Glaskugelei im Smarthouse

von Falk Schreiber

Hamburg, 28. Februar 2015. "Eine Komödie als Endspiel" sei Alan Ayckbourns "Henceforward", schrieb Matthias Matussek 1989 im Spiegel, anlässlich der deutschsprachigen Erstaufführung der Science-Fiction-Boulevardkomödie unter dem Titel "Ab jetzt". Passt ja: Endspiele sind das übergreifende Spielzeitthema am Hamburger Schauspielhaus, man blickt in die Zukunft unserer Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft. Es gab diese Saison schon ein melancholisches Endspiel mit Tschechow, ein bitteres mit Beckett, ein kapitalismuskritisches mit Ibsen. Mit Ayckbourns selten gespieltem Stück bringt die Schauspielhaus-Intendantin jedenfallls keinen übertriebenen Optimismus in die Glaskugelei – eher Galgenhumor.

Haushaltsroboter fürs Jugendamt

Komponist Jerome (Götz Schubert) ist geschieden und leidet darunter, dass er seine Tochter nicht sehen darf. Um das Jugendamt mit geordneten Verhältnissen zu beeindrucken, engagiert er die Schauspielerin Zoe (Lina Beckmann), die seine neue Freundin mimen soll. Zoe zeigt sich allerdings eigenwillig, weswegen Jerome sie durch Haushaltsroboter Gou 300F ersetzt – der aber ist ziemlich verbuggt, und dass er menschliches Verhalten nach dem Prinzip Anschauung und Imitation lernt, hilft beim entscheidenden Besuch von Exfrau (Ute Hannig) und Sozialarbeiter (Yorck Dippe) auch nur bedingt …

abjetzt1 560 klaus lefebvre uRangelei mit Götz Schubert, Gala Winter, Ute Hannig, Lina Beckmann © Klaus Lefebvre

Nichts ist, wie es scheint, Türen knallen, und im Zweifel steht immer irgendwo eine Couch, über die man fallen kann: Ayckbourns Text läuft auf den ersten Blick straight in der Boulevardspur. Während aber im klassischen Boulevard die Komik durch den Widerstreit zwischen hehren moralischen Ansprüchen und unzulänglichen Körpern entsteht, ist das Körperliche in "Ab jetzt" eigenartig in den Hintergrund geschoben. Auch um Sex geht es praktisch gar nicht, und emotional sind diese Figuren zu gefestigt, als dass das noch hinreichend Gags hergeben würde. Zwar komponiert Jerome ein Stück zum Thema Liebe, besonders viel scheint er davon aber nicht zu verstehen – das, was man nach zwei kurzweiligen Stunden zu hören bekommt, ist jedenfalls Konvention aus dem Synthiestreicher-Baukasten, den Beier auch noch mit einem ausgesucht kitschigen Feuerwerk illustriert. Gefühle? Fehlanzeige.

Was nicht passt, wird nicht passend gemacht

Was auf lange Sicht die Boulevardtauglichkeit der Inszenierung mit einem großen Fragezeichen versieht – man lacht, das schon, aber worüber lacht man eigentlich? Was ist das überhaupt für eine Welt, die Beier da mit Ayckbourn zeichnet? Die Geschlechterverhältnisse haben sich seit 1987 jedenfalls nicht nennenswert verändert, zumindest der altmännerhafte Humor der Vorlage wird beibehalten. Was irritiert, bei einer Regisseurin wie Beier, die ansonsten ein sehr feines Gespür für strukturelle wie unterschwellige Sexismen beweist.

Andererseits gab es wohl gesellschaftliche Verheerungen, vor Jeromes Wohnung ist die soziale Ordnung zusammengebrochen, eine Mädchengang treibt ihr Unwesen, was im Widerspruch dazu steht, dass es immer noch ein Jugendamt zu geben scheint, das auf das Kindeswohl achtet. Einiges passt da nicht zusammen, und Beier versucht nicht einmal, zu diesen Ungenauigkeiten eine Haltung zu finden. Beziehungsweise eine Begründung, weswegen sie ausgerechnet "Ab jetzt" inszeniert, eine Begründung jenseits der Annahme, dass Ayckbourns groteske Science Fiction perfekt ins Spielplankonzept passen würde.

Ein gut erzählter Witz

Was inhaltlich mit zunehmender Spieldauer immer unbefriedigender daherkommt, macht die Inszenierung freilich handwerklich ein Stück weit wett. So etwas beherrscht Beier: Szenenaufbau, feine Figurenzeichnung, überraschende Bilder. Die Roboterchoreographien (Gou 300F wird zunächst von Hannig gespielt, dann von Beckmann) sind genau getaktet, die Bühne Thomas Dreissigackers (ein Smarthouse mit Flachbildschirm, Sperrholzwand, Neonröhren) wirkt zunächst unspektakulär, bietet allerdings Raum für reizende Skypedialoge.

Der Abend lebt von Szenen an der Grenze zwischen Wahnsinn, Alptraum und Slapstick – ein Kampf mit klebrigen Mikrowellengerichten, ein splatterndes Neujustieren des Roboters. Außerdem ist die Inszenierung ein Schauspielerfest, mit einem Ensemble, das sich von Minute zu Minute sicherer die Bälle zuwirft, das vom (leicht unterforderten) Schubert über Hannig und Beckmann bis zur Nachwuchskraft Gala Winter als Tochter Jane, die sich als Sohn Geaine neu erfindet, kaum Aussetzer hat. Michael Wittenborn liefert als kurz vor dem Zusammenbruch stehender Komponistenfreund mehrere Kabinettstückchen ab. Nur der sonst so klare Yorck Dippe weiß mit seinem Sozialarbeiter wenig anzufangen und irrlichtert ein wenig zwischen Hasenfüßigkeit und Unverständnis. Geschenkt.

Nein, "Ab jetzt" ist keine ernstzunehmende Zukunftsanalyse, es ist auch, beim besten Willen, kein Endspiel. "Ab jetzt" ist ein Witz, und nicht einmal der beste. Aber bei Karin Beier ist es zumindest ein sehr, sehr gut erzählter Witz.

 

Ab jetzt
von Alan Ayckbourn, aus dem Englischen von Corinna Brocher und Peter Zadek
Regie: Karin Beier, Bühne: Thomas Dreißigacker, Kostüme: Hannah Petersen, Musik: Jörg Gollasch, Licht: Holger Stellwag, Dramaturgie: Christian Tschirner.
Mit: Lina Beckmann, Yorck Dippe, Ute Hannig, Götz Schubert, Gala Winter. In weiteren Rollen auf dem Bildschirm: Karoline Bär, Momina Beier, Markus John, Sasha Rau, Rita Thiele, Michael Wittenborn.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Zuletzt besprachen wir am Hamburger Schauspielhaus Der Entertainer in der Regie von Christoph Marthaler (2/2015).

Kritikenrundschau

Gar nicht überholt wirke die Zivilisationskritik von Ayckbourn in Karin Beiers neuem Versuch, bemerkt Michael Laages auf der Website von Deutschlandradio Kultur (28.2.2015). Zweifellos mache Beier "alles richtig im Umgang" mit dem "grandiosen" aber schwierigen Stück. Lina Beckmann als Roboterin und Freundin von Götz Schuberts Jerome sei "unstreitig der Knüller" der Inszenierung. Mit ihr werde der Untertext von Ayckbourns Stück "zugänglich" – "dass in einer völlig entseelten Welt wie dieser Roboter womöglich längst die besseren Menschen sein könnten". Ein Untertext, der, [wenn der Zusammenfasser hier die etwas dunkle Stelle richtiug verstand] verloren zu gehen drohe, weil die Inszenierung "über die Maßen Jux und Dollerei" ausstreue und das Ensemble jede sich bietende Chance nutze.

Till Briegleb schreibt in der Süddeutschen Zeitung (2.3.2015) den "zeitlosen Boulevardtheater-Stoff" in Ayckbourns Komödie "bekommt" Beier "zum Johlen". Mit "viel Slapstick, Grimasse und technischem Einsatz läuft 'Ab jetzt' zwei Stunden lang als perfekt getaktete Pointen-Kybernetik mit vielen grotesken Störgrößen". Offensichtlich könne eine "sauber verlötete Humormaschine fehlerfrei Publikumsgelächter rauf- und runterregeln". Dafür müsse "natürlich ständig gegen die Wand gerannt und über das Sofa gestolpert werden". Seit der Ayckbourn-Hochzeit vor dreißig Jahren sei offensichtlich nicht so viel Neues im Klamottenfach passiert.

Eine "Lehrstunde" in Sachen Boulevard-Komödien-Handwerk sei Beier da geglückt, freut sich Maike Schiller (sie schreibt auch im Hamburger Abendblatt) in der Tageszeitung Die Welt (2.3.2015). "Alles vollkommen übertrieben, aber dabei exakt getaktet, punktgenau inszeniert ... Der perfekte Wahnsinn". Der Abend sei ein Schauspielerfest für ein glänzend eingespieltes Ensemble, mit einer herausragenden Lina Beckmann. Trotzdem hätten auf der Premierenfeier "einige" gemosert, "so etwas Albernes sei doch eher "Winterhuder Fährhaus mit Abitur". Ach Gottchen, wie kleinlich." Es sei doch vor allem: "Ein richtig, richtig lustiger Abend!"

Ayckbourns "abgründig witziges Stück", seine "wunderbar komische Science-Fiction-Farce" aus dem "Leben vor dem Internet" sei im Lauf der Jahre staubfrei geblieben, findet Irene Bazinger in der Frankurter Allgemeinen Zeitung (2.3.2015). "Hinreißend amüsant" ließen Ute Hannig und Lina Beckmann "keinen Klamauk, keinen Slapstick, keine Pointe" aus, rumorten "tollpatschig in der Küche" und gäben "absurd falsche Äußerungen von sich". Auch als Nichtroboter bewegten sie sich "ziemlich eckig, mechanisch, wie ferngesteuert", um die Nähe zur Maschine zu betonen. Mit dem "findig burlesken Ensemble" sorge Beier "für gut geöltes, elegant flottes Boulevardtheater".

 

 
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