Raus aus der sicheren Gefangenschaft

von Sascha Westphal

Köln, 28. März 2015. Die von den einen gepriesene und den anderen gehasste Erste Welt ist kaum mehr als eine einzige Krankenstation. Statt Saturn frisst nun das System seine Kinder. Allerdings spuckt es sie auch wieder aus. Als lethargische Arbeitszombies, die ständig übermüdet und überfordert sind, dürfen sie weiter Gewinne akkumulieren, von denen sie selbst nichts haben. Also liegen Lena Geyer, Justus Mayer, Henriette Nagel, Nicolas Streit und Lou Strenger zunächst reglos in einfachen Krankenhausbetten und warten darauf, dass sie zur Arbeit gerufen werden. Ist es so weit, verrichten sie mechanisch die immer gleichen Bewegungen, nur um schließlich wieder erschöpft in ihre Betten zurückzusinken.

Ein Ballett der Leere und Entfremdung, das ewig so weitergehen könnte, säße da nicht noch Janis Kuhnt am linken Rand der Bühne. Als antiker Held Jason holt er die Arbeitszombies aus ihrem zermürbenden Alltag heraus und macht sie zu Helden, die sich gemeinsam mit ihm auf die Suche nach dem legendären goldenen Vlies begeben. Eine Reise ins Ungewisse, raus aus der Sicherheit der Krankenstation, aber auch raus aus einem Leben, das ihnen nicht mehr gehört.

Phineus, Stammvater aller Whistleblower

Die antike Sage als Spiegel einer kaputten Gegenwart. Raum für überbordende Assoziationen und aktuelle Übermalungen gibt es auf jeden Fall zur Genüge. So denkt Simon Solberg bei den Bewohnerinnen der Insel Lemnos, die ihre untreuen Männer getötet haben und nun die Argonauten mit dem Versprechen auf Sex und Macht umgarnen, an den Kapitalismus und die ausgebeuteten Arbeiter*innen in den chinesischen Zulieferfirmen für Apple und andere Technologie-Konzerne. Der von den Göttern geblendete und gequälte Seher Phineus, der bei Lou Strenger zur Stimme der Gefolterten wird, ist natürlich ein antiker Julian Assange oder Edward Snowden, Stammvater aller Whistleblower. Der Adler, der sich an Prometheus’ Leber nährt, kehrt als amerikanische Drohne, deren Raketen Zivilisten töten, wieder. Und die Dolionen, die in den Fremden, in Jason und seinen Gefährten, nichts als eine Bedrohung sehen können und unbedingt ihren Besitzstand wahren wollen, sind die Vor-Gänger der Pegida-Bewegung.

argonauten1 560 martinmisere uMittendrin in der kaputten Gegenwart  © Martin Misere

Diese Aufzählung ließe sich noch weiter fortsetzen. Schließlich hat Simon Solberg eine Vorliebe dafür, so ziemlich jedes Übel unserer Tage auf die Bühne zu bringen und es für einige Momente dort auszustellen. So war es schon vor gut einem Jahr bei seiner Kölner "Kabale und Liebe"-Inszenierung. Überreizung und Überfrachtung sind bei ihm Prinzip. Und die "Argonauten"-Sage erweist sich in dieser Hinsicht als erstaunlich strapazierfähig. Ihre episodenhafte Struktur ist offen für nahezu alles, selbst noch für die abstrusesten Bezüge und Verbindungen.

Im Schatten der FRONTEX-Zäune

Zudem bieten die Abenteuer der Argonauten den sechs Studierenden der Leipziger Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy", die diese Produktion mit Solberg im Rahmen des neuen Kölner Schauspielstudios erarbeitet haben, genügend Raum für Experimente. Ein leichter, ganz und gar spielerischer Ton bestimmt ihren Umgang mit der antiken Erzählung. Der Kampf zwischen Lena Geyers Atalante und Justus Maiers Amykos wird zum stilisierten Wrestling-Match, ein kleines Comic-Kabinettstückchen, das nebenbei auch noch ironisch das Macho-Gebaren der Rap- und HipHop-Szene kommentiert. Ähnlich doppelbödig ist auch Lou Strengers Tanz der Taube, der zu "Schwanensee"-Klängen das Pathos klassischer Ballette persifliert und doch von einer ungeheueren Sehnsucht zeugt, die sich so nur im Tanz ausdrücken lässt.

Aber Simon Solberg reicht dieses gelegentlich alberne, manchmal aber auch sehr phantasievolle Spiel mit Antike und Gegenwart nicht. Also zieht er noch eine zweite Ebene ein. Das gesamte Team ist für zehn Tage in Richtung Afrika gefahren und hat an der Grenze Europas, im Schatten der FRONTEX-Zäune, Kontakt zu Flüchtlingen gesucht. Davon zeugen die Videos, die auf die rechts und links stehenden Leinwände projiziert werden. Nur können sich die dokumentarischen Bilder einfach nicht gegen Solbergs Überwältigungsstrategien, gegen die extrem Bass-lastigen Musikgewitter und gegen die mal zauberische, mal aggressive Lichtregie Jürgen Kapiteins, durchsetzen. Sie flimmern vorüber, farbiges Rauschen, das höchstens die Realität einer von Medienbildern übersättigten Zeit spiegelt. Je lauter Solberg die Agitprop-Trommel rührt, desto nichtssagender gerät die Inszenierung. Dabei sprechen die Geschichten und Schicksale der Flüchtlinge, die sein Ensemble immer mal wieder in kurzen Berichten vorstellt, eigentlich für sich selbst.

Argonauten. Ein Helden-Roadtrip
von Simon Solberg
Regie: Simon Solberg; Bühne: & Kostüme: Christina Schmitt / Maike Storf; Video: Joscha Sliwinski; Licht: Jürgen Kapitein; Dramaturgie: Nadja Gross.
Mit: Lena Geyer, Janis Kuhnt, Justus Maier, Henriette Nagel, Nicolas Streit, Lou Strenger.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

 Alles über Simon Solberg auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"In Simon Solbergs ADHS-Version des Argonauten-Mythos müssen" die Schauspieler "Schwerstarbeit leisten, logistisch wie körperlich", schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (30.3.2015). Bewundernswert sei Solbergs "Einfallsreichtum"; doch an diesem Abend "frisst die Regie ihr Ensemble und das eigentliche Thema – warum sich Flüchtlinge auf der Suche nach dem Goldenen Vlies des besseren Lebens ins Ungewisse stürzen – bleibt unverdaut." Die Video-Aussagen der Flüchtlinge drohen im Solberg'schen Assoziationsgewitter zu verhallen.

Solberg stelle "zahlreiche kluge Querverweise und Analogien her" und bringe damit "den Mythos up to date", schreibt Bernhard Krebs in der Kölnischen Rundschau (31.3.2015) Er schaffe "große Bilder" und inszeniere "wirkmächtig", etwa den an ein Wrestling-Spektakel erinnernden Faustkampf zwischen Atlante und König Amykos. Die "Stars" dieser "großartigen Premiere" seien die Spieler*innen, die "dem Zuschauer eine unbequeme Wahrheit nach der anderen um die Ohren hauten".

 

 

 
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