Gemeinsam sind wir schwach

von Michael Stadler

München, 26. Februar 2015. Wenn schon die Welt vor dem Untergang steht, sollte man die Chance zum geselligen Beisammensein im Vorfeld der Apokalypse wenigstens noch nutzen, um ausgiebig zu dinieren, ja, ein saftiges Stück Rindfleisch zu essen, und sich gegen jede Wahrscheinlichkeit über die Zukunft zu unterhalten. Viel zu sagen hatten sie jedenfalls, die Zukunftsexperten, die in einem Joint Venture des niederländisch-flämischen Kollektivs Wunderbaum und der Münchner Kammerspiele zum Schwof eingeladen wurden. Wunderbaum hat ein ähnliches Gespräch und einen ähnlichen Abend schon in Rotterdam veranstaltet. Hier in München trafen sich die Futuristen am Abend des 30. Januar 2015 im Glasspitz der Kammerspiele, wie man dank Übertiteln auf einem hoch hängenden Holzbalken erfährt.

Holz ist sowieso wichtig für die Natur-Optik: Die langgezogene Tafel in der Bühnenmitte besteht daraus, und nur der Vorhang aus Goldfäden, der das Vorne von der Backstage-Kahlheit dahinter abgrenzt, hat Potential zum Glamour. Bert-Neumann-like ist das, aber eher für Arme, denn richtig glitzern mag ob der kommenden Katastrophe, die man allein in Gedanken bekämpft, rein gar nichts. In diesem Konferenzraum-Ambiente, von Maarten van Otterdijk im Werkraum schön schlicht eingerichtet, lassen drei Darsteller der Wunderbaum-Truppe und zwei vom hiesigen Ensemble die Tischgemeinschaft und ihre Protagonisten aufleben. Dabei bedienen sie sich bei der Diskursmasse, die beim Treffen im Januar zusammenkam, und formen daraus, plus Bonusmaterial (Dramaturgie: Matthias Günther),  eine vor Ironie strotzende Performance, die Marleen Scholten als burschikos-lustige Moderatorin einleitet. Im betont postdramatischen Duktus verkündet sie, wer was spielt und schlüpft selbst in die Rolle einer Managerin, die eher einen ruhigen Ton pflegt, wenn sie nicht gerade hochmelodramatisch und damit erneut komisch ein Stück aus Dantes "Inferno" auf Italienisch rezitiert.

Das Paradies ist leider lost
So folgt ein solistisches Kabinettstückchen auf das andere, was zusammen genommen ein durchkomponiertes Konzert der Sprachmusik ergibt, wie man es oft bei Johan Simons erlebt. Wobei die Tempi in "Unser Dorf soll schöner werden" wirklich hervorragend abgestimmt sind, gerade in der ersten Hälfte, die weitgehend von den Wunderbaum-Spielern bestritten wird. Simons lässt seine Darsteller ja gerne mal am Tisch sitzen, siehe Dantons Tod, was das Ohr stark fordert und das Auge durchaus einschläfern kann. Die Wunderbäumler hingegen nutzen die platonische Gastmahltafel so freisinnig als Spielplatz zum performativen Austoben, dass man ihnen durchweg belustigt zuschaut.

unserdorf 560a tanjakernweiss uMaartje Remmers, Stefan Hunstein, Steven Scharf, Marleen Scholten, Walter Bart © Tanja Kernweiss

Walter Bart erklärt als steifer, aber kulturbegeisterter BMW-Entwickler die Entwicklungssprünge der Menschheit musikalisch: Es brauchte "radikale Noten", gespielt von Einzigartigen wie Martin Luther King, aber auch Phil Collins, der den Sound der Achtziger mit seinem Schlagzeugspiel prägte. Zu Collins' "Another Day in Paradise" kann der BMW-Mann austicken, aber das Paradies ist leider lost. Probleme wie die Erderwärmung, für die es Lösungsansätze gibt, gehen unter im Strom von tausend Ängsten. Die fulminante Maartje Remmers zählt sie in einer wahnwitzigen Wortkaskade auf, um sich kurz darauf in eine Heulattacke hineinzusteigern, deren Nachwehen an postkoitale Seufzer erinnern.

Niemand spricht von Solidarität
Zwischendurch Sex auf der Bühne ist auch drin, aber dann bricht Stefan Hunstein ins Getriebe ein und berichtet von einem Zug, in dem Kinder tobten, was so gar nicht sexy, sondern eher nach dem lebendigen Horror des Nachwuchses klingt. Als Soziologe legt Hunstein ein fein ziseliertes Solo hin, über die Technik, deren Entwicklung beständig fortschreitet, während das Ich entscheidungsunfähig stehen bleibt und dank der allerneuesten Thermometer-App nicht mal mehr vor die Tür gehen muss. Von der App geht es immer wieder zur Apokalypse, zu Noahs Arche, zu Kafka, und wenn Steven Scharf seinen Endspurt durch die Bibel und die hohe Literatur auch hervorragend zurücklegt, geht der Inszenierung zum Schluss doch ein wenig die Puste aus, und sie wirkt im Nachhinein wie ein Mosaik wertvoller Einzelteile, die sich nicht recht zu einem Ganzen fügen wollen.

Das Wunderbaum-Team, das nach seiner Gründung eng mit Johan Simons' Kompanie ZT Hollandia zusammenarbeitete, und das Duo der Kammerspiele haben nicht viele gemeinsame Spielmomente. Das passt dazu, dass man in den Aufnahmen des Gesprächs der Tischgesellschaft vom 30. Januar – darunter Hanser-Verlagschef Jo Lendle und Harald Welzer von der "Stiftung Zukunftsfähigkeit" – einen sagen hört, dass es doch verwunderlich sei, dass im Lauf dieses Diners so viele Worte fielen, aber nicht einmal das Wort Solidarität: So steht der Titel "Unser Dorf soll schöner werden" für einen illusionären Wunsch. Denn gemeinsam Energie für eine bessere Zukunft aufzuwenden ist nicht leicht, wenn jeder in dem Dorf bleibt, das er für sein eigenes hält.

Unser Dorf soll schöner werden

Von Wunderbaum
Regie: Johan Simons, Bühne: Maarten van Otterdijk, Kostüme: Davy van Gerven, Sounddesign: Richard Janssen, Licht: Michael Pohorsky, Dramaturgie: Matthias Günther, Sprachcoach: Roswitha Dierck.
Mit: Walter Bart, Stefan Hunstein, Maartje Remmers, Steven Scharf, Marleen Scholten.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Seit zwei Jahren forsche die Gruppe aus Rotterdam in ihrem Projekt "The New Forest" über drohende und wünschbare Zukunftsszenarien, erklärt Silvia Stammen in der Süddeutschen Zeitung Münchner Kultur (28.2.2015). Dass der Abend nie plump denunziatorisch, wenn auch manchmal etwas blauäugig daherkomme, "liegt vor allem an der unwiderstehlichen Nonchalance, mit der sich die drei holländischen Akteure und beiden Münchner Mitstreiter Stefan Hunstein und Steven Scharf die unterschiedlichen Temperamente zu eigen machen".

"Einen Diskurs über den Diskurs", hat Mathias Hejny (Abendzeitung, 28.2.2015) gesehen. Es werde viel geredet, wenn auch nur selten miteinander. Die Zukunft unseres globalen Dorfes ist unklarer denn je, "aber es ist gut, dass wir mal drüber reden, scheint die ironische Bilanz aus dem im späteren Verlauf etwas zerfallenden Plauder-Puzzle zu sein."

Um die Verbindung von Klimaschutz und Kapitalismus gehe es in der Produktion, schreibt Johanna Popp im Münchner Merkur (2.3.2015). Der Abend sei "eine gut gelungene Satire, die mitunter in absurden Slapstick-Spaß übergeht und jeden entlarvt, der sich ein gutes Öko-Gewissen erkaufen will".

 

 
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