Es kommt der Moment, wo es aufhört

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 5. Februar 2015. Der Reutlinger Journalist Wolfgang Bauer ist ein Günter Wallraff der Immigration aus Afrika. Undercover machte er sich auf den Weg, mit syrischen Flüchtlingen, von Ägypten (wo diese Menschen auch schon Exilanten waren) nach Europa. Seine aufrüttelnden Texte konnte man in der "Zeit" nachlesen und seit vorigem Herbst auch im Buch (bei Suhrkamp). Und nun auf der Bühne, in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters: "Über das Meer".

Eignet sich ein solcher Text auch nur ansatzweise für eine Bühnenumsetzung? Der Salzburger Intendant Carl Philip von Maldeghem als Regisseur und seine Dramaturgin Maren Zimmermann haben sich fürs Beibehalten der Kolportage entschieden. Drei Männer und eine Frau schicken sie ins Rennen. Man fingiert keine Dialoge, setzt eher Sprechchöre der vier Darsteller für eine ultra-rasche Abfolge von präzise gefassten, ohne plumpen Realismus erzählenden Szenerien. Für deren Andeutung müssen ein paar Holzsessel als Requisiten genügen.

Verschlungene Wege

So kommt gut heraus, wie Menschen gehetzt werden, genauer: wie sie zwischen Gehetzt-Sein und lähmendem, nicht minder beängstigendem Warten zermürbt werden. Die Reisegefährten von Wolfgang Bauer waren keineswegs die Ärmsten der Armen. "Der gesamte syrische Mittelstand" warte da mit Blick aufs Meer in Alexandrien, heißt es einmal. Das Geld, auch wenn mans zu haben glaubt, geht freilich drauf. Die abzockenden Fluchthelfer wissen, wie sie dran kommen. Die Europa-Immigranten in spe geraten zwischen die Fronten rivalisierender Banden in Sachen Fluchtorganisation. Und es sind Ströme mit unterschiedlichen Richtungen und Absichten unterwegs: neben den Syrern auch Ägypter, die nach Griechenland wollen (und sich in Europa als Syrer ausgeben werden). Vor Griechenland gehen Kurden an Bord.

Wolfgang Bauer ist übrigens zwei Mal aufgeflogen: In Ägypten ist er gar nicht erst aufs Schiff gekommen, der EU-Pass war sein Exit-Visum in die Türkei. Diesen Flug habe er nach eigenen Worten gegenüber den Flüchtlingen als "obszön" empfunden. Mit den Immigranten blieb er per Handy in Kontakt, und so ist er schließlich von Süditalien mit zwei Syrern per Auto Richtung Deutschland gefahren. Da war in Österreich an der Brenner-Autobahn Schluss. Aber irgendwie haben es diese Leute doch geschafft in die EU.

Verdoppelte Frauenfigur

Der knallharten Reportage setzt Carl Philip von Maldeghem an dem Abend eine nicht minder textreiche, aber bei aller Krassheit entschieden poetische Fluchtgeschichte entgegen: "Nach Europa" ist die vor zwei Jahren von Friederike Heller fürs Hamburger Schauspielhaus dramatisierte Flucht-Erzählung aus dem Roman "Drei starke Frauen" der französisch-senegalesischen Autorin Marie NDiaye.

nach europa2 560 anna maria loeffelberger u"Nach Europa" mit Tim Oberließen, Elisa Afie Agbaglah, Julienne Pfeil
© Anna Maria Löffelberger

Auch da verlegt sich der Regisseur aufs Chorische, er verdoppelt die Frauenfigur, ihre Begleiter und Widersacher. Eine dunkelhäutige und eine blonde Frau durchleben das Schicksal der Khady Demba, die von der Familie ihres verstorbenen Mannes verstoßen, hinausgestoßen wird aus ihrer Welt. Nach Monaten des Tortur – unter anderem als Zwangsprostituierter in einer Wüstenstadt – wird sie an den hohen Zäunen von Melilla zu Tode kommen. "Die Träume waren dem Hereinbrechen des wirklichen Lebens nicht gewachsen" heißt es in dieser so gar nicht larmoyanten Geschichte einmal, und die in krasse Realität des Flüchtens gestoßene, ahnungslose junge Frau fragt einmal: "Was ist das genau, Europa?"

Zwischen pendelnden Stangen

Verbindende Elemente dieser beiden knapp und konzis erzählten Emigrationsgeschichten: Es wird nicht auf die Tränendrüsen gedrückt. Der Regisseur und seine sprachlich äußerst konzentrierten, Emotionen in Zaum haltenden Schauspieler (man sollte einzelne nicht hervorheben, es geht um ein starkes Sprech-Ensemble) konfrontieren mit Menschen, die momenthaft greifbar werden und dann doch gleich wieder fürs Allgemeinschicksal stehen.

Ganz stark verbindet die beiden Theater-Einakter das Bühnenbild von Thomas Pekny: ein Wald von Metallstangen, von der Decke hängend, fahrbare Transparent- dazwischen und Spiegelwände rundum. Man denkt unwillkürlich an Spiegelkabinette auf Jahrmärkten. Die Leute hier zahlen auch, aber sie liefern sich den Irrwegen nicht freiwillig aus. Wenn die Stangen pendeln, schwingt das Bedrohliche im Wortsinn mit.

Traum von Damaskus

"Es kommt der Moment, wo es aufhört." Damit hat sich in Marie NDiayes Roman die unsäglich leidende und zugleich unsäglich starke Khady getröstet. Für ein paar der Protagonisten von Wolfgang Bauer hat es auch – vorerst einmal – aufgehört. Zwei syrische Brüder sitzen jetzt in einem Immigrantenheim in der schwedischen Pampa, um das herum Neonazis aggressive Stimmung machen. Und Heimat, so heißt es am Ende, wären ja doch die Gewölbe im Bazar von Damaskus.

Nach Europa
Nach dem Roman "Drei starke Frauen" von Marie NDiaye
aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer für die Bühne bearbeitet von Friederike Heller
Über das Meer
Uraufführung
Nach der Reportage "Über das Meer – Mit Syrern auf der Flucht nach Europa" für die Bühne bearbeitet von Maren Zimmermann
Regie: Carl Philip von Maldeghem, Ausstattung: Thomas Pekny, Dramaturgie: Maren Zimmermann.
Mit: Elisa Afie Agbaglah, Julienne Pfeil, Tim Oberließen, Christoph Wieschke, Clemens Ansorg.
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.salzburger-landestheater.at

 

Kritikenrundschau

Florian Oberhummer schreibt in den Salzburger Nachrichten (7.2.2015), es sei kein Theaterabend im herkömmlichen Sinn. Die Geschichten blieben "tief im Gedächtnis". So stark der Kontrast zwischen der "symbolreichen Kunstsprache NDiayes und Bauers bewusst sachlichem Reportageton" sei, so stimmig fügten sich die Geschichten zu "einem vielschichtigen Flüchtlingspanorama". Elisa Afie Agbaglah und Julienne Pfeil verkörperten Khady "polyphon". Der "Doppler-Effekt" finde seine Entsprechung in Thomas Peknys Bühnenbild: "Spiegel und ein Stangenwald, Symbol für die Hindernisse auf dem Weg ins Paradies". Wolfgang Bauer verzichte so wie der Suhrkamp Verlag auf die Tantiemen. Das Geld gehe an die drei Porträtierten, die alle nach Europa gelangten.

 

 

 
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