Grün ist keine Hoffnung

von Sabine Leucht

München, 25. März 2015. Die eine Kernaussage des Stückes kommt vom Arzt Chebutykin und betrifft das Glück, das wir nie haben, sondern nur suchen können und das – sehr frei gesprochen – immer da ist, wo wir nicht sind. Die andere hat Stefan Hageneier auf die Bühne des Residenztheaters gestellt, wo etliche Bäume in großen Plastikbottichen auf mehrstufig aufeinandergestapelten Holz-Paletten wachsen – und wo nur ganz vorn am Bühnenrand ein kleines Fleckchen Erde freigelassen wurde. Irina macht sich anfangs daran zu schaffen. In Gummistiefeln und frischem weiß-rosa Outfit. An ihrem Namenstag, für den Valerie Pachner der jüngsten von Tschechows "Drei Schwestern" noch den mädchenhaften Elan und die Aufbruchsstimmung mitgibt, die einer Zwanzigjährigen gut stehen.

Doch auch fast drei Stunden und vier Akte später ist noch immer nichts gepflanzt in diesem schmalen Beet der Hoffnungen. Der Elan ist verflogen und die Bäume, die sich mit zunehmendem Alter bekanntlich immer schwerer versetzen lassen und doch so dringend eine Heimat brauchen, sind nach wie vor im Wartemodus. Denn sie einzupflanzen hieße ja, eine Entscheidung zu treffen. Und dazu ist Tschechows Personal bekanntlich nicht fähig. Und entscheidet sich eine doch – gegen das eigene kalte Herz, aber immerhin für eine Tat – wird der zweite, den es für diese Tat braucht, sofort mit dem Tode bestraft. Und Irinas Hochzeit mit Baron Tusenbach ist geplatzt.

Drei Schwestern 02 560 Thomas Dashuber uIn einem Wald voller heimatloser Bäume – die drei Schwestern Irina (Valerie Pachner), Mascha (Hanna Scheibe) und Olga (Juliane Köhler) © Thomas Dashuber

Doch keine Emanzipationsgeschichte

Im Kern der Geschichte dieser allesamt Wurzellosen, zweigleisig Liebenden (Mascha und Natascha), sich krampfhaft die eigene Situation Schönredenden (Kulygin und Andrej) und müßigen Philosophen (Chebutykin und Tusenbach) steckt doch immer auch das Drama von der schwesterlichen Verantwortungsdelegation für das eigene Leben. Denn allein der so vielversprechende Bruder Andrej ist es, der die Sehnsucht "nach Moskau!" zur handfesten Reise ausbauen könnte. Wäre er Professor geworden, hätte er keine Hypothek auf das gemeinsame Haus aufgenommen. Und hätte er zuletzt nicht auch noch alles verspielt, dann ...

Auf diesem Fundament eine Emanzipationsgeschichte zu bauen, wie die "Schwestern" Hanna Scheibe (Mascha), Valerie Pachner (Irina), und Juliane Köhler (Olga) im Interview mit der SZ versprachen, ist ein gewagtes Unterfangen. Und Tina Lanik gelingt es auch nicht. Ihre Inszenierung versucht sich erfolgreich an einem Ton zwischen melancholischer Schwere und ätzender Wut, ist aber im ganzen von einer gefälligen Überflüssigkeit und fügt dem weiten Kosmos an Tschechow-Interpretationen keinen weiteren Fixstern hinzu. Der Abend plätschert lange Strecken im Plauderton dahin – und dass sich auf der so vieles gleich schon vorab erzählenden Bühne bis zum Schluss nur die Beleuchtung ändert, trägt nicht eben dazu bei, die Spannung zu erhöhen. Hier gibt es keine Bewegung zwischen drinnen und draußen, dafür viele Möglichkeiten, sich zu verstecken und Gelegenheiten, auf den aus satter Gewohnheit nicht mehr hinterfragten umständlichen Wegen unter niedrig hängenden Ästen wieder und wieder über die Palettenkanten zu stolpern.

Köcheln der Hormone

Lanik inszeniert keinen Abend der Bilder. Man tritt auf und wieder ab, und bei dem Duell ist nicht einmal der in den Regieanweisungen erwähnte Schuss zu hören, geschweige denn Blut zu sehen. Einige Male aber köcheln die Hormone über und es kommt zu staunenswerten Aktionen: Plötzlich gehen sich die insgesamt eher passiven Männer vehement an den Kragen. Irina reißt dem Kauz Soljenyi in einem Anfall unerklärlicher Lust das Hemd von Leib. Und Olga beweist ihre Solidarität mit der von Natascha gedemütigten Anfisa mit einem langen, innigen Kuss auf deren Mund. Sehr kurz tut sich hier eine wie auch immer plausible Erklärung auf für die rätselhafte Besetzung der uralten Dienerin mit einer in Baggyhosen und Tanktop gekleideten Barbara Melzl. Gut möglich, dass hinter Olgas Ehe- und Verehrerlosigkeit eine heimliche lesbische Beziehung steckt. Doch die von Melzl übertrieben zur Schau getragene cowboymäßige Coolness beißt sich doch sehr mit dem hier nicht veränderten Text. Und emotionales Feuer fängt der Abend auch an dieser Stelle nicht.

Und doch gibt es einige Szenen, die gelungen sind oder die man sich gerne etwas näher angeschaut hätte als von einem mittleren Balkonplatz aus, wo es zuweilen auch akustische Verluste zu vermelden gibt. Zur ersten Kategorie gehören fast alle Auftritte Shenja Lachers als "Jetzt-ist-aber-mal-gut!"-Andrej – und vor allem das mit sich überschlagender Stimme vorgebrachte Lob seiner Frau Natascha, das schließlich auch inhaltlich kippt. Darüber hinaus ein Moment der plötzlichen stillen Übereinkunft zwischen Köhlers mütterlich-strenger Olga und Scheibes zynisch-verbitterter Mascha – die Spannung, die der zwischen ihnen gewechselte Blick erzeugt, müsste folgerichtig in einer Arie gipfeln. Zur zweiten Kategorie gehört Valerie Pachners Mienenspiel, dessen Vielfalt von dort oben nur zu erahnen ist. Hätte die Ahnung Recht, wäre das zumindest schön.

 

Drei Schwestern
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec, nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
Regie: Tina Lanik, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Juliane Köhler, Hanna Scheibe, Valerie Pachner, Shenja Lacher, Katrin Röver, Johannes Zirner, Markus Hering, Thomas Lettow, Bijan Zamani, Götz Schulte, Barbara Melzl, Alfred Kleinheinz, Yan Borovyk / Julian Engel / Daniel Felder.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Tina Lanik inszeniert das ungleiche Trio nicht als Opferschar der Umstände, sondern als Frauen, die wissen, wie sehr sie sich selbst im Weg stehen, so Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (27.3.2015). "Für hirnlose Heiterkeit sind dagegen die Männer zuständig." Wenn etwa Andrej versuche, es ihm gleichzutun und mit überschlagender Stimme sein kleines Glück beschwört, ist das zum Weinen hilflos. "Lanik betont die Modernität, die Eigenverantwortlichkeit der Figuren. Dass reflektierter Pragmatismus auf der Bühne weniger Wucht erzeugt als bittere Tragik, nimmt sie dabei mutig in Kauf."

Das Wäldchen aus eingetopfen Bäumchen mag symbolisch für die allzu stark verwurzelten Geschwister stehen, als auch für die Verhältnisse, die den Menschen buchstäblich über den Kopf wachsen, "als Spielfläche bleibt der Raum jedoch so offen, dass das Spiel sich darin verläppert", findet Michael Stadler in der Abendzeitung (27.3.2015). Dass den Schwestern am Ende nur Arbeit, Arbeit, Arbeit übrig bleibt, mag man ihnen fast gar nicht abkaufen.

So schön die Metapher des Zukunft-Gärtnerns sei, so rasch ist sie wieder erschöpft. "Überhaupt ist viel Ästhetisches, wenig Natürliches auf dieser Bühne", schreibt Teresa Grenzmann in der FAZ (28.3.2015). Entwurzelt sind die Figuren, wenig kreatürlich. "Die Inszenierung möchte wohl Typen voneinander abgrenzen, aber man wünsche sich Menschen mit Geschichten?. Fazir: "Als Münchner Zuschauer werde man drei Stunden lang das Gefühl nicht los, man verpasse hier Entscheidendes. Einen Grund für diesen müden, flauen, mutlosen Zustand."

 

 

 

Kommentar schreiben