Popstar sein, Opern schreiben

10. März 2015. Die nachtlkritik-Redaktion ruht und rastet ja nicht, wenn es darum geht, den geschätzten Leser*innen das neueste aus der Welt der Bühne nahezubringen. Wenn sich ein Großer, eine Große des Theaters äußert und wir können den Text nicht verlinken, fassen wir, wenn es denn sein muss, auch zusammen. Heute fassen wir Auszüge aus einem Gespräch zusammen, das Katrin Hildebrand für die Süddeutsche Zeitung (10.3.2015) mit René Pollesch und dem Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow geführt hat. Der Anlass: die beiden Herren haben zusammen, wie sie sagen, eine "Oper" geschrieben mit dem Titel: "Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte". Am Donnerstag wird das Werk in der Volksbühne zu Berlin uraufgeführt.

Man kennt sich, man schätzt sich

Pollesch und Lowtzow, erfahren wir, kennen sich, seit Pollesch 2001 in "Stadt als Beute" einen Song von Tocotronic verwendete. Beide bezeichnen sich als Fan des jeweils anderen.
Aber warum machen die beiden jetzt ausgerechnet eine "Oper"? Weil es eh fast dasselbe ist wie Polleschs Sprecharien: "Stadt als Beute" hatte eine Struktur, bei der vier Minuten ein Lied gespielt wurde, dann zehn Minuten Text. Carl Hegemann sagte danach zu Pollesch: "Wenn ich das umkehren würde, vier Minuten Text und zehn Minuten Musik, dann wäre es eigentlich eine Oper." Und Oper sei nun der am wenigsten irreführende Begriff, für das, was am Abend zu erwarten stünde. Kein "König der Löwen", und nix Frivoles. Weil Lowtzow daran nicht interessiert sei. Der könne nur mit Barockoper und dem, was nach Schönberg kam, etwas anfangen (ejheijeijei - d. Säzzer), anders als Pollesch, der habe Sophie Rois auch schon aus "La Traviata" singen lassen.


Abrer warum denn nun Oper?
Na ja, Slavoj Žižek halt. Der schreibt: Wir hören in der Musik, was wir nicht sehen können. Dinge und Räume in der Oper sprechen. Ein "psychotischer Moment", findet Pollesch. "Der andererseits aber unsere Wirklichkeit überhaupt zustande bringt, weil wir natürlich nicht nur von den Dingen, sondern auch von dem, der vor uns sitzt, annehmen müssen, dass etwas aus ihm spricht", sagt Pollesch. Aha.
Lowtzow wiederum bekennt, dass er keine Noten lesen und schreiben kann, nicht arrangieren, nicht orchestrieren. "Das fand ich total interessant: etwas zu machen, was man überhaupt nicht kann." Er habe die Musik zusammen mit dem "Avantgarde-Komponisten" Thomas Meadowcroft "erarbeitet". Die Musik sollte aber einen Pop-Appeal haben, wünschte sich Pollesch.

Pollesch sagt, er habe wie immer gearbeitet, nur seien halt die Liedtexte von Lowtzow. Man habe sich in Ruhe gelassen. "Wir lassen uns in Ruhe." Gentrifizierung sei im übrigen, trotz des Titels, nicht das Thema. Vielmehr gehe es um "eine brauchbarere Geschichte darüber, wie das Leben entstanden ist".

Und nun zu etwas ganz anderem ...

Pollesch sagt, es sei im Theater tatsächlich ein großes Problem, dass alle so tun, als hätten sie die Opposition gepachtet. "Dabei ist das, was im Theater an Hierarchien und Rassismus produziert wird, das Gegenteil von 'politisch', also von politischer Praxis." Lowtzow plädiert für Uneindeutigkeit, "wenn die Kunst so tut, als sei sie aktivistisch, dann wird es Folklore".

Die Fürsprecher-Position des Theaters, aus der heraus es sich um die Probleme der Welt kümmere, sei das Problem, sagt Pollesch. "Ein Heterosexueller schreibt, dass es in Frankreich gewalttätige Demonstrationen gegen Homosexuellenrechte gibt. Ein Homosexueller liest dann zwischen den Zeilen: Ich muss Angst haben, er aber nicht. Das ist das Problem." Man müsse seine eigene Verwickeltheit in diese Vorgänge beschreiben, ergänzt Lowtzow. Aber für den Popstar, also für Pollesch und Lowtzow, müsse es auch darum gehen, "subversiv" zu bleiben. Wenn auch bei der Sparkasse niemand mehr eingestellt werde, der sich nicht wie ein Popstar gebe, müsse man sich als Popmusiker fragen: Ist das nicht großer Kitsch, wie ich mich gebe?

(jnm)

 

 
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