Berliner Kulturkampf

Berlin, März/April/Mai 2015. Die Diskussion um die Berliner Kulturpolitik, die Intendanten Claus Peymann und Frank Castorf, den Kulturstaatssekretär Tim Renner und die Zukunft der Berliner Volksbühne ist in vollem Gange. Der Abschied von Castorf ist inzwischen beschlossene Sache, angeblich soll Ende April ein Nachfolger präsentiert werden. Im Gespräch ist Gerüchten zufolge, die zuerst der Berliner Tagesspiegel ausplauderte, der Tate-Modern-Chef Chris Dercon, dessen potentielle Berufung unter den Berliner Kommentatoren höchst umstritten ist. Die Protagonisten haben sich in den letzten Wochen jeweils mit eigenen Beiträgen und Interviews zu Wort gemeldet – hier die Zusammenfassungen der Interviews mit Frank Castorf (Die Zeit), Chris Dercon (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und Claus Peymann (Die Zeit) sowie des Beitrags von Tim Renner (Die Zeit). Auch der Regisseur Leander Haußmann (Die Welt) hat sich eingemischt. Und hier die Zusammenfassung der wichtigsten Pressestimmen:


Ein Kurator als Castorf-Nachfolger? – Spekulationen um Chris Dercon

26. März 2015. Lange sei die Volksbühne "das Epizentrum des deutschsprachigen Theaters" gewesen, schreibt Rüdiger Schaper im Berliner Tagesspiegel (26.3.2015). Nun sei der Belgier Chris Dercon als Castorfs Nachfolger im Gespräch. Er leitet seit 2011 die Tate Modern in London. In deren Turbinenhalle wurden u.a. Projekte von Olafur Eliasson und Tino Sehgal realisiert. Am Haus der Kunst in München, das Dercon zuvor leitete, präsentierte er Künstler wie Christoph Schlingensief und Ai Weiwei. Dercon sei "kein Intendant, sondern ein Kurator", so Schaper. Mit seiner Wahl würde man, zumal "der Intendantenmarkt (...) leer" sei, einem Trend in der Theaterszene folgen: "Weniger Ensemblepflege, mehr Event- und Biennalencharakter. Schneller Konsum. Formate statt Form." Das habe eine "gewisse Konsequenz", der frühere Volksbühnenchefdramaturg und HAU-Erfinder Matthias Lilienthal habe mit seinem kuratorischen Ansatz "den Weg bereitet". Selbst das Castorf-Theater sei mittlerweile "zur Installation" mutiert, "Schauspiel lässt sich das nicht mehr nennen, eher Performance-Biotop. Die Akteure verausgaben sich in Textgebirgen, gefilmt von Videokameras. Das Bühnenbild gleicht einer bewohnten Skulptur."

"Ich bevorzuge es eigentlich eher, eine Volksbühne zu sein als ein Mausoleum, in dem nur zelebriert oder angebetet wird", zitiert Schaper den an die Tate aufbrechenden Dercon von 2010 und findet dessen mögliche Wahl "trotz allem sehr gewöhnungsbedürftig." Was allerdings, fragt Schaper, würde bei Dercon aus René Pollesch, Herbert Fritsch und dem Regisseur Castorf selbst, was würde aus dem Ensemble, dem Repertoire? Und in welches Verhältnis würde sich die Volksbühne als umgemodelter "Performance-Theater-Koloss" zum HAU und zu den Berliner Festspielen setzen? "Was auch geschieht", so Schapers vorläufiges Fazit, "die Castorf-Nachfolge setzt ein Zeichen. Sie betrifft alle anderen Bühnen, nicht allein in Berlin. Was sich hier ankündigt, ist eine Neuordnung der Theaterlandschaft."

(ape)



27. März 2015. "Gut möglich, dass Lilienthal Tim Renner auf die Idee mit Dercon gebracht hat. Gut möglich, dass er dabei eine Weiterentwicklung der Volksbühne und der Berliner Theaterlandschaft generell im Sinn hat, hin zu einer Kunst, die ihre Spiel- und Präsentationsweisen ausdehnt", schreibt Dirk Pilz in einem Kommentar über die Dercon-Spekulationen in der Berliner Zeitung (27.3.2015). Das könne man "mit Gründen für wünschenswert erachten und mit Gründen fürchten", weil es tendenziell die Ensemble- und Repertoirestruktur eines Stadttheaters unterwandere. "Dass der Name Dercon in den Kantinen und Kommentarspalten so eifrig diskutiert wird, zeigt jedenfalls, es gibt gleichermaßen interessierte Kreise, die Dercon unbedingt nach Berlin holen oder eben ihn unbedingt verhindern wollen", so Pilz. "Aber wie wäre es, über die Zukunft des Theaters, über den Spagat von Weiterentwicklung und Bewahrung, ausnahmsweise nicht anhand von Personalfragen zu diskutieren, nicht in bloßen Karriere- und Machtkategorien?"

 

"Alles, nur bitte das nicht!", ruft Manuel Brug in der Welt (27.3.2015) aus. Dercon sei ein "guter Mann, blendend vernetzt, glamourös und trotzdem intellektuell, zeitgeistig aber seriös". "Aber was soll der mit einem Theater?" "Irgendwie hippe, freilich inzwischen meist dem Zeitgeist hinterherhechelnde Kuratoren" gebe in der deutschen Hauptstadt längst im Überangebot. "Da kommen sich schon das HAU und das Foreign Affairs Festival der vom Bund geförderten Festspiele andauernd thematisch in die Quere", so Brug und hat einen Vorschlag: "Warum nicht endlich den Mut zum Tanzhaus haben?" Das dringende benötigte nationale Schaufenster für eine sehr internationale Kunstform, "wie es London, Paris, selbst Essen haben", sei "mehr als nur ein Desiderat". Publikum sei vorhanden. "Zudem ist der Zuschauerraum der Volksbühne mit seinen ansteigenden Reihen und der großen Bühne dafür perfekt geeignet."

(sd)



31. März 2015. Für Peter Laudenbach deuten in der Süddeutschen Zeitung (31.3.2015) "verschiedene Quellen, auch exklusiv der SZ zugängliche" darauf hin, dass Chris Dercon Nachfolger des Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf werden soll. "Die Entscheidung für Dercon wäre ein wagemutiger Coup, mit dem Renner seine neblige Formulierung, man müsse die Volksbühne 'neu denken', einigermaßen radikal in die Tat umsetzen würde. Es ist kein Geheimnis, dass Castorf nichts dagegen gehabt hätte, wenn sein Intendantenvertrag noch einmal verlängert worden wäre. Und es wäre eine Möglichkeit gewesen, ihm an dem Haus, das er in den letzten 23 Jahren zu einem Abenteuerspielplatz der Künste und einem der aufregendsten Theater Europas gemacht hat, eine Nachspielzeit zu gönnen." Die Entscheidung für Dercon ist für Laudenbach aus zwei Gründen dennoch nicht ungeschickt. Ein reiner Theatermann hätte aus seiner Sicht gute Chancen gehabt, am übergroßen Mythos der Volksbühne zu zerschellen. Der aus der bildenden Kunst kommende Kurator Dercon stehe, "wenn es gut läuft, dafür, dass die Volksbühne ein Labor bleibt, das die Grenzen der Künste testet". Mit etwas Glück könnte der Neubeginn an der Volksbühne "sich also die DNA des Castorf-Theaters zunutze machen und an die Suchbewegungen und Ästhetik der letzten Jahrzehnte anknüpfen".

(sle)

 

Für Arte sind Ex-Volksbühnen-Mastermind Matthias Lilienthal und Tate-Chef Chris Dercon übrigens schon einmal gemeinsam durch die Nacht gecruist:

 

 

Einer muss weg – Peymann vs. Renner

10. April 2015. In der Welt kontert deren Stellvertretender Chefredakteur Ulf Poschardt jetzt Peymanns Forderung "Der Renner muss weg" aus dem Zeit-Interview, indem er sie umkehrt: "Der Peymann muss weg". Castorf und Peymann seien in Berlin "seit Jahrzehnten in Amt und gut bezahlten Würden. Ihnen zu Füßen liegen Journalisten, die jene oft verödete Theaterlandschaft in ihrem Sosein als ihren intellektuellen Referenzboden verstehen, und die Heerscharen von linksradikalen Misanthropen, die ihre gescheiterte Punkerexistenz mit Experimentaltheater finanzieren lassen." Wer den "Ex-Punk" Renner als "dumm" bezeichne, wie Peymann es tut, hinge "einer Idee vom Bildungsbürger aus dem 19. Jahrhundert" nach und verstehe nicht, "dass sich dieses Konzept weiterentwickelt hat". Seine "Verachtung für Berlin als 'Hip-Hop-Hauptstadt' erinnert an den Gegenwartsekel der AfDler". Hip-Hop als Musikgattung wisse eben deshalb so viel "von der Gegenwart, ihren Rissen, sozialen Verwerfungen und Dramen, weil sie nicht zu Tode subventioniert und öffentlich beschmeichelt worden ist. Jede LP von Kanye West, Frank Ocean oder Tyler, the Creator hat mehr Pointen, mehr Schönheit, mehr Geist als die abgegrasten Avantgardismen einer Kunstform, die sich in den vergangenen 50 Jahren (bis auf Bob Wilson und René Pollesch [beide in den letzten Jahren in Berlin an den Häusern von Peymann und Castorf tätig, Anm. der Red.]) kaum weiterentwickelt hat." Ein "brillanter Impresario" wie Chris Dercon sei Peymann schlicht "nicht bekannt. Tim Renner tut das Richtige, wenn er den feisten Revolutionsopa rausschmeißt."

 

"Der Kulturhaussegen in Berlin hängt schief", weiß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.4.2015) auch Karolin Berg. Das Zeit-Interview sei "ein einziger Wutsturm, ein Totalverriss in Zorneshülle". Vom adressierten Renner komme hingegen "nichts als Schweigen im Wald. Aussitzen, schließlich sind die Tage des BE-Intendanten gezählt." Der Berliner Theaterbetrieb sei "nicht gerade für den regen Wechsel seiner Intendanten bekannt": Peymann und Ostermeier sind seit je 16 Jahren im Amt, Castorf seit 23. Für Renner, der nicht einmal ein Jahr Kulturstaatssekretär ist, "keine leichte Ausgangslage: ein früherer Musikproduzent im Duell mit dem Club der Theaterbetagten. Hier trifft 'U'- auf 'E-Theater'." Zumal angesichts "so depperter, untheatraler Vorschlägen wie Video-Übertragungen von Aufführungen". Immerhin habe Peymanns "Feuerwerk an Unflätigkeiten doch auch den lohnenden Effekt, Bewegung in den Berliner Trott zu bringen." Fazit: "Der Mann weiß eben, wie man (sich) inszeniert und Diskussionen anheizt. Theater ist Streitkultur. (...) Für Claus Peymann gibt es eben nur einen, der weiß, was, oder vielmehr, wer der Beste für das Theater ist.

 

"Die beiden Intendanten-Dinosaurier veranstalten ein so gewaltiges Getöse, als stünde ihre Überstellung ins Naturkundemuseum unmittelbar bevor" und als sei "ganz Kultur-Berlin dem Untergang geweiht", so Rüdiger Schaper, der das Thema Berliner Kulturpolitik im Tagesspiegel (10.4.2015) etwas breiter angeht, über Peymann und Castorf. 2017, wenn die beiden aufhören, sei aber "aus einem ganz anderen Grund für Berlin und seine Kulturlandschaft eminent wichtig" – weil dann nämlich "ein neuer Hauptstadtvertrag ausgehandelt" werde, in dessen letzter Fassung (2007) z.B. die finanzielle Beteiligung des Bundes an der Sanierung der Staatsoper geregelt wurde. Kompetenzen in Sachen Kultur könne das Land Berlin momentan "am besten gleich an den Bund abtreten. (...) Der Bund macht die Kulturpolitik für die Hauptstadt." Kulturstaatsministerin Monika Grütters agiere wie eine "Über-Kultursenatorin", arbeite "mit Leidenschaft und Nachdruck, setzt Ankündigungen verblüffend schnell um." (Museum der Moderne, Berufung Neil MacGregors als Gründungsintendant des Humboldt-Forums). Das Gewicht habe sich "massiv zugunsten des Bundes verschoben." Im Gegensatz zu Grütters, "die aus der Berliner Politik kommt und über reiche Erfahrung auf Bundes- und Landesebene verfügt", möge sich Auch-Kultursenator Michael Müller "Kultur kaum antun" , und Tim Renner habe es schwer, weil bei seinem Amtsantritt schon fast alles festgezurrt war. "Er will durchaus etwas bewegen, muss sich als Quereinsteiger aber erst einmal street credibility in der Hochkultur erwerben". Nun presche er mit seinen Volksbühnenplänen vor, die sie "zur Konkurrenz für eine Bundeseinrichtung wie die Berliner Festspiele" machen würde. "Vielleicht kann man über all diese Dinge mal reden, sich abstimmen. Da würde sich Erstaunliches zeigen. Über die Berliner Festival-Landschaft ist die Zeit hinweggegangen. Der gesamte Bereich Tanz und Performance, all das muss neu geordnet werden, so wie es vor einigen Jahren bei den Opern nötig war."

 

In der Berliner Zeitung macht sich Michaela Schlagenwerth (10.4.2015) Sorgen um das "Gesamtgroßkunstwerk Volksbühne". Renner scheine "gar nicht zu begreifen", "womit er es hier zu tun hat", wenn er behaupte, "25 Jahre Castorf seien genug." Zwar sei dessen Kandidat Chris Dercon "hochkarätig", aber die Volksbühne einfach "der falsche Ort für ihn". "Gerüchteweise soll Dercon den Tanz stark machen wollen" und schon Gespräche mit Choreographien wie Boris Charmatz, Anne Teresa de Keersmaeker und Akram Kham führen. Für Schlagenwerth "tolle Künstler", um die allerdings bereits die Festivals Foreign Affairs und Tanz im August konkurrieren. Was den Tanz angeht, brauche Berlin vor allem "ein finanziell besser ausgestattetes Tanzfestival" und feste Ensembles, nicht jedoch "mehr große Gastspielorte". "Nimmt der Gastspielbetrieb überhand, verkommt die Kunst. Denn die freien Künstler passen sich den Wünschen und Interessen des Marktes an – sprich: den Kuratoren und dem, was die für den neuesten Trend und für besonders erfolgreich halten." Die Personalie Dercon, die vermutlich eine Auflösung des Volksbühnen-Ensembles und einen Gastspielbetrieb bedeuten würde, könnte laut Schlagenwerth an den Einwänden von Monika Grütters scheitern: "Sie sieht darin zu viel und falsche Konkurrenz für die vom Bund finanzierten Einrichtungen." Für die Volksbühne brauche es weder neue Kandidaten noch neue Konzepte. "Genies sind selten (...). Längst steht das Kunstwerk Castorf-Volksbühne mit all seiner schlunzigen Vergammeltheit in wundersamer Altersblüte. Das zu zerschlagen wäre Verrat an der Kunst."

(ape)

 

13. April 2015. In der Berliner Morgenpost rekapituliert Volker Blech noch einmal die begonnene, aber im Grunde nicht ausgetragene Auseinandersetzung zwischen Peymann und Müller / Renner. Blech bucht die verschiedenen Posten auf die Konten "68er müssen provozieren", "Peymanns bekannte Krawalllust" und "Gernerationskonflikt". Hiernach telefoniert er mit Tim Renner im schwedischen Skiurlaub. Der zeige sich, schreibt Blech, tiefentspannt, empfehle Peymann, sich eine Hose zu kaufen und mit ihm essen zu gehen. Ansonsten konstatiert Renner, laut Blech, Peymann und er dächten eben unterschiedlich: "Ich möchte eher Ideen vermitteln und helfen, Künstler zusammen zu bringen." Die Zeit der Provokation und infragestellung des Staates in der Kultur sei vorbei, jetzt lebten wir im digitalen Zeitalter, da gebe es "ganz andere Probleme". Volker Blech kommt, wie auch immer er dahin gelangt, zum Schluss, Renner setze "auf Führungsteams". So würden wohl Ende April mehrere Namen als Castorfs NachfolgerInnen genannt.

(jnm)


Auf Zeit Online (13.4.2015) schreibt Felix Stephan einen lesenswerten Artikel, in dem er den Stand der internationalisierten Bildenden Kunst mit dem deutschen Theaterwesen vergleicht. Er amüsiert sich über das "Naturschauspiel" in Berlin, wo die "Platzhirsche" in der Theaterlandschaft röhren. Als möglicher Castorf-Nachfolger, schreibt Stephan, sei Chris Dercon im Gespräch, das "wäre eine mutige und eine riskante Wahl und damit ziemlich genau das Gegenteil von allem, wofür die Landesregierung in Berlin normalerweise so ignoriert wird". Peymann unterstelle Dercon eine "Event-Kultur", weil in Deutschland die Auffassung dominiere, "dass kritische Kunst vor dem Markt in Schutz genommen werden muss, um ihre ganze Kraft entfalten zu können". Für diese Auffassung, die auch Monika Grütters teile, gebe es "gute Gründe": Anders als in den USA müsse in Deutschland kein Museum Bilder verkaufen, "weil die Spenden reicher Mäzene ausblieben". Wenn "diese Entkopplung" allerdings dazu führe, dass "unangreifbare Künstlerfürsten ihre Selbstgespräche irgendwann auf der Bühne austragen, während draußen vor der Tür der Kapitalismus in Rekordtempo ihre Stadt umkrempelt, werden die Theater zu Kultstätten des inneren Exils".

In diesem Sinne zahle es sich "zurzeit auch ästhetisch aus", dass die "internationale Kunstwelt den Rhythmus der Geldflüsse stets mitgehen musste". Von der Welt wisse einer wie Dercon viel mehr als "deutsche Theaterbeamte". "Die Gegenwartskunst, wie sie Kuratoren wie Hans Ulrich Obrist und Chris Dercon geprägt haben", habe gelernt , "wie sich Geld und Verdrängung konkret anfühlen". Sie sei heute "so internationalisiert, dass sie das Nebeneinander der Weltanschauungen, der Kunstbegriffe, die Ambivalenz der Bedeutungsangebote und Selbsterzählungen sehr viel klüger und selbstverständlicher" verhandele als das Gros des "anti-bürgerlich-bürgerlichen Theaters" in Deutschland. Auch das Theater könne, wie die Bildende Kunst, seine Fühler in alle Richtungen ausstrecken, "in die Wissenschaft, Technologie, Konsumkultur", und so "Fragestellungen" entwickeln, "die unmittelbar mit der Zeit zu tun haben, in der wir leben". Matthias Lilienthal habe dies im HAU bewiesen. "Sein Theater leitete Lilienthal bezeichnenderweise eher wie ein Kurator als ein klassischer Intendanz-Hegemon". Lilienthal habe diese Strategie so begründet: "In Berlin gebe es kein Bürgertum, das die Kultur der Stadt dominiere, sondern zahllose Milieus, die sich untereinander nie begegneten. Und dieses Verhältnis müsse ein Theater eben abbilden. Es müsse Wege finden, mit so vielen Milieus wie möglich ins Gespräch zu kommen, wenn es sich mit den Lebensverhältnissen in der Globalisierung beschäftigen wolle, die sich in den Metropolen spiegeln." Dazu brauche es "Varianz und Offenheit", aber keinen "missmutigen Senioren an seiner Spitze, der die zudringliche Welt grimmig aus seinem Vorgarten jagt".

(jnm)
 

 

Ensembletheater vs. neoliberales Kuratorenmodell?

Berlin, 14. April 2015. In der taz schreibt Rolf Lautenschläger über den Auftritt von Kulturstaatssekretär Tim Renner vor dem Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Nach Ansicht Renners, so Lautenschläger, solle aus der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz nach dem Abgang von Frank Castorf im Jahr 2017 "kein weiteres Festspielhaus werden", sondern "ein Haus, das groß und stark ist und vom Experiment lebt". Doch "welche Funktion" die Bühne innerhalb der Berliner Theaterlandschaft zukünftig zu erfüllen habe, müsse erst noch geklärt werden. Der so arg Gebeutelte sei "sichtlich angeschlagen". Er habe nicht vor, das [ohnehin arg reduzierte] "Ensemble abzuschaffen, sondern wolle dieses wieder groß machen". Die Volksbühne stehe "für den Aufbruch, das müsse fortgeschrieben werden".

(jnm)

 

Berlin, 15. April 2015. Im Tagesspiegel nimmt Christine Wahl Claus Peymanns jüngste Angriffe auf Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner anlässlich der Nachfolgedebatte umd die Berliner Volksbühne auf und wendet sie produktiv in ein Lob auf das Ensembletheater. Man dürfe bei allem "Neudenken" der Berliner Theaterstrukturen "nicht vorschnell Perspektiven und Blickwinkel auslassen und im schlimmsten Fall einem Haus den Geist austreiben", mahnt die Theaterkritikerin. Als prägende neue Bühnen, die von der Vitaltiät des Ensembleprinzips zeugten, gelten der Kritikerin das Gorki Theater (unter Intendantin Shermin Langhoff ähnlich wie zuvor unter Armin Petras), die Schaubühne von Thomas Ostermeier oder auch das Staatsschauspiel Dresden, wo Wilfried Schulz des Theater jüngst als "überzeugenden Auseinandersetzungsort" in den städtischen Debatten um die Pegida-Bewegung positioniert habe. "So konservativ Begrifflichkeiten wie Ensemble- und Stadttheater in globalisierten Projektkulturohren klingen mögen: Mit einer Aneinanderreihung eingekaufter und fremd produzierter einzelner Events ist eine nachhaltige Profilierung schwerlich zu erreichen. Und vieles hat sich auch an der forcierten Projektkultur überholt, wirkt alt", schreibt Wahl. Es sei "gut möglich, dass das Theater in Zeiten des unbestreitbaren Gegenwartswahns, in denen das Geschichtsbewusstsein schwindet, gerade in seiner buchstäblichen Verortung im Stadttheatersinn wieder an Wichtigkeit gewinnt."

(chr)

 

16. April 2015. Für die Süddeutsche Zeitung (16.4.2015) hat Peter Laudenbach dem Berliner "Ausschuss für Kulturelle Angelegenheiten" einen Besuch abgestattet und Tim Renner dort eine "emphatische Liebeserklärung" an die Volksbühne abgeben hören. Seit den Nachfolge-Gerüchten um Tate-Modern-Chef Chris Dercon stehe der "immer noch etwas metierfremde Kulturstaatssekretär unter erhöhtem Rechtfertigungsdruck. Denn akuter Veränderungsbedarf ist an der Volksbühne momentan nicht erkennbar, Castorf wäre gerne länger geblieben", er sei, so Laudenbach, "eine Ausnahmefigur, nicht irgendein Intendant." Man könne sich kaum vorstellen, "was Dercon, den Museumsmann mit einem Faible für Performing Arts, qualifiziert, eines der größten und wichtigsten deutschen Theater zu leiten. Sinnvoll erscheint diese Besetzung nur, wenn die Volksbühne kein Theater bleiben soll."

Es käme "einem Paradigmenwechsel im deutschen Theaterbetrieb gleich", wenn nun "ein experimentierfreudiges Sprechtheater zu einem Ort für alles Mögliche" gemacht und "ein Repertoire-Theater durch das neoliberale Modell eines von einem Kurator mit Einzelprojekten bespielten Angebots" ersetzt würde. Das Modell dafür habe Matthias Lilienthal mit dem HAU geschaffen, das der "höchst erfolgreich zu einem nach außen hippen, in seinen inneren Strukturen und deregulierten Arbeitsverhältnissen konsequent neoliberalen Theater" gemacht habe. " In dieser nicht besonders fairen Struktur ist der Kurator weit mächtiger als die meisten Künstler, die er für einzelne Projekte engagiert und bei Nichtgefallen oder ausbleibendem Erfolg problemlos und schnell wieder fallen lassen kann." Der "entscheidende Unterschied zur Volksbühne" bestehe darin, "dass für die HAU-Gründung kein gut funktionierender Repertoirebetrieb mit großer Technikmannschaft und tarifvertraglich abgesicherten Mitarbeitern zugunsten eines flexiblen Kuratoren-Modells umstrukturiert werden musste."

Es fehle in Berlin "wahrlich nicht an Strukturen und Aufführungsorten für das weite Reich der Künste zwischen Performance, bildender Kunst, Tanz, Medienkunst und Theater" (siehe die Berliner Festspiele unter Thomas Oberender oder das HAU unter Annemie Vanackere). "Will man mehr davon, wäre es sinnvoller, die vorhandenen Strukturen besser auszustatten, als mit einem zusätzlichen Veranstalter die Konkurrenz um Künstler, Fördergelder und ein begrenztes Publikum zu erhöhen." Weil die Berliner Festspiele vom Bund betrieben werden, steuere Renner möglicherweise auch "auf einen gefährlichen Konflikt mit Staatsministerin Grütters zu." Der Sprecher der Ministerin habe Berlin "ziemlich unmissverständlich" davor gewarnt, "an der Volksbühne 'Doppelstrukturen' zu schaffen", weil das Engagement des Bundes dann von außerhalb Berlins berechtigterweise in Frage gestellt werden könne. "Berlin ist von den Bundeszuwendungen für die Kultur abhängig", 42 Prozent (ca. 500 Millionen Euro) aus dem Etat des Kulturstaatsministeriums gehen an die Berliner Kultur, grade wird diese Summe mit dem neuen Hauptstadtkulturvertrag (gültig ab 2017) neu verhandelt. "Nicht unbedingt geschickt" also, wenn Renner ausrechnet jetzt "mit eigenwilligen Personalentscheidungen das gute Verhältnis zum wichtigsten Geldgeber belastet". "Die Hoffnung der Ministerin, Berlin möge 'anerkennen, dass Hauptstadt-Sein auch eine dienende Funktion ist und sich nicht nur in der Geste das Handaufhaltens erschöpfen sollte', scheint beim Politik-Neuling Renner noch nicht so recht angekommen zu sein."

(ape)

 

Die Dercon lustig finden

16. April 2015. In einem Gespräch, das auf der Website von Deutschlandradio Kultur auszugsweise zitiert wird, lobt der künftige Intendant der Kammerspiele in München Matthias Lilienthal den von Claus Peymann attackierten Chris Dercon [was kein großes Wunder ist, gilt doch Lilienthal als derjenige, der Tim Renner die Personalie Dercon eingeflüstert hat – der Sätzer].
Lilienthal, in den 90er-Jahren selbst an der Volksbühne der Chefdramaturg von Frank Castorf, "langweilt" die Debatte um Tim Renners mögliche Ideen für die Volksbühne. Außerdem verkehre Peymann in diesem Streit "die Vorzeichen": "Der eigentliche Event-Schuppen der Berliner Theaterszene ist das Touristentheater Berliner Ensemble unter Claus Peymann, der da – ehrlich gesagt – nur touristische Events macht."

Dercon, gibt Lilienthal zu Protokoll, fände er schon einmal "als Person total lustig", er verfüge aber auch über ein "umfangreiches Telefonbuch" und habe zahlreiche Kontakte. Dazu komme der Blickwinkel der Bildenden Kunst: "Diese Durchmischung von Bildender Kunstwelt und Theaterwelt wäre ein super Projekt, wo ich finde, dass es der Stadt Berlin nur gut tun könnte. Ich glaube, was da [Volksbühne] in Zukunft geschieht, muss sich einfach total von dem unterscheiden, was bisher der Fall war." Das vielbeschworene Ensemble-Theater an der Volksbühne habe sich längst aufgelöst: "Die Volksbühne bedient sich durch ein reisendes Ensemble, was in Berlin und Hamburg lebt, und stellt da immer wieder Stück-Ensembles zusammen."

Berlin wünsche Lilienthal "ein bisschen Neugier auf Unberechenbares", die Stadt sollte sich, bittschön, daran erinnern, dass Anfang der 90er-Jahre hier alle wesentlichen Häuser neu vergeben wurden [das Berliner Ensemble, das Deutsche Theater, die Volksbühne, etwas später, 1994, auch das Maxim Gorki Theater. Entgegen Lilienthals Aussagen wurde die Schaubühne erst im Jahr 2000 an Thomas Ostermeier übergeben - der Sätzer]. "Wechsel könnten an ein paar Theatern in Berlin – ehrlich gesagt – nicht so sehr schaden."

(jnm)

 

18. April 2015. Auf der Seite von Deutschlandradio Kultur (17.4.2015) schreibt der Journalist und  frühere Theatertreffen-Juror Tobi Müller: der Tim Renner vorgeworfene "Neoliberalismus" sei in Theaterkreisen ein "schwammiger Begriff". Er meine in etwa "marktgerechte Kunst", "unsichere Arbeitsbedingungen und Burn-Out". Genau damit allerdings sei die Volksbühne" in den Nachwendejahren zum besten Theater der Welt" geworden. Sie habe damals begriffen, dass es "in Berlin ein neues, damals: junges Publikum gab, das mehr Tempo wollte. Mehr Lautstärke, mehr Pop und auch mehr Intellektualität".

Die Volksbühne unter Castorf [und, müsste man hinzufügen, Matthias Lilienthal] habe aber auch als "ultraharter Arbeitsort" gegolten. "Viele Regisseure waren schnell wieder weg, manche beschädigt. Festivals und Kongresse haben das Angebot des Hauses für die Zielgruppe weiter optimiert." Der "Neoliberalismus im Theater" sei in der Volksbühne erfunden worden, "lange Zeit mit fantastischen Resultaten". Wer jetzt "kapitalismuskritisch" komme und Renner in "diese Reformer-Ecke" stelle, sei in den "90ern zu jung" gewesen oder wolle "die Erinnerung an die eigene Jugend noch etwas verlängern".

Im Grunde, so Müller, brauche es jetzt wieder einen radikalen Schritt, wie bei der Bestellung von Frank Castorf als Intendanten der Volksbühne. Ein großes Haus - er spricht es nicht aus, legt es aber nahe: warum nicht die Volksbühne -  sollte mit der entsprechenden Ausstattung der Freien Szene zur Verfügung gestellt werden.

(jnm)

 

Zerschlagung droht

18. April 2015. An der Berliner Volksbühne drohe die "Zerschlagung eines gewachsenen Ensembles zugunsten neoliberaler Events" schreibt Christine Dössel in einem Kommentar auf SZ.de (17.4.2015).
Die Theater seien keineswegs die "starren, von ruhestandsunwilligen Alphamännchen dominierten Trutzburgen" als die sie hingestellt würden. Das Gegenteil sei wahr: "Schneller, beweglicher, eingriffsfreudiger" als die Theater sei "derzeit keine andere Kunstform. Kaum ein Haus, das nicht guckkastensprengend und spartenübergreifend arbeiten, international kooperieren, experimentieren, sich politisch engagieren und weit in den Stadtraum und die Welt hinein öffnen würde." Die "Struktur" des "Ensemble- und Repertoiretheaters" ermögliche diese Flexibilität und ermögliche "Identität".

Die Berufung Chris Dercons wäre ein Paradigmenwechsel in Richtung "jenes neoliberalen, von Outsourcing-Strategien und Marktgängigkeit beherrschten Denkens, das allmählich auch in der Kunst obsiegt". Ein "legendäres deutsches Ensembletheater" würde umgewandelt in eine "dieser international operierenden (Ko-)Produktions- und Gastspielstätten" wie, in klein, das Berliner HAU und das Festival "Foreign Affairs". "Mit dem Unterschied, dass die Volksbühne vielleicht gewisse Künstler aus dem Ausland als Artists-in-residence ans Haus binden und deren Arbeiten selber produzieren würde".

Fahrlässig würde dafür "die einzigartige Struktur des deutschen Theaters" aufs Spiel gesetzt, die "Möglichkeit einer sicheren, kontinuierlichen Arbeit, des gemeinsamen Ausprobierens und Scheiterns, des Wachsens und Werdens" in einem "festen Ensemble". Die "Möglichkeit, überhaupt etwas so künstlerisch Epochales wie die Castorf-Ära an der Volksbühne zu erschaffen".

(jnm)

 

Das ist unser Haus ...

19. April 2015. Im Tagesspiegel (19.4.2015) unterhält sich Peter Laudenbach mit dem Bühnenbildner und "Chefdesigner" der Volksbühne Bert Neumann. Neumann gibt zu Protokoll: Weil die Volksbühne einen Künstler als Intendanten habe, werde an der hier "sehr anders gedacht als in einer Kulturverwaltung oder an anderen Theatern". Die "Strukturen" würden hier aus "Sicht der Kunstproduzenten gedacht", das mache die Volksbühne "einigermaßen solitär". Hier könne man "selbstbestimmt" arbeiten, müsse allerdings auch mit "selbstständig denkenden und teilweise auch aufmüpfigen Schauspielern" klarkommen, wie man sie nirgendwo sonst erlebe.

Ihn, Bert Neumann, interessiere der "künstlerische Mehrwert", nicht die größtmögliche Auslastung des Hauses. Man habe hier von Anfang an nach "eigenen Regeln gespielt". Offenbar wolle "die Politik" die Volksbühne jetzt aber an die Umgebung angleichen. Die Entscheidung, Castorfs Intendanz zu beenden, sei Teil des "Gentrifizierungsprozesses", dem die ganze Gegend unterworfen werde.
"Im Neoliberalismus" seien "Mobilität und Flexibilität die höchsten Güter. Wir wollten lieber etwas immobil und unflexibel bleiben." Nur so könne sich "über einen längeren Zeitraum etwas Besonderes entwickeln". So hätten "wir an der Volksbühne" auch den Künstler Schlingensief als er noch nicht durchgeetzt gewesen sei, für die Volksbühne entdeckt oder den Künstler Meese als er noch nicht so bekannt gewesen sei.

Er, Bert Neumann, schaue hin bei der Kunst, er folge keinen Kuratoren, die ihm zu sagen versuchten, was gut sei. Dafür sei im 19. Jahrhundert das Programmheft erfunden worden, "das dem Publikum erklärt, wie es das Theater zu finden hat". Der Kurator sei "eine Fortsetzung des Programmhefts – ein Qualitätslabel, das dem Zuschauer die Mühe abnimmt, selber rauszukriegen, was ihm gefällt".

Die Volksbühne sei "nicht homogen". Dem Stadttheater sei es eingeschrieben, "reibungslos" zu funktionieren. "Wir" an der Volksbühne wollten das "reibungslose Funktionieren stören". "Wir sind keine Dienstleister für störungsfreie Abendunterhaltung. Jetzt will man hier offenbar lieber Dienstleister". Weder er selbst, noch Castorf oder Fritsch, auch nicht Pollesch und die Schauspieler würden unter einem anderen Volksbühnen-Chef am Haus weiterarbeiten. "Das ist unser Laden, den haben wir gemacht. Keiner von den Künstlern, die das Haus prägen, wird hier unter irgendeinem Kurator arbeiten".

(jnm)

 

Vom Renner nix Neues

20. April 2015. Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner gibt in einem Interview mit Claudius Seidl und Mark Siemons in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (19.4.2015) zu, von dem Gerücht gehört zu haben, er wolle Chris Dercon als Intendanten der Volksbühne berufen. Weder bestätigt Tim Renner dieses Gerücht noch dementiert er es. Er sagt indes wie in einer vorweggenommenen Reaktion auf den Offenen Brief von Joachim Lux, Ulrich Khuon und Martin Kušej: "Überhaupt Gerüchte: Wer sagt denn, dass irgendjemand vorhätte, das Haus ensemblelos zu betreiben? Und wieso sollte eine Leitung zwangsläufig nur aus einer Person bestehen?"

Renner meint, es gebe seit Frank Castorfs Antritt an der Volksbühne "dort das, wovor jetzt manche warnen, wenn man von einem interdisziplinären Theater redet: Konzerte von Yoko Ono oder Patti Smith. Installationen von Gregor Schneider. Performances von Jonathan Meese. Insofern war die Volksbühne immer der Ort, an dem Berlin sich selbst definiert hat." Renner selbst habe dort zuletzt "Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte" von René Pollesch und Tocotronics Frontmann Dirk von Lowtzow gesehen. "Ich glaube, das war etwas, was Claus Peymann wohl auch als 'Event-Bude' bezeichnen würde. Ich glaube aber nicht, dass er weiß, wer Tocotronic sind."

Renner glaubt nicht, "dass sich Berlins Zukunft gestalten lässt nach dem Motto: Hier sind wir, und wir werden hier ewig das tun, was wir immer getan haben." Und warum solle man ausschließen, "dass jemand, der Theaterwissenschaft studiert hat und Kunst-Häuser geleitet hat nicht gerade einen entscheidenden neuen Impuls setzt, damit sich die Theaterwelt weiterdreht?" Womit Renner dem Gerücht "Chris Dercon an die Volksbühne" neuerlich Nahrung gibt.

(wb)

 

Während in Berlin der Theaterstreit tobt, macht sich die Staatsministerin Monika Grütters zu einer Theaterreise in den Westen der Republik auf, um sich, von einigen Journalisten begleitet, über die Lage der Theater zu informieren. Kurz vor dem Ende der Fahrt, nahm sich die Berliner CDU-Politikerin Zeit für ein Gespräch mit Kerstin Krupp von der Berliner Zeitung.

In Berlin sollte die Kulturpolitik der Stadt keine neuen Parallelangebote schaffen, zusätzlich zu denen, die der Bund in der Stadt betreibt. In den Regionen, die um die Existenz ihrer Theater kämpfen, sei die "Berliner Haltung" nicht vermittelbar.
Event und Ensemble müssten sich nicht ausschließen. Experimentierendes Sprechtheater si wichtig. Die Häuser bräuchten ein je eigenes Profil, nicht zuletzt feste Ensembles prägten den "Stil eines Hauses". Der notwendige "künstlerische Anspruch" und "die Relevanz" dürften nicht "auf Kosten der Künstler" gehen.

 

 

Die Protestierenden

In der Berliner Zeitung (20.4.2015) begrüßt und resümiert Ulrich Seidler erst einmal grundsätzlich die Claus Peymann zu verdankende Debatte. Ebendso grundsätzlich sei natürlich die Beendigung der Intendanz von Frank Castorf an der Volksbühne im Jahre 2017 abzulehnen. Die unerfahrenen Berliner Kulturpolitiker hätten Tatsachen geschaffen, ohne zu wissen, "worum es geht und was auf dem Spiel steht".

Ein Ensemble zusammenzustellen, das für "spartenübergreifende internationale Projekte mit der freien Szene" zur Verfügung steht, dürfte kein leichtes Unbterfangen werden. Das solle Mathtias Lilienthal in München erst einmal ausprobieren, in Berlin könne man ganz getrost das Ergebnis abwarten. Man müsse sich nicht gleich als Kooperationspartner für Lilienthals Pläne bereitmachen.

Renners Bekundung, das Ensemble der Volksbühne erhalten zu wollen, sei wohl eher substanzlos. Weil dieses Ensemble sich nicht auf die derzeit elf festen Schauspielerstellen am Haus beschränke, sondern "ein mit evolutionärer Geduld herausgebildeter Zusammenschluss von Künstlern" sei, die "zwar auf allen Bühnen und vor den Kameras" aufträten, aber dennoch ein "mit der Volksbühne identifiziertes Künstlerkollektiv" bildeten. Um den Bestand oder das Ende dieses Kollektivs gehe es.

Im übrigen habe die bestehende Volksbühne bereits die "kühnsten Vorschwebungen von Tim Renner in konkrete Fantasien verwandelt und spielend verwirklicht, verworfen oder überboten". Internationale Konzerte, politische Veranstaltungen, Spartenmischung, mediale Kanäle, Theaterverfilmungen im Internet - alles gäbe es bereits an der Volksbühne. "Selbst die Zerstörung ist hier längst künstlerische Praxis."

(jnm)

 

21. April 2015. Kerstin Krupp schreibt in der Berliner Zeitung, im ersten Amtsjahr sei von Tim Renner statt frischen Windes nur warme Luft gekommen. Sie fragt sich warum und trifft Renner zum Abendessen beim Italiener. Immerhin habe das Gerücht um den Leiter der Londoner Tate Modern, Chris Dercon, als Nachfolger von Frank Castorf Berlin die lebhafteste Kulturdebatte seit langem beschert. Während Renner die Personalie immer noch "milde lächelnd als Gerücht" bezeichne, kursierte bereits der Termin, an dem der Belgier Dercon vorgestellt werden soll. Renner plaudere über die Debatte und die Anwürfe gegen ihn, als ob er noch immer nicht glauben könne, dass man ihn so missverstehen könne. "Glauben die Leute wirklich, die Kulturverwaltung und der Renner könnten sich die Volksbühne als Diskothek vorstellen?"

Renner sei ein Typ, mit dem man am liebsten über alles Mögliche sprechen würde, aber nicht über diesen Theaterstreit. Man habe Schwierigkeiten, ihn sich als Staatssekretär vorzustellen, als aktenlesenden Politiker. Manchmal frage man sich, warum er sich das alles antut.Wenige Stunden zuvor habe Renner vor dem Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses eine "Liebeserklärung" an die Volksbühne abgegeben. Aber auch die hätte wieder keinen "greifbaren Inhalt" gehabt. Sie habe nach "lustvollem Kunstgenuss" in den neunziger Jahren geklungen, "ohne Vision für eine wie auch immer geartete Rolle, die ein solches Haus im Reigen der Berliner Bühnen künftig einnehmen" solle. Das "Zitat eines Lebensgefühls", kein Konzept. Renner sei jedoch das Projekt Volksbühne wichtig, er wolle sich damit "beweisen" und "sogar den Etat der Volksbühne aufstocken". Nach seinem Versuch, die Debatte schweigend auszusitzen, melde sich Renner jetzt "alle paar Tage per Fernsehen, Radio oder Zeitung zu Wort". Neue Erkenntnisse seien daraus nicht erwachsen.

Renner sollte, als Wowereit ihn präsentierte, frischen Wind bringen. Er sollte der Freien Szene, die mehr Verteilungsgerechtigkeit in der Berliner Kultur fordere, ein Gegenüber sein. Überraschend habe Berlin festgestellt, dass der Haushalt für 2014  einen Überschiuss aufweise. Profitiert die Kultur davon? Zur schlechten materiellen Situation vieler freier Künstler, zur Stagnation der "institutionellen Budgets", zur miserablen Ausstattung der Bibliotheken und der kulturellen Bildung sagt der Kulturstaatssekretär jedoch nichts, "zumindest nicht öffentlich". Immerhin scheint er sicher, dass sich im kommenden Haushalt "für die Kultur substanziell etwas verbessern" werde. Doch das Misstrauen bleibt. "Wie sicher solche Zusagen in Berlin sind, weiß man spätestens seit der City Tax. Geschaffen wurde dieser fünfprozentige Aufschlag auf die Übernachtungspreise, um den Kulturhaushalt zu vergrößern. In letzter Minute aber lenkten die Haushälter den Löwenteil des Geldes in andere Töpfe".

Jedenfalls habe sich Tim Renner bisher bereits "viele Feinde gemacht". Das sei nicht "per se schlecht – wer etwas verändern will, macht sich unbeliebt". Aber was, fragt Kerstin Krupp, habe er bewegen können? Eine "lustige" Kreativkampagne zu Olympia. Eine kurze Debatte über die Preise von Theaterkarten. "Die Entscheidung, die Zentral- und Landesbibliothek aus dem Humboldt-Forum zu verbannen und durch die Selbstdarstellung 'Welt.Stadt.Berlin' zu ersetzen." In der "vierseitigen Projektbeschreibung" sei von Berlin als dem "Rom der Zeitgeschichte" die Rede. Ein "unangenehmer Tonfall", dem Auftritt des Hauses "völlig unangemessen". Am Ende des Abendessens mit Tim Renner hat die Reporterin den Eindruck gewonnen, dass Renner vielleicht denke, "die Probleme ließen sich klären, wenn man ihn nur endlich verstünde, seine Ideen ausprobieren ließe". Man könne sich den Mann wirklich schwer als Politiker vorstellen.

 

Wie Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung nimmt auch Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung den Offenen Brief der drei Großstadt-Intendanten an Tim Renner zum Anlass, eine Überschau zu geben. Anders als Seidler allerdings verknubbelt die Theateredakteurin der Süddeutschen alles von Dessau bis Wuppertal, von Rostock bis Monika Grütters zum berühmten deutschen Theaterknoten. Die Diskussion um die Nachfolgefrage an der Berliner Volksbühne wird so zur Diskussion über die Zukunft der deutschen Theaterlandschaft: 

"Abwicklung", "Schließung", "Zerstörung" - diese Untergangsrhetorik sei "heftig" und im Fall Volksbühne "sicherlich übertrieben". Aber sie verdeutliche die Defensive, in der sich die Bühnen befänden. "Einsparungen und Strukturreformen" aufgrund fiskalpolitischen Drucks gingen "ans Eingemachte". Vor allem im Osten sei "die Situation prekär", jüngstes Beispiel Rostock. Das Wuppertaler Schauspiel wurde 2013 geschlossen. Vom "Schuldenschnitt bedrohte Kommunen" gingen allerorten "ihren Bühnen an den Kragen". Kulturpolitik in Deutschland sei oft einfach nur: Sparpolitik. "So visions- wie geschichtslos."  Es fehle ein "klares, stolzes Bekenntnis zur deutschen Theaterlandschaft" von der Politik wie es Kulturstaatsministerin Monika Grütters ausgesprochen habe.

In derselben Ausgabe der Süddeutschen Zeitung  (21.4.2015) nimmt auch Jörg Häntzschel Stellung, ihn allerdings nervt, wie "die deutschen Intendanten" die Volksbühne zum "Tempel einer Hochkultur" stilisierten und reklamierten, ihr Theater "habe sich bislang allein auf die hehre Kunst konzentriert". "Dabei veranstalten sie seit Jahrzehnten selbst 'Events' und 'Projekte', interdisziplinäre Kongresse, Mitmachaktionen und 'Interventionen im Stadtraum'." Erfunden hätten diese "Nebensparte" die Achtundsechziger, also "Peymanns Generation" [mon, Herrschaftszeiten, welch geblümter Unsinn! - der Sätzer],  "Und nirgendwo blühte sie wie an Castorfs Volksbühne" [in der Tat - der Sätzer].

Klar sei es ungewöhnlich, dass Dercon als Nachfolger von Frank Castorf an der Volksbühne gehandelt werde. Doch werde überhört, dass Tim Renner, der Dercon insallieren wolle, das Ensemble erhalten, den Etat aufstocken, das Haus zum "Vorreiter in der Berliner Theaterlandschaft" und zum "Labor für Europa" machen wolle.  Man merke, dass Dercon keine Lobby im Theater habe , außer Lilienthal und der helfe mit seinen flapsigen Äußerungen auch nicht.

Hinter dem Streit stehe eine tiefe Entfremdung von Theater und bildender Kunst. Das Theater in der hier so entschlossen verteidigten Form existiere nur im deutschsprachigen Raum; die Kunst sei "Avantgarde der Globalisierung", das Theater "dank staatlicher Alimentierung" eine "Insel in der Marktökonomie"; der Kunstbetrieb dagegen könne den Markt nicht mehr abschütteln (trotzdem entsprängen Bert Neumanns aberwitzige "Vorstellungen von der Arbeit eines Kurators", Kuratoren sagten dem Publikum, was es gut zu finden habe, blanker Unkenntnis). Immerhin sei es ja denkbar, dass Dercon "aus Überdruss an der Infiltration der Kunst durch Geld und Glamour gerne mal die Seiten wechseln würde". Und dass dies eine gute Sache sein könnte, denn zu Chris Dercons Zeiten sei das Münchner Haus der Kunst  der "pulsierende Mittelpunkt des Münchner Kulturlebens" gewesen und die Ausstellungen seien "gut" gewesen und hätten "Spaß gemacht".

(jnm)


 

In der Tageszeitung Die Welt (21.4.2015) bemüht sich Matthias Heine den "Berliner Zickenkrieg" zu verstehen. Er benützt die Gelegenheit auch gleich dazu, klipp und klar aufzuschreiben, was er von neueren Tendenzen des Theaters hält. Tim Renners Wort vom "Labor Europas", dass die Volksbühne im Zukunft werden solle, flößt ihm puren Schrecken ein. Wenn es eines in Berlin nicht brauche, dann sei das ein weiterer Ort für jene Form von "Nichttheater-Theater", auch wenn Chris Dercon dafür zweifellos der Richtige wäre. Mit dem Hebbel am Ufer und dem Festival "Foreign Affairs" im Haus der Berliner Festspiele gebe es bereits zwei Bühnen, "auf der einbeinige albanische Transgender-Performx die Verbrechen der Deutschen im Hererokrieg nachtanzen" könnten.

Doch die Volksbühne von Frank Castorf, des "weltweit wichtigsten Regisseurs der letzten 25 Jahre" sei eben nicht "weltberühmt geworden, weil dort gesungen und getanzt wurde, sondern weil Sophie Rois, Henry Hübchen und Martin Wuttke dort in fünfstündigen Dostojewski-Aufführungen von Castorf spielten. Heute geht man vielleicht eher wegen Herbert Fritsch und René Pollesch hin, aber die stehen auch für Theater – nicht für dessen spartenübergreifende Auflösung."

Matthias Lilienthal unterstütze Chris Dercon, sein Interview klinge wie ein Echo zu dem, "was Tim Renner so von sich" gebe. Lilienthal habe die Volksbühne miterfunden. Aber der damalige Chefdramaturg habe das Haus 1998 auch verlassen, weil er es leid gewesen sei, sich mit Frank Castorf über ihre unterschiedlichen Theaterbegriffe zu streiten. Wenn jetzt Dercon käme, hätten die Vorstellungen des Chefdramaturgen ("einbeinige alnanische Transgender-Performer") 20 Jahre später doch noch über die von Frank Castorf gesiegt.

 (jnm)

 

Dercon ante portas

22. April 2015. Jürgen Flimm, lange Jahre Intendant in Köln und Hamburg, Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele, derzeit Intendant der Berliner Staatsoper, galt früher als DIE graue Eminenz im deutschen Theaterwesen. Im Berliner Tagesspiegel plädiert er für die Fortsetzung des Castorfschen Kurses an der Volksbühne. Das Gespenst des Events gehe um in Berlin, punktuelle Ereignisse, die ohne Zusammenhänge wie Pilze aus dem Kulturboden hochschießen. Modeerscheinungen wanderten sie zumeist von Festival zu Festival – "Surrogate" einer sich "immer schneller drehenden Unterhaltungsindustrie". Die "klugen Performance-Künstler und Installateure" seien fast alle ausgestorben. Bis auf Marina Abramovic. "Die unvergessliche Pina Bausch und Regisseure wie Klaus Michael Grüber, Frank Castorf und Claus Peymann, dessen 'Iphigenie' für immer in Erinnerung bleibt, haben diese Anregungen schon vor Langem aufgegriffen und verarbeitet" [ein Hurray auf den Club der alten Buddies – der Sätzer].

Nun sollten die "verdienten Künstler Peymann und Castorf" ihre Plätze räumen, beide seien "unersetzbar, aber sei's drum". Wechsel gehörten halt dazu. Der "große Claus" habe schon einen Nachfolger und beim "Kollegen Frank" solle wohl "irgendwie alles anders werden", der "geniale Wüterich" werde "aufs Altenteil" gebeten. "Einer, der das bunte Allerlei der Eventkultur auf seine Fahnen geschrieben habe, hört man, soll einsteigen. Und die Verträge seien auch schon unterschrieben, raunen die Sbirren."

Die Volksbühne solle nun also auf "demselben Schlappseil" tanzen wie das HAU oder die Berliner Festwochen (??? – der Sätzer). Es folgt ein Rückschau, fast ein Nachruf auf die große Tradition der Volksbühne angefangen bei Benno Besson gipfelnd im Ausruf: "Welch ein unruhiger Pool kreativer Geister!" Warum könne "solch ein außerordentlicher Weg nicht fortgesetzt werden, wenn schon Castorf nicht bleiben soll" – und der "legitime Nachfolger" Matthias Lilienthal nicht zur Verfügung stehe wegen Mü+nchen - "mit Querdenkern wie Nicolas Stemann, wie Fritsch, wie Leander Haußmann, wie David Bösch [????? – der Sätzer], wie Meese [wovor uns der Liebe Theatergott bewahren möge, sorry Jonathan – der Sätzer] , und vielen anderen mehr?" – "Warum diese Tradition der Innovation, der Aufklärung und der atemlosen Experimente aufkündigen?" Die Berliner Kulturverwaltung sollte gut beraten sein, sich zu besinnen. Es stünde das "kulturelle Renommee unserer Stadt" auf dem Spiel.

 

Für den Intendanten des Thalia Theaters in Hamburg, Joachim Lux, ist die Sache völlig klar. Es sei die "kulturpolitische Absicht" in Berlin, die Volksbühne als "Ensemble-Theater" aufzulösen, "egal, was auch immer Gegenteiliges behauptet" werde. Im Gespräch mit Susanne Burkhardt auf Deutschlandradio Kultur forderte Lux, der Vertrag mit Frank Castorf müsse bis 2019 verlängert werden, "an der Volksbühne Berlin finde künstlerisch herausragende und einzigartige Arbeit statt". In der Berliner Kulturlandschaft herrsche "ein wirkliches Chaos", kritisierte Lux. Es habe vor der Entscheidung für Dercon keine Absprache mit dem Bund stattgefunden. Jetzt würden sich Volksbühne und Berliner Festspiele, die mit "Foreign Affairs" das gleiche Format anbieten, gegenseitig "kannibalisieren". Es wäre "vernünftig", die Berliner Festspiele zu dem "auszubauen", was an der Volksbühne beabsichtigt sei, nämllich zu einem Produktionshaus für freie Produktionen. Es sei ein Unding, dass derartig gravierende Veränderungen der Entscheidung eines einzelnen Kulturstaatssekretärs überlassen würden, "der sich das ein paar Monate lang überlegt hat". Stattdessen hätte eine öffentliche Debatte stattfinden müssen. Dabei gehe es nicht um die Person von Chris Dercon, der ein "hochrenommierter Ausstellungsmacher" sei, sagte Lux. Es gehe darum, dass sich an der Volksbühne über Jahre ein "absolut singulärer künstlerischer Charakter" herausgebildet habe, der jetzt mutwillig zerstört werde. Die kulturpolitische Absicht sei, dieses Ensemble-Theater aufzulösen.

 

Eva Behrendt resümiert in der taz noch einmal den gesamten Verlauf [ächz – der Sätzer] der Debatte, samt Intendantenbrief und Abrissbirne, um zu fragen: "Was ist dran an der Erzählung vom 'neoliberalen' Ausverkauf der Volksbühne – und am gefürchteten Umbau der deutschen Theaterlandschaft?" Ihre antwort: Die Volksbühne habe selbst maßgeblichen Anteil an der in Deutschland nur in kleinsten Dosen stattfindenden Entwicklung vom Ensembletheater zum Produktionshaus. Schon in den 90er Jahren sei sie so etwas wie die dissidente Mutter aller Event-Schuppen gewesen: "die ganzen 'Prater-Spektakel', Öffnungen für Quereinsteiger wie Schlingensief oder später Jonathan Meese, Allianzen mit der Freien Szene, Pop-, Theorie- und Liebeskummerkongresse samt diskursivem Rauschen" hätten fast so sehr zum Ruhm des Hauses beigetragen wie die "Häufung epochemachender Inszenierungen". Schon damals jedoch hätten Regisseure wie Marthaler oder Schlingensief ihre eigenen Leute mitgebracht oder seien "am eingeschworenen Star-Ensemble gescheitert". Völlig absurd, "die Volksbühne postum zum Ensembleparadies zu verklären".

Dass die Kulturpolitik Castorf auch in seinen sieben mageren Jahren die Stange gehalten habe sei erstaunlich. Dass jedoch Castorfs Bühnenbildner Bert Neumann sage: "Das ist unser Laden, den haben wir gemacht", zeuge davon , dass Theater von den Langgedienten offenbar als Privateigentum betrachtet würden. Ein Versäumnis der Kulturpolitik, die nicht rechtzeitig für Wechsel gesorgt habe.

Ein Quereinsteiger wie Dercon jedenfalls wäre wegen der Inspirationsquelle Kunst interessant. Auch schlössen sich Kurator und Ensemble keineswegs aus. Trotzdem gäbe es mit Dercon vermutlich einen "Zuwachs für freie, interdisziplinäre Projekte und Koproduktionen", die bislang vom "unterfinanzierten HAU" und dem Festival "Foreign Affairs" präsentiert würden.
Umgekehrt gebe es aber seit Jahrzehnten an den Berliner Ensembletheatern überall ähnliche "Kompromissmischungen aus Kanon, neuer Dramatik, 'Events', teilweise sogar mit denselben Regisseuren". Je austauschbarer die Theater geworden seien, desto größer würde aber auch die "Sehnsucht nach so etwas wie Castorfs einst so radikalem Künstlerregietheater mit starkem Kernensemble". Fänden sich wirklich "keine SchauspielregisseurInnen unter 45 mehr, die Lust haben, so etwas neu zu versuchen"?

 

Rüdiger Schaper vom Berliner Tagesspiegel weiß, und der Rundfunk Berlin-Brandenburg weiß es auch, dass Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner am 30. April den Nachfolger von Frank Castorf bekanntgeben wird. Chef der Volksbühne soll demnach Chris Dercon werden, flankiert von "Bühnenspezialisten", besonders von der Fakultät Tanz, die Namen der Choreografen Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz seien gefallen.

Die Volksbühne unter Dercon solle ab 2017 Teile des alten Flughafens Tempelhof bespielen, mit dem der Senat nicht weiß, was anfangen. Die Volksbühne wäre dann "das erste Theater mit Abfertigungshalle und Naherholungsgebiet" [ha ha ha! – der Sätzer]. "Im Gespräch sei eine Biennale oder Triennale, heißt es in Theaterkreisen", jedenfalls solle der Etat der Volksbühne um 5 Mio Euro, von 17 Mio. auf 22 Mio. aufgestockt werden.

Offenbar suche Renner, nach einem Jahr im Amt, das "große Wagnis". Er scheine zu hoffen, dass sich Geschichte wiederholen lasse. "Anfang der Neunziger, als Castorf die Volksbühne übernahm, war sie eine heruntergespielte Bude, hässlich, ohne Zukunft. Wie Tempelhof. Es war ein wildes Abenteuer, als der Senat seinerzeit Frank Castorf das Riesenhaus übergab." Nun aber sei Berlin bürgerlicher geworden, satter, unkt Schaper, und Tempelhof sei eine Nummer größer als die Volksbühne. Und Mischformen, wie hier geplant, gebe es doch in Berlin bereits in Hülle und Fülle. Deutlich sei bei diesem Plan die Handschrift von Matthiaes Lilienthal zu erkennen. Prognose: nächste Woche sei der Berliner Theaterkampf nicht vorbei, er beginnt erst.

(jnm)

 

23. April 2015. Im Berliner Tagesspiegel (online 23.4.2015, 08:24) schreibt Christiane Meixner am Ende ihres biographischen Abrisses von Leben und Karriere des Chris Dercon: Vielleicht habe das "angelsächsische System der Finanzierung von Museen" Dercon ermüdet, wie jeden, "der inhaltlich fokussiert arbeiten möchte". Die "Sorgen und Ansprüche" von "Mäzenen und Sponsoren" spielten in Großbritannien wie den USA eine "ungleich dominantere Rolle" als in "staatlich subventionierten Häusern, die eine europäische Metropole wie Berlin immer noch zu bieten hat". Doch gebe es in diesen staatlich subventionierten Häusern eben auch "Ensembles und Gewerke". Ein Theater sei "anders organisiert als ein Museum", selbst wenn es offen sei "für Perfomatives". Chris Dercon stehe dem modernen Tanz nahe, "das ist eine belgische Spezialität. Wie überhaupt dieses kleine Land in den letzten Jahrzehnten Künstler und Kuratoren hervorgebracht hat, die Medien mischten und Grenzen einrissen." Aber auch wenn dieser "flämische Stil überall in Europa Spuren hinterlassen" habe, die Bühnen in Deutschland seien anders aufgebaut. "Grundsätzlich wird in Belgien und Holland freier produziert, es gibt dort nicht die deutsche Kultur der stehenden Stadt- und Staatstheater." Und genau das befürchteten die Kritiker von Tim Renners Entscheidung für Chris Dercon. "Dass Bastionen und Traditionen geschleift werden. Dass da grundsätzlich etwas nicht passt."

(jnm)

Kulturstaatssekretär Tim Renner stehe "im Epizentrum eines Krachs, wie ihn Berlin seit der Liquidierung des Schillertheaters nicht erlebt hat" (1993), so abermals Rüdiger Schaper auf tagesspiegel.de (23.4.2015, 09:50 Uhr). "Die Theatergrößen haben sich auf Tim Renner und seinen wortkargen Chef Michael Müller eingeschossen. (...) Ängstlich und konfus wirken die Kulturstrategen im Senat. Der Regierende Bürgermeister macht den Eindruck, als erlebe er das ihm zugefallene Amt des Kultursenators als Last." Berlin sei zwar "Tummelplatz von Innovativen und Superkreativen", die Theaterszene jedoch "lebt in jahrzehntelang gewachsenen Strukturen" und entwickle entsprechend "einen mächtigen Zusammenhalt, wenn es an die Substanz geht. Hier gilt Tradition am Ende so viel wie Dekonstruktion." Hat Renner sich "verschätzt", fragt Schaper, oder ist er "der coolste Hund, der je in Berlin Kulturpolitik angefasst hat?" Er müsse jetzt "schnell mal seine Karten auf den Tisch legen und erklären, was aus der Volksbühne und ihren Künstlern werden soll, wohin die Reise geht. Doch er zögert, weicht aus, lässt sich beschimpfen." Er macht auf Schaper nicht den Eindruck, als sei ihm klar gewesen, welche Kräfte er da freisetzen würde. "Hat er mit Intendanten, Regisseuren, Festivalchefs und der Freien Szene gesprochen, die unmittelbar betroffen sind von den Veränderungen an der Volksbühne? Hat er sich beraten mit dem Bund, der sehr viel Geld gibt für die Kultur in Berlin? Ist das koordinierte Politik, denkt er den angestoßenen Prozess zu Ende? Im Moment lautet die Antwort: Nein."

(ape)

 

Dercon kommt mit Tanz und Film und Kluge

24. April 2015. Frederik Hanssen berichtet im Tagesspiegel (24.4.2015), wie Michael Müller – "durch die anhaltende, stürmisch in allen Medien geführte Debatte (...) gezwungen" – in der donnerstäglichen Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses Chris Dercons Umzug von der Tate Modern an die Volksbühne "endlich offiziell" bestätigt habe. Mit der Wahl von Dercon, so der von Hanssen paraphrasierte Müller, "nehme man doch genau in diesem Sinne den Ball vom leidenschaftlichen Genre- und Grenzüberschreiter Frank Castorf auf." Der Auch-Kultursenator stellte auch noch mal klar, dass an der Volksbühne "weiterhin Eigenproduktionen entstehen" sollten, so dass es hier auch nicht zu der "von Kulturstaatsministerin Monika Grütters befürchteten Doppelung mit den vom Bund finanzierten Angeboten kommen" werde, so Hanssen.

"Tief klafft der Graben zwischen Castorf-Apologeten und Erneuerungsbefürwortern an diesem Vormittag im Parlament", "Zwischenrufe über die Fraktionsgrenzen hinweg" flögen durch den Saal. "Und als Daniel Buchholz von der SPD die rhetorische Frage stellt, ob aus 'den einstigen Revoluzzern' Castorf und Peymann nicht mittlerweile 'halsstarrige Bewahrer' einer überkommenen Ästhetik geworden seien, kochen die Emotionen derart hoch, dass der Sitzungsleiter die aufgebrachten Abgeordneten zur Ruhe rufen muss." Selbstkritisch merkt Müller am Ende an: "Sicher hätte man das eine oder andere genauer kommunizieren können".

(ape)

 

In der Süddeutschen Zeitung fragt Andrian Kreye unter der Überschrift "Ein Kosmopolit für Berlin" : Kann Chris Dercon auch Theater? Es gebe kaum einen Menschen, "der so charmant Unruhe stiften kann, wie Chris Dercon". In München führte er von Mai 2003 bis März 2011 das Haus der Kunst. In den "weitläufigen Hallen" habe Dercon "den Putz und die Blenden wegreißen" lassen. Das Haus "sollte zu seiner Vergangenheit stehen". Nur so, habe er gefunden, könne er "die ganze Wucht der zeitgenössischen Kunst glaubwürdig inszenieren". Wahrscheinlich sei Dercon der beste Mann gewesen, "um das Haus nicht von seinem Fluch zu befreien, sondern einen Weg zu finden, damit umzugehen". Deshalb [wieso deshalb? – der Sätzer] seien "die Befürchtungen nun wohl auch zu groß, dass er jetzt als Glamourfigur mit internationalem Netzwerk einen Bruch mit Bestehendem erzwingt" in Berlin.

Ob er für's Theater tauge? Seine Ausstellungen seien immer auch große Inszenierungen gewesen, aber Dercon selber "kann noch nicht viel sagen. Drei Personen stehen schon fest, die er mitbringen will – der Filmemacher Romuald Karmakar, der Tänzer und Choreograf Boris Charmatz und Alexander Kluge." Kluge hätte der Süddeutschen gesagt: "Ich inszeniere nicht auf dem Theater. Ich werde mit Dercon zusammenarbeiten, wie ich mit Castorf zusammengearbeitet habe und zusammenarbeiten werde. Die Volksbühne ist für mich das vierte Opernhaus in Berlin, eine Reibungsstelle zwischen Theater, Oper und den anderen Künsten. Und Chris Dercon ist ein sehr guter Mann, kein bloßer Eventmacher. Er ist eine gute Figur für diese Reibungsstelle." Ob Chris Dercons Besetzung nun ein Coup sei, werde man erst 2017 wissen.

(jnm)

 

Jens Bisky weiß in derselben Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, dass zu den Angeboten der Volksbühne unter Dercon auch eine "Webbühne" sowie Inszenierungen der zum letzt- und diesjährigen Berliner geladene Susanne Kennedy gehören werden. Sein Kommentar: "Alles nobel, das wird ein interessantes Kombinat der Künste, und doch überwiegt der Ärger über die Entscheidung des Kulturstaatssekretärs Tim Renner."

Das Problem liege vor allem darin, "wie diese Entscheidung getroffen wurde, als Verwaltungscoup nämlich" – aus Biskys Sicht "dramatische Rückschritte in der Kulturpolitik." So habe Ivan Nagel 1991, also bevor Castorf berufen wurde, "seine Überlegungen zur Situation der Berliner Theater" niedergeschrieben, woraufhin "gestandene Kritiker und Kenner kommentierten". Damals habe es "klar formulierte Vorstellungen und Debatten" gegeben. Diesmal hingegen habe der "Name Dercon" das Programm ersetzt, habe Tim Renner "selbstherrlich entschieden, als wolle er das Publikum überraschen, Hauptsache was Neues." Der Protest diverser Theaterleute sei "noch nicht einmal einer angemessenen Antwort gewürdigt" worden. "In seiner Beflissenheit, was ganz Großes zustande zu bringen, hat Tim Renner nicht nur einen Großteil der Theaterleute gegen sich aufgebracht, sondern auch die Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Da der Bund einen großen Teil der Kultur in der Hauptstadt finanziert, wäre eine Absprache politisch klug. Es gab sie nicht." Die Berliner Freie Szene ringe seit Langem um "kleine Summen, verglichen mit dem, was Renner nun für eine neue Volksbühne ausgeben will, die den vom Bund finanzierten Berliner Festspielen Konkurrenz machen wird."

Renner habe "wohl kaum an die Stadt, an die Akteure hier, an deren Bedürfnisse gedacht", schließlich habe er nicht "für seine Ideen geworben, Verbündete gesucht." Sein Volksbühnen-Coupt verspreche bislang "bloß die streberhafte Re-Inszenierung einiger Berlin-Legenden: Zwischennutzungsatmosphäre im Hangar, ein Zusammenspiel der Künste, wie es etwa im Techno-Club Berghain längst betrieben wird, Internationalität, mehr vom Vorhandenen, nur größer, mit einer Extra-Portion Glamour." Derlei Kulturpolitik gleiche "Stadtmarketing: Sie unterbreitet den Bürgern wie ihren Gästen touristische Angebote."

(ape)

 

"Als Chris Dercon 2011 Abschied vom Haus der Kunst in München nahm", erzählt Katrin Bettina Müller von der tageszeitung (24.4.2015), "lief zur Abschiedsfeier eine Projektion typischer Dercon-Sätze auf einer Museumswand, darunter: 'Bitte nicht paniken, ich habe alles under control.'" Solch "selbstgewisse Haltung" werde er in Berlin brauchen, "denn der Wind, der gegen ihn entfacht wird, ist noch eisig." Der Verdacht, er werde "dem Neoliberalismus in die Hände spielen", muss sich in den Augen Müllers nicht bestätigen. Schließlich könne man lesen, "wie er als Leiter der Tate Modern die dortige Gehaltsstruktur kritisiert hat, in der viele Mitarbeiter des Museums von ihrer Arbeit nicht leben können und auf weitere Jobs angewiesen sind." Das sei auch in der Freien Theaterszene "ein großes Problem: Und sollte er an der Volksbühne tatsächlich ein Programm fahren, das sich neben dem Ensemblebetrieb auch der Projektarbeit öffnet, wird er zeigen können, ob ihm da Etablierung von besseren Strukturen tatsächlich am Herzen liegt." Was der Volksbühne unter seiner Leitung wohl "verloren zu gehen droht, ist ihr Status als Grabungsstätte tief in die deutsche Geschichte hinein, die Castorf'sche Versessenheit auf die Sümpfe des Verdrängten und der Blick nach Osten." Verblüfft zeigt sich die Kritikerin darüber, "wie heftig plötzlich gerade dieser Markenkern als wichtiges Berliner, wenn nicht gar deutsches Kulturgut beschworen wurde; stand diese Liebeserklärung an Castorf doch in einem merkwürdigen Kontrast zu einer Haltung, die ihm das Durchwaten der immer wieder gleichen Landschaften vorgeworfen hatte."

(ape)

 

 

Das Gute an der Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel ist, dass verlässlich alle bekannten Verdächtigen der Westberliner Kulturszene zu Wort kommen, wenn die Berliner Kulturdinge einen Anlass bieten [wir warten auf Peter von Becker – der Sätzer]. Heute also Peter Raue, Rechtsanwalt in Berlin, Kunstexperte und graue Eminenz des Berliner Kulturlebens.

Raue wendet sich gegen das Vorab-Bashing des Chris Dercon, bevor der auch nur einen Pieps zu seinen Plänen gesagt habe. An eine vergleichbare "Lawine der Empörung", die allein das Gerücht Dercon ausgelöst habe, könne er sich nicht erinnern, schreibt der in vielen Kämpfen Erfahrene.

Erster Einwand Raues: Hätten die Empörten vergessen, dass der Tim Renner-Vorgänger André Schmitz die Entscheidung, Castorf nicht zu verlängern, getroffen hat?

Zweiter Einwand: Schon "die Bezeichnung des designierten Intendanten" Dercon als "Kurator" sei "diffamierend". Der "nicht-inszenierende Intendant" sei immer wieder zu finden, wer bezeichne denn den Chef der Berliner Festspiele Thomas Oberender etwa als Kurator?

Dritter Einwand: Es sei entweder "Zeichen mangelnder Kenntnis" oder "beachtlicher Blindheit", wenn man die Schließung des Schillertheaters 1993 gleichsetze mit der "Installierung eines neuen Intendanten" in der Volksbühne, wie es die drei Großstadt-Intendanten Kusej, Khuon und Lux in ihrem Offenen Brief getan hätten. [Und Raue kennt sich da aus, er war juristisch in der Schadensabwicklung Schiller Theater aktiv – der Sätzer].
Vierter Einwand: Mit der Neubesetzung der Intendanz an der Volksbühne werde Frank Castorf als Regisseur nicht arbeitslos, und auch wenn Castorf eine "Ära Volksbühne" gestaltet habe – rechtfertige das "ein Verbot, Neues zu wagen und nach 25 Jahren Castorf einen anderen Akzent setzen zu wollen?"
Fünfter Einwand: Wie könne es zu dem "Una-Voce-Chor" kommen, der Dercon "für unfähig" halte, dieses Amt zu bekleiden? Es wäre ein "Gebot der Fairness", zunächst einmal zu hören, ob Dercon die Volksbühne wirklich zu einem Konkurrenzunternehmen zu den Berliner Festspielen einerseits, dem HAU anderseits machen wolle. Ob er nicht "intelligent genug" sei, sich mit Thomas Oberender, Annemie Vanackere und Monika Grütters auf "ein Konzept zu verständigen", das "statt der befürchteten Identität des Angebotes Alternativen" realisiere.

Sechster Einwand: Seien die "Fleurs du Mal mit großen und kleinen Produktionen" in der Volksbühne wirklich "so kostbar", dass sich nichts anderes dort bilden dürfe? Und was unterscheide diese von Jürgen Flimm so gelobten "atemlosen Experimente" von einer "Event-Bude"?

 

Substanziell sind die Betrachtungen, die Harald Jähner mit Hilfe von Kerstin Krupp in der Berliner Zeitung zur Person Chris Dercon und zur Bedeutung dieses Epochenwechsels im Berliner Theaterwesen anstellt. Der Museumsmann Chris Dercon, derzeit noch Leiter der Londoner Tate Gallery of Modern Art, wird ab 2017 Nachfolger von Frank Castorf als Intendant der Volksbühne werden. Jähner, Feuilletonchef der Berliner Zeitung, sieht einen "Epochenwechsel" und fragt: "Wer ist dieser vorab des Eventfuzzitums verdächtigte Chris Dercon wirklich?" Sein Blick fällt auf die Tate Modern, "das Reich, das die letzten vier Jahre Dercons berufliches Zuhause war". Das "größte Museum für moderne Kunst in der Welt". Der Eintritt ist zumeist frei.

Jähner blendet zurück auf den Auftritt Dercons in der Anfang 2014 ausgestrahlten Folge "Durch die Nacht mit ..." des Kultursenders Arte, wo er mit Matthias Lilienthal durch London streifte und referiert Decons Biographie. Bei seinem Abschied vom Haus der Kunst in München habe er "eine Schar trauernder Fans" hinterlassen. Nichts habe der "hochgewachsene", "lässige", "entspannte" und "enorm zugewandte" Mann, "mit seinen weißen, vollen Haaren, die ein wenig an Rudi Carrell erinnern, mit ebenfalls weißem Bart und dem unerlässlichen Schal" vom "imperatorischen Charisma der Regie-Heroen Castorf oder Peymann". Dercons "Charme" sei vielmehr der eines "postheroischen Managers", der "versiert" zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen agiere und sie "in Bewegung und ins Sprechen zu bringen" versuche. "Insofern geht mit dem Wechsel von Castorf zu Dercon tatsächlich eine Ära zu Ende." Die in "historischen Kämpfen gestählten Erzcharaktere" wichen "alerten Gestalten", die ihren Spaß weniger an "der Durchsetzung stilistischer Manien" hätten als am "sozialen Spiel der Kräfte", am "Spinnen von Netzwerken", an "der Kombination ästhetischer Welten". "Offenheit statt Stilwille ist ihr Kennzeichen".

Dercon füttere seine "Anziehungskraft durch Freundlichkeit". Er sei ein "animierender Vortragsredner, der sein Publikum nicht nur gewinnen, sondern es herausfordern, es buchstäblich hören möchte". Er sei überzeugt, dass "das Publikum" im Museum oder Theater "selbst aktiv werden will". Insofern habe er eine "logische Erweiterung des Museums" in der "Öffnung im Internet" gesehen. Die Tate selbst habe Dercon "durch Diskussions- und Performanceveranstaltungen zu einem Forum" entwickelt "wie zuvor schon das Münchener Haus der Kunst".

Natürlich gehe mit dem Ende der Castorf-Ära "etwas verloren in Berlin". Der "Gegensatz der Volksbühne zum Kuratorentheater", das von Dercon "erwartet werden kann", sei größer kaum denkbar. "Auf der einen Seite der in DDR-Zeiten ins Anklamer Theater verbannte Castorf, der es als einer der ganz wenigen Künstler geschafft hat, den Geist der Wende zu verstetigen und die ansonsten längst wieder verkrusteten Verhältnisse in ihrer einst bestürzenden wie beglückenden Aufgelöstheit zu erhalten. Auf der anderen Seite der virtuose Kosmopolit Chris Dercon, der versucht, dem weltweiten Kapital auf ebenso weltweit vernetzten Strukturen der Kultur zu folgen."
Dercon besitze einen "hellwachen Sinn für die ökonomische Falle der Selbstausbeutung der Kreativen", der Zeitschrift Monopol sagte er vor fünf Jahren: "In Berlin wird der Homo ludens, das künstlerische Prekariat, früher oder später in seiner eigenen Stadt in der Falle sitzen wie in einem Militärkessel – man wird weder hinein- noch hinauskönnen".

Groß sei die Sorge, das ausgerechnet die Volksbühne durch einen "Tourneezirkus frei umherziehender Akteure und Gruppen, die sich überall auf der Welt in wechselnden Konstellationen treffen" ersetzt werde. Die "Respektlosigkeit Tim Renners gegenüber Castorfs Leistung" sei "bestürzend", andererseits hätte er kaum eine andere Gelegenheit gehabt für einen "echten Knaller". Seine Bereitschaft, "sich mit der eingesessenen Theaterszene anzulegen", sei "offenbar enorm". Die Aufstockung des Etats der Volksbühne und der Auftrag den Flughafen Tempelhof zu bespielen sei eine doppelte Provokation: Ein "Ensembletheater klassischen Stils" werde aufgelöst und der "Bühnenraum verlassen" und in Richtung Flughafen erweitert. Topographisch ein Coup: "Zu Dercons Wirkungsbereich gehörte dann eine Ikone des alten Ostens und eine des alten Westens."

(jnm)

 

"Was Gott in seiner großen Güte und Allmacht wohlweislich getrennt hat, nämlich die SPD und die Kultur, das soll der Mensch nicht freventlich zusammenfügen", schießt ein angesichts des Berliner Getöses satirisch gestimmter Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.4.2015) gegen Tim Renner. Castorf habe sein Theater "zu einem derartigen Event-Schuppen emporentwickelt, in dem ein Diskurs den nächsten, eine Video-Performance die übernächste, eine Stück-Dekonstruktion die überübernächste kuratiert, dass es völlig undenkbar scheint, dass Kategorien der Sterblichkeit für all dies Gültigkeit haben sollten." Castorfs "Intendanten-Brüder" hätten "sich zwar in der Vergangenheit in fünf- bis siebenstündigen theatralischen Qualszenen-Ausstellungen Castorfs die Hintern wund gesessen und bis zum Video-Umfallen gelangweilt", forderten in ihren offenen Briefen nun aber "schon mal die sofortige Überführung Castorfs in ein Mausoleum". Dercon sei "natürlich gröbster Unfug, passt aber auf den Misthaufen Volksbühne wie ein parfümiertes Taschentuch – also ganz wunderbar zu Berlin." 

(ape)

 

Ist Chris Dercon eine gute Idee? Was sagen die Kolleg*innen?

24. April 2015. Am Nachmittag gibt der Regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller offiziell bekannt, dass Chris Dercon 2017 Frank Castorf als Intendant der Volksbühne nachfolgen soll. Was sagen vorab die Kolleg*innen in Berlin?

Auf der Website der Berliner Zeitung (23.4.2015) hat Kerstin Krupp Stimmen gesammelt. Der Hai im Müggelsee Leander Haußmann fühlt sich durch die "Arroganz" der Stadtregierung an die – wen nimmt es Wunder – DDR erinnert. Da habe man auch nie die Entscheidung der Direktion diskutieren dürfen.

Tom Stromberg, in den Intendanzen wegen seiner Härte gefürchteter Ober-Impressario des deutschen Theaters, weiß nicht, "ob es eine gute Idee ist, in Berlin, wo es schon das Hebbel am Ufer (HAU) und die Berliner Festspiele gibt, ein weiteres Produktionshaus zu installieren und mit Geld auszustatten."

Eine der unmittelbar Betroffenen, Annemie Vanackere, Künstlerische Leiterin des HAU, reagiert ganz anders: sie fürchte keine inhaltliche Konkurrenz, das HAU habe eine "starke Identität" und sei "fest in der Stadt verankert". Allerdings hört beim Geld für sie die Sympathie auf. Sie verhandele seit zwei Jahren mit dem Senat über ein höheres Budget. "Solange wir die Zahlen nicht kennen, vertraue ich aber fest darauf, dass Renner und Müller der freien Szene finanziell stärker unter die Arme greifen."

Der dpa sagte Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Berliner Theatertreffens: "Ob Berlin einen weiteren Kurator als Intendanten braucht, das möchte ich gar nicht bewerten. ... Ob dass das Richtige für die Volksbühne ist, die aus so einer klassischen und starken Repertoire-Theater-Pflege und Ensemble-Kultur kommt - das wage ich zu bezweifeln."

"Von einem massiven Eingriff in die Kulturpolitik", spricht Bernd Stegemann, gegenwärtiger Cheftheoretiker des deutschen Theaterwesens, Professor an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin und Dramaturg an der Schaubühne. "Kuratorenkunst" brächte Beliebigkeit, Abbau von festen Strukturen, im Neoliberalismus nenne man das "Verflüssigung". Stegemann befürchte, schreibt Christine Dössel auf SZ.de (24.4.2015), dass aus der Volksbühne ein "Abspielort" gemacht werde, "wo all die Sachen gezeigt werden, die überall auf der Welt sowieso schon gezeigt werden". Ad-hoc-Produktionen, die einer ganz bestimmten Form von "postmoderner Abstraktion" entsprächen. Ensemblearbeit ermögliche ganz andere Ästhetiken, doch brauche es dafür "Kontinuität und lange Arbeitsbeziehungen".

Stegemanns Chef, Thomas Ostermeier, hat der Süddeutschen Dössel gesagt, dass alles, was an der Volksbühne geplant werde, längst vorhanden sei in Berlin. HAU, Sophiensäle, Radialsystem und das Festival "Foreign Affairs" würden sich "im Endeffekt" um dieselben Künstler streiten. Wie bei Annemie Vanackere hört auch für Ostermeier beim Geld aller Spaß, falls zuvor noch vorhanden, auf. Wenn es zur Aufstockung des Etats der Volksbühne komme, müsse man fragen, woher dieses Geld denn stamme. Seit 15 Jahren gebe es eine Bemühenszusage des Senats, dass die Schaubühne mehr Geld bekommen solle. Seit 15 Jahren sei nichts passiert.

 

Die Pläne für die Volksbühne

24. April 2015. Am langen Berliner Donnerstagabend vor der Pressekonferenz des Regierenden Bürgermeisters, an dem Christine Dössel den ersten Teil von "The Apple Family plays" beim F.I.N.D. in der Schaubühne betrachtet und danach mit den Theaterleuten plaudert, begegnet ihr auch Marietta Piekenbrock, zuletzt Chefdramaturgin der Ruhrtriennale unter Heiner Goebbels, ab 2017 Programmdirektorin bei Chris Dercon an der Volksbühne. Die "Spekulationen über neoliberale Abbautendenzen" nennt Piekenbrock laut Dössel, "vollkommen grotesk". Es handele sich einfach um "galoppierende Hysterie". Eine Erscheinungsform der "German Angst", die Angst "vor dem Unbekannten, vor Kontrollverlust". Die Angst, ein "nicht gelernter Theaterintendant" zerschlage ein deutsches Sprechtheater sei "absurd". Piekenbrock: "Unser Plan versteht sich komplementär zu den vorhandenen Strukturen." So werde es ein "identitätsstiftendes Ensemble" geben aus Tänzern und Schauspielern. Ein Ensemble, mit dem "starke Eigenproduktionen" entstehen würden, das es zugleich aber auch erlaube, mit den Inszenierungen zu touren. An der künftigen Volksbühne werde die deutsche Sprache nicht mehr "prima materia" sein, es werde "andere, gleichberechtigte Akteure geben wie das Licht, den Film, die Musik, den Körper". Die fünf Künstler des Leitungsteams stünden für diese Bereiche: die Theaterregisseurin Susanne Kennedy, der Filmregisseur Romuald Karmakar, der belgische Choreograf Boris Charmatz, die dänische Choreografin Mette Ingvartsen sowie - für die digitale Plattform "Terminal Plus" - der Filmemacher Alexander Kluge. Diese Namen stünden für ein "entschleunigtes Arbeiten". Zielpublikum sei das neue, "internationalisierte Metropolen-Berlin: die kosmopolitische Stadtgesellschaft'."

(jnm)

 

Der neue Heilsbringer hält seine erste Press'konferenz

25. April 2015. Dann endlich: die Ankunft. Chris Dercon wird bei seiner Pressekonferenz mit dem Regierenden Bürgermeister, so schreibt es die Berliner Morgenpost, in der Berliner Theaterlandschaft "wie ein Marsmensch aufgenommen: Interessant, aber doch irgendwie anders". Aber – der Mann sieht gut aus, lässt die richtigen Namen fallen, ein paar Zitate, zeigt, dass er weiß, wer in Berlin wer ist im Theater und dann spricht er auch noch so wunderbar Rudi-Carell-Herman-Van-Veensches Deutsch, da haben wir alle miteinander eine schwache Stelle – kurzum, der Mann macht Eindruck, der Mann gefällt, die Lacher, schreibt die Berliner Zeitung, habe er mit einem kleinen Bayreuth-Vergleich sofort auf seiner Seite gehabt..

Die Diskussion "Ensemble oder Event", sagt Chris Dercon sei die altbekannte, in der drehe es sich um die Fragen: Was ist die Struktur eines Theaters? Was sind die Arbeitsbedingungen? Was kann, was soll Theater in Zukunft leisten? Wie sollen wir Theater organisieren? Er, Dercon, wolle zuerst die 232 Mitarbeiter der Volksbühne kennenlernen, deren Arbeit er enorm schätze. Als Zweites werde die neue Führungsriege sich fragen, wie die Zukunft des Theaters aussieht. Die Volksbühne sei unglaublich gut geeignet für den Tanz, ihre Akustik dagegen sei furchtbar, es werde "ganz viel Theater und ganz viel Tanz auf der Bühne der Volksbühne" präsentiert werden. Natürlich werde es ein Ensemble geben, Schauspieler und Tänzer, hauseigene Produtionen, Gastspiele anderswo. Die Repertoirestruktur werde beibehalten, die am Haus vorhandene Erfahrung genutzt. "Was wir machen werden, ist im Grunde die Konsequenz aus der Arbeit von Castorf." Wird es mehr als die gegenwärtig elf festen Stellen im Schauspielensemble geben? Man wird sehen.

Leider sind die fünf Millionen Etaterhöhung für die Volksbühne erst einmal, laut Bürgermeister Michael Müller, "frei erfunden". Das schreibt Die Welt. Aber mehr Geld wird es geben und niemandem werde etwas weggenommen, das schreibt die Berliner Zeitung. Der Hangar 5 des Flughafens Tempelhof solle auf jeden Fall bespielt werden.

Wie finden ihn die anderen? "Ziemlich cool", meint Die Welt. Sie schreibt: Chris Dercon, der Leibhaftige persönlich, kontere Peymann mit Derrida aus: ein Event sei ein Punkt, ein Semikolon und ein Durchbruch. "Und deshalb was Tolles." Und das alles ohne Manuskript und außerdem sehe er aus wie eine "Mischung aus Richard Branson und dem Almöhi", auf Fragen, die ein bisschen Pfeffer in die langweilige Veranstaltung bringen sollten, improvisiere er sofort eine "brillante Antwort, die vor allem keine Witze auf eigene Kosten scheut".

Chris Dercon sei ein echtes Geschenk für die Berliner Volksbühne findet Georg Diez in seiner Kolumne für Spiegel Online. Nur die doofen Kulturjournalsiten – [also die anderen nicht der Kulturkritiker Diez – der Sätzer] verstünden das wieder einmal nicht, weil sie so furchtbar borniert seien und außerdem allesamt [also die anderen, nicht der Kulturktiker Diez – der Sätzer] "bürgerliche Schrumpfkopfpresse".

"Ein politisch umsichtiger Kurator", schreibt Spiegel Online, "der vor dem neoliberalen Alltag einer gigantomanischen Kunstinstitution nach Berlin flieht - in ein paar Jahren wird es wahrscheinlich schwer vorstellbar sein, warum Dercon 2015 nicht mit offenen Armen in Berlin begrüßt wurde."

"Gefühlt 100 skeptische Journalisten" verfolgten den Auftritt Dercons, schreibt Elisabeth Nehring auf der Website von Deutschlandradio. "Kraftvoll, fast beschwörerisch im Tonfall" stellte der "wortgewandte, elegant ergraute Belgier" sein Konzept für die Volksbühne vor und auch wenn vieles "noch diffus" erscheine: "Der Plan, Künstlers verschiedener Genres und Generationen auf ein Ensemble mit Gästen loszulassen und ihnen die raffinierten technischen Möglichkeiten des Volksbühnenhauses über längere Zeit zur Verfügung zu stellen - ist erst einmal überhaupt keiner, der Anlass zur Sorge gibt."

Der Tagesspiegel schreibt: "Er kommt, spricht und beeindruckt. Er flicht in seine Tour de force durch Stadt und Kunst, Geschichte und Ästhetik gleich zu Beginn die Namen Reinhardt, Piscator, Besson, Müller und Castorf ein." In seiner 20-minütigen Berliner Antrittsrede räume er alle "strittigen Themen" ab. "Das Ensemble der Volksbühne will er erhalten. Er will kein Festival aufziehen" und er habe vor, so wie es Castorf und Co. vorgemacht haben, "die Stadt als Bühne mit zu inszenieren." Mit 'Terminal Plus' soll es ab 2017 dann auch eine digitale Volksbühne geben. Theater im Netz, als Aktion und Archiv. Er danke der "deutschen Presse", die Diskussion um seine Person sei "wichtig gewesen". "So viel Charme", schreibt Rüdiger Schaper und ist selber baff, sei "man hier nicht gewohnt". Was "Dercon vorhat, könnte man als Runderneuerung der Tradition fürs 21. Jahrhundert beschreiben. " Es tobe ein Richtungskampf. Dercon werde die visuellen Künste forcieren.

Die tazkommentiert die Entscheidung (27.4.2015): Dercon habe "rhetorisch äußerst geschickt" der Angst, mit ihm sei "an der Volksbühne dem Abbau verbindlicher Produktionsstrukturen an den Stadttheatern ein Einfallstor geöffnet", die Spitze genommen. Durch die Empörung über die Personalie Dercon sei plötzlich wieder von der Volksbühne die Rede gewesen "als dem Theater, an dem sich entscheidet, was aus der Institution Theater überhaupt noch werden kann in Deutschland." Katrin Bettina Müller kann Dercons Team – Kennedy, Karmakar, Charmatz - viel abgewinnen, sie konstatiert: "Nach dem ersten Auftritt Dercons in Berlin hat sich die Empörung über die Entscheidung etwas gelegt." Ein Ende der Debatte "sollte das dennoch nicht sein". Zum einen wisse man zu wenig über die Pläne und finanzielle Ausstattung der Volksbühne, zum anderen sei "der Erhalt der Ensemblestrukturen vieler Theater in Deutschland tatsächlich ökonomisch zunehmend bedroht und die Angst vor dem Abbau beruht auf vielen schlechten Erfahrungen."

Auch Die Zeit (29.4.2015) hat die Pressekonferenz beobachtet. Wie immer hat Peter Kümmel einige sehr eigene Eindrücke davongetragen. Dercon, schreibt Kümmel, spreche "kein böses Wort", auch nicht gegen Peymann;, der "Großcharmeur" sei ein "Naturnetzwerker, mühelos imstande, den Gegner, indem er ihm seine Reverenz erweist, zu neutralisieren". In Dercon verkörpere sich ein "Mentalitätswechsel", Konflikte nicht mehr persönlich zu nehmen, sondern als "kollektives Projekt zu bearbeiten". Sich nicht mehr als "Autor von Inhalten", sondern als "deren Ermöglicher", nicht mehr als "Urheber und Kämpfer" zu verstehen, sondern als "Moderator". Nicht mehr "den Konflikt als den Moment der Wahrheit" zu erkennen, sondern "den Durchbruch zur Kollaboration." Dercon sei charmant, eine für den "schnell beleidigten Berliner vollständig unheimliche Charakterdisposition". Müsse seine "spürbar positive Energie" den "örtlichen Häuptlingen" nicht vorkommen wie George Clooney in dem Film "Up in the Air" – wo Clooney jenen Mann spielt, "der durchs Land jettet, um verbindlich, grundsympathisch, immerzu Leuten ihre Entlassung mitzuteilen".

 

Der Chef erläutert seine Pläne

25. bis 29. April 2015. Im Monopol-Magazin (24.4.2015) interviewt Holger Liebs, in der Süddeutschen Zeitung (25.4.2015) Jörg Häntzschel, im Berliner Tagesspiegel (26.4.2015) Rüdiger Schaper, im Deutschlandradio (25.4.2015) Susanne Burkhardt und in der Zeit Peter Kümmel den designierten Intendanten Chris Dercon über seine Pläne für die Volksbühne.


Die Gründe für den Weggang aus London

London sei eine "schwierige Stadt". Berlin seit zwar auch nicht einfach, aber "hier" könne man "vorausblicken". Man habe eine Chance "mitzumischen und nachzudenken darüber, was eine
Stadt braucht, die sich sozial derart schnell entwickelt". Die Kultur sei ein wichtiger "Wirtschaftsfaktor" in Berlin. Er wolle aus London, von der Bildenden Kunst und der Tate Modern fort gehen, weil die Volksbühne einzigartig sei und sich die anderen Künste immer mehr zur darstellenden Kunst hin entwickelten. Aber Museen besäßen keine Struktur, das "Live-Element einzubinden". Die meisten Besucher der Tate Modern kämen nach eigenem Bekunden der Begegnung wegen. Die Museen von heute seien wie Theaterräume. Das Theater sei ein Begegnungsort, wo "Menschen etwas für Menschen tun. Eine offene Situation. Wir können das Theater noch offener machen, indem wir andere Disziplinen zulassen." Er bekomme jetzt die Möglichkeit, weiterzuentwickeln, was er im Münchner Haus der Kunst angefangen habe – "aber mit einem Stab von Handwerkern und anderen Spezialisten". Außerdem wolle er zurück zu seinen "Wurzeln, Tanz und Theater".

Die Kunst sei heute völlig durchökonomisiert. Er sei sehr daran interessiert, ein Gegengewicht zu entwickeln. "Ich komme nicht aus der bildenden Kunst, um das Theater zu retten. Das Theater muss nicht gerettet werden. Aber vielleicht muss die bildende Kunst ein bisschen geheilt werden." Und – von wegen des "Neoliberalismus", der ihm nachgesagt worden sei: Es sei vergessen worden, dass er "einer der ersten war", der über prekäre Situationen im Kunstbetrieb, über Prekariat, Selbstausbeutung und neue Arbeitsverhältnisse geredet habe. An der Tate habe er immer wieder für bessere Gehälter seiner Leute gestritten. "Ich sage immer wieder, dass Enthusiasmus eine Form von Ausbeutung ist."

Leitungsteam, Ensemble, Repertoire

Seine Leute würden ein Teambilden. Mette Ingvartsen sei darin für neue Choreografie und Performance zuständig, Susanne Kennedy für das Theater, Boris Charmatz repräsentiere den Tanz. Charmatz, Ingvartsen und Kennedy würden auch inszenieren. Bei Romuald Karmakar denke man an Film, dabei sei er ein "Pionier des dokumentarischen Theaters". Mit Alexander Kluge solle es eine konzeptuelle Zusammenarbeit geben.

Dercon unterstreicht, er sei ein Mann des Ensemblees. auch in London arbeite er mit einem Team. "Ich kann nicht mit freien Kuratoren arbeiten. Das liegt mir nicht." Ausgangspunkt an der Volksbühne sei für ihn "ein Ensemble aus Schauspielern und Tänzern. Das Herzstück werden Eigenproduktionen sein." Das Ensemble mache den Unterschied aus zwischen einer Manufaktur und einem Festival. Davon gäbe es genug. Er brauche Gastspiele, aber auch eine feste Basis. Er habe "höchsten Respekt für Kathrin Angerer, Sophie Rois, Jeanne Balibar, Martin Wuttke, Fabian Hinrichs und Bert Neumann". Die Aufführung der die mann von Herbert Fritsch sei eine "großartige Inszenierung", weil sie spannende Fragen stelle: "Was ist das, ein überforderter Zuschauer? Was ist ein unterforderter Zuschauer?" Er werde gern mit allen Mitarbeitern der Volksbühne Gespräche führen. Aber - irgendwo müsse man auch "einen Punkt setzen". "Man" könne nicht ewig irgendwo bleiben, man müsse nachdenken, "warum ist der Punkt jetzt wichtig". Und vielleicht könne "Herr Castorf" seine Arbeit in der Volksbühne fortsetzen.

Was die künstlerischen Protagonisten angeht, so Dercon, sei er nicht daran interessiert, nur "große Künstlernamen" auf die Bühne zu bringen. "Auch nicht daran, dass Helene Grimaud auf der Bühne Klavier spielt und ein Künstler macht eine Wasserinstallation dazu. Was mich interessiert, ist, Stücke für die Bühnen zu entwickeln in unterschiedlichen Dimensionen." Selbstverständlich werde es ein "Repertoire" geben. Die Dinge verschwänden so schnell. Wir würden von "Aktualität terrorisiert". Mit dem Repertoire habe "der Mensch über das gesamte Jahr die Chance, seinen eigenen Kalender zu machen".

Neue Räume, Theater und Netz, Finanzierung

Die Volksbühne habe immer auch die Stadt inszeniert. Die Arbeiten von Bert Neumann seien Beiträge gewesen für die äußere Architektur von Berlin. Das wolle er fortsetzen. Der Rosa-Luxemburg-Platz sei die letzte noch nicht gentrifizierte Insel in Mitte. Dort gebe es Möglichkeiten, mit dem Kino Babylon zu kooperieren. Der Prater solle als Spielstätte bleiben mit seinem "unglaublichen Biergarten". Und weil viele Künstler einen "narrative space" brauchten, käme der Hangar des Flughafen Tempelhof dazu, den man öffnen könne auf die riesige Wiese. Man könne also den Außenraum einbeziehen.

Neben den vier Spielstätten schwebt Dercon außerdem "ein Globaltheater fürs 21. Jahrhundert" vor, "in das Regisseure, Choreografen, Tänzer, Musiker eingeladen werden, für das Netz Formate zu entwickeln – für eine digitale Bühne". Youtube biete alte Theaterinszenierungen. Wer sich Peymanns "Publikumsbeschimpfung" von 1968 anschauen wolle, könne das dort finden. Er habe bereits an der Tate Modern mit dem Netz gearbeitet, jetzt würden er und sein Team Theater für das Netz entwickeln.

Um das Geld für die Bespielung des Hangar 5 in Tempelhof zu besorgen, werde er mit Sponsoren sprechen, die schon für die "Digitale Bühne" Interesse signalisiert hätten. Viele wollten in Berlin "dabei sein". Bildende Künstler, Filmemacher, alle drängten in die darstellende Kunst. Sie sei die Zukunft der Künste. Dafür brauche man die neuen Räumlichkeiten. Man sollte "Schritt für Schritt einen Mix von öffentlichen und privaten Mitteln anstreben". Der Staat habe "die Verpflichtung, Kultur zu präsentieren, aber es gibt auch andere Möglichkeiten". Auch sei über die nicht optimale Auslastung der Volksbühne und die Eintrittspreise zu reden. "Ich finde es wichtig, dass bestimmte Menschen gratis ins Theater kommen können, andere wiederum können mehr bezahlen." "Change Management" sei seine entscheidende Aufgabe.

Zur Diskussion um seine Person und die Zukunft der Berliner Theaterlandschaft

Die jetzige Diskussion findet Dercon nicht nur alt, sondern auch "total regressiv". "Ein Erwin Piscator würde sich im Grabe umdrehen." Zugleich sei sie aber auch "wunderbar". Denn: die Debatte drehe sich um "wesentliche Fragen": "Was ist das Theater der Zukunft? Was macht ein Ensemble aus?" Das sei natürlich keine neue Diskussion, sondern die alte, die sich seit etwa zehn Jahren wiederhole. Doch die "Fragen sind offenbar noch nicht hinreichend beantwortet".

Antje Vollmer habe schon 2004 einen interessanten Text über "Die Zukunft der Berliner Theater.
Konkurrenz oder Reform? Event oder Ensemble?"
  herausgegeben . Alles, was er gehört habe in den letzten Monaten, habe er schon bei Vollmer gelesne. Das höre man auch in Belgien, in den Niederlanden, sogar in Frankreich.

"Seltsam" sei allerdings, dass in Berlin zwar alle von "der Zukunft und dem Neuen" redeten, die Diskussionen um das Theater jedoch "oftmals retrospektiv" seien. Frank Castorf und Bert Neumann machten an der Volksbühne "seit zwanzig Jahren multimediales Theater", verbänden "unterschiedliche Kunstformen" und jetzt komme er, "und plötzlich soll das nicht mehr gelten, werden wieder die alten Terrains abgesteckt". Leider aber sei das normal "für die so genannte horizontale Linke". Revolutionäre bekämen oft Probleme mit Veränderungen. Er fühle sich aber gar nicht als Revolutionär, sondern "als Moderator der Veränderung". "Wenn man an seine eigene Kunst glaubt, muss man auch loslassen und den Stab weitergeben können." Er glaube auch nicht an "Genialität" bei Künstlern. Genialität, das ist "eine Art Atavismus". Ich "arbeite gern im Kollektiv, es geht darum, gemeinsam etwas zu erreichen".

Sein "Credo" sei "nicht Abgrenzung, sondern Kooperation" und Austausch. Er habe schon mit Annemie Vanackere, der Chefin des HAU, mit Thomas Oberender, dem Intendanten der Berliner Festspiele, und Matthias von Hartz von "Foreign Affairs" gesprochen, um zu schauen, was man "miteinander machen" könne.

 

(mw / jnm)

 

Europa "schaut auf diese Stadt"

27. April 2015. Frank Castorfs angekündigtes Ende an der Volksbühne und Chris Dercons Ernennung schlägt in Westeuropa ein paar Wellen. Le Monde schreibt; Der Guardian aus London ruft dem alternden Bilderstürmer Castorf, dem "Meister of the never-ending theatre evening", nach und begrüßt  "Captain" Chris Dercon. Der Abgang der Londoner Koryphäen Neil MacGregor und Chris Dercon wird vermerkt, Freue herrscht aber über die bevorstehende Rückkehr von Sir Simon Rattle an die Themse. Barbara Villiger Heilig, gewiss keine geborene Anhängerin des RTheaters von Frank Castorf, würdigt ihn in der Neuen Zürcher Zeitung (27.4.2015):  "Momentan brummt die Volksbühne, deren Häuptling es immer wieder verstand, für Kraftstösse zu sorgen und sein zeitweise desertierendes Publikum zurückzuholen". Doch würde in der Debatte unterschlagen, dass Castorf eigenhändig "Tür und Tor öffnete für Diskussionen, Film, Musik, Salons: Politik, Pop und Party waren mehr als blosse Extras in seinem Programm". Aus der "Ostalgie, die Castorf fast rührend hingebungsvoll pflegte", werde nun "Nostalgie". Doch bei "allem Bedauern über das nahende Ende der singulären Castorf-Ära" gehöre der Wechsel "ganz einfach zu den Spielregeln". Die Frage sei jetzt: "wie nahtlos wird er vonstatten gehen?"

(jnm)

 

Wie geht es weiter mit dem Theater?

27. April 2015. Am Vorabend veröffentlicht Harald Martenstein auf Tagesspiegel.de eine seiner Kolumnen. Man fürchtet, wegen Martensteins zunehmendem Konservativismus schon das Ärgste, findet aber neben Betrachtungen zum Zeitgeist und der revolutionären Gesinnung von Theaterfürsten, die sich selber allerdings für unersetzlihc hielten, auch diesen ganz und gar treffendne Gedanken über die Zukunft des Stadttheaters [das Martenstein in seinem Text etwas falsch generalisierend "das Theater" nennt - der Sätzer]: Das "staatsfinanzierte deutsche Theater" stehe vor einer "Zeitenwende". Das "gebildete Publikum und die bürgerliche Kultur" seien im Begriff zu verschwinden. Immer weniger Menschen seien in der Lage, "auch nur ansatzweise zu begreifen, was zum Beispiel das Regietheater tut – klassische Texte auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen". Wie könne das Theater "in einer Welt von Belang sein, in der fast alle mit dem Internet aufgewachsen sind, fast niemand über Kenntnisse der Kulturgeschichte verfügt und kaum jemand längere, komplizierte Texte liest?" Das sei die Frage der Zukunft.

 

Einen kleinen Binnen-Theater-Streit leistet sich Die Welt. Schon am 24. April hatte Ulf Poschardt, der "Stv. Chefredakteur der WELT-Gruppe" anlässlich des Theaterstreites gegen die "Fack ju Subvention"-skultur vom Leder gezogen. Wer wissen will, wie Neoliberalismus tönt, lese hier: Die "Subvention der repräsentativen Kultur" sei in der Regel "die Subvention von Bürgern". "Umverteilung von unten nach oben". Die Bürgerlichen, zumindest "jene souveränen, nicht AfD wählenden Lässigbürger", lebten damit, dass "ein Teil der Moralelite ihnen ständig erklärt, wie scheiße sie sind." Die Theaterfürsten erachteten das "sauer verdiente Steuergeld", das ihnen rübergeschoben würde, als "selbstverständlich". "Es sind oft dieselben, die am Kapitalismus, der BRD, dem Spießer kein gutes Haar lassen, die all das verachten, was sie ermöglicht."

Dabei käme natürlich bei geförderter Kunst gar nix raus: "Konsensbrühe", "Epigonales", "Stadtentwicklungsförderung" und "Bildungs- oder Sozialpolitik" in Gestalt der Förderung Freier Theatergruppen. Hätten Trakl oder Kafka vielleicht Stipendien gebraucht für ihre Meisterwerke [höhöhö, doller Witz – der Sätzer]. "Wer sich Bücher, Bilder, Filme neben dem Broterwerb abringen und sein Publikum erkämpfen muss, wird genauer und exakter arbeiten als jeder andere." Und das istt noch der harmlosere Teil des Herrn Sauer-verdientes-Geld-durch-Meinungsmache.

 

Dieser Verbrannte-Erde-Haltung widerspricht Matthias Heine unter der Überschirft "Wir sind Weltmeister" und zwar in Sachen Theater (26.4.2015). "Das deutsche Theater, hierzulande oft totgesagt, von ahnungslosen Politikern kaputtgespart, von überdrüssigen Kritikern heruntergeschrieben und von Leuten, die Pollesch nicht von Pollock und Subventionen nicht von Substantiven unterscheiden können, mit Vorurteilen verfolgt, ist das beste der Welt." Die angelsächsische Theaterwelt richte ihren "künstlerischen Kompass" nach Deutschland aus. Als Ostermeiers "Hamlet" in London gastierte, habe das vielen Engländern "ein Erweckungserlebnis" beschert. Ostermeier und Castorf kenne man auch in Ländern, in denen noch nie jemand von Bushido gehört habe. Yasmina Reza, die erfolgreichste Theaterautorin der Welt, lasse ihre Stücke immer im deutschsprachigen Raum uraufführen.

Die Faszination von Theaterkünstlern aus aller Welt habe eindeutig mit der starken Stellung der Regisseure zu tun. Die sei nur möglich aufgrund der "Subventionen". Wenn das deutsche Theater wie ein Magnet auf ausländische Spitzenkräfte wirke, habe das mit dessen finanzieller Ausstattung zu tun. Die Reihe der Einwanderer habe mit Samuel Beckett begonnen und reiche vorläufig bis Yael Ronen und Romeo Castellucci. Auch Chris Dercon komme wohl zuerst der Subvention wegen. In Berlin werde er weniger Sponsorenhintern küssen müssen als in London.

Die "ausländischen Spezialisten" veränderten die Vorstellung davon, was "deutsches Theater überhaupt heißt". Die "Deutschheit des deutschen Theaters" definiere sich heute dadurch, dass "eine Israelin wie Ronen den Roman der in Aserbaidschan geborenen Olga Grjasnowa (...) mit türkischen Schauspielern inszeniert". Das Deutsche daran sei vielleicht nur noch, dass alle von dem, was sie da tun, ihr Essen und ihre Wohnung bezahlen können und dass sie nicht befürchten müssen, gefoltert zu werden. Man nennt die Abwesenheit solcher Ängste Freiheit.

 

Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, will im Berliner Tagesspiegel von einem "Kulturkampf" zwischen Ensembletheatern und Theaterhäusern nichts wissen. Er sieht andere Probleme heraufkommen:  Wieder würden "klassische und exklusiv für ihr Haus produzierende Stadttheater" sogenannten "Eventschuppen" wie dem HAU oder den Berliner Festspielen, gegenübergestellt – sei man nicht längst über solchen Holzschnitt hinaus? Längst produzierten doch die festen Häuser vom Deutschen Theater bis zur Staatsoper Festivals ohne Ende und auch die Produktionshäuser schüfen keine "Events", sondern "Programme", die nachvollzögen, welche Entwicklungen "in den zeitgenössischen Künsten" stattfänden.

Gegen diese Entwicklungen einen "nostalgischen Ensemblebegriff ins Feld zu führen", sei falsch. Die Volksbühne unter Frank Castorf sei "das größte freie Theater der Welt". Sein Ensemble umfasse 400 Künstler und berücksichtigt "alle Gattungen, vom Kino über Tanz, Musik bis zu bildender Kunst". Entscheidend sei weniger "der Ensemblebegriff" als "die Tatsache, dass eine fluide Gruppe von Künstlern carte blanche" erhalten habe, um über Jahrzehnte hinweg ein Repertoire für die große Bühne zu produzieren.

Doch was heiße Ensembletheater heute? Kollektive wie She She Pop und Gob Squad seien wohl eher Ensembles als die "ausgepowerten, burnoutbedrohten Wanderarbeiter und leibeigenen Schauspieler im Festengagement".

Als die Berliner Festspiele vor vier Jahren die "Foreign Affairs" erfunden hätten, habe es geheißen, es gäbe doch schon das HAU. Genauso ergehe es nun Chris Dercon, dem man sagt, es gäbe ja schon die "Foreign Affairs" und das HAU und "überhaupt von allem zu viel". In Berlin gäbe es drei Opern, sieben Orchester sowie eine Reihe berühmter Sprechtheater. Keines sei zuviel. Für "international produzierte Aufführungen", wie sie Dercon in die Stadt holen und produzieren wolle, sei "noch viel Platz in Berlin".

Nachdenklich indes machten "der Ort und die Art" der Installation Dercons. Man löse nicht ohne Not das "bedeutendste Sprechtheater Berlins und das größte freie Theater der Welt" auf. Die Volksbühne werde zu einem "anderen Modell von Kulturbetrieb" werden. Mit Chris Dercon werde aus "diesem Künstlertheater" ein "Kunstcluster", ein "Verbund aus Tempelhofer Hallen, Babylon, Prater und hauseigenem Streamingstudio". Bedauerlich sei aber, dass die "für Berlin so prägende wie wichtige Struktur aus Radialsystem, Sophiensälen, HAU und Kunstwerken" nicht "gestärkt" worden sei.
Wenn die bildende Kunst am Boden liege, "weil der Markt sie verdorben und entleert hat, wie Chris Dercon beklagte, wer hat das jahrzehntelang als ihr Idol mit betrieben"? Vielleicht würde die Welt des Theaters "ja auch nur das nächste Stück Torte auf dem Tisch". Es gehe aber darum, ob es gelinge, "einer anderen Welt in unseren Häusern Asyl zu geben, die ein anderes Regime von Zeit, Ressourcen und Bewusstsein erlaubt".

Am selben Tag verschärft Oberender im Rundfunk Berlin-Brandenburg seinen Ton deutlich. Zwar lebe man in Berlin auf einer "wilden Wiese" und müsse sich eben zwischen den Institutionen und HÄusern abstimmen, aber: "Ich finde es einen relativ aggressiven Vorgang, aus einem Künstlertheater ein Cluster zu machen, das verschiedene Spielstätten und Kunstformen unter ein Dach nimmt". Das tangiere die Festspiele, aber auch andere Akteure in der Stadt, wie das Hebbel am Ufer. "In der Relation dieser Veränderung ist das wirklich schon ein einschneidender Vorgang. Und ich denke, das wird das HAU, aber auch andere Akteure in der Stadt empfindlich berühren." Sollte die Volksbühne anfangen, in dem Feld zu produzieren wie derzeit die Berliner Festspiele, dann werde dies Konsequenzen für sein Haus haben, so Oberender weiter. ann müsse man sehen, in welche Richtung sich das Theater-Programm der Festspiele entwickele. 

Im Deutschlandfunk ergänzt er später am Tag in einer Art Nachruf: Die Volksbühne habe seit 100 Jahren in einer "Art von Kultur-Gegenentwurf" von einer "anderen Gesellschaft geträumt". Der "antibürgerliche", "hoch reflektierte" Zugang zum Theater sei im letzten Vierteljahrhundert noch einmal "sehr modern", "sehr radikal" erblüht. Die Volksbühne unter Castorf sei offen und neugierig gewesen wie kein anderes Haus in der "Erprobung und Erforschung von Theater". Der Betrieb sei immer um die Bedürfnisse der Produktion herum organisiert worden. Die eigenen Werkstätten der Volksbühne hätten Ausstattungen gebaut, angesichts derer man andernorts inzwischen die Ohren anlege. Er werde diese "Männertruppe" an der Volksbühne, diese "Ostkerle" mit ihrem "gebrochenen Glamour" und ihrer "Intelligenz" vermissen, diese "besondere Familienatmosphäre aus Lässigkeit, Aggressivität und Avantgardismus", die habe er sehr, sehr gern gehabt.

 

29. April 2015. In der Stuttgarter Zeitung spricht Roland Müller mit Alexander Kluge über sein Verhältnis zu Frank Castorf und zu Chris Dercon, der Kluge als Mitglied seines Leitungsteams benannt hatte. Kluge kündigt an, er werde Dercon als "Berater und Begleiter zur Seite stehen" und die Arbeit seines künstlerischen Teams mit "Bewegtbildern unterstützen". Er werde eine absolute Nebenrolle spielen. Wenn möglich werde er für Chris Dercon als eine Art Theatergedächtnis fungieren. Er habe etwa dreißig Castorf-Inszenierungen in seinen "Kulturmagazinen" festgehalten. Auf "dieser Grundlage" plane er eine "große Castorf-Retrospektive" im Berliner Babylon-Kino– "wenn möglich, lange vor dem umstrittenen Intendantenwechsel".

Er arbeite mit den "Akteuren" der Berliner Volksbühne seit Jahren eng zusammen, mit denen der bisherigen Volksbühne als auch mit denen der neuen. Frank Castorf sei als "künstlerisch-politischer Kopf von hoher Einzigartigkeit". Die Volksbühne sei neben Staatsoper, Deutscher Oper und Komischer Oper, das "vierte Opernhaus" in Berlin. Häufig werde dort "musikalisch inszeniert, oft an der Grenze zur Oper und dabei auch besser als in der Oper". Castorfs "Meistersinger von Nürnberg" mit 13 Musikern, Schauspielern und Sängern habe Wagner als "genialen Kammermusiker" vorgeführt. Chris Dercon kenne er seit seiner Münchner Zeit als Direktor des Hauses der Kunst. Sobald sich die Aufregung um die Personalie gelegt habe, werde man die intellektuelle Nähe zwischen den beiden Geistern erkennen.

(jnm)

 

Ursachenforschung

28. April 2015. Was war denn der Grund für die Vehemenz der Debatte, fragt der Journalist Tobi Müller auf frieze-magazin.de: "Ist es der Trennungsschmerz, weil man Frank Castorf auch nach 25 Jahren nicht gehen lassen will? Oder Ignoranz darüber, was sich außerhalb des eigenen Gärtchens abspielt? Bestimmt beides."
Castorf sei in den Neunzigerjahren der radikalste Innovator gewesen. Kein Theater habe der "eiligen Einheit Deutschland" so viel "wildes Denken, gespannte Körper und laute Schauspieler entgegengesetzt". "Immer aus der Erfahrung der untergegangen DDR". "Neben Techno" sei Castorfs Volksbühne die "größte Integrationsmaschine für junge Ost- und Westdeutsche" gewesen. Und natürlich sei der deutschsprachige Theaterbetrieb andererseits ein Schrebergärtchen, in dem nach wie vor das Modell der vollfinanzierten Staats- und Stadtheater dominiere, was "viele Kritiker" als ihr "unhinterfragbares Kerngebiet" betrachteten. Doch die besondere Intensität des Streites lasse sich auf fünf Punkte zurückführen:
1. Mit Chris Dercon werde der deutsche Theaterbetrieb weniger deutsch. Nichtdeutsche Regisseure hätten die hiesige Tradition zwar "bereichert", doch sei die "Differenztoleranz des deutschen Theaters" eher trügerisch, am "zugrundeliegenden Modell", das "textzentriertes Arbeiten" vorsehe werde "nicht gerüttelt". Wenn Dercon mit neuen Formen Erfolg habe, übe das Druck auf die anderen aus.
2. Dieser Druck existiere bereits jetzt. Denn obwohl Deutschland die internationale freie Szene und Festivalszene mitfinanziere, erhöhe sich der Kostendruck einerseits und der Druck, sich zu höherer Interkulturalität hin zu öffnen andererseits.
3. Mit Dercon an der Volksbühne gingen die Nachwendejahre endgültig zu Ende. Obwohl die Thematisierung der deutsch-deutschen Geschichte in der Volksbühne in den Nullerjahren eigentlich erledigt gewesen sei, habe sich doch der Mythos vom "Pfahl im Fleisch der deutschen Einheit" erhalten. Derweil auch dieses Haus "die tiefgreifende Internationalisierung Berlins" seit den Nullerjahren nicht angemessen in den Blick bekommen habe.
4. Mit den Reden von der "Eventbude" habe man eigentlich den ehemaligen "player aus der Popwirtschaft" Tim Renner treffen wollen. Besonderer Clou, die befürchtete "Eventisierung" habe längst stattgefunden und zuvörderst und am weitgehendsten an der Volksbühne.
5. Von Dopplung der Strukturen zwischen Volksbühne hie und HAU sowie Berliner Festspielen da könne im Ernst keine Rede sein. Während es drei Opern und fünf große Sprechtheater gebe in Berlin, gebe es auf der anderen Seite kein festes Haus mit festem Ensemble, um Arbeiten zu produzieren, die derzeit, mühsam per einmaliger Förderung finanziert, ins HAU oder zu den Festspielen eingeladen würden.

Der wirkliche Unterschied zwischen Castorf und Dercon bestehe im Künstlerbild. Castorf sei "das Künstlergenie", Dercon "der Kurator". Castorf habe als Intendant stilbildend Regie geführt. Doch seit Jahren beschrieben Kritiken "kaum mehr seine inszenatorischen Zugriffe", sondern nur seine Widerständigkeit gegen "alles andere". Castorf sei zur "abstrakten Figur der Differenz, die sich laufend entleert" geworden. Dercon sei es zuzutrauen, dieses "leere Berliner Zentrum" nicht mit einer "weiteren Künstlerfigur zu überdecken". Wenn die "Neunzigerjahre 2017 zu Ende gehen", fingen die Nullerjahre "vielleicht auch in Berlin" an.

 

Warum treibt ein ehemaliger Musikmanager den Wandel voran, fragt Moritz Schuller auf Tagesspiegel.de: Der öffentliche Raum schrumpfe und damit verliere das Theater an Bedeutung, weil es immer weniger "gemeinschaftliche Erfahrungen" gebet, "mit denen es spielen kann". Dieser Mangel liege nicht an "den Nackten, an Castorf, Peymann oder der Auswahl für das Theatertreffen, sondern am Wandel der Öffentlichkeit". Die "Ausdifferenzierung der Gesellschaft" mache den Raum, "den alle gemeinsam haben", kleiner. Das Theater sei "infolge des gesellschaftlichen Wandels im Kern nicht mehr politisch. Das Theater ist nicht mehr die Bühne, auf der die Dinge heute verhandelt werden". Dass Tim Renner, ein Musikproduzent und ehemaliger Label-Chef, die Volksbühne neu ausgerichtet habe, sei kein Zufall. Als Mann der Musikindustrie sei er "ein Sieger des kulturellen Wandels". Sein Genre treibe diesen Wandel voran. "Der Erfolg von Unternehmen wie Apple wäre ohne den Markt für digitalisierte Musik nicht denkbar." Musik sei "heute mobil und individualisierbar" – beides "Wettbewerbsvorteile" gegenüber dem Theater. "In Zeiten, in denen der Wille zur Gemeinschaft abnimmt, ist die Musik aus dem iPhone die zeitgemäße Kulturform."

 

30. April 2015. Eine andere Erklärung bietet Tilman Krause in der Welt an: Mit der Volksbühne verbänden sich zum einen "die Restbestände einer religiösen und irrationalen Aufladung von Kunst", die von rechts nach links gewandert seien. Die Volksbühne stelle sich als "gigantische Wärmestube für Ostnostalgiker" dar und versuche in den Hervorbringungen ihres Hausherrn an der Fama von "Widerständigkeit" und "Äquidistanz" zu "Realsozialismus" und "Kapitalismus" anzuknüpfen. Zum anderen arbeite Castorf "konsequent" mit einer "auf Überwältigung und Unterwerfung zielenden Ästhetik". "Teutonisch erdenschwer und ideologisch sinnlastig" seien seine "fünf-, gar sechsstündigen Kunstexerzitien", die sich "mit diesem tendenziell totalitären Druck eigentlich nur noch Richard Wagner geleistet" habe. Für seine Anhänger handele es sich dabei um "Gottesdienstersatz", nach dem sich der "klassische Castorf-Adept" sehne wie "der Masochist nach dem Dominator". Dafür würden auch "Langeweile, Müdigkeit, Überforderung, Unlust" heroisch ertragen. "Aufmerksamkeit, analytisches Sehen, kurz: kritische Distanz" sei gerade bei Castorf nicht gewollt.

(jnm)

1. Mai 2015. Carl Hegemann, von 1992 bis 2006 Dramaturg an Castorfs Volksbühne, findet deren designierten Intendanten Chris Dercon "unendlich sympathisch, erfolgreich, ökonomiekritisch, empathisch, mitreißend und glamourös." Das ist in der aktuellen Ausgabe des Freitag nachzulesen. Auch inhaltlich vertrete Dercon "nichts, was an der Volksbühne nicht schon vertreten worden wäre." Aber natürlich werde "die Volksbühne völlig anders sein, wenn Frank Castorf, René Pollesch und Bert Neumann nicht mehr dort arbeiten". Der "etwas kleinmütig wirkende 'Coup' – Susanne Kennedy statt Castorf, Romuald Karmakar statt Pollesch – ist eine Zumutung, auch für die Berufenen selbst, die nun an etwas gemessen werden, mit dem sie künstlerisch kaum etwas zu tun haben." "Nicht nachvollziehbar" findet es Hegemann, warum Dercon "im Rahmen des business as usual" bleibe: "Er will am neuen Arbeitsplatz alles richtig machen. Das ist falsch. Das sieht wie Rückentwicklung aus." Warum überzeugt er nicht ein paar große bildende Künstler, "das Theater noch mal neu zu erfinden"? Es klinge "wenig spezifisch", "mit den gleichen Leuten zu kommen, die bei den anderen Bühnen auch schon auf der Liste stehen". Hegemann schlägt vor, "die Dercon versprochenen zusätzlichen fünf Millionen in eine dauerhafte Kollaboration Volksbühne / Tate Modern investieren würde." Er möchte Chris Dercon "allen Ernstes empfehlen, sich das Ganze noch mal zu überlegen. (...) Die feindliche Übernahme eines Theaters macht keinen Sinn, wenn man das, was man selbst an dem Theater gut findet, damit zerstört."

3. Mai 2015. Thomas Ostermeier will Chris Dercon und seine Pläne nicht bewerten, wie er der Berliner Morgenpost in einem Interview sagt: "Wenn er zwei Jahre hier gearbeitet hat, dann kann man sie besser beurteilen, aber auch das steht mir dann nicht zu." Allerdings prangert er die (bereits von der Landesregierung dementierten) 5 Millionen Euro zusätzlich für Dercon an, schließich könne nicht mit unterschiedlichem Maß gemessen werden: "Unsere strukturelle Unterfinanzierung wird seitens der Senatskulturverwaltung keineswegs geleugnet. [...] Uns sagen die Politiker jedoch seit Jahren: 'Wir kennen Euer Problem, haben aber nicht mehr Geld.'" Zugleich warnt er vor einer Neiddebatte in Berlin, "in der die unterschiedlichen Formen, Kultur, Theater oder Kunst zu machen, gegeneinander ausgespielt werden".

(ape)

11. Mai 2015. Im Berliner Stadtmagazin tip (Ausgabe 10/2015, 7.5.2015) positioniert sich der Schaubühnen-Dramaturg Bernd Stegemann deutlich gegen die Berufung Chris Dercons an die Berliner Volksbühne und stellt zugleich das Kuratorenmodell im Theater insgesamt in Frage: "Die vielen charmanten Interviews von Chris Dercon machen mich skeptisch. Der Gestus des freundlichen Zuhörers, der niemandem zu nahe treten will und mit allen Diskurswassern gewaschen ist, könnte kaum in einem größeren Widerspruch zur Renitenz eines Frank Castorf stehen. Die Arbeit des Kuratierens hinterlässt eben genauso wie die Arbeit des Regisseurs ihre Spuren. Wessen Beruf darin besteht, die unterschiedlichsten Energien und Phantasien geschmeidig zu vernetzen, der agiert als reaktionsschnelle Servicekraft des Betriebs in der Aufmerksamkeitsökonomie des Marktes. Doch wer keine Fehler machen will, macht in der Kunst bekanntlich den allergrößten Fehler. Gelenkige Vernetzung kann kein unverschämtes Theater erzeugen." Dercons Versuch, "das Geheimnis neoliberaler Kunst zu verbergen", sei missglückt. Die Kenntnis der "hundertjährigen Geschichte der proletarischen Volksbühne" sei nicht mehr als ein "Lippenbekenntnis", wenn "zugleich die Zerschlagung ihrer Strukturen als notwendige Innovation gefeiert wird. Den linken Parolen zum Trotz folgen die künstlerischen Produktionsverhältnisse dann wieder der herrschenden Ideologie."

Zugleich wendet sich Stegemann gegen das Argument, die Volksbühne beschäftige ohnehin kein funktionierendes Ensemble mehr: "Das Ensemble der Volksbühnenspieler umfasst sehr viel mehr als elf Schauspieler – zum Beispiel alle Künstler, die von der gemeinsamen Arbeit an diesem Theater geprägt wurden und werden. Damit eine so unverwechselbare Radikalität im Zusammenspiel entstehen kann, braucht es Zeit und eine künstlerische Leitung, die eine solche Entwicklung möglich macht. Eine zusammen­engagierte Gruppe von Künstlern ist – anders als Chris Dercon offenbar glaubt – noch lange kein Ensemble."

(wb)

13. Mai 2015. In seiner Kolumne Bestellen und Versenden auf taz.de schreibt Aram Lintzel man werde den Eindruck nicht los, "dass mit den Verbalattacken auf Dercons angeblichen 'Neoliberalismus' und 'Thatcherismus' längst verlorene politische Kämpfe nachträglich auf dem kulturellen Terrain ausgefochten" werden sollten. Die Volksbühne, so die Hoffnung, solle "bitte als letzte Bastion gegen die deregulierenden Eroberer Widerstand leisten". Wobei der als Feind fantasierte Kurator nunmehr die Stelle des "bösen Investors" eingenommen habe. Es bleibe zu hoffen, dass Dercon "tatsächlich die befürchtete 'Eventkultur' mitbringt, und zwar im Sinne einer emphatischen Ereignishaftigkeit". Wobei Ereignis, mit Slavoj Žižek verstanden werden solle als ein "Effekt, der seine Gründe übersteigt", und "eine Veränderung des Rahmens" bewirke, "durch den wir die Welt wahrnehmen und uns in ihr bewegen".

(jnm)

 

20. Mai 2015. Die Leiterin des Hamburger Produktionshauses Kampnagel, Amelie Deuflhard, meldet sich in einem Gastbeitrag in der Zeit (18.5.2015) zu Wort: "In Hamburg gibt es mit Kampnagel seit 30 Jahren ein internationales Produktionshaus mit europaweiter Ausstrahlung. Den Untergang des Theaters in Hamburg hat das nicht herbeigeführt." Vielmehr habe Kampnagel viele Künstler entdeckt und durchgesetzt, "deren Namen vorher niemand aussprechen konnte". "Mit Event hat das nichts, mit ernsthafter Auseinandersetzung viel zu tun." Außerdem seien freischaffende Künstlergruppen ebenfalls Ensembles, "freilich meist unter prekären Verhältnissen arbeitende". Erstaunt zeigt sich Deuflhard auch von der Debatte Jetset-Kuratoren vs. lokale Theaterdirektoren. "Die Grenzen zwischen diesen Systemen sind aufgebrochen, haben sich längst verflüssigt."

(mw)

3. Juni 2015. Die Soziologin Tanja Bogusz kommentiert in der Berliner Gazette (3.6.2015) den vorgesehenen Intendantenwechsel an der Volksbühne. Sie lässt noch einmal die heroischen neunziger Jahre Revue passieren in denen die Volksbühne "durch die "Fusion von ost-und westdeutschen Künstlern zu einem öffentlichen Laboratorium agnostischer Spielfreude" wurde, in dem die "deutsch-deutsche Spannung so fulminant in Szene gesetzt wurde". Für wen aber will die Volksbühne unter Dercon spielen? "Berlin ist heute Teil der internationalen kulturellen Metropolen geworden, der Zuzug aus dem In- und Ausland reißt nicht ab." Will die Volksbühne in dieser völlig veränderten Situation, fragt, Bogusz, "vor allem eine immer spezifischer werdende künstlerische Weltelite bedienen, oder in den Berliner Stadtraum auch mit weniger eloquent auftretenden Berlinerinnen und Berlinern intervenieren? Oder will sie zu einem internationalen Ghetto hochdotierter Kunstproduzenten werden, deren Produkte nur noch versteht, wer mindestens einen Bachelor in den Kulturwissenschaften hat?"

 

Hier ein Kommentar zu Chris Dercons Ernennung von Christian Rakow sowie eine Polemik von Matthias Weigel wider die Ensembletheater-Nostalgie.

Alle wichtigen Meldungen, Interviews und Pressestimmen zur Diskussion um die Berliner Kulturpolitik, die Zukunft der Berliner Volksbühne, die Nachfolge Frank Castorfs und die Personalie Chris Dercon finden sich auch in unserer Chronik zum Berliner Theaterstreit.

 

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