Unser Migrantenlümmel

von Wolfgang Ueding

Bielefeld, 6. Februar 2015. Die alte Geschichte ist, nein, eben nicht schnell erzählt. Dariusch Yazdkhasti reduziert und verknappt zwar mächtig: Er verteilt Shakespeares personalintensives Stück auf achteinhalb Sprechrollen und lässt als Bühnenbild nur einen Leinwand-Vorhang vor- und zurückfahren. Für die Schimpfwörter aber nimmt er sich erst einmal viel Zeit. Ein zotteliger Jago teufelt da auf den titelgebenden Kanaken ein, auf das Ölauge, den Kaffer, den Migrantenlümmel. Rodrigo, der gerade von Jago ausgenommen wurde, tumbt herrenrassistisch in dasselbe Horn, und Brabantio rastet von den Rängen aus vollends aus, als ihm das offensichtlich widerliche venezianische Volk hinterträgt, der Maure habe seine Tochter angefasst, ja schlimmer noch, geheiratet. Da hätte es nicht unbedingt auch noch ein "Vegida"-Schild gebraucht, um die Absicht kenntlich zu machen.

Die Kamera aber sehr wohl, die ein Halbstatist ab dann immer wieder einsetzt, um Szenen vor und hinter dem Vorhang groß auf ihn zu projizieren. Zunächst den Dogen in Parteitagsrednerpose, der den kommenden Krieg verkündet, für den er Othello braucht. Später fängt die Kamera Beiseite-Bemerkungen in Frontalansicht ein, gibt einigen hart arbeitenden Schauspielern Money-Shots in Großaufnahme und vor allem Jago immer wieder Gelegenheit, verräterisch direkt ins Publikum zu gucken. Das reagiert zumeist amüsiert, weil das Drama ja doch keiner glaubt. Manchmal kippt die Kamera, wohl um anzudeuten, dass man da etwas auch aus einem anderen Blickwinkel sehen könnte. Manchmal zeigt die Leinwand auch vorher aufgenommene Traumbilder, und wenn es ganz schlimm wird, wiederholt sie Szenen, die dem armen Othello quälend im Kopf herumgehen.

Aufregung um einen Ehrenmord

Gerade als sich alle fragen, warum sie nicht gleich ins Kino gegangen sind, legt der Statist das Gimmick weg, sagt: "Ich trinke mit", und man klamaukt sich durch das strategische Besäufnis, das Cassio zum Rüpel macht. Sehr schön, dass der ganze Auftakt von ungemütlicher Fremdenfeindlichkeit vergessen ist, dass schierer Ulk den Weg des Grauens säumt. Weniger schön, dass Othello, stets etwas steif, nie der attraktive Fremde wird, an dem sich das Bürgertöchterlein hätte entzünden können. Noch der beleidigte Ex-Ehrenmann, den vermutetes Fremdgehen zum Würgen treibt. Und zur Selbsterschießung.Othello1 560 PhilippOttendoerfer uAnton Pleva als Othello © Philipp Ottendörfer

Stattdessen greift die Regie wieder mal zur Kamera. Getürkte, das muss man hier auf Bühnen-Zypern wohl so sagen, Nachrichtensendungen aus aller Welt parodieren die mögliche mediale Aufregung um einen Ehrenmord und mehrere Leichen. Sogar ein arabischer Sender äußert sich. Man weiß nur nicht, was er sagt.

Die alte Geschichte wurde in zweieinhalb Stunden vielleicht doch etwas zu schnell erzählt. Gefallen hat sie aber den meisten. Nur eine Handvoll Bürger floh zur Pause, weil sie keinen weißen Mohren als Hampelmann des Ehrgeizes sehen wollten.

 

Othello
von William Shakespeare
Übersetzung von Hermann Motschach
Regie: Dariusch Yazdkhasti, Bühne: Jürgen Höth, Kostüme: Katharina Kromminga, Video: Konrad Kästner, Dramaturgie: Katrin Enders.
Mit: Anton Pleva, Lukas Graser, Guido Wachter, Janco Lamprecht, Thomas Wolff, Doreen Nixdorf, Carmen Priego, Oliver Baierl, Guido Schikore.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-bielefeld.de

 

Kritikenrundschau

Für Antje Dossmann von der Neuen Westfälischen (9.2.2015) ist Dariusch Yazdkhastis Adaption des "Othello" eine "mit mutigen Widerhaken, die man gesehen haben sollte." Unter dem Eindruck der Aufführung fragt sich Dossmann, ob es nicht Zeit sei, "den Begriff Ehre, an dem zu viel Blut klebt, ein für allemal aus dem Wortschatz der Menschheit zu streichen?" Yazdkhasti formuliere "Gedanken dieser Art nicht plump, sondern eröffnet Denk-Räume, in denen die statische, an Konventionen oder kulturelle Erwartungen gebundene, letztendlich ichbezogene Vorstellung von Ehre überwunden wird zugunsten eines gleichberechtigten, vertrauensvollen Dialogs zwischen den Geschlechtern und Kulturen." Anton Pleva mache den Othello "mit wenigen Mitteln vom Glühenden zum Verloschenen", und Guido Wachter als Jago sei schlicht "großartig".

"Dank der Nahaufnahmen eines jeden Mienenspiels werden die Gefühlswallungen überdeutlich", schreibt Burgit Hörttrich im Westfalen-Blatt (9.2.2015). "Niemand kann sich verstecken, die Kamera ist schon da. Gleichzeitig erzählt sie Othellos Geschichte aus ihrem speziellen Blickwinkel, Bilder sind nicht objektiv." Yazdkhasti habe zudem "der Versuchung weitgehend widerstanden, das Spiel der ewig gültigen Leidenschaften mit aktuellen politischen Ereignissen zu vermischen. Die Holzhammermethode wäre nämlich überflüssig."

 

 
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