Emotionale Wasserschäden

von Simone Kaempf

Hamburg, 23. Februar 2008. Wenn Blanche aus dem Badezimmer kommt, dann sieht man erst einmal ihr ausgestrecktes Bein. Ein makelloses Bein, eigentlich, das sich lang in die Luft streckt. Und doch ein Fremdkörper vor der Kulisse schwarzer Plastikbauplanen, mit denen der Raum verhängt ist. Anfangs rinnt ein Regenguss laut plätschernd wie eine sommerliche Gewitterfront die Planen herunter.

Viel Wasser muss bereits geflossen sein. Denn der fleckige Bodenbelag wellt sich so stark, dass einmal Blanches zerrissene Kettenperlen auf der Berg- und Tal-Bodenlandschaft ganz langsam, aber unübersehbar in eine Mulde rollen und dort liegen bleiben. Nicht viel anders ergeht es den Figuren in Stephan Kimmigs Inszenierung von "Endstation Sehnsucht": Sie sind ziemlich unten, ohne viel Chance zum Aufstieg. Die Südstaaten-Schwüle ist am Thalia Theater einer Stimmung drückender Niedergeschlagenheit gewichen, vom düsteren Grau der Bühne noch unterstrichen. Das ist erst einmal eine starke Setzung.

Kultiviertheit als Bewältigungsstrategie 

Allen voran hat Blanche (Maren Eggert) die abschüssige Bahn schon hinter sich. Sie sucht bei ihrer Schwester Stella Unterschlupf, weil sie den Familiensitz Belle Rêve nicht halten konnte, den Lehrerinnen-Job wegen sexueller Übergriffe verlor, aus einem drittklassigen Hotel hinausflog und selbst kaum noch an ihre Kultiviertheit glaubt.

Diese aufgesetzte Kultiviertheit schrieb Tennessee Williams als Lebensbewältigungs-Strategie in sein Stück. Bei "Endstation Sehnsucht" ist jedoch nicht nur der Text, sondern auch der Film ein Referenzpunkt, der mit Marlon Brando als Stanley Kowalski deutlich machte, wie einer mit Arbeiterstolz seine Welt verteidigt.

In Hamburg hat Alexander Simon als Stanley dazu nicht viele Möglichkeiten. Er trägt zwar auch ein weißes Unterhemd, unter dem die Muskeln spielen. Aber als Aufreißer italienischer Machart mit gegeltem Haarzopf gehen ihm bald die Sympathien verloren.

Zu verteidigen hat er nichts, und damit ebnet er den starken Auftritten von Maren Eggerts brüchiger Blanche erst richtig das Feld. Sie wechselt unberechenbar die Stimmungen, ist noch nicht so abgetakelt, um ihr Alter zu verheimlichen, doch desillusioniert genug, um mit ihrem Gesicht Fassaden vor ihre Gefühle zu bauen, notfalls auch loszuschreien oder den knappen Kleidsaum noch ein Stück höher zu ziehen.

Seelen mit Wasserflecken

Ihre Schwester Stella (Katrin Wichmann) gibt optisch das drallere Ebenbild: in knappe Jeans-Shorts geklemmt, aus denen die Schenkel herausquellen. White Trash fällt einem sofort ein, die andere Seite des amerikanischen Traums, aus dem sich jeder sein Recht auf Glück ableitet. Kein Wunder, dass sie hier diejenige ist, für die die Welt in Ordnung ist.

Im Programmheft unternimmt Dirk Wittenborn, Drehbuchautor des Iraksoldaten-Heimkehrerfilm "The lucky ones", Überlegungen zum Zustand New Orleans nach dem Hurrikan Katarina: enorme Sachschäden, aber vernichtender noch sei die amerikanische Gleichgültigkeit gegenüber den betroffenen Schwarzen und Armen gewesen.

Wasserschäden und emotionale Härte sind auch der Rahmen, den Kimmig setzt. Mit den eigentlichen Konflikten und gegensätzlichen Welten des Stücks hat das allerdings wenig zu tun. Aber Stephan Kimmig ist eben ein Regisseur, der die Konflikte gerne ins Innere der Figuren verlegt, um so in seelengeografische Landschaften vorzudringen. Das öffnet seinen Inszenierungen oft neue Blicke auf Stücke, aber wenn dabei allzuviel Schmerz wirksam wird, kann das Konzept auch zerfallen.

Endstation Nervenklinik 

Tolle Schauspieler sorgen jedoch dafür, dass es hier gut geht. Sie tragen diesen Abend, der grau in grau Williams' Figuren seziert: Sei es, wenn sich die Frauenbeine choreografisch durch triste Plastikplanen schieben; sei es, wenn die Figuren immer wieder aneinandergeraten und sich gerade in der Schroffheit ihres Umgangs der Reiz des Abends zeigt. Die Übersetzung von Helmar Harald Fischer unterstützt den Unterton von Anschuldigungen, Roh- und Abruptheiten.

"Was geht in Deinem Kopf vor? Dass ich hierher gekommen bin, um meine Schwester zu verarschen?" Das sind Sätze, die Blanche sagen darf. Nichts mit romantischer Pudrigkeit und Poesieliebe. Das Drama nimmt seinen Lauf, nicht als Tragödienstoff, auch nicht als sozialer Konflikt, aber als Zustandsbeschreibung, die nur die Erzählrichtung bis in die Nervenheilanstalt kennt. Damit überrascht der Abend zwar nicht, aber ganz kalt lässt er auch nicht.  

                   


Endstation Sehnsucht
von Tennessee Williams, deutsch von Helmar Harald Fischer 
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec. 
Mit: Maren Eggert, Katrin Wichmann, Alexander Simon, Andreas Döhler, Olivia Gräser.

www.thalia-theater.de

 

Mehr von Stephan Kimmig: Mamma Medea von Tom Lanoye (Kammerspiele München); Die Beißfrequenz der Kettenhunde von Andreas Marber (Thalia Theater Hamburg); Maria Stuart von Friedrich Schiller (Thalia Theater Hamburg).

Kritikenrundschau

"Die Zeichen stehen von Beginn an auf Vernichtung und Schrecken", schreibt Werner Theurich in spiegel online (24.2.). Bühnenbildnerin Katja Haß habe "so etwas wie einen überdimensionalen Leichensack für das Bühnenpersonal geschaffen....einen abstrakten Ort für ein Drama, das sich zwischen Charakteren, weniger zwischen Ideen und sozialen Realitäten abspielen soll." Das Duell zwischen Stanley Kowalski und Blanche, "hängt in dieser tödlich kahlen Ödnis fast völlig am Spiel der beiden Darsteller." Sie werde von Maren Eggert "mit raffinierter Grandezza" gespielt, "die reinste Kraftquelle, keinesfalls zerbrechlich, höchst vital." Sie sei es, schreibt Theurich, die die Neuinszenierung rechtfertige.

Auch Armgard Seegers sieht im Hamburger Abendblatt (25.2.) Maren Eggert als Zentrum der Inszenierung: "mehr Süchtige als Sehnende", "mal zittert sie im Mantel trotz Hitze, mal stürzt sie sich Hilfe suchend auf den Whisky, mal gibt sie die Überlegene, mal die Ängstliche." Wie eine Kandidatin aus einer Nachmittags-Talkshow kenne sie nur Sex als Rettung. Alexander Simon ist ein "kraftvoller, ausdrucksstarker" Schauspieler, der "seine körperliche Überlegenheit über Blanche nicht ausleben darf". Es entstehe "zu wenig erotische Spannung zwischen Kowalski und Blanche." Kimmig zeige weniger ein "farbiges Sozialdrama als vielmehr eine kühle Charakterstudie über die Unmöglichkeit des Zusammenlebens zwischen Männern und Frauen außerhalb sexueller Abhängigkeit." Gemäß dieser Erkenntnis sei die Umgebung auf der Bühne trist und "der Abend nicht nur beglückend."

Vor allem Zigaretten scheint Peter Laudenbach gesehen zu haben. In der Süddeutschen Zeitung (25.2.) liest man als Überschrift "Lungenzüge, die über die Liebe entscheiden". "Während Stella ihren Mann Stanley Kowalski leidenschaftlich küsst, sitzt Blanche mit ihrem schüchternen Verehrer an der Rampe und überbrückt das Schweigen zwischen ihnen mit einer Zigarette." Weil man aber im Theater sei, folge der ersten Zigarette irgendwann die letzte. "Zwischen dem ersten und dem letzten Lungenzug liegt in diesem Fall nicht die Liebe, sondern ihre Zerstörung." Maren Eggerts Blanche sei aber kein Opfer, im Gegenteil. "Immer wieder stellt sie völlig kontrolliert eine kleine, spöttische Distanz zu ihrer Umgebung her. Sie weiß genau, was sie will: Sich retten." Fazit: "Kimmig mache aus Willliams einstigem Skandal-Stück ein gut gespieltes, ordentlich, sauber und intelligent inszeniertes Kammerspiel, von dem in keinem Augenblick Irritationen, welcher Art auch immer, zu befürchten sind."

 

 
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