Lasst die Kirche im Adorno-Dorf!

von Wolfgang Behrens

19. März 2015. Schlittert die Oper als Gattung in eine Krise, in der das Theater in Wuppertal schon längst ist? Wer weiß am besten über "Baal" Bescheid? Und wie kommentiert eine Theatertreffen-Jurorin die eigene Auswahl? Ein Blick in die aktuellen Theatermagazine.

ddb 3 15Die deutsche Bühne

Man macht sich Sorgen in der März-Ausgabe der Deutschen Bühne, und zwar um die Oper, zu der die Redaktion ein umfangreiches Krisenszenario zusammengestellt hat. Ausgangspunkt ist die kaum von der Hand zu weisende Diagnose, dass das Repertoire der Oper überaltert sei und das Publikum "auch nicht mehr durchweg jugendfrisch." Chefredakteur Detlef Brandenburg eröffnet den Schwerpunkt mit zwölf Thesen. Er glaubt nicht, dass es einen kreativen Mangel bei den zeitgenössischen Opernwerken gebe (These 1), wohl aber eine "Stoffwechselblockade" (These 2): "Man unterhält zwar pflichtgemäß die 'Labore' des neuen Musiktheaters, aber kaum ein etabliertes Haus fühlt sich berufen, deren 'Forschungsergebnisse' bis zur Repertoire-Reife zu entwickeln." In den Thesen 5 und 6 kommt der Zuschauer ins Spiel: "Wenn das Opernsystem innovationsresistent ist, dann vor allem aufgrund (realer oder antizipierter) Erfahrungen mit der geringen Toleranz des Opernpublikums gegenüber Innovationen." Das Verhältnis zwischen System und Publikum sei aber "dialektisch und damit dynamisch", denn jedes System erzeuge "bei seinen Zuschauern bestimmte Haltungen, und die Haltungen der Zuschauer bestimmen das System."

These 8 empfiehlt daher einen "Seitenblick auf das Schauspiel", das "unter dem Druck, für neue Zuschauergruppen attraktiv zu werden, (...) neue künstlerische Formen entwickelt" habe, "die nicht mehr primär auf der Vorverständigung über kulturelle Traditionen und Kompetenzen zielen ('Die Klassiker muss man kennen!'), sondern das Publikum über ihre perfomative Kraft unmittelbar erreichen wollen." (Diese These verschweigt indes, dass es auch eine nicht zu unterschätzende, teilweise sogar sehr junge Gruppe gibt, die ihre Klassiker im Theater nicht wiedererkennen, sondern überhaupt erst kennenlernen will. Mir scheint das eine Gruppe zu sein, die jeder Stadttheater-Intendant sehr gut kennt, die aber im Theaterdiskurs gerne ganz außer Acht gelassen wird.) In These 12 schließlich heißt es, dass "die Oper ohne die Eroberung neuer Publikumsgruppen zu einem Randphänomen degenerieren" werde.

In weiteren Texten des Schwerpunkts werden diese Thesen ausgiebig ventiliert, u.a. in einem Gespräch mit Sebastian Baumgarten (Regisseur), Michael Börgerding (Theater Bremen), Dietmar Schwarz (Deutsche Oper Berlin) und Dominica Volkert (Theater Freiburg). Börgerding zitiert darin übrigens eine nicht gerade ermutigende Studie "zu beispielhaften interkulturellen Projekten in NRW, wo die Theater rausgegangen sind in bestimmte Brennpunkte der Stadt, um das neue Publikum zu erreichen, wo es lebt. Das Ergebnis ist: Die Leute fanden das toll, haben gern mitgemacht, aber als das Projekt zu Ende war, da waren sie auch wieder weg." Tja, da sieht man's wieder: Wir brauchen das nachhaltige Theater und die nachhaltige Oper. Wenn man nur wüsste, wie die aussehen ...

tdz 3 15Theater der Zeit

In März-Heft von Theater der Zeit kommentiert Christoph Leibold den Streit zwischen den Brecht-Erben und Frank Castorf wegen dessen Baal-Inszenierung, und auch wenn die Argumente so schon einige Mal gefallen sind, haben sie – etwa angesichts der aktuellen Spiegel-online-Kolumne von Sibylle Berg – nichts von ihrer Frische eingebüßt. Leibold wiederholt den Gemeinplatz: "Inszenieren heißt immer interpretieren", und schreibt: "Wer zwischen erlaubten und verbotenen Deutungen unterscheidet, schränkt das Denken ein. Dramen aber brauchen Gedankenfreiheit, um auf der Bühne lebendig zu werden." Leibold will den ökonomischen Aspekt des Urheberrechts, der nicht zuletzt im Schutz des geistigen Eigentums besteht, nicht aushebeln. Aber, das betont er, "das war hier nicht das Problem. Das Residenztheater hat ja Tantiemen gezahlt und nichts geklaut." Kunstfeindlich sei indes "die Deutungshoheit, die aus diesem Recht abgeleitet wird. (...) Warum sollte Barbara Brecht-Schall besser über 'Baal' Bescheid wissen als Frank Castorf?"

Das Hauptaugenmerk des Heftes gilt jedoch dem zeitgenössischen Tanz. Johannes Odenthal, Programmbeauftragter bei der Berliner Akademie der Künste, umreißt die Leitlinien des Schwerpunkts, in dem die "Frage nach dem kulturellen Erbe im zeitgenössischen Tanz, die Frage nach der künstlerischen Position der freien Tanzszene und die Frage nach der gesellschaftspolitischen Bedeutung von Tanz" gestellt würde, und zwar anhand der Protagonisten Pina Bausch, VA Wölfl und Ismael Ivo. Odenthal selbst widmet sich dann VA Wölfl und seiner Gruppe NEUER TANZ und kommt zu folgenden Schlüssen: "In der kompromisslosen Untersuchung der elementaren Bedingungen von Materialität und Licht erscheinen die gesellschaftlichen Konstruktionen von Raum, Zeit und Bewegung aufgebrochen in ihre existentiellen Grundlagen, reflektiert durch die Wahrnehmung des Betrachters." Und: "NEUER TANZ schreibt das Ästhetische als radikale Position bis an die Grenzen des gesellschaftlich Möglichen fort (...)." Nichts gegen die Arbeit von VA Wölfl, aber – mal ehrlich – diese bedeutungshubernde Avantgarde-Rhetorik, die wir alle mal gepflegt haben und ab und an noch weiter hegen, die nervt doch mittlerweile ziemlich. Nein, stöhnt man auf, der Tanz gewinnt keine gesellschaftspolitische Bedeutung, indem er Raum, Zeit und Bewegung untersucht, nein, nein, nein! Die Ergebnisse solcher Untersuchungen mögen individuell an- und aufregend sein, aber die gesellschaftspolitische Kirche lasst doch bitte im Adorno-Dorf!

Aufschlussreicher liest sich da der Essay der Tanzwissenschaftlerin Gabriele Klein, die nach dem Umgang mit Werk und Erbe von Pina Bausch fragt. Angesichts der postumen Wiederaufnahme von Choreographien Pina Bauschs stellt sich die Frage: "Ist die adäquate Weitergabe eines Werkes gefährdet, wenn sein Autor gestorben ist?" Klein zitiert von der Kritik erhobene Vorwürfe, die "alte Garde patiniere ihre früheren Auftritte" und entfalte eine "künstlerische Monokultur". Klein hält die Antwort auf die Frage nach dem Sinn von Bauschs Erbe für offen: Dieser Sinn müsse "immer neu (...) zwischen den Tänzern sowie den Tänzern und dem Publikum ausgehandelt" werden, sie weist aber auch darauf hin, dass Pina Bausch selbst "durch kontinuierliche Wiederaufnahmen ihr Werk am Leben zu halten versucht" habe. "Sie hat damit auch gezeigt, dass Tanzmoderne nicht nur bedeutet, nach dem Neuen zu streben, sondern auch, die historisch gewordene Moderne in und durch die tanzenden Körper gegenwärtig machen zu können. Das Besondere des Tanzes liegt vielleicht darin, dass er in einem doppelten Sinn eine Zeitkunst ist." Manchmal wünschte man sich solche Bestrebungen ja auch im Schauspiel: Was würde es wohl ästhetisch bedeuten, wenn wir heute noch einmal eine Fritz-Kortner- oder eine Benno-Besson-Inszenierung wiederbeleben würden? Oder genügt uns schon eine Neuinszenierung von Peter Stein als "historisch gewordene Moderne"?

th 3 15Theater heute

Mit der März-Ausgabe von Theater heute bleiben wir in Wuppertal, verlassen jedoch Pina Bausch und wenden uns dem dortigen Schauspiel zu. Gerhard Preußer ruft am Ende seines Artikels zum Start der neuen Intendanz resigniert aus: "Schaut auf Wuppertal. Wer wissen will, was man alles falsch machen kann im deutschen Stadttheatersystem, muss tief ins Tal der Wupper schauen." Das beginnt bei der Spielstätte: Während das Schauspielhaus, dieser "elegante, repräsentative Bau von 1966 mit Platz für 700 Zuschauer" einer neuen Verwendung entgegen verwittere, werde durch das "Theater am Engelsgarten" – "eine umgebaute Lagerhalle mit 160 Plätzen", die in das Museum für Frühindustrialisierung integriert ist – die "Marginalisierung und Musealisierung ins architektonische Bild gesetzt." Übrigens ist diese Immobilie "kein Eigentum der Stadt, sondern des Vereins der Theaterfreunde, der sie mit 1,5 Millionen alleine finanziert hat." Die neue Intendantin Susanne Abbrederis hat vom Stadtrat "eine Liste von Vorgaben verordnet" bekommen, "u.a. die Berücksichtigung der 'großen Zuschauergemeinde der Älteren', das 'Abholen' von Schülerinnen und Schülern, eine Auslastung von 75 Prozent. (...) Die ebenfalls verbal geforderte 'künstlerische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Veränderungen' hatte man ja gerade bei von Treskow als zu modern und anspruchsvoll abgewählt."

Preußer beschreibt den Auftakt von Susanne Abbrederis nun als den "mauen Start einer zwangsweise zur Bedeutungslosigkeit geschrumpften Schauspielintendanz". Durch die desaströse Personalpolitik an der Wuppertaler Oper sei nun auch "die Chance für ein Gesamtkonzept, das Oper und Schauspiel (...) durch die Installation eines Generalintendanten wirklich integriert, vertan." Das Fazit: "Auf vielen Problemfeldern des deutschen Stadttheaters – dem Verhältnis von Präsenz in der Öffentlichkeit und Verankerung in soziokulturellen Nischen, dem Verhältnis von öffentlicher und privater Finanzierung, dem Verhältnis von langfristiger Planung und kurzfristigen Entscheidungen, der Erprobung neuer Organisationsmodelle, der Balance zwischen Traditionspflege und Innovation, der Orientierung zwischen unterschiedlichen Zuschauergenerationen – auf allen diesen Feldern ist man in Wuppertal den falschen Weg gegangen." Bleibt zu hoffen, dass man anderswo von diesem abschreckenden Beispiel lernt. Johannes Weigand, der ehemalige Wuppertaler Operndirektor, wandert ja samt seinen Erfahrungen schon ab der kommenden Spielzeit ans nächste leidgeprüfte Haus – nach Dessau. Und auch in Bonn oder Schleswig sollte man sich nicht gerade Wuppertal als Vorbild wählen.

Etwas eigenartig wirkt der Kommentar von Theater heute zur Auswahl des diesjährigen Theatertreffens, der von Barbara Burckhardt verfasst wurde, ohne dass mit einer Silbe erwähnt würde, dass sie selbst eine der Juror*innen war, die für diese Auswahl verantwortlich zeichnen. Burckhardt kommentiert sich so gewissermaßen selbst. Sie hält die Einladung von Castorfs "Baal" "auch ohne jede Trotzreaktion" für schlüssig (man atmet auf! die Jury weiß, was sie tut!), und sie lobt sich und die Jury dafür, dass die "Hälfte aller Regisseure in diesem Jahr noch keine vierzig Jahre alt" sei, "neun sind jünger als 50. Und drei von zehn sind weiblich – zum ersten Mal in 52 Jahren Theatertreffen ist die Quote in Sichtweite!" Dass die Einladungen "auch dieses Jahr in die großen Städte gehen", erscheint Burckhardt nur natürlich: "Da kann die Jury noch so rastlos sichten, in diesem Jahr 379 Inszenierungen in 54 Städten: Kunst braucht Unabhängigkeit, braucht Geld. Nach der Ausnahme, die diese Regel bestätigt, wird weiter intensiv gefahndet." Aus Wuppertal jedenfalls wird diese Ausnahme in naher Zukunft wohl nicht kommen ...

 

Magazinrundschauen aus den vorigen Monaten gibt es hier.

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