Mysterienspiel der unteren Mittelschicht

von Claude Bühler

Zürich, 21. März 2015. Wüst und öd ist dieses Oktoberfest: abfallübersät, menschenleer, tief schwarz die Wände und die Bühne, gespenstisch weiss das Licht der Leuchtstoffröhren, das Karoline erst selbst mit einem Tritt an den Lichtpfosten in Gang setzen muss – bis es später wieder von allein ausgeht. Keine Eisdiele mit Bedienung, an der Karoline mit dem Opportunisten Schürzinger das Anbändeln üben wird: ein Münzautomat.

Nur einmal flackern jämmerliche Glühbirnen, als Kasimir seine Wut in den Boxautomaten drischt. Vorne am Bühnenrand Bierzapfhahnen und Rinne: wie eine Viehtränke. Eine personalabgebaute Bedürfniswelt; unsere Helden sind sich selbst überlassen. Nicht nur zum "WC" weisen Hinweispfeile sondern auch – symbolistisch und gleichzeitig beissend ironisch – nach "Lüge", nach "Liebe" oder "Wahrheit". Alles steht zu Diensten, niemand sagt einem, wie man damit richtig umgeht.

Vielleicht sind wir zu schwer füreinander

Das täte not. Kasimir ist ein "Abgebauter", Karoline will sich amüsieren. Sie blickt sehnsüchtig nach oben zum Zeppelin, er schimpft über die Wirtschaftsführer im Zeppelin, die "Millionen" auf die Strasse werfen. "Vielleicht sind wir zu schwer füreinander", meint sie schliesslich, er versteht es so, dass sie ihn verlassen wolle, weil er seine Stelle als Chauffeur verloren hat. Die gegenseitige Kränkung sitzt, Kasimir lässt Karoline stehen, sie fährt mit Schürzinger Achterbahn. Horváths "Ballade voll stiller Trauer, gemildert durch Humor" hat begonnen.

Hier in Zürich ist sie aber schon zu Ende. Kein Mensch im Pfauen hält es für möglich, dass die Beiden je wieder zusammen kommen könnten. So abstrakt und trostlos die Bühnenwelt, so charmebefreit und spannungslos die Figuren. Zieht bei Horváth das Paar sich belauernd seine Kreise, prüfend, ob und wie man das Gesicht wahren, es dem andern heimzahlen und doch wieder zueinander finden könnte, so ist einem das Schicksal dieser Leute hier recht bald schon ziemlich wurst. Die Härten und die Kälte, die bei Horváth immer wieder wehtun: Hier scheinen sie normal zu sein. Nackt vom mildernden Gemüt wollte man diesen Oktoberfest-Horváth, geblieben sind als einzige Gefühlsregung die Larmoyanz, als einzige Beziehungsargumente Sex und Geld.

KasimirKaroline1 560 Toni Suter TTFotografieAuf dem Endzeit-Jahrmarkt: Marie Rosa Tietjen und Christian Baumbach als Karoline und Kasimir (hinten André Willmund).
© Toni Suter / T+T Fotografie

Christian Baumbach als Kasimir gibt statt dem traurigen Pessimisten einen Jammerlappen ohne jede Selbstachtung. Im roten Lederjacket mit schwarzer Nadelstreifenhose kommt er wie ein geschmackloses Nichtsgesicht daher. Dagegen wirkt Marie Rosa Tietjen als Karoline fantastisch schillernd: Ein unbefangenes Kindergesicht mit Frauenkörper, in dem es zuckt. Das Supertalent dominiert bei jedem Auftritt die Spielfläche, beeindruckt mit gestalterischer und emotionaler Beweglichkeit, erfrischt mit untypischen Klangfarben, die direkt treffen. Aber Horváths holzschnittartige Figur erhält bei Tietjen so viele verschiedene Facetten, dass man sich über ihre Karoline weder ärgern kann noch dass sie einen anrührt. Die typisierte Büroangestellte, die – im weiteren Verlauf – mindestens erwägt, sich mit einem Kommerzienrat einzulassen, um nach "oben" zu kommen, ist das nicht.

Umgestaltet und querbesetzt

Aber Regisseurin Barbara Weber und Dramaturgin Gwendolyn Melchinger haben sämtliche Figuren bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet und querbesetzt. Die beiden alten Geifersäcke, Kommerzienrat Rauch und Justizrat Speer, sind hier jugendliche, attraktive Herren, die ihre frauenverachtenden Sentenzen zum Besten geben. Die Erna, mit der sich Kasimir am Ende zusammentut, sieht aus wie ein exaltiertes Pin-up-Girl, fährt aber auf wie eine Idealistin, schreit: "Es ist das eine himmelschreiende Lüge, dass der Mensch schlecht ist." Jahrmarktsfiguren wie ein Bär oder etwas monströs Fratzenartiges in einem Kinderwagen passieren Revue. Eine dazu gedichtete, allegorische "merkwürdige Figur" spricht die Leute als "Schutzengel" an. Es geht offenbar nicht um das Drama, sondern um ein Weltpanorama mit Mysterienspiel-Zutaten und Musikeinlagen.

Dadurch, dass man die Figuren nicht einschätzen kann, appelliert der Text schärfer an den Intellekt. Dies und die düstere Jahrmarktsszene, die kein Mensch freiwillig betreten würde, verortet das Stück in ein abstrakt-symbolistisches Parallelreich, wo es weder Anfang noch Ende gibt. Weber scheint nicht die Welt von 1932, als das Stück am Vorabend des Nazireichs uraufgeführt wurde, zeigen zu wollen, sondern die unsere Heutige: vielleicht unsere Welt von hinten quasi, wo uns unsere üblichen Erkennungsmerkmale nichts helfen sollen. Aber ohne konkreten Kontext verlieren Horváths bissige Sätze zum Zustand des unteren Mittelstands nicht nur ihre szenische Wirksamkeit, sondern auch ihre gesellschaftspolitische Sprengkraft.

 

Kasimir und Karoline
von Ödön von Horváth
Regie: Barbara Weber, Bühne: Patrick Bannwart, Licht: Frank Bittermann, Musik: Karsten Riedel, Kostüme: Sara Giancane, Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger.
Mit: Christian Baumbach, Sofia Borsani, Lukas Holzhausen, Henrike Johanna Jörissen, Claudius Körber, Lisa-Katrina Mayer, Karsten Riedel, Siggi Schwientek, Marie Rosa Tietjen, Michael von Burg, André Willmund.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch


Um eine andere Endzeit ging es am Vorabend im Zürcher Schauspielhaus, als Alvis Hermanis Die schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper in einem Altersheim-Setting ansetzte.

 

Kritikenrundschau

"Mit Spannung oder Strom ist es hier, abgesehen von der Elektrotechnik, nicht weit her", schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (23.3.2015). "Es fehlt an Sehnsucht." Nachdem sich am Anfang das "keck-kokette Fräulein Karoline" mit dem "schmollenden Bräutigam Kasimir" überworfen habe – "die altertümlichen Original-Begriffe plumpsen wie hübsche Verfremdungseffekte in die gegenwartsnahe Szenerie" –, sei das Zerwürfnis bereits definitiv vollzogen und werde in der Folge nur noch "bis zum Gehtnichtmehr bestätigt", so Villiger Heilig. "Horváths subtil austariertes Beziehungsgefüge: plattgewalzt." Barbara Webers Inszenierung folge zwar weitgehend dem Text, "und der erzeugt, insbesondere bei der Anbändelei zwischen Lukas Holzhausens brav-subalternem Schürzinger und Karoline, durchaus Stimmung." Doch der Abend wolle mehr – "und zerfranst, je länger er dauert."

"Neu lesbar" mache Barbara Weber das Stück und lande damit einen "großen Wurf", findet dagegen Andreas Tobler im Tagesanzeiger (23.3.2015). Dass der einstigen Neumarkt-Intendantin dies gelinge, habe wesentlich mit Marie Rosa Tietjen als Karoline zu tun. "Tietjen hebt in ihren Sätzen mit einer solchen Klarheit die 'Vielleichts' und 'Eventuells' hervor, mit denen Horváths Karoline deutlich macht, dass alles möglich wäre: die Liebe, das gelungene Leben – oder zumindest der perfekte Tag, von dem der Musiker Karsten Riedel auf der Bühne einmal singt." Alle Männerfiguren hingegen, allen voran Kasimir, akzeptierten den Kapitalismus als Schicksal, "dem vermeintlich niemand entkommt und dessentwegen sie am Ende alle zu Boden gehen – als Gläubige dessen, was sie eigentlich ablehnen". Eigentlich, so Tobler, müsste der Abend "Karoline und die Kontingenz" heißen, "weil er das Versprechen in sich birgt, dass alles anders möglich wäre, wenn man sich nur gemeinsam darauf verständigen würde".

 
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