Doktorspiele und Dillsüppchen

von Martin Krumbholz

Köln, 12. Februar 2015. Wenn das Kölner Theater am Dom auf nachtkritik.de bislang nicht vorkam, könnte es wohl auch daran liegen, dass die Nachtkritik ja ein schüchternes junges Medium ist, während das Theater am Dom vor geballter Theatergeschichtsmacht förmlich aus den Latschen kippt: Hans Clarin und Axel von Ambesser, Thomas Fritsch und Harald Juhnke, Karin Dor und Karl-Heinz Schroth, Claus Biederstädt und Günther Pfitzmann, Walter Giller und Nadja Tiller, kurz die Crème de la Crème des deutschen Boulevardtheaters hat hier ihre Spuren hinterlassen.

Die Stücke hießen "Versuch's doch mal mit kleinen Mädchen", "Ein Yoghurt für zwei" oder "Simone, der Hummer und die Ölsardinen" (ob sich hier Michael Frayn für seinen "Nackten Wahnsinn" bedient hat, Stichwort Ölsardinen?). Aber es gab auch eine durchaus seriöse Offtheater-Schiene, zehn Jahre lang sogar eine Extra-Bühne fürs anspruchsvolle Fach. Peter Zadek hat hier inszeniert, Jürgen Flimm als Zehnjähriger einen Zwanzigjährigen gespielt (oder war's umgekehrt?). Seinen 50. Geburtstag hat das Haus gefeiert, und das ist auch schon wieder fast zehn Jahre her.

Gegen Nacktheit und Antisemitismus

Es ist ein verglühendes, ja ein verglühtes Genre, die Fotos an den Wänden künden von glamourösen Zeiten, und das macht auch ein bisschen traurig. Inzwischen schreibt der Prinzipal René Heinersdorff, der eigentlich Düsseldorfer ist, die Stücke selbst, auch sich selbst und ein paar Spießgesellen wie Hugo Egon Balder oder Jeanette Biedermann auf den Leib. Im Programmheft beschwört der Allrounder "boulevardeske Eleganz", lobt sich beiläufig selbst: "Wenige beherrschen das", schimpft aufs Abonnenten verschreckende Regietheater und nennt noch ein paar hausgezimmerte Tabus, "u.a. Nacktheit und Antisemitismus". Nacktheit und Antisemitismus? Das Durchschnittsalter des Publikums liegt folgerichtig bei... naja, Schwamm drüber.

aufguss 280 theater am dom xFlotter Dreier: Balder, Biedermann,
Heinersdorff  © Theater am Dom
Apropos. Es handelt sich diesmal um eine spritzige Wellnesskomödie mit dem Titel "Aufguss", und wie es sich für ein Drama geziemt, hat alles einen Doppelsinn, die Wellness hat nicht nur mit Wasser zu tun, der Aufguss ist zugleich ein Er-guss, und der springende Punkt bei alldem ist eine Verwechslung von Samenspende und Geldspende, also: Aus einem einzigen Wortwitz lässt sich tatsächlich ein komplettes Stück bauen (2 Stunden inkl. Pause, denn im Boulevardtheater brauchen bereits 2 Stunden eine Pause).

Der Inhalt in Kürze: Der angejahrte Industrielle Dieter (Hugo Egon Balder) hat seiner Geliebten Mary einen Samenspender ins Wellness-Hotel bestellt, während der gleichzeitig auftauchende Kinderarzt Dr. Lothar (René Heinersdorff) und seine Assistentin Emelie (Jeanette Biedermann) in Dieter einen potent(iell)en (Geld-!)Spender für ihr "Infusionszentrum" (!) zu erblicken glauben. "Jede noch so kleine Spende", heißt es, "ist herzlich willkommen." Somit kreuzen sich die Pläne, und es stellt sich die Frage: Wie werden Dieter und Dr. Lothar sich wohl aus der Affäre (!!) ziehen?

Dünne Suppe, fette Lacher

Die lustigsten Wortspiele gibt's direkt nach der Pause, wenn die fünf aufrechten Wellnesser aufzählen, was sie zu Abend gegessen haben. Erwartungsgemäß erhält das "dünne Düsseldorfer Dillsüppchen" in Köln den fettesten Lacher, dabei wäre der "Gummersbacher Gugelhupf mit Grand Marnier" nach Nachtkritiker-Geschmack mindestens ebenso komisch gewesen. Es ist Weiberfastnacht (auch wenn man in der Berliner Nachtkritik-Redaktion nicht weiß, was das ist), und wäre das Freibier, das nach der Vorstellung großzügig ausgeschenkt wurde, schon vorher geflossen, hätten die Leute bestimmt noch viel mehr gelacht.

Die bessere Performance wurde übrigens zu fortgeschrittener Stunde im Hauptbahnhof geboten, wo eine Drums'n'Brass-Band namens Lumpenkapelle forsch aufspielte und die stimmungsvolle johlende Narrenmenge eine Unzahl von Zugaben einforderte, bevor sie beglückt in die Züge stieg. Ach, Kölle!


Aufguss. Eine Wellnesskomödie
von René Heinersdorff
Regie: René Heinersdorff, Bühne: Tom Grasshoff.
Mit: Hugo Egon Balder, Madeleine Niesche, Jeanette Biedermann, René Heinersdorff, Jens Hajek.
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.theateramdom.de

 

 
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