Im Zwischenraum der Wörter

von Dirk Pilz

Weimar, 28. Februar 2008. Die kurze Szene mit "Gretchen am Spinnrade allein" schaut an diesem Abend so aus: Antje Trautmann thront aufrecht, fast erhaben mittig auf der großen, steil nach oben drängenden Freitreppe, während sie Ina Piontek in ihrem Schoß zärtelnd durchs Haar fährt. "Meine Ruh' ist hin / Mein Herz ist schwer." Trautmann spricht, und Piontek verpasst den berühmten Versen im stimmungsvollen Licht die entsprechende Mimik. Ein paar Stufen weiter gen Himmel hockt derweil Faust mit dem Rücken zum Publikum, und ganz unten, höllenwärts, hat sich Mephistopheles stumm und steif am Rampenrand ausgestreckt.

Es folgt: "Marthens Garten", die Stelle mit der Gretchenfrage. Jetzt ist es Piontek, die den Rücken durchdrückt und ihre Augen scharf ins Publikum richtet: "Versprich mir, Heinrich!" Matthias Reichwald oben biegt seinen Körper kopfüber nach hinten: "Was ich kann!" Und unterdessen raubtiert Antje Trautmann zu Mephisto hinab, um sich mit ihm auf's deutlichste zu vereinen.

Bloß nicht aufsagen! Aber wie sonst?

Eine typische Szene für diesen dreieinhalbstündigen Abend. Typisch in ihrem gezielt gesetzten Körperspiel, typisch das gewitzte Jonglieren mit den Versen, bei dem die Worte gleichzeitig dicht herangeholt und weit von sich geschoben werden. Vor allem aber ist es der Szenenübergang vom Spinnrad zur Gewissensfrage, der dieser Inszenierung von Tilman Köhler das Merk-Zeichen verschafft.

Man sieht regelrecht die Müh' und Anstrengung der Regie, für die Sache mit der ach so berühmten Gretchenfrage eine spielerische Lösung zu finden. Bloß nicht einfach hinstellen und Worte aufsagen. Nicht ins falsche Pathos geraten. Und auf keinen Fall billig ironisieren, aber doch irgendwie zeigen, dass die Goethe-Verse einstweilen bis zur Unkenntlichkeit abgenudelt sind, und zwar so zeigen, dass man als Zuschauer mit den Augen denken darf und nicht mit dem Kopf vor eine Deutung gestoßen wird. Eben eine szenische Lösung finden, die das So-oft-Gesagte wieder hörbar macht und das Gemeinte nicht schnurgerade mit der Erwartung abgleicht.

Es sind solche Szenen, ihr darin sich ausdrückender Bild- und Abstraktionswille, die dem jungen Tilmann Köhler im letzten Jahr eine Einladung zum Theatertreffen und im Lande den Ruf der neuen deutschen Regiehoffnung verpasst haben. Und sie sind es, die sein Theater so unzeitgemäß ausschauen lassen. Hier peitscht keiner eine Inszenierungsmethode vornehmlich um des Beeindruckens willen durch (hallo Herr Thalheimer!), hier meidet einer jeden platten Wink ins Heutige (huhu, Herr Ostermeier!). Köhlers Metier ist das wortgläubige Aus- und Umspielen deutungsvoller Figuren, seine Hoffnung gilt dem Symbolgehalt der Geste, den gut gebauten, wuchtigen Großbildern. Ein Theater, das auf den Zwischenraum der Wörter zielt.

Die Leute sprachen den Text teilweise mit

Letzte Spielzeit hat er "Othello" gemacht, und es ging gut. Davor hat er Jewgenij Schwarz' "Der Drache" hingezaubert, und Köhler wurde gefeiert. Und jetzt also: "Faust 1". Am Nationaltheater Weimar. Die Lokalpresse hat am Premierentag noch einmal laut und vernehmlich gerufen: F-A-U-S-T in W-E-I-M-A-R!  Größer konnte der Druck nicht sein. Die Leute sprachen zu Teilen den Text mit, das herbeigeeilte Großstadtfeuilleton schlich skeptischen Auges durch's Foyer, und Köhler lässt gleich in der ersten Szene Thomas Braungardt den Schlüpfer herunterzerren. Ein spindeldürrer, splitternackter Faust, der greint und geifert, bald nur noch barmt und schließlich brabbelt. Er ist bei Braungardt von heil’gem Ernst durchzittert, aber er erzählt kaum etwas.

Tilmann Köhler hat (für seine Verhältnisse) den Text mutig gekürzt, lässt die berühmtesten Verse einfach weg, findet immer wieder zu vornehmlich biblisch inspirierten Bildern. Er hat einen Organisten am Positiv, eine Sängerin, die große Treppe. Er lässt Faust und Mephisto die Rollen wechseln, Gretchen doppelt und die drei Erzengel des Vorspiels zum Beispiel gar nicht auftreten. Er benutzt die einfachsten theatralen Mittel, setzt ganz auf seine Schauspieler und das groß Abstrakte. Allein, es zündet nicht. Alle Abstraktion schrammt leicht am Banalen vorbei.

Vor der Pause schleppt und zieht es sich, nach der Pause, wenn Gretchen verloren geht und die Treppe sich teilt, nimmt die Bilddichte zwar zu, das vage, undeutliche Deutungswabern aber nicht ab. Jede Szene bibbert und bebt hier im Angesicht der Rezeptionsgeschichte, kaum eine jedoch ist zwingend. Wie gebastelt vieles wirkt und wie unsicher, wacklig die Schauspieler mitunter wirken.

Im Oktober hat Köhler, von der großen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, in der kleinen Nebenspielstätte E-Werk seine Faust-Vorstudie "Die Höllenfahrt des Doktor Faustus" inszeniert. Mit Puppen, fünf einfachen Stellwänden und einem unbändigen Spielwitz. Zwei Stunden voller Leichtigkeit, voll Witz und Intelligenz.

Das Reclamheft fliegt in die Ecke – und wird wieder hervorgekramt

Jetzt ist's ein zähes Ringen mit dem Großdrama. Es gibt noch allerlei ausgetüftelt schöne Momente, aber das Spiel ist leider, als sei es blockiert. Die Zueignung hat Köhler übrigens von Rosemarie Deibel im schulterfreien Rüschenkleid sprechen lassen, jene Deibel, die 1961 in Weimar das Gretchen war. Sie schweigt, schaut und hält ein Reclam-Heft in Händen. Bis sie es in die Ecke schleudert, von wo es immer wieder hervorgekramt wird. Faust reißt die Seiten heraus, Mephisto frisst sie auf. Das sagt genügend über diesen Abend: Köhler wirft sich mit Furor auf seinen Goethe, will wissen, was das Theater im Innersten zusammenhält und sucht krampfhaft nach seiner Haltung, seinem Abstand zum Meister. Er fand ihn nicht, er fand einzig einzelne Szenen. Obwohl: im Grunde fand er nur lauter Szenenübergänge.


Faust. Der Tragödie erster Teil
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Musik: Jörg-Martin Wagner. Mit: Thomas Braungardt, Matthias Reichwald, Antje Trautmann, Ina Piontek, Paul Enke, Philipp Oehme, Rosemarie Deibel, Bernd Lange, Orie Takada (Sängerin), Daniel Beilschmidt / Nico Schmitt (Organist).

www.nationaltheater-weimar.de


Mehr zu Tilmann Köhlers früheren Weimarer Arbeiten finden Sie hier. Und hier noch unsere Kritik von Köhlers Gastpiel mit "Krankheit der Jugend" beim Berliner Theatertreffen 2007.

 

Kritikenrundschau

In der Thüringer Allgemeinen macht Henryk Goldberg (29.2.) die "steile Treppe, die Karoly Risz mit hohen, nie klassisch zu beschreitenden Stufen bis in den Himmel baute" als "das Sinnbild" der neuen Weimarer "Faust"-Inszenierung aus. "Wie eine Treppe, wie eine Reihe, die der Geschichte des Stoffes folgt, entwickelt Tilmann Köhler diesen Abend", nur: "Das Werk in seiner klassischen Gestalt, die Hauptfigur in ihrer Entwicklung" seien ihm fremd. Die Konzeption eines "Faust" entscheide sich "auch immer am Grund von Fausts Verzweifeln." Der hier habe "keinen Grund und Tilmann Köhler hat ihn auch nicht." Doch dann kommt Auerbachs Keller, und "ab hier ist die Ödnis zu Ende, denn hier verabschiedet sich die Inszenierung endlich von dem Intellektuellen Faust, der sie nicht interessiert. Ab hier entsteht szenische Spannung, ab hier beginnen sie ein neues Stück. Nicht von Faust, aber von Begehren und Zerstören. Ab hier bekommt die Szene eine Kunst-Strenge und eine Höhe die eine Spannung erzeugen jenseits der Geschichte."

Im Neuen Deutschland (1.3.) erklärt Gunnar Decker: "Köhler hat ein Konzept – doch das wird, wie jedes Konzept, dem Vorhaben gleichermaßen förderlich wie hinderlich. Dialektik ist jene Tücke, die die Welt im Innersten zusammenhält." Köhler probe "die Distanz. Vielleicht, wenn man sie bis zum äußersten treibt, wird es doch wieder schmerzhaft? Das ist die Utopie dieser Inszenierung, die, wo andere Dynamik sehen wollen (Handlung), auf Statik beharrt." Der Regisseur sei mutig genug, das Fiasko nicht zu fürchten: "Das Fiasko ist das des deutschen Intellektuellen, der nicht heroisch, nicht tragisch, sondern – sachlich konstatiert – erbärmlich scheint. Köhler also riskiert einiges mit seinem so offensiv unfeierlichen Faust. Dieser Abend: kein Fest, sondern die Sektion einer Leiche." Und Thomas Braungardts Faust sei "eines auf keinen Fall: ein Virtuose. Nichts glänzt in seinem Elend." Der "durchaus geglückte Versuch einer Anatomie des 'Faust'" habe "eine teuflische Pointe. Er kann nicht lebendig werden. Und wenn doch, dann als Totentanz. Aber gerade derart kalt als moderne Geisterbeschwörung praktiziert, öffnet sich ein anderer Blick auf scheinbar lang Bekanntes."

Wolfgang Hirsch
nimmt in der Thüringischen Landeszeitung (1.3.) den "Faust" Tilmann Köhlers gegen etwaige Vorwürfe in Schutz und fragt: "wurde der Klassiker je klassischer, zeitgemäßer und puristischer inszeniert als jetzt von Köhler?" Es sei ein Faust "für eine säkulare Gesellschaft, die – wie von Goethe vorhergesehen – außer Macht und Mammon keine Götter anerkennt." Der Regisseur entkleide das Stück "aller vordergründiger Sinnlichkeit" und verweigere sich dem schönen Schein, sondiere "den Text nach dessen tieferer Substanz – und skelettiert als Grundgerüst eine philosophische Modellsituation für das Menschsein heraus." Diese Vorgehensweise erfülle "den Selbstanspruch einer ‚Neuen Ernsthaftigkeit’".

Köhler fange "das große Ganze ernst und klug an", meint Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (1.3.). Nach "Zueignung" und "Vorspiel auf dem Theater" behaupte der "Prolog im Himmel" "Sprache als amorphe Masse aus Vokalen und Konsonanten, die zwischen den Erzengeln hin und her wandert, während der Herr nur durch die Stille spricht." Dann aber gehe es "auf der Himmelstreppe, die aus dem Orchestergraben in den Schnürboden führt, vor allem bergab". Thomas Braungardts Faust sei "zunächst eine greinende, halbnackte Kreatur", die später "zum bellenden Affen" degeneriere. Dies könne zwar zum Ausgangspunkt taugen, doch statt des Stückes inszeniere Köhler "fortan dessen Kommentar und vermeidet Tragik durch Distanzierung", das Stück zersplittere schließlich "in zahllose Varianten".

Bei Tilmann Köhlers Faust in Weimar, wo "viele Zuschauer den Text mitsprechen können und es auch tun standen  "alle Zeichen auf Überforderung", schreibt Anne Peter in der taz (4.3.). Die wohlbekannten Strukturprinzipien des Zwei-Seelen-in-einer-Brust-Stückes übersetze Köhler in eine deutlich dualistische Formsprache. Treppe von der Hölle zum Himmel, von der kleinen zur großen Welt, ein doppeltes Gretchen, "oje, was für ein Frauenbild ist das!", Faust und Mephisto über Kreuz als "Spiegelgestalten" besetzt, wobei Thomas Braungardts Faust am Anfang die "existenzielle Erkenntnis-Verzweiflung gleichsam angeboren" scheint. Trotz "wirklich großer, ikonenhafter Bilder", verhinderten zu viele Ungereimtheiten, dass sich das "Einfalls-Brainstorming … schlüssig zu einer Gesdamtdeutung verknüpfen" ließe.

Geradezu vernichtend fällt Burkhard Müllers Kritik in der Süddeutschen Zeitung (5.3.) aus. Wir zitieren hier ausführlich, weil der Text als exemplarische Abrechnung eines konservativen Theaterverständnisses mit den Abstraktionen des jüngeren Regietheaters zu lesen ist.

Burkhard Müller verzeichnet akribisch Punkt für Punkt, was alles in Köhlers Inszenierung Faust-erstickend sich auswirkt. "Die Szenen verfließen, der Schauplatz bleibt immer derselbe." Der Text solle durch "synkopische Versetzungen aufgebrochen werden", doch lebe das Ergebnis "mehr denn je von Gnaden dieses Texts, ohne dessen heimlich vorausgesetzte Präsenz das vor Augen und Ohr Gebrachte auseinanderfällt". Wer den Faust nicht kenne, formuliert Herr Müller den alten, oft triftigen Einwand neu "hat seine liebe Mühe, der Handlung zu folgen". Weiters vermisst Herr Müller "das Spiel der Leiber", das doch die Chance böte, "jedes noch so eingefahrene Textgleis" zu sprengen. Keine Phiole, kein Degen beim Duell von Faust und Valentin ("Warum fehlt er? Weil man kein "Theater" machen wollte? Aber das hier ist Theater!"), kein Spinnrad – dabei hätte jedes von der Bühne verbannte Requisit Anlass zum Spielen geboten: "Es fehlt der Inszenierung das Gespür für die fokussierende Sinnlichkeit dieser kleinen Dinge." – Weiter: "Wie der Erdgeist erscheint, wie der Pudel sich in einen fahrenden Scholast verwandelt, wie das Phantom der Helena in der Hexenküche ausfällt" - von all den "farbigen Angeboten" Goethes, wolle diese Regie nichts wissen.  Doch räche sich dieser "Wille zur Kargheit" auf der Bühne regelmäßig, "indem der entstehende Hohlraum den Klamauk ansaugt, das übersteigerte Gefuchtel, die Turnstunde ohne tieferen Grund".
Auch die Besetzung gibt Herrn Müller Anklass zur Klage. Denn: Thomas Braungardts Faust "geriet zu jung und schmächtig, als dass er die einsetzende Bitterkeit des "zu spät" verkörpern könnte." Der unglücklichste Einfall indes sei die mit Goethes unterschiedlicher Figurenangabe "Gretgen" und "Margarete" begründete doppelte Besetzung des Gretchens: "Praktisch bedeutete dies, dass etwa, wenn Faust die Geliebte küsst, eine absurde Ménage à trois dabei herauskam." Und weil "in vielen Szenen weder Gretchen noch Margarete Text zu sprechen hatten, blieben sie darauf verwiesen, derweil eine Pantomime der zärtlichen Schwestern aufzuführen."

Das Reclamheft von Faust, das in der Inszenierung ein gewisse Rolle spielt, biete für den Jungregisseur Köhler, der auf dem "Nachwuchsmarkt" hoch gehandelt werde, "kaum intellektuellen Halt", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (6.3.). Es sei denn "folglich" ein eher "gymnastischer als geistreicher "Faust" geworden", bei dem "Köhler … lieber auf szenische Abläufe achtet als darauf, die Ursache dieser Turbulenzen offenzulegen". Das Bühnenbild mit der dominierenden Treppe interpretiert Frau Bazinger als "Trimm-dich-Pfad", auf dem das "vorwiegend juvenile" Ensemble hinauf und hinunter turne, "statt sich Goethes dramatischen Themenpark kreuz und quer zu erobern." Die beiden Fäuste seien "unüberzeugend, … in ihrem larmoyanten Lebensüberdruss und neunmalklugen Katzenjammer, so jung und schon so verzagt", das Stück sei für Tilmann Köhler "wohl doch ein paar Nummern zu groß".

 
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