Post an die Kolonialisten

von Elena Philipp

Berlin, 6. März 2015. Wie kuratiert man einen Außenblick? Indem man Künstler*innen Carte blanche erteilt. Sechs afrikanische Choreograph*innen hat das Hebbel am Ufer um eine performative Position zur Kolonialgeschichte gebeten und sie als Ko-Kuratoren beauftragt, beim Festival "Return to Sender" eine weitere Künstlerin oder einen Künstler aus ihrem Herkunftsland zu präsentieren. Eine Rahmensetzung, die eine Vielzahl von Perspektiven ermöglichen und asymmetrische Machtbeziehungen vermeiden soll, wie in der HAU-Publikation zum Festival zu lesen ist.

Intendiert ist mit dieser kuratorischen Geste nicht nur eine Umkehrung des Blicks – aus Afrika statt auf Afrika –, sondern auch eine performative Umdeutung der Berliner Konferenz, 130 Jahre nachdem die europäischen Mächte ohne afrikanische Beteiligung ihre kolonialen Interessen abstimmten und am grünen Tisch ihre Regeln für das Rangeln um den afrikanischen Kontinent festlegten. Zurück an den Absender: das weiße Europa erhält mit dem zehntätigen Festival nun sozusagen Post von den Kolonisierten. Die Frage ist: Funktioniert "Return to Sender" als ein Spiegelmechanismus, der in den Ansichten, die ausgewählte afrikanische Künstler zu Europa zeigen, Europas blinde Flecken aufspürt?

Banana Republics – Here Be Dragons

Eröffnend laden der südafrikanische Choreograph Boyzie Cekwana und die dänische Designforscherin Nina Støttrup Larsen zu einer assoziativen Tour de force durch die Kolonialverstrickungen. Europas Vergehen? Ungesühnt. Monitore am Rand der Spielfläche im HAU1 tickern Wortmeldungen zur Forderung nach Reparationen, zur neokolonialen Ausbeutung von Afrikas Ressourcen, zum Tod schwarzer Personen in Polizeigewalt, mal satirisch, mal aus akademischem oder journalistischem Kontext.

bananarepublics 560 ericwurtz.uAfrika als Sperrholztisch kurz vor seiner Zersägung: "Banana Republics" von Boyzie Cekwana und
Nina Støttrup Larsen. © Eric Wurtz
Die vier Anzug tragenden Performer mit weiß geschminkten Gesichtern – Marker für ihre Rolle als Angehörige einer Kolonialmacht, Referenz auf Frantz Fanons "Schwarze Haut, Weiße Masken", das Blackfacing? – verrichten unterdessen einen Politritus: schreiten gemessen auf die Bühne, zwei von ihnen legen Richterroben an, und mit Gongschlag setzen sie alle ein groteskes Grinsen auf, woraufhin stumm reihum die Hände geschüttelt werden. Abgang, nur um die Abfolge leerer Gesten noch einmal zu performen, als Instant Reenactment. Quer durch das unbestuhlte Parkett rollen die vier anschließend Klebebänder. "Lawfare is warfare" und "Terra Nullius" steht auf dem einen, "Sham Independence" auf dem anderen. Das weiße und das rote Band kreuzen sich auf einem von Videokameras umstellten weißen Tanzteppich – zum Davidstern, zu zwei spiegelsymmetrischen anarchistischen A's?

Der Humanismus als Fassade

Mehr oder minder frei flottierende Zeichen streuen Boyzie Cekwana und Nina Støttrup Larsen in "Banana Republics – Here be Dragons". Doch nur in einer Szenenfolge drohen wir Zuschauer uns in ihnen zu verfangen: Torsten Schütte schunkelt das rassistische Kinderlied von den "Zehn kleinen …" als Schlagerkaraoke – und es wird hie und da gelacht, im Anschluss regen sich vereinzelt Hände. Auf Glatteis: fast verführt vom und zum N-Wort. Nun könnte es ans Eingemachte gehen, denn es wird die Reise nach Jerusalem im Stil einer TV-Gameshow inszeniert. "Jenny", die sich dem Moderator Schütte eigentlich als Susanne vorstellte, was dieser aalglatt ignoriert, muss die Musik starten und stoppen. Das Gerenne um die Stühle lässt an den Wettlauf um Afrika denken oder an ein grausames Exekutionsvorspiel – aber aus dieser performativen Situation ergibt sich weiter nichts.

Nach Entlassung der Publikumsbeteiligten wenden sich die Performer wieder dem ungestört konsumierbaren Ablauf ihrer rassismuskritischen Show zu. Torsten Schütte zerkleinert mit der Kettensäge einen Afrika-förmigen Sperrholztisch und singt zur kreischenden E-Gitarre das Pfadfinderlied, das die Revolution schwarzer Sklaven auf Haiti als Schlachtnacht an den Weißen denunziert. Und Boyzie Cekwana erklärt abschließend den westlichen Humanismus als wohlfeile Fassade und Alibi für Aggressionen: Pazifismus predigten diejenigen, die von der gewaltsamen Unterdrückung, vom Mord an Millionen Menschen am meisten profitiert hätten. "Wir" sagt er dabei, mit weißer Schminke auf der schwarzen Haut, und meint die ehemaligen Kolonialmächte. Das ist eine starke Geste in dieser sonst eher routiniert wirkenden Performance.

Ha!

Der Auftakt entspricht also vorbildlich dem thematischen Rahmen des Festivals, ohne künstlerisch ganz überzeugend zu sein. Die marokkanische Choreographin Bouchra Ouizguen – wie Boyzie Cekwana in Berlin keine Unbekannte – zeigt hingegen eine eigenständige künstlerische Position, die nicht unbedingt mit dem Thema Kolonialismus in Verbindung gebracht werden kann. Gemeinsam mit vier Aïtas – marokkanischen Nachtclubsängerinnen, die wegen ihrer Stimme verehrt, wegen ihrer vermuteten Nähe zur Prostitution verachtet werden – folgt sie in "Ha!" dem Dichter Rumi auf den Wegen des Wahnsinns als einem "Reichtum der Vernunft", wie es ankündigend heißt.ha 560 bouchra ouizguen uKonzentrierte Choreografie: "Ha!" von Bouchra Ouizguen. © Festival

Im Schwarz der Bühne hört man die fünf Frauen rhythmisch den Atem ausstoßen, in minimalen Variationen, bis sie mehrstimmig Silben tönen; im Dämmer sieht man sie dazu repetitiv den Kopf nach vorne werfen. Momente von Gemeinschaft und Solidarität entstehen, wenn sie einander berühren, stützen oder gemeinsam in einen Gesang einstimmen. Jenseitig verzweifelt wirken sie mit gereckten Händen und zuckenden Bewegungen. Die Älteste, Kabboura Aït Ben Hmad, ist eine kraftvolle, anmutige Erscheinung in ihrer hautengen schwarzen Kleidung und dem weißem Kopftuch, Bouchra Ouizguen als Jüngste führt die Gruppe entschlossen durch ihre reduzierte, konzentrierte Choreographie. Mit lautem Beifall wird diese stimmige Performance gefeiert.

Wieder ein Klischee?

Und was bleibt nach diesen beiden so unterschiedlichen Festivalbeiträgen? Ein einheitliches Bild wird und will das inhaltsoffene Carte-blanche-Kuratieren nicht vermitteln. Doch "Return to Sender" funktioniert durchaus als ein Mechanismus zur Dekonstruktion von Weltsichten und Sehhaltungen: Boyzie Cekwana und Nina Støttrup Larsen bieten den wachrüttelnden Blick aus Afrika auf "uns" Europäer, während bei Bouchra Ouizguen ein eurozentrischer Blick ohne Kontextkenntnis auf sich selbst zurückgeworfen wird: Vielleicht gerinnt mit dem Bild starker, solidarischer Frauen die Wahrnehmung doch wieder nur zu einem Klischee, vielleicht geht es um etwas ganz Anderes?

 

Return to Sender
Künstlerische Positionen aus Ägypten, Äthiopien, der Demokratischen Republik Kongo, Marokko, Mosambik und Südafrika

Banana Republics – Here Be Dragons
Künstlerische Leitung: Boyzie Cekwana, Konzept: Boyzie Cekwana, Nina Støttrup Larsen, Installation & Designrecherche: Nina Støttrup Larsen, Lichtdesign: Eric Wurtz, Video: Brian D McKenna.
Mit: Elisabeth Bohde, Torsten Schütte, Nina Støttrup Larsen, Boyzie Cekwana.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Ha!
Choreographie: Bouchra Oizguen, Lichtdesign: Jean Gabriel Valot.
Mit: Kabboura Aït Ben Hmad, Fatima El Hanna, Fatna Iben El Khatib, Bouchra Ouizguen, Halima Sahmoud.
Dauer: 40 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 


Kritikenrundschau

Für den Tagesspiegel (9.3.2015) berichtet Sandra Luzina über den Auftakt des Festivals "Return to Sender" im HAU. Boyzie Cekwanas Performance "Banana Republics – Here Be Dragons" wirkt in ihrem "Clownsspiel" auf die Kritikerin "erstaunlich brav"; an "Schärfe gewinnt der Abend, wenn die Machtpolitik mit der Motorsäge veranschaulicht wird". Fasziniert beschreibt die Kritikerin "Ha!" von Bouchra Ouizguen: "Die Choreografin hat sich vom dem persischen Dichter Rumi anregen lassen, aber ob es sich hier um Sufi-Mystizismus, gar um ein Eintauchen in den Wahnsinn handelt, ist nicht auszumachen. Doch den resoluten Frauen, die über ein eigenes Wissen und eigene Ausdrucksformen verfügen, sieht man gebannt zu."

Astrid Kaminski schreibt in der taz (10.3.2015): "Banana Republics" stehe für mehrere "neuralgische und gesellschaftspathologische Zustände", an denen sich ablesen lasse, wie "ungelöste politische Situationen sich in die künstlerische Praxis niederschlagen und sie erschweren". Beißend polemisch seien die "Banana Republics". Mit zum Programm gehörten eine "Aufforderung zum Singen und Spielen rassistischer Inhalte", die Feststellung "auch Weiße essen Bananen" und ein "in überdeutlicher Symbolik zersägter Holztisch in der Form Afrikas". Polemik habe es so an sich, "auf Konfrontation zu setzen". Es werde damit zur Frage, ob eine "inszenierte Repräsentanzhaltung von schwarzen Künstlern" als Vertretern der "afrikanischen" Position und "vorwiegend weißem Publikum als gegnerischem Vertreter" des "alten Europa" zu einem "kritischen und damit weiterbringenden Diskurs führen kann". Dass die politischen Voraussetzungen für einen Dialog nicht gegeben sind, sei vollkommen klar.

 
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