Wasser, Erde, Luft, und die Menschen verkörpern dazwischen die dazugehörigen Temperamente.

BoConcept und Magensäure
Alles tönt bekannt und geht doch keinen Schritt weiter. Da bringen etwa zwei Frauen das Einfrieren von Eizellen zur Sprache, wie es jüngst die Unternehmen Apple und Facebook ihren weiblichen Angestellten angeboten hatten, doch außer dass das Thema kurz angerissen wird, passiert weiter nichts damit. Es fungiert an diesem Abend nur als weiteres Symptom einer kollektiven Neurose, die hier arg glatt und reibungslos verhandelt wird. Falk Richter formuliert keine brennend neuen Fragen, sondern fügt das bekannte Unbehagen zu einer genreübergreifenden Collage unserer Tage. Es sind trostlose, ausweglose, utopielose Zeiten, die nach BoConcept aussehen und wie Magensäure schmecken.

Immer mal wieder krümmen sich Schauspieler, Sänger und Tänzer wie Embryonen auf dem Boden und drehen Runden wie Hamster im Rad. Dann wieder benehmen sie sich wie Einzelteile in einer Fabrik, die sich dem großen Ganzen willfährig fügen. Zwischen Selbstoptimierung und Wille zur Wellness veräußern sie wie nebenbei ihr einziges Leben. Falk Richter zeigt das in all seiner tragischen Schönheit, allerdings ohne unter die gestylten Oberflächen ihrer Traurigkeit zu gelangen.

Zwei Uhr nachts
von Falk Richter
Regie und Choreografie: Falk Richter, Komposition: Helgi Hrafn Jónsson, Valgeir Sigurðsson, Bühne: Katrin Hoffmann, Kostüme: Marysol del Castillo, Video: Chris Kondek, Dramaturgie: Sibylle Baschung.
Mit: Constanze Becker, Johanna Lemke, Lisa Stiegler, Jorijn Vriesendorp, Timo Fakhravar, Denis "Kooné" Kuhnert, Maximilian Meyer-Bretschneider, Marc Oliver Schulze, Helgi Hrafn Jónsson und Valgeir Sigurðsson.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.frankfurterpositionen.de
www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Ein "großartiges Tohuwabohu" hat Judith von Sternburg für die Frankfurter Rundschau (2.2.2015) gesehen. "Denn obwohl Richter nicht der erste ist, der sich einem klassisch Frankfurter Thema künstlerisch nähert, der geistig-seelischen Verfassung von Berufsgruppen, in denen Erfolg und Commitment alles sind, ist das ein eigener, eigenwilliger Kommentar dazu. Mit Künstlerinnen und Künstlern, die ihrerseits in Wahnsinnsform sind, und voller Hingabe."

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.2.2015) schreibt Eva-Maria Magel: "Falk Richter ist ein Meister darin, aus den Tatsachen der sogenannten Zivilisation reizüberflutende Theatertexte und Bilder herzustellen, die den alltäglichen Irrsinn durchaus zeigen." Eine Konsequenz oder auch nur eine Arbeitshypothese aber gebe es nicht. "Nicht mal einen Exzess, außer ein bisschen Gebrüll. So bleibt der Abend, was er doch beklagt: schiere, hochglänzende Oberfläche, ausweglos."

"Richter praktiziert die Selbst- und Weltbefragung des überforderten Selbständigen mit derartiger Leidensfähigkeit, dass man sich fragt, ob er keine anderen Leute kennt", schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (4.2.2015). Diesmal habe der Autorregisseur "eine unverschämt grandiose Pegida-Suada" im Gepäck, verströme mit dem Rest seines Frankfurter "Großstadtblues" aber eher "ein Gefühl der grenzenlosen Verlorenheit und des melancholischen Eskapismus". Die ersten "Monologe dieser Überforderten in der Workaholic-Tristesse" funktionierten noch "ganz gut". Aber je länger das geht, "desto bedenkenloser reiht Richter gängige Leidensbilder und garniert sie mit bedingt aussagekräftigen Choreografien". Der "eigentliche Star des Abends" sei die Leinwand mit den "berückend coolen Großstadtstimmungen" von Chris Kondek.

Auch Alexander Jürgs von der Welt (4.2.15) schreibt von der Verstörenskraft der Kondek-Bilder. Richters Inszenierung wirke oft "wie ein Musikclip. Gestochen scharf, clean und glatt." Man könne sie als die Fortsetzung seines bekannten "Unter Eis"-Stücks begreifen. "Natürlich kann man sagen: Das hat man alles schon gehört, das ist doch alles nichts Neues. Aber wie es Falk Richter auf den Punkt bringt, ist trotzdem beachtlich."

 
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