Es war der Todesvogel und nicht die Lerche

von Dieter Stoll

Nürnberg, 19. Februar 2015. Ein Paar von jeweils 16 Jahren, das trotz verfeindeter Familien bis in den Tod vereint bleibt – wie sollte man da nicht an Romeo und Julia denken. Auch wenn diesmal Christen gegen Muslime pöbeln und die realistisch gestartete Lovestory unsanft in die virtuelle Kampfzone eines Computerspiels umgeleitet wird. Das Stück "Angry Bird" des georgischen Autors Basa Janikashvili, ein Siegertitel im wandernden Dramen-Wettbewerb "Talking about Borders", verläuft an politisch-religiösen Frontlinien, bietet aber sarkastisch das Ausweichmanöver ins Allgemeine an.

Da werden prügelnde Väter zu ferngesteuerten Kampfmaschinen ihrer Kids, bis alles in Flammen aufgeht und bombardieren sich beiläufig mit nachladbaren Koransprüchen oder Bibelversen. Sollte der Regisseur der Meinung sein, dass die Szene "die religiösen Gefühle von wem auch immer beleidigt“, dürfe er gerne die Kulturguts-Fassung spielen – mit Shakespeare-Zitaten als Weisheits-Platzpatronen. Die Nürnberger Aufführung lässt sich darauf nicht ein, sie zerbröselt das Duell der geflügelten Worte in vereintes Volksgemurmel und stellt es als Ouvertüre an den Anfang.

Computergenerierte Visionen

"Wie sieht unser Gott aus?", lautete eigentlich die erste Frage des Abends. Ein Mädchen im postkommunistischen Dorf will wissen, weshalb keiner den Propheten fotografierte, und wird von den verschreckten Eltern reflexartig an den Mullah verwiesen. Ein Junge ohne Glauben und mit Tablet provoziert seinen christlichen Vater durch Gerüchte von Handgranaten, die angeblich beim Nachbarn unterm Bett lagern.

Die beiden Jugendlichen sind nicht füreinander bestimmt, aber sie finden sich jenseits von Moschee und Kirche. Visionen gibt es für sie nur computergeneriert, im Kampfspiel "Angry Birds" stoßen Gio und Chatuna auf virtuelle Ersatz-Theologie, wo zornige Bomben-Vögel alle Probleme per Touch explodieren lassen. Die plötzlich tief ins Irreale stochernde Liebesgeschichte samt internetgestützter Porno-Athletik und Software-Schwangerschaft bringt in der Verschmelzung mehrerer Welten statt Hoffnung nur Selbstzerfleischung ins Spiel. Es war der Todesvogel und nicht die Lerche.

Christen, Muslime, Sonderfälle

Der 40-jährige Bassa Janiskashvili aus Tiflis stapelt in seinem Stück Klischees und lässt durch die Ritzen plappern, er beschreibt die selbstreferenziellen Figuren kaum und die Orte der Handlung knapp. Dabei rempelt die zahme Satire den Weg ins absurde Theater ruckartig frei, wo das junge Paar in aller Unschuld den hausgemachten Kannibalismus pflegt. Danach sollte eigentlich die Echt-Oma das Playstation-Baby retten, doch weil das gestrichen ist, erfährt der Zuschauer auch nichts von Juniors interessantem Personalbogen. "Alter: 2 Gigabite, Religion: Android". Regisseur Christoph Mehler wollte wohl nicht nachhause telefonieren, sein Interpreten-Betriebssystem mit der schon mehrfach eingesetzten Lust auf Zuspitzungs-Groteske kann er blitzschnell anwerfen.

Auf der Bühnen-Rückfläche ein dörfliches Wandbild-Panorama, an dem die von Kopf bis Wade besprühten Darsteller (rot für Christen, grün für Muslime, Mama als schwarzer Sonderfall) anfangs noch tupfen. Über ihrem Aktionsraum aus fünf Stühlen schaukelt die trübe Glühbirne wie eine Funzel im Kerker. Gruppen-Grinsen ist hilflose Grundposition, dann wird ausgeholt zu gespreiztem Schreien und Flüstern, zum Energiestoß in den Albtraum. Väter brüllen haustyrannisch (Marco Steeger, Daniel Scholz), Mutter ringt Hände und Stimme (Nicola Lembach schafft den Salto in den Wahnwitz am steilsten), die eher zwölf- als sechzehnjährig angelegten Kinder zwinkern aus anderen Welten herein.

Ausweitung zum Menschenrechts-Festival

Während der Gio von Martin Bruchmann katholisch durch den Raum geprügelt wird (also nicht ins Gesicht!), darf seine muslimische Partnerin Chatuna bei Henriette Schmidt zur altklugen Familien-Hexe mutieren. Der offenbar mit heftigen Zweifeln am Text ringende Regisseur ballt Dialoge für hörspielerische Gruppendynamik, weicht den wilderen Gedankensprüngen des Autors aber konsequent aus. Plötzlich das hastige Finale, es erstechen sich die Väter, verspeisen sich die Kinder, verrenken sich die Worte. Dann soll es aber auch gut sein. Gesegnet sei der harte Schnitt und die anschließende Diskussion.

Die Uraufführung bedeutet die Etablierung der seit 2004 mobil entwickelten Wettbewerbs-Idee "Talking obout Borders", wo mit Blick über die Grenzen gen Osten die Dramatiker-Talente nach Ländern aufgerufen werden. Mehr als 50 Kultur-Institutionen waren schon beteiligt (u.a. Autoren in Mazedonien, Serbien und der Ukraine), bevor jetzt das Projekt dauerhaft Quartier mit Uraufführungs-Garantie beim Staatstheater Nürnberg findet. Es soll zu einem Menschenrechts-Festival ausgeweitet werden und man hat sogar Russland und die Türkei auf der Wunschliste. Schauspieldirektor Klaus Kusenberg verkündete seine Philosophie zur guten Tat nach dem starken Beifall sichtlich stolz: "Politiker und Militärs können den Wahnsinn nicht stoppen, das Theater vielleicht doch". Ja, gerne, wenn auch nicht mit jeder Aufführung.

Angry Bird
von Basa Janikashvili
Uraufführung
Regie: Christoph Mehler, Ausstattung: Christoph Mehler, Ayse Özel, Zeichnung: Nicola Lembach, Live-Musik: David Rimsky-Korsakow, Dramaturgie: Diana Insel.
Mit: Martin Bruchmann, Henriette Schmidt, Marco Steeger, Daniel Scholz, Nicola Lembach.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Kritikenrundschau

So rasant diese Uraufführung auf der einen Seite gelungen sei, so spüre man doch einerseits das Bemühen von Regisseur Christoph Mehler, den rasenden Irrsinn mit Ernsthaftigkeit und auch ein bisschen Betroffenheit zu domestizieren, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (27.2.2015). Was "der freundliche, rundliche, in seiner Heimat vielfach preisgekrönte Herr Janikashvili" im Original aufgeschrieben habe, sei noch viel radikaler, "vielleicht ein wenig zu radikal für eine deutsche Staatsbühne im bayerischen Franken": "Hoffnung gibt es hier nicht. Das Stück beschreibt den Hass gegen alles Fremde. Gegen den ist auch die Jugend machtlos", so Tholl. Es sei trotzdem immer noch ein "krasser, krass lustiger" Abend. Und "dass man das Stück hier überhaupt zu sehen kriegt, ist ein Riesenverdienst des Hauses."

 
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