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Zeichen auf Abbruch

26. Februar 2015. Eigentlich ist alles gesagt, aber irgendwie muss man seine Katerstimmung abschütteln nach diesem langen Rostocker Abend mit seiner schwerwiegenden Entscheidung für das Volkstheater der Hansestadt, es zu einem "funktionellen Vierspartentheater" umzurüsten. Der strukturelle Umbau, der ein Abbau sein wird, hatte sich angedeutet. Lange schon. Und doch hatte ich als Mecklenburger bis zuletzt die Hoffnung, dass kulturelle Standortargumente in Rostock vielleicht doch schwerer wiegen könnten als die immergleichen politischen Reflexe: Kasse leer? Kamma Kultur sparen. Zwar ist das Ganze erst einmal eine Absichtserklärung der Stadt, mit der sie in die Verhandlungen mit dem Land tritt. Aber: Üppiger wird's nicht, die Zeichen stehen auf "funktionelles" Funktionieren.

stapellauf titanic 280 thomashaentzschel uBlick in die Zukunft: Oper mit Totenmasken
zum Saisonauftakt in Rostock
© Thomas Haentzschel
Wie auch immer die Rudimente aussehen werden, die von Oper und Tanz bleiben, um daran die Gastproduktionen ins Repertoire zu fädeln: Sänger und Tänzer werden sie sicher nicht enthalten. Welche Rolle die Norddeutsche Philharmonie spielen soll, bleibt unklar: ein reines Konzertorchester? Eine Begleiterin der Opern-"Koproduktionen", von einem rasenden musikalischen Leiter fix auf den neuesten Stand gebracht?

Am Ende bleibt vor allem Traurigkeit. Darüber, dass Argumente der Theaterbefürworter nicht zu zählen scheinen. Darüber, dass auch ein verstärktes Hinschauen wie im Nord-Schwerpunkt von nachtkritik.de 2011/2012 nichts bewirkt hat, zumindest nichts vor Ort. Darüber, dass eine Institution, die wir lieben (und die wir gerade deshalb in unserer Stadttheaterdebatte und in der täglichen Berichterstattung immer wieder kritisieren), nicht mehr als notwendig angesehen wird. Die Hansestadt hat ihrem Theater und dem neuen Intendanten nicht einmal die Chance eingeräumt, sich ihr Renommee nach einem über 20 Jahre andauernden Herunterwirtschaften zurück zu erarbeiten.

Dabei klangen die Nachrichten aus dem Volkstheater zuletzt vielversprechend: Mit seinem Auftakt im Herbst hatte Sewan Latchinian gezeigt, was möglich ist, wenn die Sparten kooperieren. Die Oper wurde in der Presse weit über die Stadtgrenzen hinaus gelobt, mit Ingrid Babendererde (nach Uwe Johnson) zeigte das Haus, wie lokale und zugleich welthaltige Stoffe fruchtbar gemacht werden können.

Was daraus jetzt werden soll, da alle Zeichen auf Abbruch stehen? Und zwar in Mecklenburg-Vorpommerns einzig verbliebener Großstadt, dem einzigen Ballungsraum im Land, der noch wächst, statt Einwohner zu verlieren, einer Stadt, die mit Luxuswohnungen am Hafen gerade eine wohlhabende Klientel lockt? Einem Ort also, an dem Zukunft ist? Nein, die Katerstimmung wird sich nicht so schnell verflüchtigen. Aber vielleicht ist das auch alles zu viel verlangt von Rostock: seinem Theater die Erstklassigkeit zu sichern, wenn der lokale Fußballverein mit ähnlich glorreicher Vergangenheit in der 3. Liga spielt. Noch, muss man angesichts der Tabellensituation sagen. Was hoffentlich kein Omen für die verbleibenden zwei Volkstheater-Sparten ist.

(Georg Kasch)