Die Unglückstage ziehen vorbei

von Christian Rakow

Berlin, 7. März 2015. Aus dem Theater gekommen und nicht über Ästhetik, Spielhaltungen, Dramaturgie geredet, sondern über deutsche Außenpolitik. So war es, und so ist es eigentlich immer bei guten Abenden von Hans-Werner Kroesinger. Man verzeiht und vergisst, dass bei dem Dokumentartheatermacher die Spieler im Wesentlichen rumstehen (ja, doch), Vorlesung halten und politische Bildung fördern, und taucht sogleich in die von ihm ausgebreiteten Sachverhalte ein.

Ein Theater der Worte

Dabei ist an diesem Abend einiges anders als gewohnt. Kroesinger, der Mann der Aktenberge, hat sich dieses Mal ein Romanmassiv vorgenommen: Die gut 900 Seiten "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel über den Völkermord der Türken an den Armeniern 1915. Das Buch erzählt vom Widerstandskampf einer rund 5000 Leute zählenden Gruppe Armenier, die nach der Zwangsräumung ihres Dorfes nicht den Todesmarsch in Richtung mesopotamische Wüste antritt, sondern auf den Berg Musa Dagh flieht, um dort den türkischen Militärs zu trotzen. Für Armenier hat das akribisch recherchierte Werk den Rang eines Nationalepos. Der Bücherverbrennung der Nazis auf dem Berliner Bebel-Platz 1933 entging es als einziges aus der Feder des Juden Werfel nur deshalb, weil der Text erst kurze Zeit später fertig wurde. So pointiert Till Wonka sein lockeres Intro zum Kontext dieser Bühnenadaption "Musa Dagh – Tage des Widerstands" im Maxim Gorki Theater.

musa dagh1 560 ute langkafel uDie Türkei im Nacken: Marina Frenck und Judica Albrecht © Ute Langkafel

Der Roman selbst ist dabei zunächst nur Anlass zu einer kroesingermäßig breiten Materialschau. Historische Informationen werden entfaltet: Falilou Seck macht sich mit Sachlichkeit und Ruhe einen Urania-Vortrag des Reiseschriftstellers Armin T. Wegner von 1919 zu eigen, um die Geschichte der Armenier (des ersten Volkes, das das Christentum zur Staatsreligion erhob) bis zu ihrer Vertreibung und massenhaften Ermordung durch die Jungtürken unter Führung des Triumvirats Talaat Pascha, Enver Pascha und Djemal Pascha zu rekapitulieren. Wegner hatte seinerzeit die Todesmärsche nicht nur in Augenzeugenberichten, sondern auch in Fotografien festgehalten, die er in der Urania 1919 als Dias präsentierte. Seck hält demgegenüber lediglich kleine Diarahmen zwischen den Fingern, Projektionen gibt es nicht. Kroesingers Theater ist eines der Worte, nicht der emotionalisierenden Bilder.

Wer redet heute noch von der Vernichtung?

Diese Askese hat Methode. Tatsächlich sucht Kroesinger in dem speziellen Konflikt das abstrakte, exemplarische, menschheitsgeschichtlich sinnfällige Schema. Kroesinger lässt das Denkmuster des Nationalismus gleichsam als europäischen Exportschlager diskutieren. Er beleuchtet die Argumentation der Türken, die die Armenier als Kollaborateure der feindlichen Kriegsmacht Russland behandelten (an der Darstellung, dass es sich bei der Verfolgung um legitime innenpolitische Polizeimaßnahmen gehandelt habe, hält die Türkei bis heute offiziell fest). Er zeigt, wie die kaiserliche deutsche Regierung 1915 beide Augen zudrückte, weil man es sich nicht leisten konnte, die Türken als Bundesgenossen im Weltkrieg zu verlieren. Er lässt – mit einiger Ironie – heutige Parlamentsanfragen vortragen und kostet aus, wie sich die Bundesregierung in deren Beantwortung windet, weil sie sich noch im Jahr des hundertsten Weltkriegsgedenkens 2014 scheut, die Verfolgung der Armenier als "Genozid" im Sinne der UN-Konvention von 1948 zu definieren. Die Reise in eine scheinbar entlegene Region südlich des Kaukasus, nördlich des Zweistromlandes, entpuppt sich mehr und mehr auch als echte Deutschlandreise.

musa dagh2 560 ute langkafel uVor der Arche: Judica Albrecht, Marina Frenck, Armin Wieser, Falilou Seck, Till Wonka,
Ruth Reinecke  © Ute Langkafel

In all dem dominiert aber nicht das Begehren nach Schuldzuweisung, sondern die humanitäre und politische Reflexion: "Jede Person und jede Nation kommt einmal in die Lage, die schwächere zu sein. Deshalb darf man einen Präzedenzfall der Ausrottung, ja auch nur der Schädigung nicht dulden", sagt Ruth Reinecke einmal in der Rolle der Werfelschen Romanfigur Pastor Johannes Lepsius. Das politische Kräftespiel bedarf um seiner selbst willen des Schutzes der Schwächeren. Darum geht es. Als Adolf Hitler 1939 seinen Militärs die Auslöschung der polnischen Bevölkerung auftrug, sagte er: "Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?" Nach der gleichen Siegerlogik hätte 1945 das deutsche Volk von der Landkarte verschwinden können. Wer den Genozid akzeptiert oder relativiert, schafft Präzedenzfälle für den Barbarismus. Das Gorki Theater tritt dem mit eindrücklicher Erinnerungsarbeit entgegen: "Musa Dagh" ist der Auftakt zur vierzigtägigen Veranstaltungsreihe Es schneit im April – Eine Passion und ein Osterfest zum 100. Jahrestags des Völkermords an den Armeniern.

Europas Geschichte liegt nie nur diesseits des Bosporus

Kroesingers Abend, der mit Vorträgen beginnt und Akten wälzt, bewegt sich in der zweiten Hälfte in den spannungsreichen Plot des Romans: in die Bergschlachten am Musa Dagh. Ein riesiger Schiffsrumpf, eine Arche, wird dazu freigelegt. "Die Unglückstage ziehen vorbei", singt Marina Frenk wunderbar nüchtern zu orientalischen Rhythmen. Die Arbeit gewinnt über ihre gut hundert Minuten stetig an theatraler Zugkraft. Inhaltlich packend ist sie von der ersten Minute an. Die Frage nach dem Völkermord an den Armeniern bedeute, die Türkei in die "europäische Erinnerungskultur" einzubeziehen, heißt es einmal in einem Bundestagszitat mit Blick auf die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts in Europa. Das gilt selbstredend auch vice versa: Europas Geschichte liegt nie nur diesseits des Bosporus, so wenig wie sie nur diesseits des Atlantiks liegt. Ohne ein grenzüberschreitendes Gedenken ist "europäische Erinnerungskultur" nicht zu haben.

 

Musa Dagh – Tage des Widerstands
von Hans-Werner Kroesinger
frei nach dem Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel
Regie: Hans-Werner Kroesinger, Bühne und Kostüme: Valerie von Stillfried, Musik: Daniel Dorsch, Dramaturgie: Aljoscha Begrich, Künstlerische Mitarbeit: Regine Dura.
Mit: Judica Albrecht, Marina Frenk, Ruth Reinecke, Falilou Seck, Armin Wieser, Till Wonka.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Mehr zu der Veranstaltung: Vor der Premiere von "Musa Dagh" hielt der Anwalt und Schriftsteller Harout Ekmanian eine Rede "A Century has passed and… The Struggle for Justice Continues!", die bereits in Auszügen im Tagesspiegel auf Deutsch zu lesen war.


Kritikenrundschau

"Ausgerechnet den Dokumentaristen Hans-Werner Kroesinger mit der Inszenierung des literarischen Zentralwerks der armenischen Tragödie zu betrauen, erwies sich als brauchbare Idee", schreibt Ingo Arend in der taz (9.3.2015). Denn "Kroesinger hat Werfels schwülstigen "Musa Dagh" zur mal historisch präzisen, mal locker improvisierenden Montage aus Zentralszenen des Romans und historischem Aktenmaterial ausgenüchtert." Seine Inszenierung "schießt sich zu Recht" auf die "verdrängte deutsche Mitschuld, Mithilfe an dem Genozid ein. Aus dessen universeller Dimension prägt sie so freilich innenpolitisch-didaktische Münze." Größere Erschütterung habe der Besucher durch Filme, die vor der Theaterpremiere als Teil der Veranstaltungsreihe gezeigt wurden, erfahren.

Diesem Theater gelinge "etwas, das sich weder politisch noch widerstandslogisch verrechnen lässt: Es schafft historische Tiefe, lässt das Geschehene nicht zum bloßen Aufreger, nicht zum schieren Anlass wohlfeiler moralischer Empörung verkommen", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau (9.3.0215). Der erste Teil sei "klassische Aufklärungsarbeit"; der zweite wird für den Kritiker besonders stark, wenn "Kroesinger, ungewöhnlich für ihn, einzelne Szenen spielen" lasse. Kroesinger "Theater will Zusammenhänge aufdecken, nicht nur Schuld benennen", es deute auf "offene Erinnerungswunden". Einziger Aussetzer seien die unklaren Verweise auf die Haltung der Bundesregierung zum Genozid heute: "Anders als sonst hüllt sich der Abend hier in undeutliche Moralwolken – er legt diesbezüglich keine Strukturen, keine Hintergründe offen."

"Ein grandioser, spielerisch mitreißender Theaterabend ist das Musa-Dagh-Projekt naturgemäß nicht. Aber es gelangt an den Punkt, an dem die historischen Ereignisse verbindliche Haltung im Hier und Jetzt und Heute einfordern", was allemal "viel" sei. So berichtet Michael Laages für Deutschlandradio Kultur (7.3.2015).

In der Süddeutschen Zeitung (10.3.2015) schreibt Peter Laudenbach, Kroesinger recherchiere und montiere die Informationen so, dass etwas entstehe, was in der "informationsübersättigten Öffentlichkeit" inzwischen selten sei: "Scham und Erschrecken zum Beispiel." Kroesinger zeige Dokumente, bringe sie zum Sprechen. "Das genügt für den spannendsten, auf seine nüchterne Weise bewegendsten Theaterabend der Saison." Kroesingers Zumuntung sei, dass er die "rationale Perspektive der Täter" ernst nehme. "Der Zuschauer macht dann die ziemlich unangenehme Erfahrung, ein politisches Verbrechen auch aus der Perspektive der Mörder zu betrachten."

Ein "erhellender Abend" ist es für Christine Wahl vom Tagesspiegel (10.3.2015) und – wie zumeist bei Kroesinger – einer für Zuschauer, "die sich im Parkett lieber erkenntnisgewinnbringend anstrengen als berieseln lassen". Er nehme "die gnadenlose Systematik des Genozids in den Blick: Das weit über den konkreten Fall hinausweisende Muster (...): 'Diesmal herrscht nicht regellose Willkür und aufgepeitschter Blutrausch', spricht Till Wonka den zentralen Satz des Abends, 'sondern etwas weit Entsetzlicheres – Ordnung.'"

 

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