Im Schonwaschgang

von Falk Schreiber

Hamburg, 28. März 2015. Wenn es im Ensemble des Hamburger Thalia Theaters jemanden gibt, dessen Erscheinung denkbar weit davon entfernt ist, wie man sich Günter Grass' Blechtrommler Oskar Matzerath vorstellt, dann ist das Barbara Nüsse: 72 Jahre alt, dünn, hochgewachsen, abgeklärter, dunkler Blick. Das absolute Gegenteil eines Teenagers, der sich in früher Kindheit entschieden hat, nicht mehr zu wachsen, und der seine Abgeklärtheit angesichts Weimarer Republik, NS-Herrschaft und Zweitem Weltkrieg hinter der Maske des kleinen Jungen versteckt.

Es ist also eine radikale Entscheidung von Regisseur Luk Perceval, Matzerath mit Nüsse zu besetzen – nur leider ist es die einzige echte Radikalität die diese erst dritte "Blechtrommel"-Inszenierung (2010 zeigte Jan Bosse eine Dramatisierung bei der Ruhrtriennale, vergangenen Januar Oliver Reese eine in Frankfurt, beide von der Kritik weitgehend ungnädig aufgenommen) wagt.

Tanz bei den Wäscheleinen

Annette Kurz hat die Bühne mit unzähligen Bettlaken verhängt: Eine Kathedrale der Wäscheleinen ist da im Thalia entstanden, mit Wäsche, hinter der einzelne Darsteller verschwinden können, Wäsche, die sich bei anschwellender Dramatik mittels Windmaschine drohend bauscht, Wäsche, die Matzeraths Love Interest Maria (Cathérine Seifert) Gelegenheit zu einem etwas altbacken anmutenden Striptease hinterm Betttuch gibt.

Vor allem aber Wäsche, die eine schicke Projektionsfläche ist für Grass' Romantext, der so über den Bühnenhintergrund flimmert: einzelne Worte, manchmal nur einzelne Buchstaben als Symbol für Oskars Lesenlernen, schließlich ganze Sätze, ganze "Blechtrommel"-Passagen. Der Text ist zentral in dieser Inszenierung. So zentral, dass er gleich dreimal auftaucht: einmal eben als Video, einmal als von David Hofner kindlich-kühl eingelesener Off-Kommentar. Und manchmal, ja, manchmal werden auch noch Passagen von Schauspielern gespielt.

blechtrommel1 560 krafftangerer hDienst am Romanklassiker: Barbara Nüsse ist Oskar Mazerath © Krafft Angerer

Was den Knackpunkt dieser extrem minimalistischen Inszenierung darstellt: Eigentlich ist Percevals "Blechtrommel" überhaupt kein Theater. Es gibt ein beeindruckendes Bühnenbild, es gibt kurze, überwältigende Beispiele großer Schauspielkunst (Gabriela Maria Schmeides cartoonhafte Grundschullehrerin!), vor allem aber gibt es eine große, eine übertrieben große Ehrfurcht vor dem heiligen Grass-Text, der stark gekürzt runtererzählt wird.

Immer wieder immerhin schälen sich große Bilder aus diesem asketisch anmutenden Textdienertum. Die Geschichte etwa, als Nachbar Meyn (Thomas Niehaus) seine Katzen erschlägt und dabei von einem tierschutzbewegten Parteigenossen beobachtet wird, was Meyn auf Jahre die nationalsozialistische Karriere verbaut, ist überaus elegant gelöst: Einer spricht, ein Zweiter linst über die Wäscheleine, ein Dritter wirft einen Kommentar ein, und schon befinden wir uns in einem Hinterhof, wo hinter jedem Bettlaken ein Denunziant lauern kann. Solche Szenen sind Meisterstücke, aber sie sind selten. Allzu selten.

Wärme in kalten Zeiten

Was nicht heißt, dass der Abend nichts hergeben würde. Kurzweilig erzählt er die ersten beiden Bücher von Grass' Roman nach, gut 100 Minuten lang, dann bricht er ab, an einer ähnlichen Stelle wie Volker Schlöndorffs 1979er-Verfilmung. Kurzweilig, aber auch ohne jeden Aspekt, der über ein Lesen des Romans hinausweisen könnte – das Fazit, dass Mazeraths Dasein ein einziges Sehnen nach Wärme in kalten Zeiten sei, mag als Interpretation durchgehen, aber es ist eine denkbar unoriginelle Interpretation, wo der Roman mehr als einmal wörtlich genau das sagt.

Nobelpreisträger Grass jedenfalls kann in der ersten Reihe gütig nicken: Perceval tut seinem Werk keinerlei Gewalt an, er findet einzig ein paar eindrucksvolle Bilder, stellt diese mit einem durch die Bank hoch motivierten Ensemble nach und betont ansonsten mit jeder Szene, wie unantastbar die Vorlage ihm erscheint. Regietheater, das keinem Autor weh tut. Und auch sonst niemandem.

 

Die Blechtrommel
nach Günter Grass
Regie: Luk Perceval, Bühne: Annette Kurz, Kostüme: Ilse Vandenbussche, Musik: Lothar Müller, Martin von Allmen, Video: Philip Bußmann, Licht: Mark Van Denesse, Dramaturgie: Christina Bellingen.
Mit: Thomas Niehaus, Barbara Nüsse, Gabriela Maria Schmeide, Cathérine Seifert, Alexander Simon, André Szymanski, Tilo Werner, Kinderstimme Oskar Matzerath: David Hofner.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de



Mehr über den Regiesseur Luk Perceval, der in der jüngeren Vergangenheit mit zwei Fallada-Romanadaptionen zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, finden Sie im nachtkritik.de-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.3.2015) schreibt Irene Bazinger: "Kühl modelliert, dabei liebevoll erschlossen, so abstrakt wie plastisch bringt Luk Perceval seine Version der 'Blechtrommel' auf die Bühne. Nicht Wort für Wort, aber von allen Seiten, nicht buchstabengetreu, aber ergreifend gut getroffen." Dank der Erfahrung ihrer über siebzig Jahre gebe Barbara Nüsse ihrer Figur des Jungen "eine existentielle Dimension, die ihn von seiner ewigen Infantilität erlöst und als von Staunen wie von Schmerz gleichermaßen erfüllten Mensch zeigt." Auch sonst vermeide Perceval "jedwede Illustration des reich ausfabulierten Werks, das 1959 die literarische Öffentlichkeit spaltete und Grass berühmt machte".

"Ein Hauch von Volkshochschule wehte nicht nur einmal über die Bretter", schreibt auf Spiegel Online (29.2.2015) Werner Theurich. "Nüsse gelang das Paradoxon, gleichzeitig Nähe und eine distanzierte Sicht auf Oskar Matzerath aufzubauen." Leider habe die Regie aus dieser Option zu wenig gemacht. "Barbara Nüsse konnte nur die neu ausgeleuchtete Figur situativ aufglänzen lassen – ein stringentes dramatisches Erlebnis, ein Verlauf, um den es ja auf der Bühne gehen sollte, wurde nicht daraus."

Im Hamburger Abendblatt (29.2.2015) schreibt Armgard Seegers, Barbara Nüsse blieben "nicht viele Varianten, meist muss sie traurig gucken und sauertöpfisch vorne rechts an der Rampe mit umgehängter Trommel stehen." "Aber was ist das für ein Theaterabend, an dem ein von einem Kind im Off vorgelesener Text das herausragende Ereignis ist? Kein aufregender, kein anregender jedenfalls." Der Roman und dessen Verfilmung würden so viel mehr bieten.

Für die Welt (29.3.2015) hat Stefan Gund " ganz sicher einen der Hits des anbrechenden Theaterfrühlings" gesehen. "Die künstlerisch runde Interpretation Percevals ist eher eine stark reduzierte, konzentrierende Spiegelung des Romans, der ja nicht weniger ist als eine gebrochene Zeit- und Geistspiegelung einer untergegangenen Welt. Mehr als eine solche Abstraktion kann eine Adaption vermutlich aber kaum leisten." Perceval gelinge es, mit der Geschichte Unfassbares fassbar zu machen.

Auf NDR Kultur (23.3.2015) heißt es von Katja Weise: "Enorm dicht und konzentriert ist diese Inszenierung, die, obwohl sie auf viel verzichten muss, doch das Wesentliche enthält. Und das, was Grass durch überbordende Sprache schafft, wandelt das Spiel in Ton und Bild um." Die nur auf den ersten Blick abwegige Besetzungsidee gehe voll und ganz auf, was auch für Percevals Konzept gelte, die "Blechtrommel" als eine aus Mazeraths Kopf gesprungene Geschichte zu zeigen. "Alles fügt sich aufs Feinste zusammen."

In der Süddeutschen Zeitung (31.3.2015) schreibt Peter Laudenbach, auf die Frage, wie man den Roman im Theater inszenieren könne, habe Luk Perceval eine trostlose Antwort gefunden: "gar nicht". "Es ist allein die Konzentration dieser erstaunlichen Schauspielerin [Barbara Nüsse, d. Red.] die den fahrig zerfaserten, ziellosen Abend zusammenhält." Weil die Regie erst gar nicht den Versuch unternehme, den Roman als erschreckendes Bild für die deutsche Mentalitätsgeschichte ernst zu nehmen, bleibe ihr nichts anderes übrig "als im Readers Digest-Stil von Roman-Höhepunkt zu -Höhepunkt zu hüpfen". Laudenbach ärgert sich über ein Theater, dass "sich selbst so wenig ernst nimmt, dass es sich zur kraftlosen Romanstoff-Drittverwertungsanstalt macht".

Frauke Hartmann schreibt in der Frankfurter Rundschau (31.3.2015), dass der Abend ein "seltsames Unbehagen" hinterlasse. "Unbegreiflich sind die vielen Verdopplungen von Text in Sprache, dass eben noch lesbare Sätze von jemandem wie Barbara Nüsse gesprochen werden. Wie ein – ungerechtfertigtes – Armutsbekenntnis des Theaters." Die Dynamik eines großen Bühnenwurfs sei auf der Strecke geblieben. "Dafür ist fast ein Hörspiel entstanden."

"Die Bilderflut schafft es nicht, der Wortgewalt ebenbürtig zu werden", so Franziska Bulban in der Neuen Zürcher Zeitung (2.4.2015), sie entwickele zu wenig Eigenleben. "Die Schauspieler arbeiten sich ab an den Wäscheleinen, doch oft fehlt ihnen der Solo-Moment, die paar Minuten, in denen ihre Figuren das Stück an sich reissen könnten." Der Respekt vor einem lebenden Mann und seinem Werk werde zum Teil des Problems, "das wäre, menschlich gesehen, nur verständlich. Und es hat zumindest einen Vorteil: Grass-Liebhaber kommen bei dem Abend durchaus auf ihre Kosten".

In der taz (8.4.2015) schreibt Katrin Ullmann, dass Perceval "offenbar keine eigene Idee zu der fabelhaften Matzerath-Saga hatte, dass er die politischen Töne des Romans komplett unter den Tisch - vermutlich tief in den Wäschekorb - fallen ließ". Tatsächlich leiste der Abend aber noch weniger als eine Roman-Adaption. "Er gleicht vielmehr einem statischen Singspiel voller Volksmusikeinlagen."

 
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