Das Böse ist immer und überall

von Dirk Pilz

Berlin, 26. Februar 2008. Im zehnten Buch des "Staat" prüft Platon noch einmal sein früheres Urteil, demzufolge die Kunst im idealen Staate besser nichts zu suchen habe. Seine Argumentation fußt auf einer speziellen Erkenntnistheorie und betrifft auch nur eine bestimmte Art von Kunst, aber die Skepsis gegenüber ihrer Verführungskraft gilt ihm doch allgemein.

Zu staatsgefährdend seien die "Mittel der Täuschung", mit denen Kunst und Künstler arbeiten; "Groß und Klein" würden nicht unterschieden und also alles allzu leicht durcheinander gebracht. Will sagen: Jede Kunst kann vereinnahmt werden, und alle Kunst vereinnahmt den Rezipienten. Staat, Seele, Kunst und Künstler – allesamt korruptionsanfällig.

Eine moralphilosophische Kniffelei

Drei Jahre nach Machtergreifung der Nationalsozialisten erschien Klaus Manns Roman "Mephisto", der sich luzide mit dem heiklen Thema der Künstler und die Macht auseinandersetzt. Das Gute an ihm ist: Er ist hinreichend deutlich, dass man darin den späteren, von 1937 bis 1945 amtierenden Generalintendanten des Preußischen Staatstheaters Gustaf Gründgens porträtiert finden und also wahlweise einen konkreten Fall von Kompromisslertum oder naiver Kunstgläubigkeit finden kann. Gleichzeitig ist er allgemein genug, dass er auf Gründgens und die Nazizeit nicht reduziert zu werden braucht. Ein Modellfall.

Vor zwei Jahren kam in Antwerpen das Stück "Mefisto forever" von Tom Lanoye zur Uraufführung, das sich "frei nach Klaus Mann" mit dem seit Platon tradierten Großthema beschäftigt: Kunst und Korruption, Künstler und Vereinnahmung. Das Gute an dem Stück ist, dass es die aufgeworfene Fragestellung so allgemein gestaltet, um auch als aktuelles Problem kenntlich zu werden. Lanoyes Gründgens heißt Kurt Köpler und teilt mit dem historischen Vorbild nur das Typisierte des karriere- und kunstfixierten Ästhetizisten.

Das Schwierige an Lanoyes Text ist allerdings, dass der Konnex von Macht und Kunst so allumfassend genommen wird, dass er an Kenntlichkeit und damit auch an Schärfe verliert; sein Kurt Köpler ist mehr Projektionsfläche als Figur, eher Probierstein für ethisch-ästhetische Verwicklungen als Konfliktträger.

Das Stück hat etwas von einem sterilen Denkspiel, das sein Material aus Szenen der Weltliteratur holt. Kein Modellfall, sondern ein Passepartout für moralphilosophische Kniffeleien.

Parallele Probleme

So viel zur Vorgeschichte. Jetzt zur deutschsprachigen Erstaufführung von "Mefisto forever" durch Armin Petras. Es gibt in ihr eine bezeichnende Szene, die so nicht in Lanoyes Text steht: Links krümmt sich Fritzi Haberlandt vor der Kamera mit Whiskyflasche in der Hand, während sie hingebungsvoll Gretchen-Verse aus Goethes "Faust" spricht; im Hintergrund steht Anja Schneider im blauen Prachtkostüm auf einer kleinen Goldbühne und lässt Minna von Barnhelm lauthals barmen; rechts dagegen sitzt Julischka Eichel auf dem Boden und fragt Kurt Köpler, ob er denn niemals Angst habe, dass die Nazis vielleicht doch viel schlimmer seien als befürchtet. Und Paul Herwig lässt seinen Köpler zwischen Faust und Intendant aufgeregt hin und her tippeln. Es ist alles parallel.

Und das ist das Problem. Nicht, weil immerfort von Probenszene ("Der Kirschgarten", "Romeo und Julia", "Richard III." – kommt alles vor) zur Privatperson geswitcht wird; auch nicht, dass im Fernseher Herr Hitler und Frau Braun auf dem Obersalzberg mit KZ-Bildern und Sequenzen von brennenden Menschen wechseln. Das alles zeigt die historisch verbriefte Verführbarkeit der Menschenseele.

Aber, lieber Herr Regisseur, wo ist denn die eigene Haltung zu Stoff und Problematik? Und, verehrtes Ensemble, warum so viel kunstfertiges Aus- und Vorspielen, woher das routinierte Rollenversteckspiel, bei dem man kaum etwas vom Schmerz- und Glutpunkt der Figuren sieht? Wahrscheinlich kommt das durch die elaborierte Regie-Ratlosigkeit.

Vom vag Abstrakten ins Überkonkrete

Die Inszenierung sagt uns nämlich lediglich, dass das mit der Kunst und der Macht ein Problem ist; sie erzählt aber fast nur Gemeinplatzhaftes von den Ursachen, Folgen, Hinter- und Untergründen. So begrüßenswert die Vermeidung von billigen Psycho-Spielchen ist, so erheiternd zu Teilen der Spielwitz – mehr als die Einsicht, dass immer und überall Künstler vereinnahmt und Kunst gefährlich korrumpierend sein kann, wird mit dem betont bruchstückhaften Spiel nicht herausgebracht.

Zündstoff bietet der Abend jedenfalls kaum. Vor der Pause verliert er sich oft im vag Abstrakten, nach der Pause – wenn Peter Moltzen einen Klumpfuß-Goebbels auftreten lässt und Köpler mit den neuen Führern gemeinsame Sache macht – gerät er ins Überkonkrete.

Erst sieht man dauernd, wie lauter zitatselige Theater-Fußnoten in Sachen Kunst und Macht herumgeschichtet werden, danach lediglich einen Einzelfall. Ein Spiel davon sieht man in beiden Fällen kaum.

Hüllen ohne Herzschlag

Paul Herwig steckt viel die Hände in die Taschen, hat bevorzugt Stress mit seinen Schnürsenkeln und kann sehr schön entsetzt schauen, schreien oder stöhnen. Fritzi Haberlandt darf bestens unnahbar, Anja Schneider wunderbar zweideutig sein. Das war’s leider.

Bis auf Peter Kurth, der den "Dicken" (das ist: Hermann Göring) gibt: Er kann auch sehr leise und plötzlich fies sein. Er zeigt eine korrumpierte Seele, nicht nur Hülle – und setzt den Zuschauer dem Spannungsfeld des moralischen Dilemmas selbst aus. Hier weiß man nicht mehr so genau, wie die Dinge liegen; hier gerät man in ernsthafte und also aufschlussreiche Identifikationsprobleme.

Sonst jedoch fast immerfort: Professionell hin- und ausgestellte Problemverschnittfiguren. Hüllen ohne Herzschlag. Dass die Kunst dem Staate gefährlich werden kann und sie also auf subversive Weise alles durcheinander bringt – man weiß es, nur hätte man gern auch davon spielen sehen.

 

Mefisto forever
von Tom Lanoye; Deutsch von Rainer Kersten
Regie: Armin Petras, Bühne: Kathrin Frosch, Kostüme: Aino Laberenz, Video: Jan Speckenbach, Dramaturgie: Ludwig Haugk. Mit: Paul Herwig, Fritzi Haberlandt, Max Simonischek, Julischka Eichel, Wanda Perdelwitz, Peter Kurth, Anja Schneider, Peter Moltzen, Ursula Werner.

www.gorki.de

Kritikenrundschau

Lanoye wollte "am Fall seines Helden das Verhältnis von Kunst und Korruption auch jenseits der Causa Gründgens" durchspielen, schreibt Esther Slevogt in der taz (28.2.). Regisseur Petras türme zu diesem Zweck in seiner Inszenierung "Schicht um Schicht...die Assoziationen aufeinander." "Bilder, Zitate, Kunst, Fiktion und Dokumentation" würden "zur hochsuggestiven Musik von Sascha Hargesheimer zu einer süffigen Collage verschmelzen." Trotzdem sei man am Ende nicht schlauer. Im Grunde fielen Petras und Lanoye hinter Klaus Mann zurück. Lanoyes Köpler wirke am Ende "deutlich gebrochen und stammelt nur noch 'Ich'". So werde "dem Charakterlosen ... fast noch eine Art Mitleid zuteil und die Korruption aller Kunst durch die Macht fast als eine Art Naturgesetz behauptet."

In der Frankfurter Rundschau (28.2.) schreibt Nikolaus Merck, dass Tom Lanoye auch schon in anderen Texten "das Unerklärliche des mythischen Dramengutes verkleinert und weitgehend wegerklärt" habe. Vergleichbar verhält es sich auch bei "Mefisto forever", Lanoye habe die Figur des Henrik Höfgen, "entdämonisiert und verallgemeinert, indem er alle privat-biographischen Bezüge kappt." In der Inszenierung im Gorki-Theater werde Außenwelt über Video eingespielt: "Straßenschlachten am Ende der Weimarer Republik, Hitler und Eva Braun auf dem Obersalzberg, Szenen aus den KZ." Wo Lanoye "typisieren will, konkretisiert Petras". Dieser "Konkretisierungsgestus" verwandele den Zuschauer "alsbald in einen Detektiv", der nach "Hinweisen auf konkrete, historische Figuren" sucht. "Alsbald wird das Allgemeine auf diese Weise zum allzu oft Vernommenen und also langweilig." Fazit: "Vielleicht, weil Armin Petras gegen seine Gewohnheit weitgehend den Text nacherzählte, geriet ihm der an originellen Aussagen und Bildern arme Abend zu zäher Theaterpaste."

In der Süddeutschen Zeitung (28.2.) hält es Peter Laudenbach mit Lanoyes Roman-Bearbeitung wie folgt: "Sein Aufguss verdünnt den Roman zu umständlichem Schulfunk." Die Dialoge seien hölzern, die Figuren holzschnittartig, und "das Bild, das er vom Faschismus zeichnet, muss man niedlich nennen." Von Klaus Manns hellsichtiger Analyse seien nur grobe Klischees übrig: "Die Nazis sind böse, die Künstler arm dran, und Theaterleben ist intensiv, aber anstrengend, vor allem wenn Göring bei den Proben auftaucht." Lanoye verkleinere die Figuren zu Sentenzen-Pappkameraden. Petras inszeniere das so "bieder, schwerfällig und zeigefingernd, als wollte er beweisen, dass er der Guido Knopp des deutschen Stadttheaters ist." Opportunismus und Überlebensangst der Künstler werden auf ein "kuscheliges Befindlichkeits-Niveau heruntergedimmt".

Dass Lanoyes gesamtes Stück auf der Bühne spiele, sei kein neuer Trick, so Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (28.2.), "aber deshalb nicht weniger genial." "Die Sein- und Scheinebenen überlagern sich." Immer mehr Macht dringe in "den geschützten Raum des Theaters, am Ende ist es Podium für den Aufruf zum totalen Krieg." Dieser verhängnisvollen Entwicklung scheinen die Schauspieler immer wieder zu entfliehen, indem sie die Proben aufnehmen und Tschechow, Shakespeare, später Lessing und Goethe proben. Diese Ausschnitte seien so gewählt, "dass sie das Geschehen noch einmal spiegeln," was oft etwas "verbastelt-intellektuell" wirke, manchmal aber "alle doppelten Böden" wegreiße und Abgründe öffne. Seidler ist angetan: "Es ist ein großer, sperriger, kluger und dem Thema angemessen unsouveräner Abend geworden, mit dem sich Petras seines Intendantenamtes würdig erweist."

 
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